Ein schwerer Abend

Schubert im Himmel war der Titel, unter dem recreation – GROSSES ORCHESTER GRAZ zwei Stücke Schuberts und ein Werk von Luciano Berios aufführte.

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Gerd Kühr (c) styriarte

Als Einstieg wurde Schuberts Overtüre zu Rosamunde, D 644 gewählt. Sie war es, die in zahlreiche Gesichter ein Lächeln zauberte. Nach jenem leidenschaftlichen und zu kreativen Empfindungen führenden Anfang, entführte man den nicht ganz vollen Stephaniensaal in eine Klangwelt, die so ganz anders – schwer – war. Das SOLO für Posaune und Orchester von Berio war es, dem der Besucher folgen musste – hinab in einen 20-minütigen Monolog zweier – eines aberwitzigen Posaunen- und Orchesterspiels. Ein großartig spielender Frederic Belli stand im Mittelpunkt dieses „Dialoges“.

Frederic Belli (c) styriarte

Frederic Belli (c) styriarte

Erleichtert, weil das Stück zu Ende war, verlasse ich den Saal. Berios SOLO hatte in mir jene zunächst verspürte Leichtigkeit hinweg gedrückt, gleichsam wie ein fallender Stein, der auf Watte landet. Mit der Gewissheit, dass nun wieder ein Werk von Schubert komme, gehe ich wieder zurück an meinen Platz.

Es war Schuberts Zehnte, die nun an der Reihe war. Dabei handelt es sich um eine Komplettierung von Brian Newbould, der in der Wiener Stadtbibliothek gefundene Fragmente einer großen D-Dur-Sinfonie vervollständigte. Sie war es, die, weil so sanft und leicht, jenen Stein wieder anhob.

Noch Tage später wirkt Berios SOLO mit Faszination auf mich ein – wie ein ungelöstes und vor allem schweres Rätsel, das mir recreation – GROSSES ORCHESTER GRAZ unter der Führung von Gerd Kühr auferlegt hat.

Weitere Konzerttermine im Rahmen der Styriarte findet man unter:
http://styriarte.com/recreation/

Schubert im Himmel – Posaunen zwischen Diesseits und Jenseits

Die Zusammenstellung des Programms des im Rahmen von recreation dargebotenen Konzerts im Stefaniensaal mit dem populär anmutenden Titel Schubert im Himmel war durchaus gewagt: Zweimal wurde man akustisch aus eben erst erlangten Gefühlslagen geworfen, indem die Gegensätzlichkeit von Schuberts und Berios Werken drastisch zum Ausdruck kam (Romantik traf dabei diesseitige Gefühlskraft). Verbindend wirkte die Posaune, die in ihrer vielseitigen Verwendungsmöglichkeit dem Abend seine besondere Note verlieh.

Franz Schubert (c) styriarte

Franz Schubert (c) styriarte

Das Konzert begann mit Schuberts wundervoll pathetischer Ouvertüre (D 644) des romantischen Schauspiels Rosamunde, die ursprünglich für die zu Schuberts Lebzeiten nicht aufgeführte Oper Alfonso und Estrella komponiert worden war. Die sogleich Geist und Gemüt vereinnahmende Empfindsamkeit, die beim Genuss jenes Meisterwerks unwillkürlich aufkam, wurde im Anschluss durch Luciano Berios experimentierfreudiges SOLO für Posaune und Orchester allmählich abgeflacht. Man hatte das Gefühl, man würde aus jener eben noch erhebenden Lebensfreude in die trüben Abgründe weltlicher Tristesse hinabsteigen. Jene düstere Atmosphäre – die insbesondere durch den progressiven Einsatz der Posaune zustande kam – wirkte nahezu beklemmend. Vermutlich war es der starke Kontrast der beiden Werke, der diese eigenartige Wirkung mit sich brachte. Die empfundene Schönheit beim Hören der Ouvertüre wurde in langatmiger Art und Weise durch die von Frederic Belli gespielten Posaune zermürbt und abgetötet. Als endlich die Pause begann, war vom Zauber der ersten 10 Minuten nichts mehr zu spüren und man sah Zuhörer, die das ersehnte Ende mit Freude begrüßten. Luciano Berios SOLO war zwar überaus interessant (Frederic Belli brillierte mit seinem Instrument!), hätte aber wohl ein anderes Vorprogramm benötigt. Man mochte sich an die Berichte zur Uraufführung von Beethovens 8. Symphonie erinnert fühlen, die unter dem Eindruck der davor aufgeführten 7. Symphonie zu leiden hatte.

Nach der Pause wurde Schuberts Symphonie Nr. 10 (D 936A) in der Bearbeitung von Brian Newbould als krönender Abschluss des Konzertabends aufgeführt. Jene Symphonie verfasste Schubert in seinem Todesjahr, konnte sie jedoch nicht mehr selbst vollenden. Sie besteht lediglich aus drei Sätzen (u.a. fehlt ihr das Finale), die vom britischen Musikforscher Newbould nachträglich komplettiert wurden. Alles in allem beeindruckte die Symphonie durch jene tiefgehende Leichtigkeit, die vielen Werken Schuberts eigen ist. Allein der ergreifende 1. Satz (Allegro maestoso) rechtfertigte den Besuch! Am Ende konnte man, berührt vom eben gehörten, den Saal zufriedenen Blickes verlassen.

Die interessante Gestaltung des Konzertabends (durchaus nicht euphemistisch gemeint) führte jedenfalls schließlich dorthin, wohin sie vermutlich auch führen sollte: zum anschließenden Diskurs.

„Franz Schubert.SOAP“ – Styriarte

Die Styriarte eröffnete ihre diesjährige SOAP-Serie mit einem Programm in der Helmut-List-Halle, das sich ganz dem großen Romantiker Franz Schubert widmete.

Daniel Johannsen (c) Styriarte

Daniel Johannsen (c) Anette Friedel, Styriarte

Da streichen die Wölkchen so zart uns dahin,

Da heitern die Herzen, da klärt sich der Sinn

Im Grünen, im Grünen.

Mit dem Lied im Grünen stimmte Daniel Johannsen (Foto) den Abend an und präsentierte zugleich den roten Faden des Programms: Musik und Texte des berühmten Komponisten mit Bezug auf Natur, Verbundenheit und Reise. Der österreichische Tenor sang die durchwegs eher unbekannten Lieder Schuberts mit aufmerksamer Begleitung von Florian Birsak am Hammerflügel. Mit seiner Interpretation ging er besonders auf die Texte und den Hintergrund der Musik ein und erweckte mit seinem ganzen Auftritt den Eindruck eines lebensfrohen, vor Inspiration sprühenden Franz Schubert.

Der andere Protagonist des Abends war der Schauspieler Cornelius Obonya. Mit Briefen und Reiseberichten Schuberts zeigte er eine ganz andere Seite des Mannes, der doch vor allem für seine sensible Liedkunst bekannt ist. Den detaillierten Landschaftsbeschreibungen und kleinen Geschichten aus dem Alltag hauchte Obonya mit seiner warmen, rauen Bassstimme den Zauber vergangener Tage ein. Auch er im historischen Kostüm, unterstütze das von der Musik erzeugte Ambiente und machte es noch „romantischer“.

Auch die übrigen Mitwirkenden des Konzertes waren allesamt erstklassig: Das Männerensemble des Arnold Schönberg Chors steht mit seinem Namen für eine Qualität, die es einzuhalten verspricht. Stücke wie Naturgenuss sangen sie unter der Leitung von Erwin Ortner, der ohne Noten aber mit viel Elan dirigierte. Besonders berührend waren auch die Instrumentalkompositionen des Abends, darunter ein 4-händiges Stück für Hammerflügel und zwei Werke für Klaviertrio. Letztere waren zu hören vom ensemble federspiel, das dem Publikum nicht zum ersten Mal einen schönen Abend bei der Styriarte bescherte. Beim berühmten Notturno bewiesen sie, wie lebhaft die Kombination ihrer drei Instrumente klingen kann und die einzelnen Stimmen selbst bei den leisen pizzicato Stellen der Streicher wundervoll harmonieren.

Wie nicht anders zu erwarten, vergingen die fast drei Stunden wie im Flug. Zur Volksbelustigung gab es noch eine Außenwette aus Schloss Wildbach (moderiert von Thomas Höft), deren Sinnhaftigkeit für den Abend vielleicht etwas klarer hätte erklärt werden sollen. Ansonsten eine absolut gelungene Kombination aus Musik, Geschichte und Unterhaltung!

Nähere Informationen zu den weiteren SOAPS und zur Styriarte unter:

http://styriarte.com