Von wegen besinnlich

Das große recreation-Orchester unter Andreas Stoehr wollte mit Georg Friedrich Händels monumentalem „Messiah“-Oratorium im Grazer Stefaniensaal auf die Weihnachtszeit einstimmen. Die ungekürzte Fassung geriet aber eher zu einer Geduldsprobe.

Weihnachten, das soll angeblich besinnlich sein. Vor allem vor den offiziellen Feiertagen bemerkt man davon oft wenig. Und Händels „Messiah“ im Stefaniensaal trägt dazu wenig bei: Ungekürzt wird das zweieinhalb Stunden lange Oratorium aufgeführt. Das wäre nicht schlimm, gäbe es nicht massive Konzentrationsmängel im Orchester und Niveauunterschiede bei den SolistInnen.

Was in den ersten Abschnitten noch als ruhige, ungehetzte Interpretation gedeutet werden kann, entpuppt sich spätestens zum Ende des ersten Teils als anstrengende Langsamkeit, die das Ganze kraftlos wirken lässt. Schön und gefühlvoll beginnt Tenor Franz Gürtelschmied mit „Comfort ye, comfort ye my people“. Bass Mathias Hausmann zeigt sein Volumen, Juliette Chauvet (Alt) kommt ihren KollegInnen nur schwer nach und wird trotz Anstrengung oft vom Orchester übertönt. Sopranistin Cornelia Horak überzeugt ab ihrem Rezitativ „There were shepards abiding in the field“ schließlich am meisten.

Wirklich großartig ist der junge Chor Cantanima (Einstudierung: Sebastian Meixner). Hier verbinden sich große Talente zu einem voluminösen Klangkörper, der etwa in „For unto us a Child is born“ die Kraft in das Oratorium bringt, die es eigentlich immer gebraucht hätte. Vom Orchester kann man das nicht behauptet: Vor allem gegen Ende sind die Konzentrationsschwierigkeiten so krass, dass man beim Spiel der Streicher regelrecht zusammenzuckt.

Wenn alle Teile schließlich gehört sind, ergibt sich in der Retrospektive kein schlüssiges Bild. Die einzelnen Abschnitte verebben zu Einzelgängern, die es nach und nach zu überwinden gilt – was mit 47 an der Zahl einer Mammutaufgabe gleich kommt, die den vorweihnachtlichen Geduldsfaden nur nochmal auf die Probe stellt.

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Es lockten die Barockarien

Die Konzertreihe recreation Barock lud mit Stephanie Houtzeel und Michael Hofstetter zu einem Händelabend in die Helmut List Halle.

Michael Hofstetter (c) Werner Kmetitsch

Wer die deutsch-amerikanische Mezzosopranistin in der Grazer Aufführung von „Xerxes“ erlebt hatte, wusste schon von der Schönheit ihrer Stimme und durfte sie nun auch in ihrer unmaskierten Ausstrahlung erleben. Gemeinsam mit dem deutschen Dirigenten Michael Hofstetter führte Houtzeel das recreationBAROCK Orchester zu frischer Lebendigkeit. Die Auszüge aus „Ariodante“ gestalteten alle Musiker wunderbar zurückhaltend und gelangten durch die klare Führung Hofstetter gleichzeitig zu einer fesselnden Eindringlichkeit. Besonders lyrisch war hier auch der Auftritt Tonia Solles am Fagott. Ebenso Händels Concerto grosso in h op. 6/12 erhielt durch die Interpretation in jedem Satz eine neue, anschauliche Färbung.

Stephanie Houtzeel (c) Julia Wesely

Der Mezzo von Stephanie Houtzeel hat viele reizvolle Facetten, persönlich begeisterte vor allem die zarte, runde, weiche Seite ihrer Stimme. Schon im eröffnenden Ombra mai fu, das dem Konzert auch den Namen gab, bewies sie eine tragende, originelle Verklanglichung dieses Schlagers der Barockmusik. In der Szene der grausamen Furien legte sie eine neue Schärfe in ihre Stimme, die ihr besser gelang als die Wendigkeit, die diese Arie erfordert. Als Höhepunkt für alle sanftmütigen Herzen wurde auch die Arie der Almirena aus „Rinaldo“ geboten. Lascia ch’io pianga (zu deutsch: Lass mich weinen) ist wohl eine der schönsten traurigen Arien, die je komponiert wurden. Breit legte Michael Hofstetter die Einleitung des Stücks an, lang und noch länger schien Houtzeel ihre geschmeidigsten Töne zu ziehen. Das Orchester wogte einfühlsam und heftig, die Seelen schwangen mit.

Weitere Informationen zum Konzert unter:
https://styriarte.com/events/ombra-mai-fu-2/?sti=31886

Festlicher Ausklang bei recreationBAROCK

Unter dem Titel Wassermusik war am Montag und Dienstag dieser Woche das titelgebende Werk von Georg Friedrich Händel neben zwei Konzerten von Johann Sebastian Bach zu hören. Das letzte Konzert der barocken Konzertreihe für diese Saison stand unter der Leitung des Barockgeigers Rüdiger Lotter.

Rüdiger Lotter (c) Werner Kmetitsch

Rüdiger Lotter (c) Werner Kmetitsch

Mit mächtigen Jagdfanfaren leiten zwei Hörner das erste Werk des Abends ein: das 1. Brandenburgische Konzert von Johann Sebastian Bach. Den Hörnern kommt in diesem Konzert eine besondere Rolle zu, da Bach diese für die Zeit ungewöhnliche Besetzung voll ausnutzen wollte. Das zuckende Prahlen der barocken Blasinstrumente schweigt nur im langsamen zweiten Satz, in dem sich Oboe und Geige abwechselnd in den Schlaf zu wiegen scheinen. Doch nicht lange wird geruht, denn schon im nächsten Abschnitt geht es auf zur Jagd, die von den Musikern wunderbar lebhaft dargeboten wurde. Schnell, schwungvoll und mit Leichtigkeit – so gehört ein echter Bach gespielt.
Es folgte das Violinkonzert des Barockmeisters in a-Moll. Obwohl Bach doch selbst gut Geige spielte, sind nur zwei Solowerke für das Instrument vollständig erhalten. „Bis zum herannahenden Alter spielte er die Violine rein und durchdringend“, ist etwa von Bachs Sohn zu lesen, und so sehr hing er an dem Instrument, dass er es oft beim Dirigieren im Arm trug. Das a-Moll-Konzert ist ein wunderschönes Beispiel für ein unaufgeblasenes Werk dieser Gattung. Keine unnötigen Längen oder übertriebene Virtuosität stehen hier am Programm, sondern lyrische Melodieführung und ein ausgeglichenes Wechselspiel zwischen Solist und Orchester. Solist und Leiter Rüdiger Lotter fand zu Beginn leider nicht sofort in den „Bach’schen Musikfluss“. Nachlässig und undeutlich spielte er den ersten Satz ohne die nötige Klarheit. Nach kurzem Nachstimmen fing er sich aber im zweiten Satz und schaffte ein kitschloses, stimmungsvolles Andante. Dem finalen Allegro assai hätte ein bisschen mehr Tempo nicht geschadet, aber auch so war der festliche Charakter der Musik deutlich zu spüren.

Händel auf der Gondel; entnommen von Styriarte

Händel auf der Gondel; entnommen von der Styriarte Homepage

Final kam es nun zum namensgebenden Stück des Konzertes: der wohlbekannten Wassermusik von Georg Friedrich Händel. Der eingängige Name der Komposition kommt nicht von irgendwo. Tatsächlich erklangen die drei Suiten erstmalig auf dem Wasser. Über 50 Musiker unterhielten mit ihrem Spiel König Georg I. auf seiner Flussfahrt und begeisterten dabei so sehr, dass sich der Name bis heute gehalten hat. In etwas kleinerer Besetzung waren die dritte und erste Suite von den Musikern des recreationBAROCK Orchesters zu hören. Wohlgemerkt in dieser ungewöhnlichen Reihenfolge, denn man wolle ja nicht „schon am Anfang sein ganzes Pulver verschießen“, wie Rüdiger Lotter erklärte. Eine weise Entscheidung, denn obwohl auch der letzte Teil der Wassermusik mit seinen Traversflötensoli zu bestechen weiß, ist für den Abschluss doch die große erste Suite geeigneter. Der Ouverture folgt das Adagio e staccato, in dem sich die Gegensätzlichkeit der staccato Orchesterbegleitung geschickt mit dem weichen Klang der Oboen zu ergänzen weiß. Die drei Oboen, die immer wieder als Solisten mit dem Fagott hervortreten, zaubern geschmeidig fließende Momente. Die Hörner kommen erneut zum Einsatz und spielen auch ihren Part in der zweiten Reihe besonders feinfühlig. Auch der Rest der Musiker vermittelt den Eindruck einer lustigen Gesellschaft, zu der sie jedermann zum Mitfeiern einladen. Der Applaus zeigte: die Intention ist geglückt!

Eine Anmerkung für das Styriarte Team: die Besetzung im Programm entsprach nicht jener des Abends, zudem wurde der arme Fagott-Spieler gänzlich vergessen. Ansonsten konnte man aber im Ad Notam wieder einiges über die Hintergründe zur Musik erfahren.

Weitere Informationen zum Konzert unter:
http://styriarte.com/events/wassermusik/?realm=recreation&sti=9110