Styriarte: Alles Walzer

Der Pianist Bernd Glemser bestritt einen Soloabend ganz im Zeichen des 3/4-Taktes.

Auf der Tanzfläche konnte man den deutschen Tastenkünstler nicht antreffen, hatte er doch schon bei der Einführung zum letzten Styriarte Konzert auf die Frage nach seinen Tanzkünsten geantwortet: „Ich lasse lieber tanzen!“ Und das ließ er wirklich, nicht zuletzt seine eigenen Finger. Wie so oft bei Meister Glemser perlten die größten akrobatischen Übungen mit einer ernsthaften, aber fließenden Leichtigkeit. Den Koloss des Abends hatte er sich für das Ende aufgespart: eine „Fantasie um Johann Strauß“ des Chopin Enkelschülers Moritz Rosenthal. Der Komponist war selbst für seine phänomenale Technik am Klavier berüchtigt und verlangt dadurch den Interpreten seiner Werke dabei so manches Kunststück ab. Glemser brachte die virtuosen Läufe des Stückes mit höchster Konzentration hervor und setzte wie nebenbei noch einen etwas stockenden Donauwalzer in die fast übersprudelnden Noten. Als Zugabe folgte ein aus dem Ärmel geschüttelter Minutenwalzer, bei dem man mit dem Hören fast nicht nachkam.

Den Anfang machten die „Valses nobles“ und „Valses sentimentales“ von Franz Schubert, bei denen jeder für sich eine eigene kleine Gemütsverfassung zu schildern wusste. Auch wenn man mit Bernd Glemser vor allem Rafinesse und Virtuosität verbindet, so wirkten auch diese „kleinen Walzer“ in seiner Interpretation nicht aufgesetzt. In den folgenden Stücken von Frédéric Chopin war die Stimmung schon innerhalb eines Stückes vielfältiger. Den Walzer Nr. 7 in cis-Moll teilte der Pianist scheinbar auf mehrere Ebenen auf, die übereinander und doch miteinander schweben zu schienen. Mit Liszt und Rachmaninow verließen die Tänze immer mehr das wiegende Konstrukt und doch konnte man mit etwas Geduld immer wieder die schwere, beständige „Eins“ des Walzers vernehmen, die ihn so schlicht und schön macht.
Im Anschluss an das Konzert wurde in unter drei Minuten (!) die Bühne adaptiert und geöffnet, um den dahinter liegenden „Styriarte-Ballroom“ freizugeben. Ganz dem Titel des Abends entsprechend wurde das Publikum nun zu Walzer, Polker und Galopp eingeladen, und durfte sich zu den Klängen des Salonensembles Alt Wien auch an einer Quadrille versuchen. Der große Andrang sprach für sich – ein gelungener Abend voll Tanz.

Eine Aufnahme des Konzerts wird am 14. Juli um 19.30 Uhr auf Ö1 gesendet.

Weitere Informationen zum Konzert und weiteren Veranstaltungen der Styriarte unter:
http://styriarte.com/events/alles-walzer/

Bernd Glemser ; (c) Styriarte

Ein Gewinnerduo

Der Chefdirigent des recreation Orchesters Michael Hofstetter heizte seinen Musikern zum Abschluss der Saison noch einmal mächtig ein. Bernd Glemser ergänzte den Schumann-Abend als genialer Solist in Tschaikowskis erstem Klavierkonzert.

Bernd Glemser (c) Werner Kmetitsch

 

Ein feinfühliger Pianist und ein brückenschlagender Dirigent – das klingt nach einer Gewinnerkombination. Bernd Glemser und Michael Hofstetter bewiesen ausgewogene Führung im Klaviermonument von Tschaikowski. Nicht umsonst ist dieses Konzert so berühmt mit seinen Weiten und Engen, Höhen und Tiefen. Auch der Solist hat zu diesem Werk eine besondere Beziehung, brachte dessen Darbietung ihm in seiner frühen Karriere doch zwei wichtige Preise ein. „Tschaikowski kann und will das „Russische“ in seiner Musik nicht leugnen. Und gerade das gefällt mir so an ihm“, erklärte der deutsche Tastenkünstler in der Einführung zum Konzert. Ernsthaft und innig ist Glemsers Ausdruck beim Spiel; weder seine technischen Fertigkeiten noch sein Versinken in der Musik muss er dabei großartig zur Schau stellen. Eine lange Pause nach dem ersten Satz brach den Spannungsbogen, schon der Beginn des „Andantino semplice“ machte das aber wett. Wenn nach der zarten Flöteneinleitung das Klavier mit den Streichern so unendlich harmonisch einsetzt, was kann man sich da noch wünschen? Den bewusst zarten Anweisungen im langsamen Satz stellte Hofstetter im Finale eine kräftige Lautstärke gegenüber. Während das Orchester sich vergnügt im Walzertakt wiegte, tänzelte das Klavier zwischen dem wiegenden Rhytmen ganz frei umher. Stürmischer Applaus folgte, der dem Solisten dann doch noch eine Zugabe abrang. Ganz bei sich, ganz schlicht bewies der Meister mit ganz Wenig doch wieder ganz Viel.

Michael Hofstetter (c) Werner Kmetitsch

 

Eingerahmt wurde das Klavierkonzert von zwei Werken Schumanns. Mit der Manfred-Ouvertüre op. 115 wurde eröffnet. Diese ist das Vorspiel zu Schumanns Vertonung eines Heldenepos nach Lord Byron. Das Werk schien stellenweise so unentschlossen wie sein Zuhörer und endete in einem Ungleichgewicht, das vielleicht nur durch die Fortsetzung der Musik nach der Ouvertüre aufgelöst hätte werden können. Nach der Pause wurde die 4. Symphonie gespielt, wohl eines von Schumanns „männlichsten“ Werken. Das ohnehin rasche Tempo Hofstetters wurde durch die starke Linie der Bassinstrumente noch getrieben und gab dem Ganzen eine fundamentierte Kraft. Konzertmeisterin Maria Bader-Kubizek bewies ungekünstelte Leitfähigkeit und bettete ihr Solo im zweiten Satz mit schwärmerischem Ausdruck in den Orchesterklang. Grandios spielten auch die Blechbläser an diesem Abend, die in den anmutigen wie lebhaften Passagen keine Wünsche offen ließen. Im Finale wollte der Dirigent Schumanns eigenwillige, beinahe nach Aufmerksam heischenden Einfälle offenbar ganz ausloten und das Publikum bis zum Ende noch ein wenig auf die Folter spannen.

Weitere Informationen zum Konzert unter:
http://styriarte.com/events/erstes-klavierkonzert/?realm=recreation&sti=24368

Grandios: Brahms am Flügel und Haydn mit Horn

Am Montag und Dienstag dieser Woche waren in der Konzertreihe von recreation eine Haydn-Symphonie und rumänische Volkstänze von Béla Bartók zu hören. In der zweiten Hälfte sorgte Bernd Glemser als Solist im 1. Klavierkonzert von Johannes Brahms für restlose Begeisterung.

Bernd Glemser; (c) Werner Kmetitsch

Bernd Glemser (c) Werner Kmetitsch

Mit den sechs Tänzen von Bartók begann der Abend heiter und beschwingt. Dass diese frühen Lieder leichtere Kost sind als die späten Werke des Komponisten, war schon an den vielen lächelnden Gesichtern in den Reihen der Orchestermusiker zu erkennen. In knapp zehn Minuten erklangen die vor Leben sprühenden Tänze aus Rumänien und weckten die Lust nach mehr derartig unbeschwerter Musik. Diese folgte sogleich mit Joseph Haydns 31. Symphonie, die auch mit dem Untertitel das Hornsignal versehen ist. Mit einer ungewöhnlichen Besetzung von vier Hörnern hat diese Instrumentengruppe im Werk eine besondere Stellung. Immer wieder präsentieren sie markante Melodien, die mit ihrem Charakter fast an Jagdfanfaren erinnern. Schon im ersten Satz ist die jugendliche Frische des Komponisten deutlich zu hören, die sich bis zum letzten Ton nicht verliert. Das GROSSE ORCHESTER GRAZ hatte unter der Leitung von Heinrich Schiff viele Gelegenheiten seine Stärke in den einzelnen Stimmen zu zeigen. Wenn sich etwa im zweiten Satz die Melodie zwischen erster Geige und Cello abwechselt, wirkt dies wie ein gut einstudierter Tanz zweier gleichgestellter Freunde. Besonders gelungen war auch das Finale der Symphonie: Variationen eines eingängigen Streicherthemas. Hier wechselt die Melodie zwischen den verschiedenen Instrumenten umher, sodass nicht nur Geige und Cello zu einem Solo kommen, sondern auch Oboe, Querflöte und sogar der Kontrabass. Und natürlich, wie könnte Haydn sie in seinem Schlusssatz vergessen, finden auch die Hörner darin ihr letztes Wort.

Johannes Brahms; (c) styriarte

Johannes Brahms (c) styriarte

Vom Entwurf für eine Symphonie zu einer Sonate für zwei Klaviere bis hin zum endgültigen Klavierkonzert in d-moll hatte die Komposition von Brahms einen langen Weg. Diese „Zerrissenheit“ macht das Werk anspruchsvoll für die Interpreten gleichwohl wie für das Publikum. Während die Uraufführung des Konzerts mit Brahms selbst als Solisten noch furchtbar missglückte, hat sich seine Wirkung auf das Publikum schnell um 180 Grad gedreht. Anspruchsvoll ist eben nicht gleich schlecht, denn einen hart errungenen Erfolg kann man viel bewusster genießen. Das weiß auch Dirigent Heinrich Schiff und erklärt in der Einführung zum Konzert: „Das Erblühen der Schönheit kommt hier aus ungeheuren Tiefen“. Diese Schönheit erscheint nach dem leidenschaftlich traurigen Ringen des Hauptthemas noch klarer, noch anmutiger und reiner. Die manchmal fast verzweifelte Stimmung des Werkes steht vermutlich mit dem Tod des guten Freundes des Komponisten Robert Schumann in Zusammenhang. Doch gerade auch diese Verzweiflung gibt dem Konzert etwas unheimlich Kraftvolles und Berührendes. Die Hürden dieser schwierigen Komposition meisterte der Solist Bernd Glemser mit flinken Fingern und einem eleganten Auftritt ohne jegliche Allüren. Selbst die schnellsten Läufe und Triller spielte er mit einer Leichtigkeit, als hätte jede Taste des Klaviers nur das Gewicht einer Feder. Mächtig, aber ohne je grob zu werden, zeigte er die gespaltenen Emotionen des ersten und dritten Satzes nicht durch übertriebene Gesten, sondern durch sein vielschichtiges Spielen. Die wundervolle Ruhe des mittleren Satzes fand er auch in seiner Zugabe wieder, die selbst noch nach dem Verklingen des letzten Akkords im Raum schwebte.

Eine Zeitspanne von genau 150 Jahren wird vom klassischen Werk Haydns bis zu Bartoks Volkstänzen gezogen. Was alle drei Kompositionen trotz ihrer unterschiedlichen Entstehungszeit gemein haben: die Urheber schrieben ihre Stücke als junge Männer. Wie stimmig so eine Kombination aus jugendlichem Feuer sein kann, durfte man hautnah miterleben!

Ein Interview mit Bernd Glemser zum Konzert auf Radio Helsinki kann man nachhören unter:
http://helsinki.at/programm/50031

Informationen zum Konzert unter:
http://styriarte.com/events/brahms-am-fluegel/