Wien: W. A. Mozart in Studenten-WG aufgefunden – Herr Mozart wacht auf

BILD:  Martin Niederbrunner, Christoph Steiner, Michael Großschädl © Lupi Spuma

Mozart lebt! Nein, nein nicht Elvis! Es ist Mozart, der im Next Liberty unter der Regie von Alexander Medem zum Leben erweckt wird, denn in dem Stück „Mozart wacht auf“ von Eva Baronsky dürfen alle ab 12 den wiedererweckten Komponisten in rosa Plüschpantoffeln durch Wien begleiten. 

Ein Morgen wie jeder andere nach einer Party in einer Studenten-WG in Wien. Es wird aufgeräumt und notdürftig geputzt. Doch dann finden die Studenten (gespielt von Martin Niederbrunner und Christoph Steiner) einen Gast der letzten Nacht im Bett ihrer Mitbewohnerin vor. Nach einem schnellen Pulscheck ist klar – er lebt! Das heißt, er kann auch beim Putzen mithelfen. Als der vermeintliche Gast (gespielt von Michael Großschädl) aufwacht, schaut er verwirrt um sich und betrachtet jeden Gegenstand im Raum, als hätte er ihn zum ersten Mal gesehen. Er murmelt etwas von Paradies und behauptet dann felsenfest der verstorbene Wolfgang Amadeus Mozart zu sein. Den Studenten ist klar: der hat anscheinend noch was intus. Schnurstracks wird der Verrückte auf die Straße gesetzt und die Aufräumarbeiten werden fortgesetzt.

In der Wiener Innenstadt kämpft sich nun der Neuling ganz verloren durch die Menschenmassen bis ihn eine Melodie Hoffnung gibt. Ein Straßenmusiker entzückt den verstorbenen Komponisten und er sucht das Gespräch. Bei ihm findet er Zuflucht und lernt das 21ste Jahrhundert näher kennen. Unter dem Decknamen Wolfgang Mustermann komponiert er ein kleines Stück für eine Jazz-Sängerin, die ihn im Blue Notes (einem Jazz Café) verzaubert. Es scheint alles gut zu gehen, bis er sich seiner jungen Geliebten offenbart und seine wahre Identität preisgibt.

Nach einem Unfall wird Mozart in eine Nervenanstalt gebracht und festgehalten. Er glaubt, sein einziger Weg zurück in seine Zeit sei es, seine letzte Sonate fertigzustellen, jedoch ergreift ihn der Wahnsinn. Nach einiger Zeit besuchen ihn der Straßenmusiker und die Jazz-Sängerin und begreifen, dass man Mozart so nehmen muss, wie er ist und überreden den Komponisten, noch eine Weile im 21sten Jahrhundert zu bleiben.

Das Stück „Herr Mozart wacht auf“ von Eva Baronsky wurde nach ihrem gleichnamigen Roman angefertigt. Die Idee eines Zeitreisenden ist schon öfters in verschiedenen Formen in der Literatur aufgekommen, jedoch verzückt dieses Stück mit seinem österreichischen Touch. Nicht nur inhaltlich wird Wien hervorragend präsentiert, sondern auch sprachlich kommt Mundl-Feeling auf. Auch die Korrelation zwischen dem Wiener Deutsch aus Mozarts Zeiten und dem aus dem 21sten Jahrhundert unterhalten das Publikum, jedoch scheinen einige Kraftausdrücke und derbe Anspielungen in einem Kindertheater etwas fehl am Platz .

Das Bühnenbild (von Katharina Heistinger) ist etwas Besonderes, denn Prismen bespannt mit bemalten Leinwänden stellen verschiedene Orte mit nur wenigen Drehungen dar.  Auch das Bett und das Klavier werden wie durch Magie auf selbstfahrenden Podesten bewegt. Die Kostüme lassen Mozarts Mode mit Bohoo-Studenten-Style verschmelzen und im zweiten Teil des Stückes lassen surreale, bunte Kostüme den Zuschauer die Perspektive Mozarts nachempfinden.

Inhaltlich regt das Stück zum Nachdenken an, denn das Fremdsein in einem Land trifft nicht nur auf Zeitreisende zu. Das Stück zeigt auf, dass manchmal Menschen, die am wenigsten haben, am meisten geben, denn wie der Straßenmusiker auch am eigenen Leib erfahren hat, ist es für Neulinge in einer Stadt sehr schwer.

Ein empfehlenswertes Stück, das noch bis Juni im Next Liberty zu sehen ist.

Der Horror unter dem eigenen Dach

In „Bernarda Albas Haus“ erzählt der spanische Revolutionär Federico García Lorcas (1898-1936) von einem autoritären Regime im Mikrokosmos einer Familie. Regisseur Thomas Schulte-Michels präsentiert die „Frauentragödie in spanischen Dörfern“ mit einem bestens eingespielten Ensemble am Haus Eins des Schauspielhaus Graz.

Bernarda Albas (Christiane Roßbach) zweiter Ehemann ist verstorben. Das bedeutet für sie, ihre fünf Töchter, die Magd und die Großmutter eine acht Jahre lange Trauerzeit in vollkommener häuslicher Isolation. Bernarda beugt sich nicht nur dem katholizistisch-konservativen Machtsystem im Spanien der 30er-Jahre, sondern wird selbst zur größten Erhalterin dessen und erschafft ein Terror-Regime in ihren vier Wänden, indem sie nach außen hin die Verbindungen kappt und innen Zwietracht sät. Unterstützt wird sie dabei von der unterwürfigen Magd La Poncia, in deren Rolle Julia Gräfner einmal mehr begeistert.

Die Opfer dieser Diktatur sind keine geringeren als Bernardas eigene Töchter. Nur Opfer werden diese jedoch nicht bleiben: Jede der jungen Frauen sucht einen individuellen Weg aus dem häuslichen Gefängnis. Der Ältesten, Angustias (Nanette Waidmann), eröffnet ihr beträchtliches Erbe eine Ehe mit Pepe el Romano, einem Mann aus dem Dorf. Das würde für sie den Ausweg bedeuten, doch auch ihre Schwestern Adela (Maximiliane Haß) und Martirio (Henriette Blumenau) hegen Gefühle für ihn. Die Magd kündigt das Unheil frühzeitig an, doch die Mutter hält ihre Augen fest geschlossen. Getrieben von Neid und Kontrollsucht werden die Frauen zu ihren eigenen größten Feindinnen und richten sich schließlich gegenseitig.

e5f9fee8-9264-4135-bde7-ef395f9bd5fe

(c) Lupi Spuma (2)

 

Im kargen Raum der schwarzen, runden Bühne (Robert Schweer), gepaart mit dunklen Kostümen und beklemmender Musik, liegt mächtig Spannung in der Luft. Das einzige in diesen kurzweiligen 80 Minuten, das Fragen offen lässt, ist Gerhard Balluch als verstörte Großmutter, die ab und an mal, scheinbar ohne rechten Grund, im alten Brautkleid und mit viel zu viel Rouge auf den Wangen auftaucht. Das Ensemble zeigt auf der Bühne eine einwandfreie Zusammenarbeit, gleichzeitig hat jede Schauspielerin auch große persönliche  Momente. So soll es, wie uns dieses Stück in Zeiten von #metoo und Co. zeigt, nicht bloß auf der Bühne sein: Nur mit gegenseitiger Unterstützung und Solidarität kann ein restriktives System zu Fall gebracht werden. Hingehen, ansehen, dazulernen, genießen!

„Bernarda Albas Haus“ ist noch bis 27. März im Haus Eins des Schauspielhaus Graz zu sehen.