Der letzte Tanz (Großer Diagonale Preis Spielfilm 2014)

Der junge Karl (Daniel Sträßer) hat gerade sein Studium beendet, den Zivildienst sowie eine Liaison mit seiner alten Schulfreundin Natalie (Janina Schauer) begonnen und genießt seine letzte Zigarette in Freiheit, bevor er von der Polizei abgeführt und in U-Haft gebracht wird. Houchang Allahyari lässt seine ZuseherInnen zunächst aber im Ungewissen, man erfährt nur allmählich, dass es sich um ein Sexualdelikt handeln soll.

3 Monate zuvor – sowohl der Film als auch Karl gewinnen an Farbe. Freudig und motiviert beginnt er seinen Zivildienst auf der geriatrischen Abteilung eines Krankenhauses. Diszipliniert reiht er sich in die strenge Hierarchie ein, die dort herrscht. Der leitenden Schwester (Doina Weber) ist er dennoch ein Dorn im Auge, er stört ihr straffes Regiment durch zu viel Engagement, Zuneigung und Interesse, das er seinen PatientInnen entgegen bringt. Besonders Frau Eckert (Erni Mangold) hat es ihm angetan. Die an Alzheimer erkrankte Patientin – Karl denkt an eine Fehldiagnose – tyrannisiert das Personal, sehnt sich aber nur nach Aufmerksamkeit und Zuneigung und erlebt mit dem jungen Karl ihren zweiten Frühling. Als diese innige Beziehung allerdings körperlich wird, schaltet sich die Justiz ein.

Bild(c) Reinhard Mayr

Houchang Allahyari stellt mit aller Härte dar, wie an Alzheimer erkrankte und entmündigte Personen aufs Abstellgleis gestellt werden, sie erhalten kaum noch Besuche und werden auch vom Pflegepersonal schon lange nicht mehr ernst genommen bzw. überhaupt links liegen gelassen. Der junge Karl ist aber anders, er erkennt das Potential, das noch in diesen Menschen steckt und beginnt sich herzbewegend um Frau Eckert zu kümmern. Je inniger die Beziehung zu ihr wird, desto mehr zieht er sich vor seiner Umwelt (Mutter (Marion Mitterhammer) und Freundin Natalie) zurück. Mit unglaublicher Rührung zeigt Houchang Allahyari eine Beziehung, die nicht sein soll und von der Gesellschaft mit Verachtung und Entmenschlichung bestraft wird. Frau Eckert kommt als Entmündigte nicht zu Wort, Karls Schuldspruch scheint bereits vor der Verhandlung gefallen zu sein – es scheint für ihn ohnehin keine Chance mehr zu geben.

Mutig wird hier ein Thema angesprochen, das eigentlich tabu ist, weil  es nicht der gesellschaftlichen Norm entspricht. Ergreifend werden Zärtlichkeit und Intimität geschildert, ohne abstoßend zu wirken, im Publikum aber dennoch Befremdung und leichte Scham auslösen – auch wir können uns der Konvention nicht entziehen.

Bild (c) Reinhard Mayr

Durch großes schauspielerisches Talent, ergreifende Dramatik trotz karger Kulisse und den Mut zur Wahl dieser Thematik (Begründung der Jury) erlangte Der letzte Tanz den Großen Diagonale Preis Spielfilm 2014.

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Kick Out Your Boss

En Garde © Elisabeth Scharang KGP 2014

En Garde © Elisabeth Scharang KGP 2014

Wie fühlt sich ein Leben außerhalb der Blase an? Das fragt sich Regisseurin Elisabeth Scharang in ihrem Film Kick Out Your Boss, der im Rahmen der Diagonale welturaufgeführt wurde. In 95 Minuten nimmt sie den Zuseher nach Brasilien, Serbien und Österreich mit. Sie besucht Menschen, die in außergewöhnlichen Firmen arbeiten. Firmen, deren Philosophien fernab klassischer, hierarchischer Strukturen angesiedelt sind. Keine Manager, flexible Arbeitszeiten und Arbeiten im Kollektiv lauten die Grundsätze.

Scharang geht dabei sehr persönlich vor. Sie ist nah beim Menschen, stellt intime und teilweise überraschende Fragen („Was macht dich glücklich?“). Das Schöne daran ist, dass der Mensch in den Mittelpunkt gestellt wird und nicht wirtschaftliche oder politische Systeme die Hauptrolle spielen. Erfrischend ist auch, dass die Doku nicht wertet. Sie stellt diese neuartigen Konzepte lediglich vor, ohne mit dem Finger auf andere zu zeigen. Das lädt zum Nachdenken ein und zeigt, dass es eben auch anders gehen kann.

Die Regisseurin, die auch als Kamerafrau fungiert, setzt auf einen Mix aus lauten und ruhigen Momenten, wobei die leiseren Töne eindeutig dominieren. Das macht die Doku zwischendurch etwas langatmig, ein bisschen mehr Tempo hätte  hier nicht geschadet.