Ein Glemser im Schnelldurchlauf

Auch bei der komprimierten Ausführung der heurigen Styriarte durfte der Stammgast Bernd Glemser nicht fehlen. Der deutsche Tastenkünstler rückte neben Beethovens „Mondscheinsonate“ vor allem Chopin, Wagner und Liszt ins Rampenlicht der Helmut List Halle.

(c) Werner Kmetitsch

Der Name Glemser ist immer ein Garant für einen Auftritt mit Eleganz und hoher technischer Finesse. Auch das Konzert mit dem Titel „Mondscheinsonate“ erfüllte diese Erwartungen, auch wenn das titelgebende Stück eher außen vor blieb. Beethovens so berühmte Sonate in cis Dur, die ob des nicht vom Komponisten stammenden Beinamens beim Festivalmotto „Geschenke der Nacht“ offenbar nicht fehlen durfte, stand gleich am Beginn des Programms. Ohne Luftzuholen und ohne jegliches Pathos eröffnete Glemser mit dem ersten Satz. Auch dem Zuhörer gönnte er zwischen den Sätzen keine Verschnaufpause und versuchte im finalen Presto agitato scheinbar noch einen Geschwindigkeitsrekord aufzustellen.
Ähnlich dicht wurde es in den drei Stücken von Chopin. Hier jedoch gewährte der Pianist auch Raum, um mit den Sinnen in der Stimmung der Musik anzukommen. In den beiden Nocturnen arbeitete Bernd Glemser die verschiedenen Ebenen wunderbar heraus und vollführte dabei über den steten Begleitstimmen so manchen pittoresken Spitzentanz. Einen anderen, beeindruckenden Kreistanz stellte er an das Ende des Programms: den Mephistowalzer des Klaviervirtuosen Franz Liszt. In diesem stimmungsreichen Stück, das mancherorts an ein Gruselkarussell erinnerte, standen Technik und Effekt im Vordergrund, was den Ausdruck etwas nach hinten drängte.
In den Wagnertranskriptionen für Klavier wurden dafür noch einmal alle ganz empfindsamen Saiten zum Klingen gebracht. „Elsas Traum“ aus dem „Lohengrin“ brachte sanft fließende Klänge, die kühlend und doch dicht umhüllend um das Ohr des Zuhörers strichen. Auch der Auszug aus dem Tannhäuser zauberte einen zart schimmernden Glanz und unendlich viel Ruhe in den Konzertsaal.

Weitere Informationen zum Konzert unter:
https://styriarte.com/events/mondscheinsonate/?sti=72005

Foto: Nikola Milatovic

Eroica ohne Schranken

Foto: Nikola Milatovic
Jenen, denen der Genuss klassischer Musik nicht schon im windeltragenden Alter nähergebracht wurde, bleibt der Zugang dazu oft lange verwehrt. Die styriarte-Soap zu Beethovens dritter Symphonie reißt diese Schranken mit voller Wucht ein. Vor allem dank Dirigent Andrés Orozco-Estrada.

Ein Hörerlebnis wird noch so viel intensiver, wenn man vorab die Feinheiten herausarbeitet. Und viel weniger steif und kompliziert, wenn ein Publikumsliebling wie Dirigent Andrés Orozco-Estrada sich durch eine „Probe“ scherzt, die verschiedenen Interpretationsmöglichkeiten seziert und den Prozess hörbar macht, der zum im zweiten Teil aufgeführten Endergebnis führt.

Foto: Nikola Milatovic

Wenn Sie bitter hier reinzoomen könnten – Orozco-Estrada dirigiert auch die Kameramänner. (Foto: Nikola Milatovic)

 

Orozco-Estrada, der kolumbianische Wirbelwind, lässt das Publikum nicht nur teilhaben, sondern sogar mitmachen: In drei Stimmen teilt er die Grazer Helmut-List-Halle, gemeinsam singen die Hunderten nach kurzem Proben und viel Ermutigung die ersten Takte der Eroica-Symphonie – „Die ersten Geigen, wenn Sie glauben, dass sie zu früh sind – das sind Sie nicht, singen Sie einfach!“

Wie die richtige Phrasierung den Klang verändern kann, wie man genau ein Naturhorn spielt, wie das Tempo eine Aufführung beeinflusst und auch wie man als Dirigent Entscheidungen editorischer Natur trifft: All das wird greifbar. Ganz unbeeinflusst und demokratisch sind die Entscheidungen des Publikums nicht, aber der Maestro weiß es eh am besten. Das zeigt er im zweiten Teil, in dem er dem styriarte-Festspiel-Orchester ein aufbrausendes Zusammenspiel und eine kraftvolle Interpretation entlockt. Vor allem der dritte Satz gelingt großartig – und das Hörerlebnis ist tatsächlich noch schöner, wenn man Details vorher auf dem Silbertablett serviert bekommen hat.

Mehr Infos zur Veranstaltung und mehr zur styriarte

Vom Irdischen zum Himmlischen

Als Beethoven seine letzten Streichquartette, entstanden in den Jahren 1824-26, erstmals der Öffentlichkeit vorstellte, reagierte diese mit Unverständnis auf das Spätwerk des Komponisten – es hagelte heftige Kritik. Knapp 200 Jahre später, am 29. Juni 2019, wurden diese Quartette im Rahmen der Styriarte in drei Konzerten an einem Tag mit großem Erfolg zur Aufführung gebracht. Vor der wunderbaren Kulisse im Planetensaal des Schlosses Eggenberg spielten das Pacific Quartet Vienna und das Eliot Quartett.

Pacific Quartet Vienna © Julia Wesely

Den Auftakt machte das Pacific Quartet Vienna, bestehend aus dem Primgeiger Yuta Takase, sowie Eszter Major, Chin-Ting Huang und Sarah Weilenmann mit dem 12. Streichquartett op. 127. Die Vielseitigkeit dieses Werkes wurde professionell auf die Interpretation angewandt. Beethoven erklang dabei mal feurig, melancholisch, dann wieder von tänzerischem Charakter. Präzise Einsätze und lebhaft mitreißende, zuweilen orchestrale, Klänge zeichneten das Pacific Quartet Vienna aus.

Im Kontrast dazu stand das vom Eliot Quartett dargebotene 15. Streichquartett op. 132. Mit ihrer Primgeigerin Maryana Osipova, sowie Alexander Sachs, Dmitry Hahalin und Michael Preuss legte diese Formation ihre Interpretation der Streichquartette feinfühlig, jedoch bestimmter und dynamisch differenzierter an. Schon im von Spannungsklängen geprägten Anfangssatz ist der typische Beethovensche Stil unverkennbar. Zu Beginn der ersten zwei Sätze kam die Musik jedes Mal, wie noch in einer Knospe verborgen, aus dieser heraus und wuchs im Laufe des Stückes zu einer Blume heran. Im 3. Satz „Heiliger Dankgesang eines Genesenen an die Gottheit, in der lydischen Tonart“ entführten sie in himmlische Sphären und schlossen mit einem lebhaften 4. und 5. Satz ab.

Zu Beginn des zweiten Konzertes spielte das Eliot Quartett Beethovens 14. Streichquartett op. 131 meisterhaft mit einer Spieldauer von etwa 40 Minuten zur Gänze ohne Pause(!) durch. Die kurzen Themen von stark entwickelndem Charakter wanderten durch alle Stimmen und wurden immer wieder überraschenden Wechseln unterzogen.

Eliot Quartett © Andreas Kessler

Den zweiten Teil dieses Konzerts gestaltete das Pacific Quartet Vienna mit dem 16. und letzten Streichquartett, op. 135. Statt des zu erwartenden melancholischen Typus Beethovens, setzten die MusikerInnen auf eine schwungvoll tänzerische Note. Einzig der getragene ausdrucksstarke 3. Satz kontrastierte mit den übrigen Sätzen.

Das dritte und letzte Konzert eröffnete abermals das Pacific Quartet Vienna mit ihrer Interpretation des 13. Streichquartetts op. 130. Den 1. Satz prägte der Primgeiger Takase mit seiner hohen Virtuosität. In den kraftvollen Sätzen Nr. 2, 4 und 6 wurde der experimentell entwickelnde Charakter gut hörbar, während der 5. Satz, von tiefer Melancholie durchdrungen, mit dem höchsten Maß an Gefühl und Ausdruck wiedergegeben wurde.

Direkt im Anschluss wurde das von Beethoven ursprünglich vorgesehene Finale des zuvor gespielten Streichquartetts, die „Große Fuge“ op. 133, dargebracht. Ein Meilenstein der Musikgeschichte der zeigt, dass Beethoven seiner Zeit weit voraus war. Ausgeklügelt und kontrastreich bewegte sich das Eliot Quartett auf sicherem Terrain und entführte das Publikum abermals in höhere Sphären.

DAS war Beethoven pur und ein würdiger Abschluss eines großartigen Tripel(streich)konzertes.

Die Veranstaltung „Beethoven!!!“ in Zahlen:
1 Abend – 1 Komponist – 2 Formationen – 3 Konzerte – 5 Quartette – 7 Stunden – 8 MusikerInnen – unzählige begeisterte ZuhörerInnen.

Weitere Informationen…
… über das Konzert.
… über das Pacific Quartet Vienna.
… über das Eliot Quartett.