Sah ein Knab‘ ein Röslein stehn – Liederabend mit Schubert und Goethe

Im Stefaniensaal fand am 19. November der 2. Liederabend des Musikvereins Graz statt, den Mauro Peter (Tenor) gemeinsam mit dem Pianisten Helmut Deutsch gestaltete. Sämtliche Lieder entstammten der Feder Franz Schuberts, wobei sich zudem ausschließlich auf Lieder zu Goethe-Gedichten konzentriert wurde. Obgleich jene Einschränkung des hunderte Werke umfassenden Liederrepertoires Schuberts die Auswahl bekannter und/oder besonders hervorstechender Kompositionen vereinfacht haben dürfte, musste so manches Lied (u.a. Prometheus oder An Schwager Kronos, die lt. Peter besser mit Baritonstimme klingen) an jenem Abend ausbleiben.

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Mauro Peter und Helmut Deutsch (c) Musikverein Graz

Insgesamt wurden 18 Lieder (und drei Zugaben) dargeboten, darunter die allseits bekannten Kompositionen An den Mond, Der Fischer, Ganymed oder Wanderers Nachtlied II und auch mir unbekannte Werke wie Geheimes oder Der Sänger, mit dem der Abend auch eröffnet wurde. Leider fiel mir jener Umstand unangenehm auf, dass insbesondere bei ruhigen und traurigen Liedern Mauro Peter nicht den nötigen und dafür angemessenen Habitus anzunehmen bereit war. Auch stimmlich wurde die große Tiefe der Texte und Melodien nicht unterstützt, sondern eine Spur zu heiter dargebracht. Während Lieder schnellen Taktes bzw. heitrer Stimmung vortrefflich und unterhaltsam gesungen wurden – e.g. Versunken, Erlkönig oder Rastlose Liebe – fehlte der notwendige Tiefgang u.a. bei Der König von Thule, Wer nie sein Brot mit Tränen aß und vor allem bei An die Entfernte! Gesanglich wurde eine große Leistung geboten, obgleich Leistung bekanntlich nicht per se Empfindung bedeuten muss.

Nach den drei Zugaben (zu denen erfreulicherweise auch Der Musensohn gehörte) würdigte das Publikum die Künstler mit stehenden Ovationen, die Mauro/Deutsch erfreuten und mich etwas überraschten. Vielleicht stand ja auch der Unterhaltungswert an jenem Abend im Mittelpunkt und nicht die Versenkung in die Abgründe des Menschseins und der düsteren Schönheit des Schmerzes. Wie es auch sein mag, es bleiben mir ja noch die rührenden Interpretationen von Dietrich Fischer-Dieskau und Christoph Genz – unterhaltsam war zudem der Abend allemal.

Ihr führt ins Leben uns hinein,
Ihr lasst den Armen schuldig werden,
Dann überlasst ihr ihn der Pein,
Denn alle Schuld rächt sich auf Erden.

(aus: Wer nie sein Brot mit Tränen aß)

Ein schwerer Abend

Schubert im Himmel war der Titel, unter dem recreation – GROSSES ORCHESTER GRAZ zwei Stücke Schuberts und ein Werk von Luciano Berios aufführte.

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Gerd Kühr (c) styriarte

Als Einstieg wurde Schuberts Overtüre zu Rosamunde, D 644 gewählt. Sie war es, die in zahlreiche Gesichter ein Lächeln zauberte. Nach jenem leidenschaftlichen und zu kreativen Empfindungen führenden Anfang, entführte man den nicht ganz vollen Stephaniensaal in eine Klangwelt, die so ganz anders – schwer – war. Das SOLO für Posaune und Orchester von Berio war es, dem der Besucher folgen musste – hinab in einen 20-minütigen Monolog zweier – eines aberwitzigen Posaunen- und Orchesterspiels. Ein großartig spielender Frederic Belli stand im Mittelpunkt dieses „Dialoges“.

Frederic Belli (c) styriarte

Frederic Belli (c) styriarte

Erleichtert, weil das Stück zu Ende war, verlasse ich den Saal. Berios SOLO hatte in mir jene zunächst verspürte Leichtigkeit hinweg gedrückt, gleichsam wie ein fallender Stein, der auf Watte landet. Mit der Gewissheit, dass nun wieder ein Werk von Schubert komme, gehe ich wieder zurück an meinen Platz.

Es war Schuberts Zehnte, die nun an der Reihe war. Dabei handelt es sich um eine Komplettierung von Brian Newbould, der in der Wiener Stadtbibliothek gefundene Fragmente einer großen D-Dur-Sinfonie vervollständigte. Sie war es, die, weil so sanft und leicht, jenen Stein wieder anhob.

Noch Tage später wirkt Berios SOLO mit Faszination auf mich ein – wie ein ungelöstes und vor allem schweres Rätsel, das mir recreation – GROSSES ORCHESTER GRAZ unter der Führung von Gerd Kühr auferlegt hat.

Weitere Konzerttermine im Rahmen der Styriarte findet man unter:
http://styriarte.com/recreation/

Schubert im Himmel – Posaunen zwischen Diesseits und Jenseits

Die Zusammenstellung des Programms des im Rahmen von recreation dargebotenen Konzerts im Stefaniensaal mit dem populär anmutenden Titel Schubert im Himmel war durchaus gewagt: Zweimal wurde man akustisch aus eben erst erlangten Gefühlslagen geworfen, indem die Gegensätzlichkeit von Schuberts und Berios Werken drastisch zum Ausdruck kam (Romantik traf dabei diesseitige Gefühlskraft). Verbindend wirkte die Posaune, die in ihrer vielseitigen Verwendungsmöglichkeit dem Abend seine besondere Note verlieh.

Franz Schubert (c) styriarte

Franz Schubert (c) styriarte

Das Konzert begann mit Schuberts wundervoll pathetischer Ouvertüre (D 644) des romantischen Schauspiels Rosamunde, die ursprünglich für die zu Schuberts Lebzeiten nicht aufgeführte Oper Alfonso und Estrella komponiert worden war. Die sogleich Geist und Gemüt vereinnahmende Empfindsamkeit, die beim Genuss jenes Meisterwerks unwillkürlich aufkam, wurde im Anschluss durch Luciano Berios experimentierfreudiges SOLO für Posaune und Orchester allmählich abgeflacht. Man hatte das Gefühl, man würde aus jener eben noch erhebenden Lebensfreude in die trüben Abgründe weltlicher Tristesse hinabsteigen. Jene düstere Atmosphäre – die insbesondere durch den progressiven Einsatz der Posaune zustande kam – wirkte nahezu beklemmend. Vermutlich war es der starke Kontrast der beiden Werke, der diese eigenartige Wirkung mit sich brachte. Die empfundene Schönheit beim Hören der Ouvertüre wurde in langatmiger Art und Weise durch die von Frederic Belli gespielten Posaune zermürbt und abgetötet. Als endlich die Pause begann, war vom Zauber der ersten 10 Minuten nichts mehr zu spüren und man sah Zuhörer, die das ersehnte Ende mit Freude begrüßten. Luciano Berios SOLO war zwar überaus interessant (Frederic Belli brillierte mit seinem Instrument!), hätte aber wohl ein anderes Vorprogramm benötigt. Man mochte sich an die Berichte zur Uraufführung von Beethovens 8. Symphonie erinnert fühlen, die unter dem Eindruck der davor aufgeführten 7. Symphonie zu leiden hatte.

Nach der Pause wurde Schuberts Symphonie Nr. 10 (D 936A) in der Bearbeitung von Brian Newbould als krönender Abschluss des Konzertabends aufgeführt. Jene Symphonie verfasste Schubert in seinem Todesjahr, konnte sie jedoch nicht mehr selbst vollenden. Sie besteht lediglich aus drei Sätzen (u.a. fehlt ihr das Finale), die vom britischen Musikforscher Newbould nachträglich komplettiert wurden. Alles in allem beeindruckte die Symphonie durch jene tiefgehende Leichtigkeit, die vielen Werken Schuberts eigen ist. Allein der ergreifende 1. Satz (Allegro maestoso) rechtfertigte den Besuch! Am Ende konnte man, berührt vom eben gehörten, den Saal zufriedenen Blickes verlassen.

Die interessante Gestaltung des Konzertabends (durchaus nicht euphemistisch gemeint) führte jedenfalls schließlich dorthin, wohin sie vermutlich auch führen sollte: zum anschließenden Diskurs.