Das Mädchen sprach von Liebe – Schuberts Winterreise

Der zweite Liederabend der laufenden Saison des Grazer Musikvereins bot, nachdem man sich im Vorjahr über Die Schöne Müllerin freuen durfte, am 6. Februar den zweiten (vollendeten) Liederzyklus Schuberts dar – die Winterreise. Gary Matthewman begleitete den tschechischen Bassbariton Adam Plachetka am Klavier, dessen unwesentlich gebrochenes Deutsch beim Gesang nicht störte und an gewissen Stellen sogar einen eigenwilligen Reiz zu erlangen vermochte. Die 24 Lieder des allbekannten Zyklus, die auf Wilhelm Müllers Gedichten beruhen und die große romantische Kraft scheiternden Glückes musikalisch intensivieren und letztlich unterminieren, sind ebenso zeitlos wie sibyllinisch und daher für Neuinterpretationen gut geeignet.

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(c) Musikverein Graz

Die trostlose und nur selten von Hoffnung verzierte Reise durch die winterliche, von bildhaften und symbolträchtigen Elementen gesäumte Landschaft, die am Ende bei dem geheimnisvollen Leiermann endet – oder dort erst wirklich beginnt – wurde elegant, stilvoll und souverän von Matthewman und Plachetka dargebracht, ganz dem Ernst und Pathos der Vorlage entsprechend. An manchen Stellen schien die Interpretation etwas zu „glatt“ ausgefallen zu sein (Auf dem Flusse, Die Krähe), die Interpretation so manchen Liedes (z.B. Gute Nacht, Mut, Die Nebensonnen) gelang hingegen äußerst gut. Auch der Schmerz und die Zerrissenheit des verlorenen Wanderers wurde nicht bloß stimmlich, sondern auch gestisch und mimisch angemessen vermittelt, ohne zu überreizen. Und dass trotz stehender Ovationen am Ende auf eine Zugabe verzichtet wurde (was den Interpreten hoch anzurechnen sei), zeugt außerdem von der konservativen und derowegen gelungenen Vorstellung, die ganz ohne ausgefallene Neuerungen schlicht dasjenige bot, wofür man an diesem Abend in den Stefaniensaal gekommen war – Schuberts Winterreise.

Sah ein Knab‘ ein Röslein stehn – Liederabend mit Schubert und Goethe

Im Stefaniensaal fand am 19. November der 2. Liederabend des Musikvereins Graz statt, den Mauro Peter (Tenor) gemeinsam mit dem Pianisten Helmut Deutsch gestaltete. Sämtliche Lieder entstammten der Feder Franz Schuberts, wobei sich zudem ausschließlich auf Lieder zu Goethe-Gedichten konzentriert wurde. Obgleich jene Einschränkung des hunderte Werke umfassenden Liederrepertoires Schuberts die Auswahl bekannter und/oder besonders hervorstechender Kompositionen vereinfacht haben dürfte, musste so manches Lied (u.a. Prometheus oder An Schwager Kronos, die lt. Peter besser mit Baritonstimme klingen) an jenem Abend ausbleiben.

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Mauro Peter und Helmut Deutsch (c) Musikverein Graz

Insgesamt wurden 18 Lieder (und drei Zugaben) dargeboten, darunter die allseits bekannten Kompositionen An den Mond, Der Fischer, Ganymed oder Wanderers Nachtlied II und auch mir unbekannte Werke wie Geheimes oder Der Sänger, mit dem der Abend auch eröffnet wurde. Leider fiel mir jener Umstand unangenehm auf, dass insbesondere bei ruhigen und traurigen Liedern Mauro Peter nicht den nötigen und dafür angemessenen Habitus anzunehmen bereit war. Auch stimmlich wurde die große Tiefe der Texte und Melodien nicht unterstützt, sondern eine Spur zu heiter dargebracht. Während Lieder schnellen Taktes bzw. heitrer Stimmung vortrefflich und unterhaltsam gesungen wurden – e.g. Versunken, Erlkönig oder Rastlose Liebe – fehlte der notwendige Tiefgang u.a. bei Der König von Thule, Wer nie sein Brot mit Tränen aß und vor allem bei An die Entfernte! Gesanglich wurde eine große Leistung geboten, obgleich Leistung bekanntlich nicht per se Empfindung bedeuten muss.

Nach den drei Zugaben (zu denen erfreulicherweise auch Der Musensohn gehörte) würdigte das Publikum die Künstler mit stehenden Ovationen, die Mauro/Deutsch erfreuten und mich etwas überraschten. Vielleicht stand ja auch der Unterhaltungswert an jenem Abend im Mittelpunkt und nicht die Versenkung in die Abgründe des Menschseins und der düsteren Schönheit des Schmerzes. Wie es auch sein mag, es bleiben mir ja noch die rührenden Interpretationen von Dietrich Fischer-Dieskau und Christoph Genz – unterhaltsam war zudem der Abend allemal.

Ihr führt ins Leben uns hinein,
Ihr lasst den Armen schuldig werden,
Dann überlasst ihr ihn der Pein,
Denn alle Schuld rächt sich auf Erden.

(aus: Wer nie sein Brot mit Tränen aß)

Ein schwerer Abend

Schubert im Himmel war der Titel, unter dem recreation – GROSSES ORCHESTER GRAZ zwei Stücke Schuberts und ein Werk von Luciano Berios aufführte.

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Gerd Kühr (c) styriarte

Als Einstieg wurde Schuberts Overtüre zu Rosamunde, D 644 gewählt. Sie war es, die in zahlreiche Gesichter ein Lächeln zauberte. Nach jenem leidenschaftlichen und zu kreativen Empfindungen führenden Anfang, entführte man den nicht ganz vollen Stephaniensaal in eine Klangwelt, die so ganz anders – schwer – war. Das SOLO für Posaune und Orchester von Berio war es, dem der Besucher folgen musste – hinab in einen 20-minütigen Monolog zweier – eines aberwitzigen Posaunen- und Orchesterspiels. Ein großartig spielender Frederic Belli stand im Mittelpunkt dieses „Dialoges“.

Frederic Belli (c) styriarte

Frederic Belli (c) styriarte

Erleichtert, weil das Stück zu Ende war, verlasse ich den Saal. Berios SOLO hatte in mir jene zunächst verspürte Leichtigkeit hinweg gedrückt, gleichsam wie ein fallender Stein, der auf Watte landet. Mit der Gewissheit, dass nun wieder ein Werk von Schubert komme, gehe ich wieder zurück an meinen Platz.

Es war Schuberts Zehnte, die nun an der Reihe war. Dabei handelt es sich um eine Komplettierung von Brian Newbould, der in der Wiener Stadtbibliothek gefundene Fragmente einer großen D-Dur-Sinfonie vervollständigte. Sie war es, die, weil so sanft und leicht, jenen Stein wieder anhob.

Noch Tage später wirkt Berios SOLO mit Faszination auf mich ein – wie ein ungelöstes und vor allem schweres Rätsel, das mir recreation – GROSSES ORCHESTER GRAZ unter der Führung von Gerd Kühr auferlegt hat.

Weitere Konzerttermine im Rahmen der Styriarte findet man unter:
http://styriarte.com/recreation/