Zeig mir deinen Schuh und ich sag dir, wer du bist!

Vorhang auf für Cinderella. Welches Kind kennt es nicht? Die Geschichte von Cinderella, dem Mädchen, welches sich seiner angeheirateten Familie beugen muss, am Ende jedoch das Glück samt der Liebe ihres Lebens findet. Am Donnertsag feierte das Ballett, choreographiert von Beate Vollack, seine Premiere in der Grazer Oper. Cinderella, Prinz Charming, die böse Stiefmutter und Co. tanzen dabei zu den Klängen von Sergej Prokofjew. 

Statt Linsen zu zählen, leidet Cinderella unter einem Tanzverbot. Auferlegt wurde ihr dies von ihrer Stiefmutter (sehr gut dargestellt von Beate Vollack), die zusammen mit Cinderellas’s Vater (stark besetzt mit Paulio Sóvári) eine Ballettschule betreibt. Dafür geben zwei andere den Ton in der Schule an – die weniger begabten, jedoch äußerst amüsanten Stiefschwestern (Stephanie Carpio und Martina Consoli). Das Stück wechselt also die Location: Statt im Haushalt, spielt das Ballett in einem Spiegelsaal (Bühne von Dieter Eisenmann), der einerseits als Ballsaal, andererseits als Übungsraum der Ballettschule fungiert. Und durch Lichtspiele, der großartigen Musik von den Grazer Philharmonikern (dirigiert von Oksana Lyniv) sowie den großen Spiegeln, die ebenso Türen sind, auch beeindruckende Momente schafft. Die Kostüme (ebenso Dieter Eisenmann) sind recht klassisch und in hellen (Kleider für die Frauen) und gedeckten (Anzüge für die Männer) Farben – sehr passend. Nur die Stiefmutter sticht hervor – sie hat im wahrsten Sinne des Wortes, die Hosen an, und ist die einzige weibliche Darstellerin, die Hosen trägt.

Mit Kürbiskutschen und Mäusen, die sich in Schimmel verwandeln, darf man nicht rechnen. Dafür besuchen Cinderella gleich vier gute „Feen“ und statten sie mit Kleid, Haarspange und dem wichtigsten überhaupt, den Ballettschuhen für den großen Ball aus. Auch in Graz trifft Cinderrella somit auf ihren Traumprinzen, der sich auch als richtiger entpuppt. Und auch in Graz verliert sie, pünktlich zu Mitternacht, einen (Ballett-)Schuh.

Und ebenso in Graz bleibt die Figur der Cinderella statisch bestehen –  so wie sie schon seit Jahrhunderten erzählt wird. Lucie Horná legt als Cinderella eine gute und saubere Tanzperfomance hin, doch an Eigenständigkeit mangelt es sehr. Etwas Emanzipation hätte der Figur eine spannende Seite gegeben, aber auch diese Cinderella bejaht den Mann durch und durch. Der Prinz (durchaus stark besetzt mit Christoph Schaller) als Retter in der Not – ein abgestandenes Klischee.

Da wir aber im Märchen sind, ist das eben auch erlaubt. Nach einer Odyssee und vielen Mädchenfüßen, unter anderem in Holly- sowie Bollywood, erreicht der Prinz dann endlich die Ballettschule und siehe da, der Schuh passt. Am Ende tanzen Cinderella und der Prinz den Pas de deux. Parallel tanzt diesen auch ihr Vater mit ihrer verstorbenen Mutter, wovon er ständig geträumt hat. Somit schließt sich der Kreis.

Die Inszenierung an der Grazer Oper ist gut und erfüllt jedermanns Wünsche, wenn man Cinderella in altbewährter Form sehen möchte. Beate Vollack und ihr Team überzeugen auf jeden Fall durch „Spitzenschuhgefühl“, die Tänze sind wahrlich märchenhaft. Mit großen Überraschungen oder Abweichungen kann das Stück jedoch nicht triumphieren. Klassisch, schön, wie im Märchen eben. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann tanzen sie noch heute.

Mehr Infos zum Ballett sowie weitere Termine hier.

 

 

I’m NOT Batman

BILD: Anna Brull (Prinz Orlofsky), Alexander Geller (Gabriel von Eisenstein), Ivan Oreščanin (Dr. Falke), Chor der Oper Graz

Die Fledermaus von Johann Strauß stellt die Grazer Oper auf den Kopf und alles mit der Begründung „Champagner hat’s verschuldet.“. Die bekannte Operette zieht Zuschauer immer wieder an, doch diese Inszenierung ist besonders anders. Regisseur Maximilian von Mayenburg lädt das Publikum als Gäste der Fledermaus in die Oper ein. Was das heißt? – Es wird eine „b’soffene G’schicht”.

Gabriel von Eisenstein (Alexander Geller) hat während eines feuchtfröhlichen Maskenballs seinen Freund Dr. Falke (Ivan Oreščanin) zum öffentlichen Gespött gemacht, denn er ließ ihn kostümiert als Fledermaus in einem Park seinen Rausch ausschlafen. Dies lässt Dr. Falke nicht auf sich sitzen und schmiedet Rache: Er lockt seinen Freund, deren Gemahlin Rosalinde (Elissa Huber) und das Stubenmädel Adele (Sieglinde Feldhofer) auf den Maskenball des Prinzen Orlofsky. Dadurch wird Gabriel der Antritt zu seiner siebentägigen Arreststrafe verwehrt.

Die Champagnerkorken knallen und der Alkohol fließt in Strömen – auch im Publikum – bis Dr. Falke seinen Racheplan bekannt gibt…

Das satirische Stück hält nicht nur der Wiener High-Society den Spiegel vor, sondern bekrittelt die Gesellschaft auf mehreren Ebenen. Bissiger Wiener Schmäh und hemmungslose Parties treffen auf belehrende Szenen, die die Auswirkungen des Fehlverhaltens der Figuren den Zuschauern vor Augen führen. Dr. Falke wurde damals im Park Opfer massiver Gewalt und landete dadurch im Rollstuhl. Seine Rache ist makaber, denn er gibt vor, alle Gäste vergiftet zu haben und ein Countdown, der die (vermeintlich) letzte Stunde zeigt, wird aufgehängt.

Regisseur Maximilian von Mayenburg bringt Die Fledermaus nicht nur auf die Bühne, sondern auch ins Publikum. Darsteller betreten die Bühne von allen Eingängen aus und sind für die Zuschauer hautnah erlebbar. Der sonst so dunkle Zuschauerbereich wird mit bunten Leuchtstoffröhren zur Mini-Disco in sich und verbreitet Feierstimmung. Nach ein paar Gläschen Champagner von Dr. Falke wird das Ganze zu einer „b’soffenen G’schicht” und ein Abend, den man nicht so schnell vergisst.

Bis Februar in der Grazer Oper. Tickets und Infos hier.

Je schöner der Abend, desto später die Gäste

Mit Knall und Glitzer erobert Johann Strauss‘ Operette „Die Fledermaus“ in einer farbenfrohen und turbulenten Inszenierung von Maximilian von Mayenburg die Grazer Oper.

(c) Werner Kmetitsch
(c) Werner Kmetitsch

Der Champagner fließt – die Bühne wird zum rauschenden Maskenball: Arien werden im Boxring „ausgetragen“, Sängerinnen und Sänger kreuz und quer durch den Zuschauerraum gejagt. Es wird getanzt, gefeiert und geschossen, als gäbe es kein Morgen. „Die Königin der Operette“, um einen ausgeklügelt inszenierten Racheplan des in einem Fledermauskostüm bloßgestellten Notars, macht ihrem Namen an der Oper Graz alle Ehre.

Das Gesangsensemble besticht durch höchste Präzision, Spielfreudigkeit und Schauspielkunst. Besonders hervorzuheben: Sieglinde Feldhofer als freches Stubenmädchen Adele, das sich ab der ersten Minute in die Herzen des Publikums spielt und die virtuosesten Arien mit Leichtigkeit meistert. Bariton Markus Butter gibt die Figur des Frank mit einem unwiderstehlichen Timbre in seiner Stimme zum Besten und Ivan Oreščanin begeistert das Publikum mit einer intensiven schauspielerischen Leistung als rachsüchtiger Dr. Falke. Anna Brull verleiht ihrer Rolle des Prinzen Orlofsky eine geheimnisvolle, fast dämonische Note. Mehr der Oper als der Operette zugewandt, überzeugen Alexander Geller und Elissa Huber als verfremdetes Ehepaar Eisenstein par excellence. In die begehrte Rolle des Frosches schlüpft Schauspieler Adi Hirschal, der als „Facility Manager“ während seines Monologs nur damit beschäftigt wurde, Alkoholleichen der vorigen Nacht wegzuschaffen.

Marcus Merkel führt das Orchester gewohnt stilsicher durch den Abend und setzt dabei auf lyrische, ausdrucksstarke, ja bisweilen pompöse Klänge. Die Sängerinnen und Sänger des Chors der Oper Graz unter der Leitung von Bernhard Schneider agieren als feierwütige sowie stimmgewaltige Partygäste in luxuriösen Garderoben und unterstützen gemeinsam mit betörenden Tänzen des Balletts (Kira Senkpiel) die Rachepläne der „Fledermaus“. Das Bühnenbild von Tanja Hofmann in der Abfolge Weiß-Schwarz-Grau hingegen hält sich bedacht im Hintergrund und kann seine einzigartige Wirkung umso mehr entfalten, indem die knallbunten prachtvollen Kostüme von Frank Lichtenberg, sowie die stimmungsvollen Lichtspiele von Sebastian Alphons dadurch besser zur Geltung gebracht werden. Damit erstrahlt der Saal in neuem Glanz.

Die Oper Graz zeigt eine mitreißende Inszenierung mit originellen Ideen, ursprüngliche Funktionen vieler Figuren sind jedoch nur noch im Ansatz erkennbar und die Operette artet gegen Ende schrill und makaber aus. Es werden diverse Oberflächlichkeiten bitterböse entlarvt, finstere Rachepläne geschmiedet, Versöhnungen angestrebt und eine einfache aber bedeutende Botschaft präsentiert: Genießt den Tag! Genießt das Leben! – Und genießt die Operette!

Weitere Infos, Termine und Trailer zur Produktion finden Sie unter: https://www.oper-graz.com/production-details/die-fledermaus