Göttlicher Liebeskummer – Apollo und Daphne

BILD: Arianna Vendittelli als Dafne und Raffaele Pe als Apollo Fotocredit: Nikola Milatovic

Die diesjährige Styriarte präsentiert die himmlische Herzschmerzgeschichte von „Apollo und Dafne“ in Graz und verwandelt die Helmut-List-Halle in die Jagdgründe des Amors. Die italienische Oper stammt von dem steirischen Barockmusiker Johann Joseph Fux, der dem kaiserlichen Hof des Jahres 1714 zeigte, dass Steirer wissen, wie man unterhält!

Ein steirischer Bauernbub, der Opern schrieb. Das war Johann Joseph Fux. Der in der Barockzeit lebende Musiker wuchs ganz bescheiden als Hirte auf einer Kuhweide auf, jedoch war ihm dank seiner musikalischen Begabung eine wahrhaft märchenhafte Karriere vorbestimmt. Seine Stücke entzückten den kaiserlichen Hof und verschafften ihm das höchste Amt, das das musikalische Europa zu vergeben hatte: Kaiserlicher Hofkapellmeister.

Ihm zu Ehren wird die Styriate zur Bühne der ersten Fux-Festspiele und präsentiert jährlich Stücke des steirischen Opernmeisters bis 2023. Dieses Jahr wird „Apollo und Dafne“ („Dafne in Lauro“), inszeniert von Wolfgang Atzenhofer, in der Helmut-List-Halle zu neuem Leben erweckt.

Doch bevor das Stück beginnt, steht Hofkapellmeister Johann Joseph Fux (gespielt von Christoph Steiner) im edlen Barockkostüm auf der Bühne. Nach einer charmanten Begrüßung der Menge plaudert er ein wenig aus dem Nähkästchen. Der Steirer erklärt genau, was er sich bei dieser Oper gedacht hat und beschwert sich gleichzeitig auch darüber, was sich denn die Styriate hier eigentlich gedacht hat: Vorhang, Eunuchen und die Schokolade eingespart! Na ja, die Schokolade wird dann doch von Zotter nachgeliefert, doch der Rest bleibt aus. Da das Libretto zur Uraufführung 1714 verloren ging, kann man über Inszenierung, Choreographie und Bühnenbild generell nur spekulieren.

Das Stück beginnt in den Jagdgründen, wo die Jagdgöttin Diana (Monica Piccinini) die Nymphen, darunter die schöne Dafne (Arianna Vendittelli), vor dem Liebesgott Amor warnt.

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Arianna Vendittelli als Dafne Fotocredit: Nikola Milatovic

Hier findet sich auch Apollo (Raffaele Pe) ein, der die Schießkünste des Amors verspottet. Der Liebesgott (Sonia Tedla) lässt dies nicht auf sich sitzen und schießt einen feurigen Liebespfeil in die vermeintlich eiserne Brust des Apollos. Dieser erblickt Dafne und verliebt sich augenblicklich unsterblich in die Nymphe. Um das Liebesglück zu verhindern, schießt Amor einen eiskalten Pfeil in ihr Herz, das deswegen lieblos gegenüber Apollo bleibt.

Apollo versucht verzweifelt mit erotischen Anspielungen um die Schöne zu werben, doch nichts scheint ihr Herz zu erwärmen.

 Ach, welche Qual ist Liebe ohne Hoffnung! – Apollo

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Arianna Vendittelli als Dafne und Raffaele Pe als Apollo  Fotocredit: Nikola Milatovic

Dafne wird zum Spielball der Götter und sieht in der Opferung ihres Lebens ihren einzigen Ausweg. Sie gibt das Nymphenleben auf und wird zum Lorbeerbaum.

Ich höre auf, Nymphe zu sein, ja! Aber ich höre nicht auf, berühmt zu sein, denn im Sterben werde ich unsterblich – Dafne

Apollo erklärt den Lorbeer zum Symbol der höchsten Tugend und kehrt zurück in den Olymp.

Begleitet wird das Stück von dem renommierten Zefiro Orchester unter dem Dirigenten Alfredo Bernardini, das sich auf die Musik des 18. Jahrhunderts spezialisiert und das das Publikum auf eine musikalische Reisen in den Barock mitnimmt. Die Halle lässt jedoch den Klang der Musik nicht all so kräftig erschallen, wie ein Opernhaus es tut.

Das Bühnenbild (von Lilli Hartmann) ist durch die dahinter befestigte Leinwand dynamisch und vielseitig wandelbar. Die Projektionen sind nicht nur perfekt auf die Handlung abgestimmt, sondern eröffnen eine weitere Erzählebene, die in Form von Aquarellzeichnungen das göttliche Szenario verstärkt. Die Untertitel werden einige Male durch die Nebelmaschine unleserlich und an anderen Stellen überhaupt ausgespart, was nicht förderlich für das Verständnis ist.

Die Kostüme sind in natürlichen Farben gehalten und die Götter sind zusätzlich mit goldenen Details ausgestattet. Traditionelle Elemente griechischer Götter sind mit teils moderner Mode vereint und kreieren ein Kostümbild, das eine mystische Variation der Mode präsentiert. Die Körperbemalung, die jeder Figur eine andere Hautfarbe gibt, trägt zur Verwandlung in mystische Wesen hervorragend bei.

Apollo und DaphneFux.OPERNFEST VOL.2*  Styriarte 2019

Arianna Vendittelli als Dafne verwandelt sich in einen Lorbeerbaum
Fotocredit: Nikola Milatovic

Ein Operngenuss, der eine göttliche Liebesgeschichte wahrlich künstlerisch darbietet.

Tickets und weitere Informationen hier.

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Hoch zu Ross – „La Margarita“

Eine barocke Pasticcio-Oper mit Pferdeballett bildete im harmonischen Freiluftambiente bei Schloss Schielleiten das Highlight der diesjährigen Styriarte.

Die Hesperiden (c) Werner Kemtitsch

Die Hesperiden (c) Werner Kemtitsch

 

Eigentlich ist es ja nur eine Generalprobe, bei der das teilweise weit angereiste Styriarte-Publikum als Zuschauer geduldet wird. Denn die eigentliche Hochzeit von Kaiser Leopold I. und seiner Margarita findet erst statt und das bereitet dem Oberhofmeister Wenzel Eusebius Lobkowics so manches Kopfzerbrechen. Dieser übernimmt, gemimt von Dramaturg und Regisseur Thomas Höft höchstpersönlich, die amüsante Leitung durch die nicht ganz unverzwickte Geschichte des Abends. Denn wenn zwei Liebesgeschichten, ein Raub und ein Zweikampf ineinandergreifen und dazu noch ein Musikerkonsorte und eine Pferdekompanie mit von der Partie sind, ist ein Vermittler zum Publikum doch sehr hilfreich.
Auf zwei Tribünen sind die Zuschauer platziert, zwischen Ihnen die „Bühne“ für die Pferde mit den ReiterInnen, stirnseitig finden sich die Musiker vor der Kulisse des Schlosses. Das Bild ist von floralen 2D-Mustern eingerahmt, der barocke Prunk wird durch die effektvollen und aufwendigen Kostüme von Bettina Dreissger vermittelt. Die Kopfbedeckungen reichen von goldenen Discokugeln über Löwenköpfe bis hin zu Irokesenschnitten, man kann sich an den zahlreichen Details in den Gewändern kaum satt sehen.

Leopold I, Margarita und Herkules (c) Werner Kemtitsch

Leopold I., Margarita und Herkules (c) Werner Kemtitsch

 

Auch die Musiker sind in das Konzept miteingebunden und werden als grüne Hüpfer getarnt. Der bunte Augenschmaus fügt sich in das Mischmasch-Konzept der Musik. In einem Pasticcio (zu deutsch „Pastete“) wurden Stücke verschiedenster Barockkomponisten gewählt, die die eigens konzipierte Geschichte zusammenleimen. Und wer könnte mit seiner Spielfreude und Neugier an gewagten Projekten besser zu dieser Veranstaltung passen als die Neue Hofkapelle Graz unter der Leitung von Michael Hell und Lucia Froihofer. Unterstützt durch das Trompeten Consort Innsbruck gestalten sie feierliche, einfach gestrickte Musik genauso wie improvisierte Intermezzi mit dem gewissen „Juchaza“, der zeitweise selbst laut die Nacht schallt.
In die Geschichte eingebautes Nachstimmen und eine geschickte Tontechnik sorgen dafür, dass auch im Freien der Klang nicht zu leiden hat. Die Verstärkung erlaubt es den Sängern ihr Volumen zu sparen, was nach vier Abenden im Freien den Stimmen mit Sicherheit zu Gute kam. Daniel Johannsen bleibt der Styriarte auch in diesem Jahr mit seinem Schmelz treu, Jochen Kupfer singt den König Hesperos mit brummendem Bass und steht im Kontrast zum Altus von Flavio Ferri-Benedetti (Herkules), der vor allem auf kultivierten Klang setzt. Als Personifikation der Musik und Titelgeberin Margarita konnte Julla von Landsberg gewonnen werden, die zwischen den barocken Koloraturen noch Platz für weiche Ruhepole findet.

Kulisse mit Schloss Schielleiten (c) Werner Kmetitsch

Kulisse mit Schloss Schielleiten (c) Werner Kmetitsch

 

Mit sechzehn Pferden aus der Spanischen Reitschule Ungarn Epona wurden fünf Rossballette in die Handlung integriert. Die Choreographie von Dorottya Borsó orientiert sich an historischen Vorlagen, ist aber gleichzeitig bemüht klassische Elemente der modernen Reitkunst miteinzubinden. Die verschiedenen Geschmäcker werden mit unterschiedlichen Figuren bedient. Persönlich gefällt es doch am meisten, wenn die Pferde scheinbar natürlich im Kreis reiten. Eine unglaubliche Ästhetik wohnt dieser Kombination inne, in der die Bewegungen der Reiter eins werden mit jenen der Tiere. Dem Zauber der Hesperiden konnte sich also nicht nur Herkules nicht verwehren.
Das Ziel des Großprojektes ist die „Vergegenwärtigung einer vergessenen Kunstform zwischen Fest, Oper und Reitkunst“, erklärt Festivalintendant Mathis Huber im Programmheft. Und dafür scheut die Styriarte auch keine Mühen! Mit unglaublichem logistischen Aufwand wird der Transport und die Unterhaltung der Gäste nicht nur während der Aufführung, sondern auch im Vor- und Nachhinein sichergestellt. Ob mit Wein am Weiher, 3-Gang-Menü, Musik in der Champagner Lounge oder einem Picknick im Schlosspark ist für jeden Geschmack etwas zu haben, sodass man sich gemütlich und genüsslich auf die großen „Hochzeitsfeierlichkeiten“ einstimmen kann. Die Herausforderungen einer Freiluftveranstaltung wurden nicht unterschätzt und so konnte das Spektakel trotz Regengüssen bei den Aufbauarbeiten, Windböen am Samstag und sicher so manchen anderen Unerwartungen für das Publikum ungestört über die Bühne gehen. Denn so groß der Aufwand, so groß ist die Belohnung! Ein Sonnenuntergang am Wasser, rauschende Blätter und Grillenzirpen, ein bunter Abendhimmel und eine klare Sternennacht als „special features“ machen den Abend zu etwas ganz Besonderem. Alt und Jung waren begeistert, so etwas erlebt man doch nicht alle Tage!

Weitere Informationen zu „La Margarita“ unter:
http://styriarte.com/events/la-margarita/?sti=28622

Das Programmheft findet man online unter:
https://issuu.com/styriarte/docs/la_margarita

Einen Einblick in die Probenarbeit gibt es unter:
https://vimeo.com/190214647

Thomas Höft erzählt und erklärt:
https://vimeo.com/192025223

Xerxes – ein deftiger Abend mit Händel

Am 29. November feierte die Oper von Georg Friedrich Händel Premiere in Graz und zeigte damit seit langem ein Werk seiner Gattung aus dem Barock. Die Koproduktion mit der Komischen Oper Berlin und der Deutschen Oper am Rhein bescherte ein nicht ganz jugendfreies Spektakel.

Stephanie Houtzeel (Xerxes) und Chor der Oper Graz ; (c) Karl Foster

Stephanie Houtzeel (Xerxes) und Chor der Oper Graz (c) Karl Foster

Als „sensationell sinnlos“ bezeichnet der musikalische Leiter der Produktion Konrad Junghänel den Inhalt der Xerxes, sodass es ohnehin nicht notwendig ist, den Inhalt und seine Charaktere zu verstehen. Zugegeben, nachvollziehbar sind die Handlungen in den gut drei Stunden nicht, aber der Inszenierung gelingt es, sie allemal unterhaltsam zu präsentieren. Schon der Beginn mit dem herrlich barocken Bühnenbild aus gemaltem Kitsch und der berühmtesten Arie des Werkes eröffnet das Werk für jeden einzelnen:

Never was a shade
of any plant
dearer and more lovely,
or more sweet

Die Liebe zu einer Platane zeigt die sanfte Seite des König Xerxes’ , die im Laufe des Stückes (leider) nicht wieder zum Vorschein kommt. Um das barocke Werk dem Publikum nahe zu bringen, wird die Handlung bis ins Extreme überspitzt. Vor allem deftige Witze kommen dabei nicht zu kurz, was zum einen vielen große Heiterkeit veschafft, zum anderen die wahren Liebhaber der Barockoper so manchen Nerv kostet.

Musikalisch erlebte man an diesem Abend so manch Ungewohntes. Das Grazer Philharmonische Orchester war um einige zeitgetreue Instrumente aufgestockt und präsentierte damit ein neues altes Klangbild. Interessant war auch die Tatsache, dass der Orchestergraben angehoben war und die sich abwechselnden Stimmen bei den ruhigeren Ariosi und Duetten somit deutlich hervorhoben. Die Orchesterführung schien nicht alle Geschmäcker zu treffen, was an den gemischten Reaktionen des Publikums deutlich zu erkennen war. Dies zu beurteilen, sei aber den Fachleuten überlassen.

Stephanie Houtzeel (Xerxes), Margareta Klobučar (Romilda), Dshamilja Kaiser (Arsamenes) ; (c) Karl Foster

Stephanie Houtzeel (Xerxes), Margareta Klobučar (Romilda), Dshamilja Kaiser (Arsamenes) (c) Karl Foster

Der Abend war ein großer für die Soprane der Grazer Oper. Allen voran überzeugte Stephanie Houtzeel in der Titelrolle als lüsterner König von Persien. Mit Gebärde und Auftreten einem gewissen Piraten sehr ähnelnd, karikierte sie die kindlichen Stimmungswandel des von Liebesverirrungen geplagten Königs. Gesanglich lag ihr sowohl das sinnliche „Ombra ma fui“ wie auch die große Furienarie vor der großen Versöhnung der Liebenden. Hier hatte das Publikum sogar die Gelegenheit, die Sängerin hautnah zu erleben, da der Spielraum bis in die ersten Zuschauerreihen erweitert wurde. Auch die anderen Frauen, Dshamilja Kaiser (als Bruder Arsamenes) und das Schwesternpaar Atalanta und Romilda, gesungen von Tatjana Miyus und Margareta Klobucar glänzten in ihren Rollendebuts. Bei den tieferen Stimmen fielen Altistin Xiaoyi Xu und der Bariton Hagen Matzeit mit ihren beeindruckenden Stimmumfängen auf. Letzterer schien in der Rolle als lustiger Diener Elviro etwas zu sehr aufzugehen, ist ein norddeutscher Dialekt in einer vorchristlichen Oper doch eher unpassend.

Die ganze Aufmachung der Oper überzeugt in Summe durch ihre Liebe zum Detail. Die klassischen Kostüme und das drehende, gehende, stehende Bühnenbild schaffen den perfekten Rahmen für das absurde Geschehen. Viele kleine Anspielungen des Librettos werden aufgegriffen und überbrücken die musikalisch kargen Passagen, so wird aus der „Frau wie ein Gewitter“ tatsächlich eine Frau im Gewitter. Trotz aller Übertreibungen driftet es nie ins Lächerliche ab, da jeder Akteur seine Rolle mit solcher Überzeugung vermittelt. Die Stimmung war dementsprechend heiter, der Applaus verdient großzügig.

Weitere Informationen und Termine der Oper unter:
http://www.oper-graz.com/stueck.php?id=20892