Foto: Nikola Milatovic

Eroica ohne Schranken

Foto: Nikola Milatovic
Jenen, denen der Genuss klassischer Musik nicht schon im windeltragenden Alter nähergebracht wurde, bleibt der Zugang dazu oft lange verwehrt. Die styriarte-Soap zu Beethovens dritter Symphonie reißt diese Schranken mit voller Wucht ein. Vor allem dank Dirigent Andrés Orozco-Estrada.

Ein Hörerlebnis wird noch so viel intensiver, wenn man vorab die Feinheiten herausarbeitet. Und viel weniger steif und kompliziert, wenn ein Publikumsliebling wie Dirigent Andrés Orozco-Estrada sich durch eine „Probe“ scherzt, die verschiedenen Interpretationsmöglichkeiten seziert und den Prozess hörbar macht, der zum im zweiten Teil aufgeführten Endergebnis führt.

Foto: Nikola Milatovic

Wenn Sie bitter hier reinzoomen könnten – Orozco-Estrada dirigiert auch die Kameramänner. (Foto: Nikola Milatovic)

 

Orozco-Estrada, der kolumbianische Wirbelwind, lässt das Publikum nicht nur teilhaben, sondern sogar mitmachen: In drei Stimmen teilt er die Grazer Helmut-List-Halle, gemeinsam singen die Hunderten nach kurzem Proben und viel Ermutigung die ersten Takte der Eroica-Symphonie – „Die ersten Geigen, wenn Sie glauben, dass sie zu früh sind – das sind Sie nicht, singen Sie einfach!“

Wie die richtige Phrasierung den Klang verändern kann, wie man genau ein Naturhorn spielt, wie das Tempo eine Aufführung beeinflusst und auch wie man als Dirigent Entscheidungen editorischer Natur trifft: All das wird greifbar. Ganz unbeeinflusst und demokratisch sind die Entscheidungen des Publikums nicht, aber der Maestro weiß es eh am besten. Das zeigt er im zweiten Teil, in dem er dem styriarte-Festspiel-Orchester ein aufbrausendes Zusammenspiel und eine kraftvolle Interpretation entlockt. Vor allem der dritte Satz gelingt großartig – und das Hörerlebnis ist tatsächlich noch schöner, wenn man Details vorher auf dem Silbertablett serviert bekommen hat.

Mehr Infos zur Veranstaltung und mehr zur styriarte

Männerschicksale im Musikverein

Marek Janowski, einer der renommiertesten deutschen Dirigenten, brachte Instrumentales aus Wagneropern, sowie Beethovens Eroica zur Aufführung.

Marek Janowski (c) Felix Broede

Die vielgeschätzte Programmauswahl und die glanzvolle Leitung des Grazer philharmonischen Orchesters gab gleich mehrfach Anlass für einen wohlfüllten Stefaniensaal vergangenen Montag. Den Auftakt bildete die Ouvertüre zum fliegenden Holländer, dessen wogendes Schicksal in unsteter Fahrt auf dem Meer gefangen zu sein, unmittelbar füllig in die Ohren der Zuhörer hereinbrach. In unstillbarem Verlangen folgte darauf der Liebestod aus Tristan und Isolde. Das Vorspiel der wegweisenden Oper nimmt dabei das schwere wenn auch befreiende Schicksal des unglücklichen Brautwerbers wenn auch nicht lebendig doch aber im Tod vereint zu sein dem Schlusssatz, der Verklärung, vorweg.
Das Orchester schlug sich im Allgemeinen wacker unter dem Taktstock des gebürtigen Warschauers. Besonders die Streicher zeigten sich in den von der obligaten Bassklarinette eingeleiteten Pianopassagen von ihrer besten Seite, wenngleich sich die Ruhe nicht voll auf die große Zuhörerschaft auszubreiten vermochte.
Marek Janowski dirigierte aus erfahrenem Gedächtnis mit großer Sorgfalt. Ausdrucksstarke fächelnde Gesten mit der Hand und laufende Korrektur in allzu eindeutigen Blicken verliehen dem Gebotenen neue Dynamik. Das äußerte sich besonders in Beethovens dritter Symphonie. Auf deren konservativ recht langsam, etwas gedämpft gebotenen ersten Satz folgte Dramatisches und vielfältig Tänzerisches mit großer Nähe zum Publikum.
Das bekannte Werk, vorerst Napoleon Bonaparte im Vorhaben nach Paris zu übersiedeln gewidmet, erzählt wohl auch vom Schicksal mindestens einer Persönlichkeit. Beethoven schreibt dazu in der Erstausgabe: „komponiert zur Feier des Andenkens eines großen Mannes“.

Weitere Informationen zum Konzert und andere Veranstaltungen im Musikverein unter:
http://www.musikverein-graz.at/konzert/9-orchesterkonzert-7/

Beethoven 6 & 3

Zwei von Beethovens Publikumsfavoriten sind in dieser Woche bei der Styriarte zu hören. Jérémie Rhorer und der Concentus Musicus Wien boten eine innige „Pastorale“ und eine brodelnde „Eroica“.

Jérémie Rhorer ; (c) Boris Horvat

Jérémie Rhorer ; (c) Boris Horvat

Es ist keine einfache Aufgabe Nikolaus Harnoncourt Platz zu übernehmen und seinen Plänen zu folgen. Der Franzose Jérémie Rhorer stieg nicht nur sicher in die großen Fußstapfen, sondern passte diese auch noch gekonnt seiner Form an. So wich er etwa von der ursprünglichen Absicht Harnoncourts ab und drehte die Reihenfolge der zwei Sinfonie um: erst die 6. und darauf die „jüngere“ 3. Sinfonie (den Grund hierfür legte er in der Einführung leider nicht offen). Der in alter Aufführungspraxis bewanderte Dirigent sieht in „Beethoven’s art the pure expression of the human soul“. Um diesem Anspruch gerecht zu werden, ist der „natürliche“ Klang aus klassischen Zeiten der beste Weg zum Ursprung der Musik hin. Große Worte, auf die große Taten folgten.
Die „Sinfonie pastorale“ präsentierte Rhorer mit verminderten Gesten und ohne jede Hektik. Die führenden Geigen spielten mit starkem Ausdruck, während der Originalklang von Hörnern und Klarinetten ein weiches Fundament brachte. Die alten Instrumente stellten neue Anforderungen an den modernen Zuhörer. Es galt noch sorgfältiger und aufmerksamer die Ohren zu öffnen. Aber der Aufwand wurde belohnt, etwa wenn der originale Klang von Cello und Fagott fast unmerklich ineinander flossen zu einem einheitlichen, warmen Raunen. Die schwelgende Ruhe im Taktstock Rhorers verlor sich erst als das Gewitter des 4. Satzes sich drohend anschlich und mit Knallen und Rauschen vorüberzog. Mit strahlender Freude begannen die Musiker das Finale, das in gelassener Zufriedenheit verklingen durfte.

Concentus Musikus Wien ; (c) Werner Kmetitsch

Concentus Musikus Wien ; (c) Werner Kmetitsch

Einen Kontrast zur Gelassenheit der 6. brachte das straffe Tempo im Beginn der „Eroica“. Seine 3. Sinfonie (ursprünglich Napoleon gewidmet) versah Beethoven letztendlich mit dem Titel „dem Andenken eines großen Menschen gewidmet“. Die Pulsschläge des ersten Satzes zeigen sofort die Macht und Stärke der besagten Person auf. Rhorer gestaltete diese Akzente staccato mit manchmal betont ausgehaltenen Impulsen zum Ende der Phrasen hin, um auch die Beharrlichkeit in der Musik zu betonen. Durchwegs war ein lebhaftes Brodeln zu spüren, auch wenn es manchmal nur unter der Oberfläche durchschimmerte und sich im Scherzo schließlich bis zum Überkochen steigerte. Im finalen Satz zeigte der Concentus Musicus noch einmal den gesamten Beethoven’schen Einfallsreichtum auf. Einer fröhlich ploppenden Einleitung folgte ein technisch versiertes Variationsspiel. Die immer wieder aufflammende und ersterbende Leidenschaft dieses Finales forderte vom Zuschauer emotionale Standhaftigkeit. Der aufgebauten Spannung folgte großer Applaus.

Das Programm wird ein weiteres Mal heute (09.07.) um 20 Uhr im Stefaniensaal aufgeführt. Nachhören kann man die Musik am 24. Juli um 19:30 auf Ö1.

Mehr Informationen zum Konzert und weiteren Veranstaltungen der Styriarte unter:
http://styriarte.com/events/beethoven-3-6/?sti=20835