Die Freiheit, ein Menschenrecht?

Für die Performance „Sicherheit statt Freiheit? Graz und die Menschenrechte 2“ hat Clemens Bechtel ein Rechercheprojekt in den Grazer Justizvollzugsanstalten Jakomini und Karlau umgesetzt.

Stille. An einer Galerie stehen die BesucherInnen aufgereiht und blicken auf die Installation aus Gitterstangen und Plastikfolien hinab, die an ein Gefängnis erinnert. Ein bedrückender und minimalistischer Raum, in dem eine männliche Gestalt entkräftet umherirrt.

Sukzessive wird das Publikum in die Installation geführt. Jede/r bekommt einen kleinen schwarzen Hocker mitten im Bühnenraum zugewiesen. Von der Begleitung wird man getrennt; von den DarstellerInnen mit eiskaltem Blick flankiert. Und wieder, Stille.

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Was passiert mit einem Menschen, wenn er oder sie der Freiheit beraubt wird? (Foto: Lupi Spuma)

Entführung aus dem Alltag

Zurück zum Anfang: Im Bus fahren die ZuschauerInnen vom Schauspielhaus bis zum Schaumbad Graz, einem freien Atelierhaus mitten im Industriegebiet. Mit Kopfhörern lauscht man einer Erzählung von Michel Foucault. Es ist, als würde man in einer kleinen Blase durch die Stadt schweben – die gewohnten Geräusche sind ausgeblendet und durch die Geschichte über eine grausame Hinrichtung ersetzt. Der Anblick der Justizvollzugsanstalt Karlau rückt mit einer Geschichte eines Insassen im Ohr in ein noch bedrohlicheres Licht – bis man schließlich selbst ankommt und in den performativen Käfig hinabsteigt.

Worte – Fragen – Freiheit

Nacheinander lesen die SchauspielerInnen (Oliver Chomik, Gideon Moaz, Patrick Schlegel, Tamara Semzov, Heiko Senst, Silvana Veit) Fragmente aus den Interviews mit Häftlingen und Bediensteten vor. Sie erwecken banale Fragen zum Leben, die man sich in Freiheit nie stellen würde: Was nimmt man eigentlich mit ins Gefängnis? Wie dekoriert man sein Zimmer?

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Tamara Semzov liest Interviews von Häftlingen. (Foto: Lupi Spuma)

Aber auch Ernstere werden gestellt: Wie alt wird mein Kind sein, wenn ich rauskomme? Wer trägt wie viel Schuld? Ist das System restriktiv genug? Ist es überhaupt möglich, wieder in die Freiheit und in ein normales Leben zurückzukehren, nachdem man in diesem Maße entmündigt wurde?

„Er verlor nicht nur die Freiheit, sondern auch die Ehre. Er verlor das Ich.“

Die Worte der DarstellerInnen laufen im Endeffekt auf eine zentrale Frage hinaus: Ist die Freiheit ein Menschenrecht? Ein beeindruckendes Rechercheprojekt, das künstlerisch fein umgesetzt wurde und eine Problematik in den Fokus rückt, die oft beiseitegeschoben wird.

Mehr Informationen gibt es HIER.

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Do not Cross the YELLOW LINE

Eine Kuh, die vom Himmel fällt. Ein lybischer Schiffbrücher, der von Frontex aufgegriffen kein Asyl in Europa will, sondern die Rückführung in die Heimat. Ein pauschalurlaubender Protestkünstler, ein Programm zur Optimierung von Milchleistung und Herdenmanagement. Und mittendrin der Irrglaube an die Freiheit. Jan Stephan Schmieding hat sich Juli Zehs und Charlotte Roos‘ verstörend komischer Geschichte über Flucht, Aktionismus, Freiheit und Sehnsucht angenommen.

(c) Lupi Spuma

(c) Lupi Spuma

Der Kuh, die stellvertretend für die Ökonomisierung des Individuums steht, gelingt vermeintlich, was vielen von uns nicht mehr zu gelingen scheint: Flucht aus dem hier und jetzt, aus den Zwängen unserer Zeit. Tagelang genießt sie die Freiheit, bis sie wieder gestellt wird. Um Individuen wieder in die Gesellschaft von Funktionieren und Produzieren zurückzuführen, werden ethisch zweifelhafte Methoden angewandt. Uns wird misstraut, sobald wir angeben glücklich zu sein. Uns wird misstraut, sobald wir Regeln in Frage stellen. Ob es nun der Rhythmus des Pauschalurlaubs (Fressen, Pool, Fressen, Pool, Fressen, Saufen) ist oder das übertreten einer gelben Linie, die auf den Boden gezeichnet ist. Warum respektieren wir auf den Boden gemalte Linien als Autorität? Warum gefällt es uns in einem Urlaubsresort in Entwicklungsländern eingesperrt zu sein, damit wir uns um nichts Gedanken machen müssen? Wo doch gerade hier das Denken einsetzen sollte! Wir verkaufen uns und unsere Werte und Errungenschaften. Aus Bequemlichkeit. Und geben der Illusion nach, dass wir hierbei an Luxus gewinnen. Aber verlieren wir nicht viel mehr?

Insgesamt ein Stück, dass zum Nachdenken anregt und welches hervorragend inszeniert ist. Wobei man fragen darf und muss, warum in gefühlt jedem dritten Stück Schauspieler*innen ihre Oberkörper entblößen müssen. Notwendig war es Falle von Vera Bommer jedenfalls nicht.

Weitere Informationen zu Besetzung und Terminen auf den Seiten des Schauspielhauses: www.schauspielhaus-graz.com