„Die Revolution frisst ihre Kinder“ oder „Danton feat. The Doors“

Was kommt heraus, wenn man einen künstlerischen Geist mitten in eine Revolution setzt? Eine aufgeladene, mehrdimensionale Mischung aus Erlebtem und Erdachtem auf gleich mehreren Bühnen.

Haus 1, 2018: Eine kleine Theatertruppe des Schauspielhauses will an den Erfolg einer Produktion aus 2017 anknüpfen und begibt sich dazu live in die Revolution in Burkina Faso 2014, die, angefacht vom 1987 zum  Mythos gewordenen Präsidenten Sankara, von Büchners 1834 uraufgeführtem und 1794 hingerichteten Revolutionshelden Danton kommentiert wird.

Aber nicht nur über Zeit, auch über die Möglichkeiten von Raum, Handlung und Charakter wird reizvoll und intensiv sinniert. Z.B., wenn auf der Probebühnenkulisse eine Puppenbühne steht, von der aus man darüber nachdenkt, Theater auf der Gasse zu machen. Oder ein die Danton darstellende Marionette spielender Darsteller sich eigentlich selbst spielt. Dennoch führen die multidimensionalen (und -medialen) Handlungsstränge mitnichten zu einer Verwirrung: Die Frage, was Theater sein soll, der Leitfaden des in Interaktion entstehenden Theaterstückes und die Spannungen, die diese offene Art, Kunst zu machen, mit sich bringt, geleiten das Publikum zielsicher durch den Abend.

(c) Lupi Spuma / Schauspielhaus Graz
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Evamaria Salcher zeigt sich als korrekt wie seriöse Intendantin, Julia Gräfner legt eine überzeugend unsympathische Entwicklung von der idealistischen Regisseurin zur Diktatorin hin, die ihr Publikum nur streckenweise mit etwas langgezogenen Monologen in postmoderner Lamentiermanier ermüdet.  Michael Pietsch und Florian Muff hauchen den Marionetten so gekonnt Leben ein, dass man die Spieler gar nicht mehr wahrnimmt, und Komi Mizrajim Togbonou stolpert absolut authentisch über Vorurteile und Wahrheitssuche in eine Identitätskrise. Als großer Trumpf der Inszenierung erweist sich jedoch Florian Köhler, der nicht nur Danton, sondern auch die Doors genial interpretiert und in Schnallenschuhen und Perücke seiner E-Gitarre erstaunliche Töne entlockt. Ob das Ensemble unter Jan-Christoph Gockels Regie mehr als nur die eigenen Namen mit auf die Bühne genommen hat?

Ein bunt gemischter Fake-Doku-Abend, der mit großem Puppenspiel, ironisch-witzigen Momenten und philosophischen Gedanken aufwarten kann.

Weitere Informationen gibt es hier.

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Geächtet

(c) Lupi Spuma, Schauspielhaus Graz

(c) Lupi Spuma, Schauspielhaus Graz

Kaum ein Thema wird derzeit so kontrovers diskutiert wie der Einfluss der Religion auf unsere Gesellschaft. Diesen Satz glauben Sie nicht? Dann stellen Sie sich bitte die Frage weshalb. Denn gerade in der politischen und medialen Debatte wird intensiv, gerade wenn es um die Berichterstattung und Rezeption von Gewalttaten geht der religiöse Hintergrund bewusst hervorgehoben oder verschwiegen. Wobei es hierbei vielmals nur um den Islam geht. In der Berichterstattung wird das Böse gern und häufig in Verbindung mit dem Islam in Verbindung gesetzt. In Deutschland wurde gerade seitens des Generalsekretärs der konervativen CSU wieder gefordert, dass Medien über Herkunft und religiösen Hintergrund der Täter zu berichten haben. Wobei Herr Scheuer sicherlich gerne darüber hinweg sehen wird, wenn bei gefühlt 95 % der Berichten die Angabe „deutscher Christ“ vergessen wird, solange die muslimische Täterschaft erkennbar deklariert wird. Soweit die Mutmaßung.

Deshalb scheint es kaum verwunderlich, dass Amir (Benedikt Greiner), der Protagonist in Ayad Akthars Stück seine religiöse Herkunft möglichst hinter sich lassen möchte. Er hat sogar seinen Nachnamen geändert und gibt als Herkunftsland seiner Familie Indien an, obwohl sein Herkunftsort im heutigen Pakistan liegt. Sein Vater sei jedenfalls noch vor der Neuaufteilung der ehemals britischen Kolonie im damaligen Indien geboren, so seine Argumentation. Er ist der festen Überzeugung, dass all dies notwendig sei um Anerkennung und Erfolg in unserer Gesellschaft zu erlangen. Denn mit muslimischem Hintergrund ist dies nicht so einfach. Der strukturelle Rassismus lässt grüßen. Amir hat dies erkannt und sich angepasst.

(c) Lupi Spuma, Schauspielhaus Graz

(c) Lupi Spuma, Schauspielhaus Graz

Zu seinem Unbehagen befasst sich seine Frau Emily jedoch stark mit dem Islam und glorifiziert diesen in seinen Augen durch ihre Kunst. Ihr Kurator ist zudem jüdisch und mit einer ‚Schwarzen‘ verheiratet, die nicht nur zufällig Amirs Arbeitskollegin ist, ihm sogar die erhoffte Teilhaberschaft an der Kanzlei streitig macht. Und so entwickelt sich eine Paarbeziehung, die verstrickter kaum sein kann, bis die Bombe platzt. Eine Information und ein Vorurteil nach dem anderen lassen die Wut in Amir aufsteigen, bis er erkennt, dass all sein Verstellen und Verheimlichen ihm nicht zum erhofften Erfolg führen. Amir wird zu dem Außenseiter, der er nie sein wollte. Er verkörpert den in seinen Augen brutalen Islam bis ins Mark und prügelt seine Frau fast zu Tode, während sein langjähriger Freund Abe sich zunehmend radikalisiert.

Und zum Schluss stellt sich einem die Frage: Wandelt sich Amir derart, weil er Muslim ist? Die Antwort kann nur ein klares und lautes „NEIN!“ sein. Er erlebt den strukturellen Rassismus unserer Gesellschaft. Er erlebt, wie seine Sorgen zudem nicht ernstgenommen werden. Er erlebt zudem, dass seine Frau ihn hintergangen hat. Und letztendlich erlebt er, wie sogar die schwarze Frau eines Juden ihm seinen Traumjob entreisst, obwohl er in seinen Augen viel härter und länger dafür gearbeitet hat. All dies lässt den längst schon brodelnden Vulkan zum Ausbruch bringen. Und dieser Vulkan ist nicht Muslim, dieser Vulkan ist Mensch.

Für das von Ayad Akhtar verfasste Stück erhielt Akhtar 2013 den Pulitzer-Preis für Dramaturgie. Dies in Verbindung mit der rastlosen und abstrahierten Inszenierung Volker Hesses und den großartigen Videoprojektionen ist ein Garant für einen großartigen Theaterabend!

 

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Geächtet läuft seit diesem Monat im Haus EINS des Schauspielhaus Graz. Weitere Informationen zu Stück, Terminen und Tickets erhaltet Ihr unter www.schauspielhaus-graz.com/play-detail/geaechtet

Merlin hinterlässt ein wüstes Land

Alles neu im Schauspielhaus. Neue Intendanz, neues Design und neues Ensemble. Das Premierenstück unter der Intendanz von Iris Laufenberg tischt dementsprechend groß auf. In einer annähernd vier Stunden langen Darbietung von Tankred Dorsts Interpretation der Artussage begeistert das Team unter Regie von Jan-Christoph Gockel mit einer großartigen Ensembleleistung.

Seit Monty Python hat man vermutlich keine derart amüsante Herangehensweise an diesen dystopischen Stoff gesehen. Mit einem Hang zum Klamauk lässt sich die eigentliche Misere des Stückes vergessen: Merlins Bestimmung, die Erlösung der Welt zum Bösen scheitert genauso kläglich wie seine Versuche das Gute im Menschen gewinnen zu lassen.

MERLIN Michael Pietsch, Julia Gräfner, Franz Solar (c) Lupi Spuma

MERLIN Michael Pietsch, Julia Gräfner, Franz Solar (c) Lupi Spuma

In drei Teile untergliedert werden die einzelnen Stränge der Sage zusammengeführt. Um vier Stunden Inhalt folgen zu können werden verschiedenste Techniken gewählt die wohl aufeinander abgestimmt sind: Marionettenspiel wird nicht nur als Erzählform des Stückes sondern auch als Erzählform im Stück verwendet. Dazu kommen kleine Magierspiele mit Feuereffekten und eine wahnsinnig intensive musikalische Untermalung, die in ihrer enormen Lautstärke äußerst durchdringend ist. Immer wieder treten die Schauspielerinnen und Schauspieler aus ihren Rollen heraus und erklären Vorgänge auf der Bühne und ihre eigenen Motive. Teilweise verschmelzen die Grenzen zwischen Rolle und Darsteller ganz und gar, dann wird die eigene Person mit in die Rolle genommen. Beispielweise wenn Michael Pietsch gegen Ende als Merlin eine Hasstirade auf die unfähige Menschheit loslässt, die es nicht zu schaffen vermag die Welt zu einem besseren Ort zu gestalten, so bezieht er auch seine persönliche Arbeit in diesen Prozess mit ein, die er allein mit dem Schnitzen der über 20 Puppen und Marionetten verschwendet zu haben scheint.

Generell muss man diese Arbeit in höchsten Tönen loben. Die einzelnen Puppen und Marionetten sind großartig. Insbesondere die Ausarbeitung des Galahad ist entzückend. Mit rollenden Augen und einer herzergreifenden Geschichte von der Verstoßung durch den eigenen Vater Lancelot wird auch die Zeitebene im Stück völlig entankert und die mittelalterliche Sage in die heutige Zeit mit Telefon und Frust-Nutella versetzt. Zwischenzeitlich wird zudem die Tafelrunde in die Zeit der Aufklärung portiert. An dieser Stelle nimmt das Stück dann zusätzlich Bezug zur heutigen Tages- und Flüchtlingspolitik. Es ist ein bitterböser Moment, wenn Mordred das zuvor auf die Bühne in die Tafelrunde eingeladene Publikum zurück ins Meer schickt, weil sie doch nicht erwünscht sind.

MERLIN Michael Pietsch, Franz Solar, Raphael Muff & Benedikt Greiner (c) Lupi Spuma

MERLIN Michael Pietsch, Franz Solar, Raphael Muff & Benedikt Greiner (c) Lupi Spuma

Bleibt noch das Bühnenbild zu erwähnen. Ein riesiger Baum füllt die Bühne nahezu aus. Häufig mit Nebel umhüllt bietet er den perfekten Schauplatz für düstere Szenen und Missverständnisse. Es wird in ihm, an ihm und um ihn herum gespielt. Er bietet das Zuhause für Parzival und seine Mutter (übrigens, ein sehr erheiternder Gender-Switch), um ihn herum wird die Tafelrunde errichtet und letztendlich wird er in seine Einzelteile zerlegt. Derart wie mit Äxten auf ihn eingedroschen wird muss man sich fast Gedanken um die nächste Aufführung machen.

Tankred Dorsts Stück wurde 1981 in Düsseldorf uraufgeführt. Die hier präsentierte Fassung wurde noch einmal modernisiert und für Graz adaptiert. Untermauert wird dies u.a. durch einen steirischen Schreinermeister und insbesondere auch musikalisch durch die Einbindung von Musikstücken wie Billie Jean oder Black Hole Sun, die erst später veröffentlich wurden. Beide übrigens aufgeführt von Rittern der Tafelrunde und allein der Moonwalk im Ritterkostüm mit Glitzerhandschuh (Raphael Muff) verdient den höchsten Respekt.

Sicherlich, vier Stunden sind lang. Aber das, was das Schauspielhaus hier auf die Bühne gebracht hat, lässt vier Stunden sehr kurzweilig erscheinen. Der Applaus zum Abschluss ist sehr frenetisch ausgefallen. Zu Recht.

 

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Weitere Informationen zum Stück und zu den nächsten Terminen entnehmt ihr der Homepage des Schauspielhauses.