Ein grauer Onegin

In einer schlichten Szenerie und teils irritierender Regie zeigt die Grazer Oper eines der berühmtesten Bühnenwerke von Peter I. Tschaikowski: Eugen Onegin. Die musikalische Umsetzung erschien souverän.

(c) Werner Kmetitsch

Der Vorhang hebt sich und eine weiß sterile Vertäfelung mit überdimensionierter Holzstruktur formt einen Raum. Vier Frauen an einem langen Tisch bevölkern ihn und sticken auf dem weißen Tischtuch. Letzteres ist das Hauptrequisit der Produktion und wird im Verlauf der Handlung noch zu einer Bettdecke, einem Brautschleier und einem Brief. Wie der Raum ist auch sonst der Einsatz von Requisiten spärlich, als Ausgleich zeigen sich die aufwendigen Kostüme in den unaufdringlichen Farben. Weniger ist mehr, scheint sich optisch als Konzept durchzuziehen, das „Weniger“ wird hingegen in mehrfacher Ausführung effektvoll präsentiert. Wenn die Liebespaare sich am Ball tanzend drehen, zwischen Lust, Eifersucht und Verzweiflung wandelnd, tritt der Chor der Oper Graz als Vervielfachung der vier Hauptcharaktere auf.
Die Regie setzt sich über die Kühle der Szenerie hinweg und diktierte mehrere hitzige Momente zwischen den Akteuren. Wer die literarische Vorlage von Puschkin gelesen hat, ist vom Libretto der Oper und der Grazer Interpretation stellenweise irritiert. Wieso etwa muss Onegins Flirt mit Olga so überzeichnet werden? Warum die Änderung der Geschichte als Lenski die Pistole nicht an Onegins, sondern an seinen eigenen Kopf hält? Auch der große Wandel Tatjanas im letzten Akt ist kaum bemerkbar. Dasselbe Kostüm, dieselbe demütige Haltung und Unsicherheit lassen die Wende von Onegins Gefühlen ihr gegenüber nur schwer nachvollziehen.

(c) Werner Kmetitsch

Musikalisch zeigte sich das Grazer Ensemble wie so oft souverän. Der energischen Führung der Chefdirigentin Oksana Lyniv folgte das Grazer Philharmonische Orchester zumeist schon mit großer Präsenz. Das Klanggeflecht Tschaikowskis zeigt sich gleich zu Beginn mit dem Quartett der Frauenstimmen interessant komplex, an dramatischeren Stellen überrascht die heitere Kompositionsweise aber immer wieder. Ernstlich düstere Stimmung kommt nur in der Duellszene zwischen Lenski und Onegin auf. Pavel Petrov glänzte nach seiner Partie als Rodolfo nun in der Rolle des Lenski. Im Piano ließ er durch geschmeidige Bögen aufhorchen, in seinen Liebesbekundungen musste man die Leidenschaft nicht missen. Die Titelpartie übernahm der junge polnische Bariton Dariusz Perczak. Im ersten Akt schien er seine Reserven noch zu sparen, erzeugte mit seinem schnurrenden Klang aber stets Spannung. Seine Partnerin Oksana Sekerina bewies eine feine und wohl differenzierte Tatjana. Ihr Sopran bekam im Laufe der Oper auch in der Tiefe mehr Fülle. Yuan Zhang als Olga, Christina Baader als Larina und Elisabeth Hornung in der Rolle der Filipjewna bewiesen starke Frauenstimmen.

Weitere Informationen zur Produktion unter:
https://www.oper-graz.com/production-details/eugen-onegin

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