einsamsa

Das Vorstadttheater Graz gastiert derzeit mit Kafkas Klassiker Die Verwandlung im Schauspielhaus 2. Ed. Hauswirth denkt das Stück klein und doch groß: Augenscheinlich reduziert, eröffnet sich dem Publikum ein weites Reflexionsfeld über Ökonomie und Ausgrenzung. Matthias Ohner leistet eine grandiose One-Man-Show und entmenschlicht sich beklemmend.

Matthias Ohner

Matthias Ohner (c) Anke Barnard

Was passiert, wenn der Körper nicht mehr tut, wie er soll? Gregor Samsa erfährt das am eigenen Leib, als er sich eines morgens in einen Käfer verwandelt in seinem Bett wiederfindet. Dicht am Originaltext und in wunderschön artikulierter Theatersprache illustriert Ohner den von Unwillen geprägten Umgang der Familie mit Gregors äußerlicher „Unpässlichkeit“, seine zunehmende Resignation und den Prozess der sozialen Abkapselung. Anfangs sogar mit eigenen Zeichnungen: Über einen Overheadprojektor serviert der autodidaktische Schauspieler pointierte, live entstehende Skizzen als Bereicherung zum Text. Ebenso retro wie der Lichtbildwerfer ist der Kassettenrekorder, mit dem Ohner die Kommentare der Familienmitglieder und des Krankenkontrolleurs verlautet. Der Unglückliche selbst hingegen ist zeitlos designed: Wer nicht funktioniert, dem hilft auch der schönste Nadelstreif und die akkurateste Gelfrisur von einst nicht dagegen, dass die gesellschaftliche Akzeptanz schwindet und man sogar in der Familie als Belastung empfunden wird. Nur zu oft traurige Realität, was Gedankenspiele von Pränataldiagnostik bis Pensionssystem weckt…

Die Einsamkeit und soziale Ausgrenzung als Methema durchdringen das Stück. Wohl am härtesten trifft Samsa die Ablehnung des Vaters in Form eines Apfels, der in seinem Panzer steckenbleibt. Beziehungsweise in der Frischhaltefolie. Zahlreiche Regiefinessen wie diese beleben Kafkas bereits über hundert Jahre alte Erzählung, obwohl das Stück mit einem Minimum an Requisiten und Bühnenbild auskommt.

Matthias Ohner schillert in allen Facetten, während er zunehmend zum Chitintier wird. Er wechselt fließend vom unbeteiligten Erzähler zur ängstlich hechelnden Kreatur und hält die Spannung über die gesamte Spielzeit von etwa einer Stunde, was ihm offenbar ebenso leichtfällt wie seinen Text völlig unbeeindruckt weiterzurezitieren, während er käfergleich an den Armen verkehrt von der Tischplatte hängt. Absolut sehenswert!

Karten und weitere Informationen finden Sie hier.

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Das Ende am Anfang oder der Anfang vom Ende

Die Demokratie steht vor dem Aus, Qualitätsjournalismus ist nicht mehr zeitgemäß, Twitter frisst Zeit und Unabhängigkeit. Der Untergang des österreichischen Imperiums oder Die gereizte Republik ist eine Koproduktion zwischen dem Grazer Theater im Bahnhof und dem Wiener Theater an der Gumpendorfer Straße, die große Probleme im kleinen Kreis aufzeigt.

Die Saaltüren öffnen und man findet sich mitten in der schönsten Party einer illustren Runde – oder auch dem Untergang der Zivilisiertheit – wieder: Je vier Damen und Herren mittleren Alters mit mehr Promille als Kleidungsstücken versuchen im Takt zu Viva Colonia Nägel in einen Holzpflock einzuschlagen, bis sogar das letzte Handtuch fällt. Setting ist die mondäne Villa eines Verlegers am Semmering, wo sich besagte Gruppe, bestehend aus lauter Publizierenden, jährlich für ein Wochenende von der Welt abschottet und (mehr oder weniger) freundschaftliche Auseinandersetzungen zu öffentlichen Diskursen pflegt. Die aktuellen Entwicklungen geben Anlass zur Besorgnis: Demokratieabbau, Neue Medien, … – der Journalismus sieht sich konfrontiert mit Problemen, die klaren Antworten und Positionen Felsbrocken in den Weg legen. Aber nicht nur Politik und Wertehaltungen, auch das Privatleben der acht Schreibenden gibt genug Anlass, um bis aufs Blut zu sticheln…

Die Kulisse: marginal materiell, vielmehr wird sie erst durch Erinnerungen und Erzählungen der Charaktere imaginär erbaut. Ganz zum Motto des Abends passend: Der Mensch organisiert sein Leben in Erzählungen. Und die höchst authentischen Charaktere haben viel zu erzählen – nicht nur mit Worten, das Team spielt  meisterhaft mit Konstellationen, Bewegungen und Handlungen. Die Produktion von Regisseur Ed. Hauswirth und dem Ensemble vermittelt auf vielen Bedeutungsebenen klare Botschaften. Beispielsweise wenn die Feministin in der Gruppe in einen Kothaufen steigt, während im Hintergrund die Stimme des Bundeskanzlers ihre Antrittsrede zum EU-Parlament herunterleiert, und der Sozialist sich als einziger erbarmt und aufwischt. Oder die Boulevardpresse den Intellektuellen die Füße wäscht, obgleich sie als einzige nicht nur gut vom Schreiben leben, sondern auch noch mit Jobangeboten in Versuchung führen kann.

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© Anna Stöcher

Ein trotz zwei Stunden pausenloser Spielzeit unglaublich kurzweiliger und spannungsgeladener Abend, der eine Menge Gesellschaftskritik übt, ohne dabei den Zeigefinger überzustrapazieren, und eine Menge schwieriger Fragen aufwirft, ohne sie mit banalen Antworten zu zerstören. Wer den Mut hat, sich dem zu stellen: Eine Reise nach Wien, wo noch acht Mal gespielt wird, lohnt das Stück allemal!

Rekonstruktion einer Jugend ohne Gott

Ein Lehrer im Dritten Reich. Sorgsam kontrolliert er die Schularbeiten seiner Klasse. Orthographie und Satzbau. Alles okay soweit. Dann dieser Satz: „Alle Neger sind hinterlistig, feig und faul.“ Er lässt ihn ins Grübeln kommen. Kann man diesen Satz wirklich so stehen lassen? Da fällt es ihm wieder ein. Einen solchen Satz hat er bereits im Radio gehört. Und was dort gesagt wird kann man einem Schüler nicht zur Last legen. Kann man wirklich nicht?

Matthias Ohner (c) Lupi Spuma

Matthias Ohner (c) Lupi Spuma

Mit der Rückgabe und einem lockeren Spruch des Lehrers zur Simplizität dieser Verallgemeinerung fängt auch der Ärger für ihn an. Im starren Gruppengebilde der Klasse scheint er fortan keine Anerkennung mehr zu erfahren. Während die Klasse immer stärker dem militärischen Drill verfällt plagen ihn zunehmend Gewissensbisse. Dies führt letztendlich zu weiterem Ungemach. Und alles was der Lehrer unternimmt? Schweigen.

Dieses Schweigen macht ihn mit schuldig. Zuerst innerhalb der Klasse, in der sogar gemordet wird und zu guter Letzt natürlich auch an der Gesellschaft. Menschen wie dieser Lehrer, die die Gefahr im Dritten Reich erkannt haben und trotzdem geschwiegen haben, haben eine große Verantwortung an den Geschehnissen dieser Zeit. Und hier liegt vielleicht die Stärke des Stückes. Das Aufzeigen der Gefahren von Bequemlichkeit und Mitläufertum.

Was tun, wenn man Unrecht wahrnimmt, aber zugleich zu rücksichtsvoll oder zu feige ist, um ins Handeln zu kommen oder wenigstens Haltung zu zeigen? Eine Frage, die gerade heute wieder beschäftigt: bei latentem Rassismus und einer FPÖ, die sich knapp vor ‚Platz 1‘ gerade noch selbst beschädigt hat. (Ed. Hauswirth)

Matthis Ohner (der allein auf der Bühne zwischen den Rollen des Lehrers und Erzählers hin und herspringt) und Ed. Hauswirth haben sich Ödön von Horváths Stück angenommen, es zerlegt und rekonstruiert. Medial unterlegt mit aktuellen Bildern einer Jugendgruppe (die Theaterklasse des BORG Dreierschützengasse) entstand der Versuch den Inhalt in die aktuelle Zeit zu transferieren. Ein interessantes Stück, welches insbesondere für Jugendliche lehrreich ist. Dies war auch dem Publikum auf der Probebühne anzumerken. Zwischen mehreren Schulklassen wirkte man selbst fast ein wenig alt.

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Die nächste Vorstellung findet gleich morgen statt. Weitere Termine und Informationen sind der Seite des Schauspielhauses zu entnehmen.