(c) Werner Kmetitsch

Jeansstoff beruhigt das Gewissen

Dramaturg Thomas Höft inszeniert Beethovens Oper „Fidelio“ für die styriarte mit Jeansstoff als Zeichen der Gleichheit und Flüchtlingsschicksalen als Mahnmäler der Menschlichkeit.

Wer konservativen Operngenuss ohne politische Anstöße möchte, war bei der diesjährigen „Fidelio“-Produktion der styriarte in der Grazer Helmut-List-Halle definitiv fehl am Platz. Denn die immer noch aktuelle Debatte um Migrationsthemen wurde nicht etwa sanft und künstlerisch codiert in die Oper eingesponnen, sondern auf der riesigen Videoleinwand vorgesetzt. Von dort aus erzählen Vertriebene, die in Österreich gestrandet sind, sieben Mal in den knapp zweieinhalb Stunden von ihrer Flucht, den untragbaren Lebensbedingungen im Herkunftsland und lobhudeln nicht zu gering auf die Gastfreundschaft der ÖsterreicherInnen. Jemshed und Anita etwa sind vor einer Zwangsheirat aus Afghanistan geflohen. Alla aus Syrien hat es vom Schlepperboot im Mittelmeer bis nach Gleisdorf geschafft. Unzweifelhaft sind die Einzelschicksale mitreißend. Die Frage ist nur, was bleibt, wenn man den Mikrokosmos Konzertsaal wieder verlässt.

Was fehlt an der ganzen Sache ist der Kunstgriff. Am Silbertablett serviert bekommt man das Mitleid, das man natürlicherweise bei den Videos empfindet – eigene Denkleistung braucht es dann keine mehr, das Gewissen ist beruhigt. Obwohl sich Thomas Höft als Erzähler sichtlich anstrengt, die Einspielungen mit den Szenen aus der Oper zu verbinden, erscheinen die Videos abgehackt, fast erzwungen.

Was man zeigen will, ist unmissverständlich: Das, was Beethoven in „Fidelio“ an menschlicher Ungerechtigkeit verarbeitet hat, existiert noch immer. Nachdem Tenor Johannes Chum als Florestan in „Gott! Welch Dunkel hier!“ von seiner Gefangenschaft singt, erzählt Karan aus Sri Lanka vom Aufenthalt im Foltergefängnis. Schließlich rettet die als Fidelio verkleidete Leonore (Johanna Winkel) ihren Geliebten doch noch, und alles löst sich in Wohlgefallen auf – der Syrer Jan beendet die Einspielungen mit einem schmalzigen Plädoyer für Humanismus und Frieden, der Chor singt mit voller Wucht auf die Menschlichkeit. Schön.

Freiheit, Gleichheit, Jeansstoff

Musikalisch lässt der styriarte-„Fidelio“ kaum zu wünschen übrig: Anfangs begeistert Sopranistin Tetiana Miyus mit ihrer spritzig-süßen Interpretation der Marzelline, in den Höhen fühlt sie sich sicher. Thomas Stimmel personifiziert im Kerkermeister Rocco das Mitläufertum, Jochen Kupfer als Tyrann Don Pizarro zeigt einen dunklen Bariton, der vor Bosheit nur so brodelt. Winkel und Chum kauft man die „O namenlose Freude!“ bei ihrer Wiedervereinigung nicht so recht ab, gesanglich bringt sie trotz Verkühlung ihren Part als Leonore sauber über die Bühne.

Das styriarte Festspiel-Orchester zeigt sich von seiner besten Seite, in der Ouvertüre und im Finale „Heil sei dem Tag“, gemeinsam mit dem Chor (Einstudierung: Franz M. Herzog), sprüht es vor Kraft – Energiebündel Andrés Orozco-Estrada lässt grüßen! Diesmal in Jeansjacke, gleich wie das Orchester, der Chor und das Ensemble. Der Einheitslook bleibt das subtilste politische Statement an diesem Abend und wird dadurch auch zum schönsten und stärksten.

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„No border! No nation! Stop deportation!“ – „Niemandsland“ im Schauspielhaus Graz

Niemandsland ist zweifelsohne ein Stück, das bewegt. Yael Ronen hat es geschafft, aktuelle politische Bezüge in einem Theaterstück so zu verpacken, ohne dass diese zu sehr von der eigentlichen Thematik ablenken. Das Thema Flucht spielt eine ganz zentrale Rolle innerhalb dieses Stückes und tritt doch in den Hintergrund, denn Liebe und Fürsorge übernehmen zunehmend die Oberhand.

Die Bosnierin Asra ist im Zuge des Jugoslawienkrieges mit ihrer kleinen Tochter Leyla nach Österreich geflüchtet und arbeitet nun in Graz als Kammerjägerin. Herausragend und stoisch abwesend von Birgit Stöger gespielt offenbart sich hier bereits ein gewisser Zynismus. „Ich töte Schädlinge“ könnte genauso gut von Seiten der bosnischen Serben im Zuge der so genannten „ethnischen Säuberungen“ im Krieg kommen, entstammt hier aber dem Mund der geflohenen Bosnierin. Die Vorstellung, dass ihre, nun erwachsene und politisch engagierte Tochter Leyla in Palästina arbeiten will, nimmt ihr jegliches Verständnis und fördert ihre Angst.

Seyneb Saleh, Birgit Stöger (c) Lupi Spuma

Seyneb Saleh, Birgit Stöger (c) Lupi Spuma

Dass viele Zeugen dieser Geschehnisse nicht über ihre Erlebnisse berichten wollen ist ebenso eine Form der Kommunikation wie ihre körperlichen Zusammenbrüche. Ronen setzt dies so geschickt ein, dass diese eigentlich kühlen Kommunikationsformen sehr stark die warme Fürsorge ausdrücken, die eine Mutter nur haben kann, wenn ihre Tochter freiwillig in ein Kriegsgebiet gehen will.

Leyla, die jedoch zu Hause nicht über den Krieg sprechen darf und zudem von einem „komplexen Vaterkomplex“ geprägt ist, der sich, trotz Beziehung zum Deutsch-Serben Milos, durch eine Affäre mit dem Kriegsreporter Fabian ausdrückt, ist jedoch von ihrem Entschluss nicht mehr abzubringen.

Dieser zitiert, aufgrund seiner Erlebnisse nahe dem Burnout, im Alkoholrausch Zeilen aus Nirvanas Lithium. Am 20. Todestag Kurt Cobains stimmen diese Zeilen natürlich sehr nachdenklich:

I’m so happy ‚cause today
I’ve found my friends …
They’re in my head

In Palästina angekommen lernt Leyla den Künstler Osama kennen, der von seiner israelischen Ehefrau Jasmin, die nach Österreich immigriert ist, getrennt lebt, da in ihren Heimatländern ein gemeinsames Zusammenleben nicht möglich ist. Diese Geschichte ist übrigens auf der realen Geschichte der beiden Darsteller Osama Zatar und Jasmin Avissar aufgebaut. Jasmin probiert nun mittels eines umtriebigen Anwalts, für Osama Asyl in Österreich zu beantragen.

Julius Feldmeier, Osama Zatar, Jan Thümer (c) Lupi Spuma

Julius Feldmeier, Osama Zatar, Jan Thümer (c) Lupi Spuma

Alles in allem gibt es sechs verschiedene Handlungsstränge, die eng miteinander verwoben sind und passenderweise in Graz kulminieren. Untermalt werden diese von teils traumatisierenden Tanzeinlagen, politischen Einflüssen wie der „No border, no nation“-Strömung, der Macht der Medien, die sich nur für das Leid in einer Region der Welt interessieren wollen und den mehrfachen Hinweisen auf neue Formen der Berichterstattung in sozialen Netzwerken wie Blogs oder Youtube. Eingespielte Telefonate und Videosequenzen unterstreichen zudem die Aktualität des Stückes, das trotz dieser vielen Einflüsse sehr gut strukturiert wirkt.

Niemandsland ist ein absolut sehenswertes Stück, das durchaus gängige gesellschaftliche Praktiken und Konstrukte, wie das des Nationalstaats in einer globalisierten Welt in Frage stellt. Ronen setzt hier ganz deutlich ein Zeichen hin zur Humanität und weg von der Nationalität. Vielleicht ist dieser Ansatz konservativen Gemütern zu progressiv, aber darauf will und soll bei dieser sensiblen Thematik keine Rücksicht genommen werden.

Auch wenn dieses Stück nicht unbedingt einfach zu verdauen ist, so möchte ich doch wieder auf Lithium und dessen Ende zurück kommen:

I’m not gonna crack

Und irgendwie wird zum Schluss ja doch alles gut. Danke.

Weietere Informationen zum Stück und den kommenden Terminen gibt es hier.