„Candide“ – wie weit kommt ein naiver Held?

Leonard Bernsteins Comica Operetta feierte seine Premiere am Grazer Opernhaus. In einer konzertanten Aufführung durfte das Publikum in den Absurditäten der Geschichte seiner Phantasie freien Lauf lassen.

Maria Happel (c) Oper Graz

Der Inhalt des Werkes nach Voltaire ist kaum nacherzählbar. Aber zum Glück der Hörerschaft war die großartig gewandte Maria Happel zur Stelle, die mit Texten von Loriot amüsant und heiter durch die Wirrungen der Handlung führte. Denn nicht nur das Publikum schien einen Wegweiser zu benötigen, auch der naive Titelheld Candide hätte immer wieder einen Wink in die richtige Richtung gebrauchen können. Seine Liebe zur adeligen Cunegonde führt ihn in so manches ferne Land, und immer wieder weiß er sich mit musikalischen Liebesbekundungen (Ja, man kann den Namen „Cunegonde“ tatsächlich verliebt säuselnd singen) selbst zu ermutigen. Abgesehen von diesen „Love songs“ Candides scheinen Musik wie Texte in ihrer Mischung oft wie verzerrt. Bernstein mischt schon in der Ouvertüre verschiedenste Stile miteinander, wobei dieser erste Eindruck schon einen erstaunlichen Effekt erzielte. Im Laufe des Werkes wurden die Überschneidungen immer abenteuerlicher, kirchliche Kantaten, wechselten sich mit Pop Songs und Koloraturarien ab. Bernstein schien eine neue Form des amerikanischen Musiktheaters anzustreben, die sich mit ihrer „Komplexität einem Schubladendenken verweigert“, erklärte der musikalische Leiter des Abends Marcus Merkel.
Das Grazer Philharmonische Orchester schaffte die Stilsprünge und dehnte die zugänglichen Passagen aus, sodass trotz der wilden Mischung einige Melodien im Ohr hängen blieben. Der Chor und Extrachor der Grazer Oper präsentierte sich wie so oft bestens disponiert. Auch die Sänger konnten durchwegs in den unüblichen Rollen überzeugen. Der angereiste Alexander Kaimbacher als Candide wusste die Art des liebenswerten Helden mühelos zu mimen und passte seine Stimme wunderbar süßlich in seine zahlreichen Solostücke ein. Von Zeit zu Zeit hätte eine Kante der Interpretation vielleicht noch mehr Würze verliehen. Seiner Angebeteten Cunegonde gab Sophia Brommer ihre Stimme, die mit ihren Koloratureinlagen Jubelstürme hervorrief. In den Nebenrollen glänzten Iris Vermillion als charismatische Gesellschafterin mit gutturaler Tiefe und Sieglinde Feldhofer mit ihrem Vogelsopran als Paquette. Repräsentativ für die Ambivalenz des Werkes zeichnete sich die Rolle des Doktor Pangloss (mit Vehemenz gesungen von David McShane): er lehrt von der „besten aller Welten“ und lässt seine Zöglinge Mantras wie „Everything that is, is good!“ wiederholen. Auch wenn dies viele Lacher hervorruft, wohnt der Unterhaltung eine herbe Bitterkeit bei. Irgendwann ist es dann aber auch genug mit den Absurditäten und so blieb David McShane das letzte, ironische Wort: „Any questions?“

Weitere Informationen zur Aufführung unter:
https://www.oper-graz.com/production-details/candide

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