Ein schwelgendes Cello

„Tschechische Märchen“ von Dvořák standen am Programm im Orchesterkonzert von recreation. Das Jungspundduo Ruth Reinhardt und Andrei Ioniță ließen vor allem das traumhafte Cellokonzert im Stefaniensaal erstrahlen.

Andrei Ionita (c) tvw

Wenn Ruth Reinhardt mit sprunghaftem Schritt die Bühne betritt, möchte man nicht glauben, was die junge Dirigentin mit ihrem Taktstock schon bewegen kann. Erfahrung aus Deutschland, der Schweiz und den USA bringt Reinhardt mit nach Graz und vollführte diese in einem Abend, der sich ganz dem tschechischen Komponisten Antonín Dvořák widmete. Mit „Die Mittagshexe“ und „Das Goldene Spinnrad“ wählte die Dramaturgie zwei bunte Appetizer für den ersten Teil. Reinhardt zerlegte die Stücke stark, was die einzelnen Elemente klar hervortreten ließ. Das fast lautlose Zittern der Streicher vor dem Auftritt der Hexe mit der schummrig dunklen Färbung der Bassklarinette gestalteten die Musiker besonders spannungsvoll. Auch andere Motive hob die Dirigentin plastisch hervor, der Gesamteindruck wirkte in Summe aber etwas zerstückelt, da in den Übergängen der Fluss nicht immer gleich einsetzen wollte.

Ruth Reinhardt (c) Harrison Linsey

Im zweiten Teil des Konzertes stand schließlich ein Meisterwerk Dvořáks am Programm: sein Cellokonzert in h. Als Solist war ebenfalls ein Frischling geladen: Andrei Ioniță, Jahrgang 1994! In die von Reinhardt schon sehr verheißungsvoll gestaltete Einleitung setzte der rumänische Cellist mit starkem Selbstvertrauen ein. Mit einem schon ehrwürdigen Instrument aus dem Jahr 1671 war das Volumen dem ganzen Orchester nicht immer voll gewachsen, in den Kantilenen entfaltete es aber seinen ganzen Charme. Das aufmerksame Miteinander des Solisten mit dem 1. Geiger Harald Winkler und der Dirigentin zauberte viele der Schwelgereien Dvořáks noch wärmer, nur in den freien Soli mit Orchesterdeckung schien die Dirigentin manchmal koordinativ leicht überfordert. Die dunkle Kraft des Adagios setzte ohne Vorwarnung ein, sanft übernahm das Cello den Schwung der Orchestermusiker und setzte diese in klingende Melancholie um. Alle Einfälle des Komponisten nutzte Ioniță scheinbar genussvoll aus: Triller, Kadenzen und fallende Melodielinien. Auch den Blechbläsern sei Tribut gezollt, entfesselten deren Einsätze doch so manche freudvolle Emotion. Auch im finalen Satz wussten vor allem die breiten Szenen zu entzücken. In den geschwinden Pässen zwischen Cello und Orchester entschleunigte und dämpfte der Solist den Fluss stark. Der genussvolle Ausklang vor den letzten Orchestertürmen war dann aber doch wieder ganz in der Substanz verwurzelt. Summa summarum: trotz ein paar Stolpersteinchen brachten die Musiker das wunderbare Cellokonzert zum Aufblühen. Die Begeisterungsstürme und zwei Zugaben, Sulkhan Tsintsadze und (wie könnte es anders sein) Bach, sprachen für sich.

Weitere Informationen zum Konzert unter:
https://styriarte.com/events/tschechisches-maerchen/?sti=38692

Einen Einblick in das Programmheft gibt es unter:

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Ein Bach im Kunstgarten

In heimeliger Atmosphäre spielte Olena Mishchi die ersten vier Bach’schen Cellosuiten. Es war ein Abend der besonderen Art, erfüllt von Wärme und Wohlgefühl.

Olena Mishchi (c) s1.wohintipp.at

Olena Mishchi (c) s1.wohintipp.at

Es gibt Plätze, die strahlen einfach etwas Magisches aus. Ein Zauber, der in der Luft schwebt und von dem man sich einfach gefangen nehmen lassen muss. Wenn man den geheimen Kunstgarten gefunden hat, wird man dafür reichlich belohnt. Trotz der Dunkelheit kann man die ersten Ansätze des Gartens erkennen, in dem bald eine Frühlingspracht erblühen wird. Eingebettet in die Pflanzen finden sich Kunstwerke aller möglichen Stile, Länder und Epochen. Ein stimmiges Durcheinander an Leben und Stillleben, das man auf jeden Fall auch einmal bei Tag erleben muss. Durch einen kleinen Gang geht es ins Haus und in ein Vorzimmer/Bibliothek. Und was für eine Bibliothek! Von Büchern aus über 4 Jahrhunderten und zwei freundlichen Gesichtern wird jeder Gast begrüßt. „Das Konzert findet im Wohnzimmer statt. Sie dürfen sich gern hineinwurschteln und ein gemütliches Platzerl suchen“, lautet die charmante Platzanweisung. Und tatsächlich geht man weiter in ein Wohnzimmer voller verschiedener Sessel, Fauteuils und Sofas, auf denen schon ein bunt gemischtes Publikum die Musik erwartet. Wie auch schon im Garten kommt man hier dem Schauen gar nicht nach. Doch da betritt schon die Künstlerin des Abends den Raum, bahnt sich ihren Weg durch die Zuschauer und erfüllt bald den kleinen Raum mit dem warmen Klang ihres Cellos. Olena Mishchi spielte einen Bach, es war vielleicht nicht der Johann Sebastian, den man sich erwartet hatte, aber es war ihr Bach und mit diesem konnte sie schlussendlich auch alle überzeugen. Vielleicht hat der große Meister des Barock seine wundervollen Suiten gar nicht für weite Konzerthallen geschrieben, sondern genau für so kleine Zusammenkünfte, für Hausmusik im schönsten Sinn. Wie sehr steigert sich die Freude am Zuhören, wenn man in einem Kreis aufmerksam lauschender Menschen sitzt! Durch das allgemeine Wohlwollen im Raum konnte man alle hörbaren und stummen Klänge in sich aufnehmen. Da wird nicht bei einem falschen Ton gezischt oder die Augen überdreht, weil ganz klar ist, dass das nicht das Wesentliche an diesem Abend ist. Wer braucht schon Perfektion, wenn er Authentizität haben kann? Das Besondere, das Berührende und Erinnerungswürdige ist selten vollkommen, es wird vielmehr aus der Summe all seiner Vorzüge und Makel sowie dem Mut, diese zu zeigen, einzigartig. Der Kunstgarten Graz, das ist einzigartig.

Weitere Informationen zum Kunstgarten unter:
http://kunstgarten.mur.at/index_d.php

Zweimal Maisky im Musikverein

Am 17. März gastierte der lettische Cellist Mischa Maisky mit seiner Tochter im Musikverein. Mit Saiten und Tasten zogen die beiden einen musikalischen Bogen von Schubert bis Messiaen.

Lily und Mischa Maisky ; (c) http://www.ah-artists.de/?p=583

Lily und Mischa Maisky (c) http://www.ah-artists.de/?p=583

Schon wenn Vater und Tochter die Bühne betreten, ist das feurige Musikerblut dieser zwei Charaktermusiker zu spüren, die sich rein äußerlich bis aufs Haar gleichen (© M. B.). Fast wirken sie wie zwei Raubkatzen: Er der ehrwürdig gealterte Löwe, sie ein junger, scharfsinniger Panter. Eröffnet wurde mit einer Schubertsonate, die in ihrer Originalfassung für ein Arpeggione geschrieben wurde. Das zwischen Cello und Gitarre angesiedelte historische Instrument wird heute meist durch einen Solostreicher ersetzt, so wie es auch an diesem Abend zu hören war. Schon mit dem ersten Satz bewiesen die Maiskys ein jahrzehntelanges Zusammenspiel. Nie in Konkurrenz sondern immer im Miteinander begleitete Lily Maisky das Cello ganz zart, ließ es als Melodieträger hervortreten und agierte dann wieder als gleichwertiger Partner. Es folgten fünf Stücke von Robert Schumann, die sowohl in Dynamik als auch Tempo harmonisch variierten. Besonders einprägsam waren das energisch trotzige vierte Lied und das zweite langsame. Hier konnte Mische Maisky in den langen Tönen die ganze Wärme seines Instruments entfalten, die einem das Rot in die Wangen steigen lässt.

Nach der Pause waren Stücke von Anton Webern zu hören. Folgend auf zwei seiner Frühwerke kamen drei ganz kurze, sehr moderne Lieder. Diese waren so kurz, dass sie doppelt vorgetragen wurden, um noch einmal bewusster gehört zu werden. Und tatsächlich steigerte sich die Spannung zwischen dem ruhigen Schweben und dem plötzlichen Aufheulen bei der Wiederholung noch mehr. Intensiv und eindringlich ging es mit Werken von Messiaen und Debussy weiter, die beide in der Kriegszeit entstanden sind. Messiaen komponierte seine Quatuor pour la fin du temps, von denen zwei Stücke für Klavier und Cello gespielt wurden, in deutscher Kriegsgefangenschaft. Er verarbeitete darin seinen starken Glauben und seinen Kampf gegen die Hoffnungslosigkeit. Ingo Metzmacher schreibt in seinem Buch Keine Angst vor neuen Tönen über die Komposition: „Selbst in dieser Situation gelingt es Messiaen, eine von innen leuchtende Musik zu schreiben, die an ein Morgen glaubt.“ Das Leuchten dieser Musik erstrahlte auch über hundert Jahre nach deren Entstehung noch, da Intention und Stimmung der Zeit über die Musik auf das Publikum übertragen wurden. Zwischen eindringlich und meditativ wurden an dieser Stelle auch die sehr in sich ruhenden Zuschauer aus ihrer Trance gerissen und konnten nicht anders, als sich der Macht der Musik zu ergeben.
Als Zugabe zum intensiven zweiten Teil gab es Entspannendes von Bloch und Massenet sowie das berühmte Scherzo von Schostakowitsch. Ersteres der drei kann man von einem anderen Konzert mit gleicher Besetzung unter folgendem Link nachhören:

Weitere Informationen zum Musikverein und seinen Konzerten unter:
http://musikverein-graz.at