Beseelte Träumerei

Ganze 22 Jahre ist es her, dass das Jerusalem Quartet im Grazer Stefaniensaal gastierte. Beim 7. Kammerkonzert des Musikvereins zeigten sie sich als stilistisch breit aufgestelltes Quartett mit viel Gespür für Feinheiten.

Joseph Haydn mag ein Pionier der Streichquartette sein, doch sein Quartett in G-Dur, mit dem an diesem Abend eröffnet wurde, kann auch das Jerusalem Quartet nicht zu seinem besten Werk machen. Die Vorteile hervorzukehren versteht das Jerusalem Quartet jedoch prächtig: Das ruhige Adagio gelingt mit breiter Sanftheit und Präzision, feinfühlig kosten sie die Dynamik aus. In den schnelleren Sätzen wird sich kaum eine Verschnaufpause gegönnt. Mit viel Energie gehen sie an die expressiveren Passagen heran, müssen dabei aber oft etwas an Kontur einbüßen.

Felix Broede

(c) Felix Broede

 

Ein krasser Kontrast ist es natürlich, wenn auf Haydn Béla Bratóks Streichquartett Nr. 5 folgt. Und doch gleichen sie sich in der Interpretation: Auch hier gelingen die ruhigeren Sequenzen mit mehr Kontur, im Finale dominieren Energie und Lust. Und dann kommt Dvořáks wunderschönes Streichquartett Nr. 12, das Amerikanische. Wie die vier dem träumerischen Thema nachfühlen, fließend, aus dem Nichts kommend ihre Töne in die Luft entsenden – das ist pure Sehnsucht, beseelte Träumerei. Dafür gibt es zurecht langen und euphorischen Applaus.

Mehr Infos zum Musikverein

Werbeanzeigen

Ein schwelgendes Cello

„Tschechische Märchen“ von Dvořák standen am Programm im Orchesterkonzert von recreation. Das Jungspundduo Ruth Reinhardt und Andrei Ioniță ließen vor allem das traumhafte Cellokonzert im Stefaniensaal erstrahlen.

Andrei Ionita (c) tvw

Wenn Ruth Reinhardt mit sprunghaftem Schritt die Bühne betritt, möchte man nicht glauben, was die junge Dirigentin mit ihrem Taktstock schon bewegen kann. Erfahrung aus Deutschland, der Schweiz und den USA bringt Reinhardt mit nach Graz und vollführte diese in einem Abend, der sich ganz dem tschechischen Komponisten Antonín Dvořák widmete. Mit „Die Mittagshexe“ und „Das Goldene Spinnrad“ wählte die Dramaturgie zwei bunte Appetizer für den ersten Teil. Reinhardt zerlegte die Stücke stark, was die einzelnen Elemente klar hervortreten ließ. Das fast lautlose Zittern der Streicher vor dem Auftritt der Hexe mit der schummrig dunklen Färbung der Bassklarinette gestalteten die Musiker besonders spannungsvoll. Auch andere Motive hob die Dirigentin plastisch hervor, der Gesamteindruck wirkte in Summe aber etwas zerstückelt, da in den Übergängen der Fluss nicht immer gleich einsetzen wollte.

Ruth Reinhardt (c) Harrison Linsey

Im zweiten Teil des Konzertes stand schließlich ein Meisterwerk Dvořáks am Programm: sein Cellokonzert in h. Als Solist war ebenfalls ein Frischling geladen: Andrei Ioniță, Jahrgang 1994! In die von Reinhardt schon sehr verheißungsvoll gestaltete Einleitung setzte der rumänische Cellist mit starkem Selbstvertrauen ein. Mit einem schon ehrwürdigen Instrument aus dem Jahr 1671 war das Volumen dem ganzen Orchester nicht immer voll gewachsen, in den Kantilenen entfaltete es aber seinen ganzen Charme. Das aufmerksame Miteinander des Solisten mit dem 1. Geiger Harald Winkler und der Dirigentin zauberte viele der Schwelgereien Dvořáks noch wärmer, nur in den freien Soli mit Orchesterdeckung schien die Dirigentin manchmal koordinativ leicht überfordert. Die dunkle Kraft des Adagios setzte ohne Vorwarnung ein, sanft übernahm das Cello den Schwung der Orchestermusiker und setzte diese in klingende Melancholie um. Alle Einfälle des Komponisten nutzte Ioniță scheinbar genussvoll aus: Triller, Kadenzen und fallende Melodielinien. Auch den Blechbläsern sei Tribut gezollt, entfesselten deren Einsätze doch so manche freudvolle Emotion. Auch im finalen Satz wussten vor allem die breiten Szenen zu entzücken. In den geschwinden Pässen zwischen Cello und Orchester entschleunigte und dämpfte der Solist den Fluss stark. Der genussvolle Ausklang vor den letzten Orchestertürmen war dann aber doch wieder ganz in der Substanz verwurzelt. Summa summarum: trotz ein paar Stolpersteinchen brachten die Musiker das wunderbare Cellokonzert zum Aufblühen. Die Begeisterungsstürme und zwei Zugaben, Sulkhan Tsintsadze und (wie könnte es anders sein) Bach, sprachen für sich.

Weitere Informationen zum Konzert unter:
https://styriarte.com/events/tschechisches-maerchen/?sti=38692

Einen Einblick in das Programmheft gibt es unter:

Lieder in Basslage


(c) Claudia Leopold

Der deutsche Sänger René Pape gab sein Debüt im Musikverein mit zumeist düster gefärbtem Liedgut.

Bei der Auswahl der Lieder an diesem Abend ließen Pape und der Pianist Camillo Radicke keine originellen Einfälle missen. Noch eher allgemein wurde das Programm mit sechs Beethoven Liedern (op. 48) begonnen. Die Stücke nach Gedichten von Christian Gellert wurden 1801/02 komponiert und lassen noch sehr wenig von der wütigen Leidenschaft späterer Beethoven Lieder ahnen. Papes Stimme gab sich von Beginn an voller Präsenz und Fülle über sein ganzes Register. Als Überraschung des Abends entpuppten sich die folgenden „Biblischen Lieder“ des Antonín Dvořák. Eine feine Auswahl von Psalmen fand hier eine feine und aufgeschlossene Vertonung, die von den Interpreten in gesteigerter Intensität vorgetragen wurden. Geführt durch seinen Begleiter am Klavier fand Pape im Lied zum Psalm 23 das erste Mal ganz zur Ruhe. Ein einziger Anschlag genügte Camillo Radicke hier bereits, um der Musik scheinbar unendlich viel Zeit zu geben. Die Innigkeit dieses Liedes stand im Kontrast etwa zur Komposition nach dem Psalm 96|98, die mit ihrer Stimmung ganz an weltliche Klänge erinnerte.
Zwei weitere Sprachen wurden im zweiten Teil des Konzertes eröffnet. Drei Leider des wenig bekannten Roger Quilter brachten Verse Shakespeares in den Stefaniensaal. „Come away, Death“ und „Blow, Blow Thou Winter Wind“ erinnerten mit den modernen aber stets eingänglichen Harmonien an Stücke aus einem Musical, die vom Bass Papes mit kraftvollem Schwung erfüllt wurden. Als düsteren Schlusspunkt wählte das Duo die „Lieder und Tänze des Todes „des russischen Komponisten Modest Mussorgsky. In faszinierend lautmalerischer Sprache gab sich hier das Klavier, das die verschiedenen Facetten des Todes durch dunkle Farben und schiefe Konstellationen zum Ausdruck brachte. Die ersten beiden Stücke erzählten vom Tod junger Menschen, die vom Sensenmann in einen ewigen Schlaf verführt werden. Verführerisch und persönlich trat hier der Sänger auf, gedehnte Pausen und ein vehementes „…nun bist du mein!“ unterstrichen die Dramatik der Geschichten. Die folgenden zwei Lieder sangen vom Tod als gehässiges Wesen und die an manchen Stellen brutale Interpretation ließ eine gewisse Vielfalt an Klangfarben vermissen.
Der begeisterte Applaus der zahlreichen Zuhörer wurde mit Strauss‘ Zueignung und der Kinderwacht von Robert Schumann als Zugaben noch mit dem obligaten Kitsch gestillt.

Weitere Informationen zum Konzert unter:
http://www.musikverein-graz.at/konzert/4-liederabend-3/