Was sich liebt, das neckt sich

Er kann nicht darüber reden, sie weiß nicht, so wie anfangen soll: Wie Mann und Frau in beziehungstechnischer Hinsicht anders denken und kommunizieren, zeigt die herrlich unterhaltsame Adaptierung von Daniel Glattauers Roman „Die Wunderübung“ im Schauspielhaus Graz.

Eine Paartherapie ist keine leichte Sache, insbesondere nicht, wenn nach jahrzehntelangen Streitigkeiten und polemischen Diskussionen die Fronten eisenhart verhärtet sind. Aber die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt. So wagen auch Joana und Valentin Dorek, deren 20-jährige Ehe „nicht mehr in der besten Phase ist“, den Schritt zum Paartherapeuten Herrn Magister Harald, um doch noch zu versuchen, einen Schritt „in eine friedliche Richtung“ zu setzen. Doch die verschiedensten Übungen, die der Paartherapeut ihnen vorschlägt, erweisen sich als eher kontraproduktiv. Immer mehr scheint Mag. Harald den Überblick und die Kontrolle über die Therapiesitzung zu verlieren. Ja, die Rollenverteilung zwischen Patient und Therapeut scheint sich sogar umzudrehen, als sich plötzlich (zu plötzlich?) herausstellt, dass anscheinend auch bei Herrn Mag. Harald der Haussegen schief steht. Letzterem scheint nichts mehr übrig zu bleiben, als zu kapitulieren. Denn am Ende wissen alle: Es braucht auch Ecken und Kanten im Leben, und vor allem in der Liebe!

wunderübrungDIE WUNDERÜBUNG Margarethe Tiesel, Johannes Silberschneider, Franz Solar      (c) Lupi Spuma

Kein anderer österreichischer Autor kann über die Mann-Frau-Beziehung so herrlich unterhaltsam und mit so viel geistreichem Wortwitz schreiben wie Daniel Glattauer, dem es immer wieder gelingt, die tragikomischen Bewegungen eines Paares wie aus dem Lehrbuch abzubilden, aber trotzdem nicht in abgedroschene Klischees zu verfallen.

Regie führte Mario Matthias, der ganz richtig den Schwerpunkt auf die schauspielerische Leistung des formidablen Trios Margarethe Tiesel (Joana Dorek), Franz Solar (Valentin Dorek) und Johannes Silberschneider (Magister Harald) gesetzt hat. Im Übrigen wurde bühnentechnisch auf Schnickschnack verzichtet . Das Bühnenbild (Franz Holldack) folgte dem Motto Weniger ist Mehr: Es war gekonnt einfach und zurückhaltend gestaltet, um nicht von der schauspielerischen Glanzleistung der drei Darsteller abzulenken (NB: Tiesel und Solar sind auch im wahren Leben verheiratet!). Persönlicher Star des Abends war Silberschneider, der den Therapeuten besonders glaubwürdig und zugleich sehr menschlich und einfühlsam interpretierte.

So manche Person im Publikum wird sich im Laufe des Abends an der einen oder anderen Stelle im Stück sicher wiedererkennen. Denn die „Wunderübung“ sorgt nicht nur für herzhaftes Lachen und permanentes Schmunzeln, sondern sagt vor allem eins: Selbsterkenntnis ist (oder wäre zumindest) der erste Weg zur Besserung.

Ein sehr empfehlenswertes und äußerst unterhaltsames Stück – wiederzusehen im März 2018 (nähere Informationen dazu hier).

Advertisements

„Geidorf’s Eleven“: Die Fassaden sind schön – doch dahinter kriselt es gewaltig

 

Privatpersonen, Unternehmen, Staaten – die ganze Welt scheint in Schulden zu versinken. Auch Geidorf, der wohl bei Jung und Alt beliebteste Bezirk der steirischen Landeshauptstadt, steht nicht nur für Villen am Rosenhain, Hilmteich, Elisabethstraße oder die Uni, sondern bekommt ebenso seine Finanzkrise zu spüren. „Geidorf’s Eleven“ wirft unter der Regie von Helmut Köpping (Theater im Bahnhof) einen ungehemmten Blick hinter die scheinheiligen Fassaden.

Sechs befreundete Frauen, die ihren eigenen Regeln folgen und sich der Außenwelt gegenüber für nichts entschuldigen müssen, vereint ein gemeinsames Problem: Geld. Mit geistreichem Witz, Humor und sportlichem Einsatz versuchen sie ihre privaten Finanzprobleme zu bearbeiten. Dabei brechen sie sowohl als Figuren als auch als Darstellerinnen immer mehr aus den konventionellen Strukturen heraus, sei es durch den sprunghaften Wechsel von Bühnendeutsch zu Dialekt, die Vermischung von Fiktions- und Realitätsebene oder die Auflösung der vierten Wand. Überraschungen gibt es immer wieder aufs Neue und bis zum Ende muss das Publikum gespannt bleiben, für welche Dame der letzte Match-Point fällt.

Unbenannt(c) Johannes Gellner

Zweifelsohne überzeugen die sechs multitalentierten Darstellerinnen – Vera Bommer, Beatrix Brunschko, Pia Hierzegger, Gabriela Hiti, Silvana Veit und Martina Zinner – in ihren darstellerischen, musikalischen und sportlichen  Rollen [NB: Die Darstellerinnen wurden freilich in ihren Tischtenniskünsten trainiert]. Die Ensemblekooperation zwischen Schauspielhaus und Theater im Bahnhof erweist sich als knackige Mischung, die mit Kampfgeist und Frauenpower das Stück hindurch für Unterhaltung sorgt.

Auch wenn im Zuge der Spiele das Stück eine eigene Dynamik entwickelt (Ping, pong, ping, Scheiße!, ping, pong, 4 zu 3, ping, pong, ping, Netz!), mag die Handlung letztendlich auf das Publikum recht wankelmütig wirken. Freilich kann darin eine Wiedergabe der Absurditäten unserer Gesellschafts- und Wirtschaftsregeln gesehen werden. Die Grenzen des Stücks werden im letzten Drittel der Spielzeit aber spür- und sehbar: Die volle Wirkung der an sich mitreißenden Performance scheitert dann, wenn sich das beteiligungsmüde Publikum nicht traut, das Risiko des Spiels zu erfahren und die ansonsten passive Zuschauerrolle etwas zu verlassen. Dann bleibt als großes Fragezeichen im Raum, worauf der Abend eigentlich hinaus wollte. Daran kann auch der knappe Versuch, den namensgebenden Hollywoodfilm „Ocean’s Eleven“ zu parodieren, nicht viel ändern. Nichtsdestotrotz bringt „Geidorf’s Eleven“ frischen Wind ins Schauspielhaus und in die verstaubten Räume der gutbürgerlichen Gesellschaft.

Die Schuldenperformance ist in der laufenden Spielzeit noch dreimal zu sehen (Infos dazu hier).

Zu Besuch im glitzer-pinken Ballett-Wunderland

Vergangenen Montag richteten sich alle Blicke auf den Nachwuchs der Grazer Ballett-Szene: Die Opernballettschule lud zur alljährlichen Großen Gala mit viel pinkem Tüll und Glitzer.

Ein Jahr voll eisernem Durchhaltevermögen in Spitzenschuhen und Schläppchen neigt sich dem Ende zu. Mit dem Schuljahr endet auch der Unterricht in der Opernballettschule in Graz, und das im ganz großen Stil: Auf der Bühne des Opernhauses durften die Elevinnen und Eleven (davon zwei an der Zahl, um genau zu sein) ihr tänzerisches Jahresprodukt präsentieren. Wie man sieht, haben sich Schweiß und Blut der letzten Monate mehr als ausgezahlt.

Mit einer Modern-Choreographie von Diana Ungureanu eröffneten die Jungtalente den späten Nachmittag vor einer Ballettsaal-Kulisse mit Barres und aufgehängten Kostümen.  Nach einer kurzen Stepp-Nummer war es Zeit für Höhepunkt des Abends – dem romantischen Ballett „Paquita“ von Pierre Lacotte, Marius Petipa und Joseph Mazilier. Die beiden Lehrerinnen Ungureanu und Andrea Krauß kreierten daraus eine Suite, in der alle Altersgruppen – vom Mini bis hin zur ersten Solistin – glänzen konnten.

Zugegeben: Die schiere Menge an der Farbe Pink, gepaart mit Glitzer-Halsketten und Krönchen, drohte kurz zu erschlagen. Überscheint wurde sie jedoch von der Anstrengung und dem Talent der Elevinnen und Eleven. Variation über Variation präsentieren sie die schönsten Momente aus dem Ballett, mal mit Schellenkranz und Charakter-Einschlag, mal klassisch am Ballett gehalten; mal die ganz Kleinen, mal die Großen.

Zukunftshoffnungen im Mittelpunkt

Am hellsten glitzerte nicht nur vom Kostüm her die Solistin Laura Konrad. Jedes der vielen Soli, jede Gruppennummer und auch das Pas de deux durchtanzt sie, ohne auch nur einmal zu straucheln. Glitzer, wem Glitzer gebührt! Hier darf man wohl eine erfolgreiche Zukunft voraussagen.

Á propos Pas de deux: Zu einem Paartanz gehört natürlich ein Partner, in diesem Fall Andres Mora Gonzales, der sich als einziger Mann (neben dem Burschen aus der jüngsten Klasse) im Tutu-Gewimmel sichtlich wohlfühlt. Zuverlässig hebt er, springt er und dreht er seine Pirouetten, immer ein Lächeln auf dem Gesicht. Ein talentierter junger Mann, von dem man ebenfalls noch einiges erwarten darf. Schade jedoch, dass die Ballettszene nach wie vor so stark weiblich dominiert ist – und es mit der Geschlechter-Umverteilung in den jüngsten Klassen wohl auch noch länger sein wird.

Nichtsdestotrotz ein schön inszenierter Abend, an dem die jungen Talente sich präsentieren und profilieren konnten. Nicht nur die Eltern werden die Große Ballettgala der Opernballettschule Graz 2017 in guter Erinnerung halten.

Mehr Informationen: http://www.oper-graz.com/news-details/groe-gala-der-opernballettschule