(c) Lupi Spuma

Die Macht und Ohnmacht der Königinnen

Maria Stuart und Elisabeth I. – zwei Frauen in einer Welt aus Männlichkeit und Machtintrigen. Friedrich Schillers Drama „Maria Stuart“ wird am Schauspielhaus Graz unter der Regie von Stephan Rottkamp mit raffiniert-reduziertem Bühnenbild von Robert Schweer und feiner Besetzung aufgeführt.

Seit 19 Jahren sitzt Maria Stuart, Königin von Schottland, in einem Zimmer in England, unwissend, ob sie der Weg hinaus auf das Schafott oder in die Freiheit führen wird. Ihre größte Rivalin Elisabeth I. von England hält sie gefangen – doch ob sie ihren Kopf tatsächlich abtrennen lassen soll, darüber ist sie sich unsicher.

Klare Meinungen dazu haben die acht Männer mit Brillen, Anzug und abgeschleckten Frisuren, die auf der Erhöhung über Marias Zelle sitzen und sich anfänglich gegenseitig die Schuhe lecken. Sie sind eine einheitliche Front der Macht, die nach noch mehr davon giert. Unter ihnen monologisiert die schöne Maria, der Henriette Blumenau viel Stolz, aber auch Pathos verleiht. Einen Mann nach dem anderen empfängt sie, um ihr Schicksal zu erfahren und dagegen anzukämpfen.

Der Katholik Mortimer, der von Benedikt Greiner großartig als die einzige genuin ehrliche und zugleich verletzliche Figur angelegt wird, liebt Maria und will sie um allen Preis befreien. Pascal Goffin überbringt als übertrieben aufgesetzter Burleigh das Urteil der Richter, das Maria nicht akzeptiert („Es kann der Brite gegen den Schotten nicht gerecht sein“). Sie verlangt ein Treffen mit der Königin – versucht, Gnade zu erflehen, doch zeigt bald ihr wahres, machtversessenes Gesicht. Leicester (ebenso großartig: Florian Köhler), der Liebhaber Elisabeths, soll schließlich die Hinrichtung durchführen – und ist zerrissen zwischen seinem politischen Opportunismus und seiner Liebe zu Maria.

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Henriette Blumenau als Maria Stuart (c) Lupi Spuma (2)

„Maria Stuart“ hat viele große Momente: Wenn die magische Bühne von Robert Schweer nach vorne klappt und Elisabeth im prächtigen, weinroten Ballkleid und mit gekröntem Haupt über das Podest tänzelt etwa. Oder wenn nach dem Mordanschlag auf Elisabeth sofort die Jackets zu Schottenröcken umfunktioniert werden. Oder wenn Benedikt Greiner am Beginn des zweiten Aktes aus der Rolle fällt und im Eiltempo den ersten Akt rekapituliert – da ist der Zwischenapplaus garantiert. Aus verzweifelter Liebe nimmt er sich kurz darauf das Leben. Der Höhepunkt: Wenn am Ende die Bühne nur durch Kerzenschein erleuchtet ist und Henriette Blumenau einen letzten Monolog vor der Hinrichtung spricht.

Die beiden Frauen, die in die Geschichte eingingen, sind leere Figuren, größenwahnsinnig, getrieben und zugleich tief verunsichert, die unkontrolliert in einem Meer von männlich dominierten Machtverhältnissen treiben. Rottkamps Inszenierung deckt diese Strukturen gnadenlos auf, macht sie zum Grundgerüst des Dramas und räumt der Schiller’schen Sprache viel Wirkungsraum ein. Bravo!

Mehr Infos und Termine hier.

Du bist knapp bei Kasse und willst trotzdem „Maria Stuart“ sehen? In Haus eins und Haus zwei bekommst Du mit gültigem Studierendenausweis 30 Minuten vor Vorstellungsbeginn eine Restkarte um nur €5! Mehr dazu hier.

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(c) Lupi Spuma

Nestroy für die Gegenwart

Am 20.06. brachte das Schauspielhaus unter der Regie von Dominique Schnizer Johann Nestroys Der Talisman zur Aufführung. Durch pointensicheres Spiel und mithilfe der gstanzlten Stücke von Ferdinand Schmalz (Text) und Bernhard Neumaier (Musik) gelang es der Inszenierung, den bissigen Geist Nestroys in die Gegenwart zu retten.

Von Thees Schagon

I. Die Handlung

Der Barbier Titus (Clemens Maria Riegler) hat rotes Haar, ebenso die Gänsehirtin Salome (Sarah Sophia Meyer) – eigentlich kein Problem. Auf dem Gut der Frau von Cypressenburg (Christiane Roßbach) ist es das allerdings schon. Dort finden sich die beiden wieder und in dieser engstirnigen Gesellschaft gelten rote Haare als Signum einer üblen, hinterlistigen Persönlichkeit. Als Titus aber einen selbsternannten Marquis (herrlich komödiantisch: Franz Solar) vor einem Unfall rettet, schenkt dieser ihm einen Talisman: Eine schwarze Perücke, mittels derer der wortgewandte und Wörter verdrehende Mann schnell zum Gartenaufseher, später zum Jäger und schließlich zum Sekretär aufsteigt, bis der Trug – wie könnte es anders sein – auf- und Titus mit Schimpf und Schande aus dem Hause fliegt. Als mit Titus Vetter (sehr schrullig: Franz Xaver Zach) aber gleichsam eine unverhoffte Erbschaftsaussicht in dem Dorf ankommt, beginnt erneut das Zerren um die Gunst des Rotschopfs. Inzwischen hat der jedoch gemerkt, dass die einzige ihm wirklich zugetane Verehrerin die ebenfalls rothaarige Salome war, die er endlich zur Frau nimmt.

II. Inszenierung und Aufführung

Was soll man sagen über die Inszenierung des Talisman, außer: rich-tig geil!? Hier ist es gelungen, Politik und Unterhaltung erfolgreich zu vermählen. Diesen Verdienst sollte man zuvorderst den Couplets von Ferdinand Schmalz und der dazugehörigen Musik von Bernhard Neumaier anrechnen. Diese spannten sich thematisch von Welt- bis hin zu Lokalpolitik, von Donald Trump bis zum Murkraftwerk. Doch auch ohne diese punktaktuellen Lieder fiel es schwer, die Inszenierung nicht auch als politisch zu begreifen. Das in dem Stück die gesellschaftliche Ächtung aufgrund einer roten Haarpracht erfolgt, mag als fungibles Moment betrachtet werden. Pfiffig wurden ebenfalls die Szenenwechsel arrangiert – möglich gemacht durch die Drehbühne und den Bühnenaufbau in einzelne Zimmersegmente, entworfen von Christin Treunert. Bemerkenswert auch die Spielfreude von Clemens Maria Riegler oder Werner Strenger als Putzerkern, die beide bravourös ihr komödiantisches Situationsgefühl unter Beweis stellten. Hingewiesen sei außerdem auf das Spiel mit dem Dialekt – etwa im Weanerisch der hochnäsigen Kammerfrau Constanze wiederzufinden oder wenn der vermeintlich nobel französisch näselnde Marquis im Moment der Gefährdung plötzlich in tiefstes Steirisch verfällt. Die zweieinhalbstündige Aufführung wurde mit johlendem Applaus quittiert. Eine Anmerkung sei gestattet: Liebe Schüler: Hoit’s anfach mal die Gosch’n. Es fehlt nix, wenn ihr (das heißt wir) für zwei Stunden der digitalen Welt fehlen.

III. Lobhudelei

Es wurd‘ erzählt von einer Welt, in der man Ehre verwechselt – mit Geld; in die Politik-Kritik Einzug erhält, durch clevere Couplets mitsamt Sujets von Basti Kurz bis Donald Trump, gelegt auf langsame und schnelle Lieder von der Dorfkapelle. Großartig mimte das Ensemble die profanen Charaktere; ließ nicht alt das betagte Stück, groß auch inszeniert, zum Glück. Der Talisman – sieh ihn dir an!

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Julia Gräfner als Mose (c) Lupi Spuma

Im Höllentempo durch das Alte Testament

Das Projekt „Altes Testament – Aus dem Tagebuch der Menschheit“ von Volker Hesse beendet die unter dem Themenkreis „Religion“ stehende Spielzeit 2017/18 am Haus eins. Eine Inszenierung, so monumental wie die Epen aus ihrer Textvorlage, aber nicht gerade provokant.

Tiefstapeln ist nichts für das Schauspielhaus und Regisseur Volker Hesse. Als Abschluss für die Spielzeit unter dem Motto „Religion“ haben sie sich nichts Geringerem angenommen als dem wahrscheinlich monumentalsten Text der Menschheitsgeschichte: dem Alten Testament. Auf ihm fußen die Religionen von Abermillionen Menschen und die Kulturgeschichte der halben Weltkugel. Kann man dem überhaupt gerecht werden?

Regisseur Hesse und Dramaturgin Karla Mäder haben sich zwei Jahre lang mit dem Stoff auseinandergesetzt, zwölf Schauspieler in jeweils bis zu fünf Rollen gesteckt, fünf Musiker (Markus Sepperer, Ivan Trenev, Dominic Pessl, Rafał Zalech und Reinhard Zeigerhofer; Komposition und Leitung: Bojan Vuletić) engagiert, eine Videofirma (rocafilm) beauftragt und das Haus eins zum einheitlichen Bühnenraum umgebaut (Bühne und Kostüme: Stephan Mannteuffel), der über drei Stunden lang bespielt wird. Das Rückgrat, auf dem diese Inszenierung lastet, ist das Ensemble: Gerhard Balluch gibt einen genialen Abraham, das dynamische Duo Pascal Goffin/Benedikt Greiner kämpft als Kain und Abel über den Köpfen des Publikums, Florian Köhler erzeugt als Esau mit seinem Mund die wunderlichsten Geräusche und avanciert im zweiten Akt zum Sänger und Gitarristen.

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Bühne und Zuschauerraum verschmelzen zu einem. (c) Lupi Spuma (3)

 

Was dabei herauskommt? Ein Spektakel, das sich anekdotisch mit Höllentempo durch das Alte Testament kämpft. Fast so, als würde man auf einer Autobahn daran vorbeirasen. Die gepolsterten Sessel bleiben dem Publikum diesmal verwehrt – zuerst heißt es stehen, später dienen Papphocker als Sitzgelegenheiten. Belohnt wird man dafür mit atmosphärischen Momenten, in denen eine Zusammenkunft von Spielenden und Bespielten spürbar wird. Zum Beispiel wenn die Drehbühne zur Arche wird und der Sintflut-Regen von oben auf das Publikum prasselt (Entwarnung: Man bleibt trotzdem trocken). Oder am Ende des ersten Aktes, wenn man für die zehrenden mehr als zwei Stunden mit großartiger Musik, Wein oder Wasser und Brot belohnt wird.

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Spektakulär inszeniert, ja, aber schafft es Hesse, das Alte Testament ins Jetzt zu katapultieren? Irgendwo zwischen allzu plakativem Gegenwartsbezug und konservativem Erzählen bleibt die Inszenierung stecken. Nicht selten schellen die Sexismus-Alarmglocken im Kopf: Der „Mensch“ soll der „Herr“ des „Weibes“ sein, unzählige Söhne, aber keine Töchter werden geboren und so weiter. Um diesen Motiven zu entgegnen reicht es leider nicht, Maximiliane Haß zum Isaak, Mercy Dorcas Otieno zum Pharao und Julia Gräfner zum bärtigen, stotternden Mose zu machen. Die körperbetonte Tanzperformance zum Anfang des zweiten Aktes ist zwar schön anzusehen und sprudelt vor Energie – den Zweck der Provokation verfehlt sie aber. So wie die Projektionen auf den weißen Segeln rund um den Bühnenraum, die das Stück mit aktuellen Nahost-Bezügen vollstopfen. Löblich jedoch ist, dass Hesse nicht in die religiös-belehrende Schiene fällt, sondern das Alte Testament als Epensammlung über die Grundprobleme des Menschseins behandelt.

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