Feinstes Burschenschafts-Bashing

„Burschenschaft und Blut“ ist der treffende Titel der ersten Folge der „Lecture Performance“ Tabu La Rasa, tiefschwarz der Humor, feministisch die Kritik. Der zum Teil brutale Sarkasmus unterhält gleichermaßen wie die schier endlose Anzahl der Social-Media-Beispiele aus der Welt der Korporierten schockiert.

Das Haus Drei des Schauspielhauses zeigt sich von der heimelig-österreichischen Seite: Ein paar Pokale stehen an der Wand, eine Wurst hängt von der Decke, die 50er-Jahre-Stehlampe spendet Geborgenheit, die Degen in der Ecke runden das Bild ab. Gemütlich anmutende Stühle stehen an einem runden Tisch. Darauf ein Bloody Mary, den Evamaria Salcher zuvor für Tamara Semzov zubereitet hat. Zu zweit führen sie mit rasanter Feindseligkeit und bitterschwarzem Humor durch das Programm, das an verschiedenste TV- und Literatur-Formate angelehnt ist. Nach dem die Spezie Bursche charakterisiert wird, wird munter „Ein germanisches Märchen“ vorgelesen, ins Gruselkabinett geführt und à la „Wer will mich?“ für drei „Sorgenburschen“ ein Zuhause gesucht. Zur Illustration wird auf die Leinwand daneben ein buntes Potpourri aus Facebook-Postings diverser Burschenschaften, Gemälden des Wartburgfestes, Fotos von Bundesministern projiziert. Eine Bildwelt, die die Logarithmen der Social-Media-Plattformen dem Publikum für gewöhnlich verwehren. Dem gehen die Lacher daher während der 75 Minuten auch nicht aus. Genährt werden sie von den musikalischen Kommentaren von Tamara Semzov am Mini-Keyboard, die über die zum Teil anstrengend schlechte akustische und visuelle Qualität auf der Leinwand hinwegtrösten. Auch wenn die Radikalität der betriebenen feministischen Kritik gegen Ende an Biss verliert, ist die erste Folge von Tabu La Rasa gelungen und unterhält durch die Kreativität von Nadja Pirringer und Jennifer Weiss und die Glaubwürdigkeit der Schauspielerinnen.

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Ein Garten ohne Ertrag

Bei Anton Tschechows „Der Kirschgarten“ am Schauspielhaus Graz prallt die Tiefe der Charaktere und ihren Verstrickungen an der Inszenierung von András Dömötör ab. Bühnen- und Kostümbildnerin Sigi Colpe sowie Raphael Muff als großkotziger Privatsekretär Jascha trösten darüber hinweg.

Pelzkrägen, knallige Velvet-Kostüme und Designer-Frisuren – die illustre Reige an altem Adel kehrt nach Jahren in Frankreich zu ihrem russischen Kirschgarten-Gut zurück. Das Geld ist weg. Doch den geliebten, aber ertragslosen Kirschgarten abzuholzen, um ihn mit Ferienhäusern zu bebauen und sich finanziell zu retten, ist keine Option für Gutsherrin Ranjewskaja, gespielt von Evamaria Salcher.

Nicht nur an den massiven gerafften Stoffbahnen, die von der Decke baumeln, prallt die Komik des von Tschchow als „Komödie“ betitelten Stücks ab, sondern auch an den bedrohlich knarrenden Lauten, die den Hintergrund erfüllen.  Ebenso will die Tragik nicht so richtig aufkommen: Ein kurzer emotionaler Zusammenbruch von Salcher, in ihrer Rolle eine Mutter, die ihren siebenjährigen Sohn verloren hat, kratzt an der Oberfläche. Tragik und Komik ersticken einander. Wie hohle Hüllen ihrer selbst wirken die Figuren vor der dichten Kulisse, ironisch schlängeln sie sich durch den Dschungel an gesellschaftlichen Umbrüchen. Aber: Vielleicht ist es genau das, was Tschechow wollte, nämlich die Leere der Charaktere zeigen.

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Franz Solar und Evamaria Salcher im „Kirschgarten“ (c) Lupi Spuma (2)

Mit einigem Unterhaltungswert kann der Schauspielhaus-„Kirschgarten“ jedenfalls aufwarten. Raphael Muff reiht einen großartigen Auftritt an den anderen, seine Grundhaltung ist immer lässig in die Hüfte gelehnt, während er seine Haare nach hinten wirft. Mit Anna Szandtner als Zimmermädchen Dunjascha stellt er irgendetwas zwischen Verführung und handfester Belästigung an, schleckt ihre Füße ab und nennt sie „meine kleine Gurke“. Oder er spaziert nackt einmal quer über die Bühne. Ein arroganter Großkotz, wie er im Buche steht.

Höhepunkt ist eindeutig die letzte Party im Kirschgarten: Zur Techno-Musik (Musik: Tamás Matkó) wippt das Ensemble wie getrieben über die Bühne. Muff zeigt nochmal die hässlichste Seite von Jascha und überschüttet den blutspuckenden alten Diener Firs (Franz Solar) mit Champagner, Buchhalter Jepichodow (Mathias Lodd) dreht völlig durch. Vorbei ist das alles, als Nico Link als Geschäftsmann Lopachin verkündet, er habe das Gut gekauft. Wirklich glücklich ist damit niemand, die Familie wendet sich von dem Aufsteiger-Kapitalisten ab und lässt ihr altes Leben schließlich leichten Herzens zurück. Nach über zwei Stunden ohne Pause trösten einige gute Momente und wunderbare Optik über teils langwierige Inszenierung hinweg.

Weitere Infos und Termine hier.

 

„Die Revolution frisst ihre Kinder“ oder „Danton feat. The Doors“

Was kommt heraus, wenn man einen künstlerischen Geist mitten in eine Revolution setzt? Eine aufgeladene, mehrdimensionale Mischung aus Erlebtem und Erdachtem auf gleich mehreren Bühnen.

Haus 1, 2018: Eine kleine Theatertruppe des Schauspielhauses will an den Erfolg einer Produktion aus 2017 anknüpfen und begibt sich dazu live in die Revolution in Burkina Faso 2014, die, angefacht vom 1987 zum  Mythos gewordenen Präsidenten Sankara, von Büchners 1834 uraufgeführtem und 1794 hingerichteten Revolutionshelden Danton kommentiert wird.

Aber nicht nur über Zeit, auch über die Möglichkeiten von Raum, Handlung und Charakter wird reizvoll und intensiv sinniert. Z.B., wenn auf der Probebühnenkulisse eine Puppenbühne steht, von der aus man darüber nachdenkt, Theater auf der Gasse zu machen. Oder ein die Danton darstellende Marionette spielender Darsteller sich eigentlich selbst spielt. Dennoch führen die multidimensionalen (und -medialen) Handlungsstränge mitnichten zu einer Verwirrung: Die Frage, was Theater sein soll, der Leitfaden des in Interaktion entstehenden Theaterstückes und die Spannungen, die diese offene Art, Kunst zu machen, mit sich bringt, geleiten das Publikum zielsicher durch den Abend.

(c) Lupi Spuma / Schauspielhaus Graz
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Evamaria Salcher zeigt sich als korrekt wie seriöse Intendantin, Julia Gräfner legt eine überzeugend unsympathische Entwicklung von der idealistischen Regisseurin zur Diktatorin hin, die ihr Publikum nur streckenweise mit etwas langgezogenen Monologen in postmoderner Lamentiermanier ermüdet.  Michael Pietsch und Florian Muff hauchen den Marionetten so gekonnt Leben ein, dass man die Spieler gar nicht mehr wahrnimmt, und Komi Mizrajim Togbonou stolpert absolut authentisch über Vorurteile und Wahrheitssuche in eine Identitätskrise. Als großer Trumpf der Inszenierung erweist sich jedoch Florian Köhler, der nicht nur Danton, sondern auch die Doors genial interpretiert und in Schnallenschuhen und Perücke seiner E-Gitarre erstaunliche Töne entlockt. Ob das Ensemble unter Jan-Christoph Gockels Regie mehr als nur die eigenen Namen mit auf die Bühne genommen hat?

Ein bunt gemischter Fake-Doku-Abend, der mit großem Puppenspiel, ironisch-witzigen Momenten und philosophischen Gedanken aufwarten kann.

Weitere Informationen gibt es hier.