Die Präsidentinnen

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(c) Lupi Spuma

Das Leben von Erna, Grete und Mariedl könnte aufregender sein. Erna’s und Grete’s Kinder sind längst erwachsen und ausgezogen, nur die Jüngste ist Grete geblieben. Stolz sind sie nicht gerade auf ihre Nachkommen. Erna’s sehnlicher Wunsch nach Enkelkindern will ihr ihr Sohn Hermann partout nicht erfüllen, Grete’s größere Tochter ist nach Australien ausgewandert und lässt nichts von sich hören. Solche Probleme bleiben der kinderlosen Mariedl erspart, deren bisher einzige Beziehung die Beziehung zu Gott war. Aus ihrem trostlosen Dasein kann ihnen nun nur mehr viel Wein heraushelfen. Dieser lässt Erna von einer Reise in den Vatikan zusammen mit ihrem Schwarm, dem Fleischer Wottila, träumen. Die bereits zweimal geschiedene Grete stellt sich ein heißes Stelldichein mit einem Volksmusikanten vor. Und Mariedls größte Sehnsucht ist es, ihrem Hobby, dem Säubern von verstopften Klosetts mit der bloßen Hand, nachzugehen und von der Menge dafür gefeiert zu werden.

20 Jahre nach dem Tod des großen Werner Schwab bringt Simone Blattner dessen erstes Stück, das von Sprachwitz lebt, auf die Bühne des Schauspielhauses, und das gelingt ihr sehr gut.
Einen großen Beitrag für den gelungenen Abend leisten die drei Schauspielerinnen. Birgit Stöger als verbitterte Erna und Steffi Krautz als berufsjugendliche Grete sind beide das ganze Stück hindurch unterhaltsam und überzeugend. Verena Lercher als fromme Mariedl wirkt anfangs ein wenig blass neben ihren Kolleginnen, blüht aber im Laufe des Stücks richtig auf.
Ins Auge sticht auch das Bühnenbild. Die Spielfläche ist eine schräge Ebene aus Holzbrettern, auf der nur wenige Requisiten angebracht sind. Für die Schauspielerinnen muss es unglaublich anstrengend gewesen sein, eineinhalb Stunden auf der Schräge zu spielen. Aber genau das spiegelt das anstrengende Leben der drei Protagonistinnen wieder, weshalb ich das Bühnenbild sehr passend finde.

Wer einen, im wahrsten Sinne des Wortes, schrägen Abend erleben will, kann sich das Stück noch Anfang Februar und Anfang März im Schauspielhaus Graz ansehen.

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Wenn das Schauspielhaus zur Regierungsbank wird. Die Präsidentinnen

Es hat ein wenig Recherche verlangt, um zu verstehen, wie Werber Schwab dieses Stück in dieser Form schreiben konnte. Denn nur von seiner Alkoholsucht kann ein solcher Plot unmöglich rühren. Und wenn man sich die Biographie Schwabs ansieht, dann kommt es. Schwere Kindheit, vom Vater verstoßen, bittere Armut, zutiefst religiöse Mutter.

Wenn man von der von Steffi Krautz großartig zelebrierten Grete einmal absieht, so ist dieser zementierte Glaube durchgehend verbunden mit dem offensichtlichen Scheißleben der drei Präsidentinnen. Während die junge Mariedl deutlich darlegt, wie stolz sie darauf ist, dass selbst die vornehmen Menschen sie für die wörtliche Scheißarbeit engagieren, berichtet Erna stolz von ihrer Sparsamkeit und Frömmigkeit. Ein Symbol für Schwabs Mutter? Jedenfalls sind die Parallelen ziemlich auffällig. Vom Mann verlassen, Armut, zutiefst religiös. Gleich dazu hat er sich selbst ins Stück geschrieben als Ernas rebellischen und alkoholkranken Sohn.

Verena Lercher, Birgit Stöger, Steffi Krautz (c) Lupi Spuma

Verena Lercher, Birgit Stöger, Steffi Krautz (c) Lupi Spuma

Schwab setzt in Erna ein starkes Zeichen gegenüber der Kirchenhörigkeit. Ihre Sehnsüchte sieht sie im Zusammenleben mit dem frommen, aus Polen stammenden, Fleischer Karl Wottila, dessen Leberkäse der billigste sei weshalb dann auch alle Menschen zu ihm kommen. Da muss man wohl nicht mal mehr die Eingangsszene, das Anschauen der heiligen Messe aus dem Petersdom in Rom unter Papst Johannes Paul II großartig erwähnen um diesen Vergleich aufzuziehen: Hauptsache billig, dann kommen die Menschen schon von alleine. Gilt bei Schwab ebenso für Leberkäse wie für den Glauben.

Was ist der Sinn des Lebens und wie kommen wir dahin ist das zentrale Thema des Stückes. Die Sehnsüchte der ach so frommen Präsidentinnen, die nach dem Alkoholkonsum offenbart werden zeigen zumindest, dass Schwabs Vorstellung von diesem Sinn wohl nicht durch harte Arbeit, Anpassung und Kirchenhörigkeit erreicht werden wird.

Die Aufführung ist amüsant sofern man sich nicht von der Sprache Schwabs stören lässt und gut zu verfolgen, auch wenn die Sinnfrage erst einmal unbeantwortet bleibt, warum einzelne Szenen jetzt so geschrieben sind, wie sie eben geschrieben sind.

Bleibt die Quintessenz:

Der Herrgott is a Schnellkochtopf
da wirst du ganz schnell weich
er kocht dir deinen schweren Kopf
und tröstet deine Leich

Drei weitere Aufführungstermine stehen noch auf dem Programm. Weitere Informationen auf den Seiten des Schauspielhauses.

Fäkaliendrama im Schauspielhaus – „Die Präsidentinnen“ von Werner Schwab

Die Präsidentinnen, das sind drei Frauen, die nichts wissen und alles zu sagen haben, ohne sich bewusst zu sein, dass ihre Gedankenergüsse nirgends auf Befruchtung stoßen – denn da wurde schon sterilisiert.

Der Friede ist der Sinn des Lebens und das Leben ist der Sinn der Menschlichkeit.“ – Erna, aus Die Präsidentinnen

Erna, Greta und die Mariedl – drei Frauen und Freundinnen, die sich hassen; drei Frauen, die auf der einen Seite unterschiedlicher nicht sein könnten, auf der anderen jedoch drei Ecken desselben Dreiecks sind; drei Frauen, die sich selbst als Nabel der Welt sehen. Erna, gespielt von Birgit Stöger, ist die Sparsame, die Genügsame, die Fromme, die sich um ihren trunksüchtigen Sohn Hermann kümmern muss – eine Aufgabe, die sie hasst, über die sie sich aber gleichzeitig identifiziert, die ihr einen Existenzgrund gibt. Dann Grete (wieder einmal eine darstellerische Glanzleistung von Steffi Krautz), die Lustige, die Wilde, die Promiskuitive – die es auf die leichte Schulter nimmt, dass ihre Tochter von ihrem Exmann sexuell missbraucht wurde, und nicht einsieht, dass diese nun nichts mehr mit ihr zu tun haben will. Die von der Liebe lebt und leidet. Und die Mariedl, wohl die schrägste Gestalt in Die Präsidentinnen und dargestellt von Verena Lercher: eine fäkalienfixierte Mutter Maria, die ihre Berufung zum Beruf gemacht hat und nun tief in die Kloschüsseln der Reichen greift, um diese vom gröbsten Scheiß zu befreien. Eine wahre Märtyrerin, die sich für die Menschheit besudeln lässt.

Die Präsidentinnen

DIE PRAESIDENTINNEN_Verena Lercher, Birgit Stöger, Steffi Krautz (c) Lupi Spuma

Das Fäkaliendrama des Grazers Werner Schwab hat noch vor ein paar Jahren für mehr Aufregung gesorgt, als dies jetzt der Fall ist – ob das daran liegt, dass man sich durch Wiener Aktionismus und Konsorten an ziemlich viel „Scheiße“ gewöhnt hat, sei dahingestellt. Trotz des Umstands, dass uns das Gespräch über Fäkalien und das Putzen von Klosetten nicht mehr ganz so aufwühlt, sind Die Präsidentinnen durchaus empfehlenswert. Und sei es nur, um die Protagonistinnen „Schwabisch“ reden zu hören, eine Kunstsprache, die geprägt ist von ungrammatischen Sätzen, ordinärer Ausdrucksweise und schwarz eingefärbte Euphemismen verwendet – wie zum Beispiel „einen Verkehr haben“ für Sex – und in ihrer Simplizität dem gesamten Stück einen eigenen Charakter verleiht.

Steffi Krautz (c) Lupi Spuma

Steffi Krautz (c) Lupi Spuma

Das Schauspielhaus Graz zeigt eine gekonnte Inszenierung der Präsidentinnen unter der Leitung von Simone Blattner – neben der großartigen Darstellung durch Stöger, Lercher und Krautz, auch fürs Auge ein gelungener Besuch: die Bühnengestaltung durch Thilo Reuther bringt die Präsidentinnen im wahrsten Sinne des Wortes auf die schiefe Bahn. Ein altbackener Holzboden, ein Röhrenbildschirm, auf dem der Papst feucht-fröhlich dahinflackert und Segenssprüche rausposaunt, eine einzige, kleine Sitzbank, um die sich die drei Frauen abwechselnd streiten – ein reduziertes und doch aussagekräftiges Bühnenbild, auf dem die drei „Tratschen“ ihrem Unmut über Familie und Welt Luft machen.

Dass die Mariedl am Schluss, nachdem die Präsidentinnen besoffen auf der Bühne herumkullern, völlig durchdreht und den Liebesträumereien von Grete und Erna den Garaus macht, scheint vorprogrammiert. Auch, dass die anderen beiden sich dann kurzerhand dazu entschließen, der Mariedl den Garaus zu machen. Was jedoch so gar nicht ins Bild, oder Stück, passen will, ist das Mutieren der drei Damen zu einem Gesangstrio; man wäre hier auch ohne ein Abschlusslied ausgekommen.

Abgesehen davon jedoch ein kompaktes Konstrukt aus Kon(tro)versationen und verbalen Gefechten – wirklich sehens- beziehungsweise hörenswert.