„Denkt ihr wirklich, ich bin so einfach gestrickt?“

Vor 25 Jahre begann die blutigste Bombenserie der Zweiten Republik. Vor 18 Jahren erhängt sich jener Mann in der Justizanstalt Graz-Karlau, der dafür verurteilt wurde. Die Theater-Kaendace-Produktion von Felix Mitterers „Der Patriot“ ermöglicht nach all den Jahren für eineinhalb Stunden einen Einblick in das Gehirn von … Ja, von wem eigentlich? Von Franz Fuchs, einem Verrückten? Einem Einzeltäter? Einer traurigen Gestalt?

„Es lebe die Bajuwarische Befreiungsarmee! Es lebe die deutsche Volksgruppe!“, brüllt Franz Fuchs aus tiefster Überzeugung, als er die Bühne betritt. Rassistische Spuckefäden sprühen durch das Haus Zwei des Schauspielhauses. Nur mit wenigen Eisenstangen wird Fuchs Zelle skizziert, die einzig durch unterschiedliche Lichtnuancen zu Gerichtsraum und Gesprächsraum wird. Im Zentrum stets ein Sessel, auf dem Franz Fuchs sitzt, von dem er sich verkrampft erhebt, auf dem er in sich zusammensinkt und hinter dem er getrieben auf und ab wankt. Das Bühnenbild, das den Bewegungsraum auf wenige Quadratmeter schrumpfen lässt, verschärft die innere Spannung des Protagonisten weiter, die so grandios überzeugend von Alexander Mitterer in diesem Solospiel dargestellt wird. (Das Publikum quittierte es mit Standing Ovations.) Die Inszenierung von Klaudia Reichenbacher schafft es jeweils bevor die Monologe die Nerven der Zuschauer zu sehr belasten, eine neue Facette von Franz Fuchs‘ Charakter lebendig werden zu lassen, und lässt dabei stets die Frage im Raum schweben, ob er wirklich Einzeltäter war.

„Die Nazi-Zeit brauch‘ ich wirklich nicht!“
Er interessiere sich nicht für Politik, sagt Fuchs, solange sie so ablaufe, wie zwischen 1953 und 1983. Von der Nazi-Rassenlehre distanziere er sich. Aber etwas Geschichtsunterricht schade nicht. Schließlich habe es Österreich ja schon vor 1945 gegeben. Wirr nennt Fuchs Zusammenhänge historischer Ereignisse, zitiert wichtige Stationen der Geschichte der Bajuwaren, spricht von Umvolkung, von Tschutschenweibern, die in der Regierung sitzen, und Ministern, die nur noch slawische Namen tragen. – Sympathie für dieses radikalisierte Monster von Mensch? Bei aller Toleranz, man kann sie nicht aufbringen.

„Wenn‘s Streit gibt, dann bin ich weg.“
Aber Franz Fuchs mag auch Katzen, selbst wenn seine nie in sein Zimmer kommen wollte und er jetzt niemanden mehr streicheln kann. Seine Mutter und Großmutter waren für die Trachten Prügel zuständig. Geliebt hat er einmal eine Slawin, aber sie hat ihn um Geld betrogen. Obwohl er studiert hatte, arbeitete er am Fließband. Er wollte sich bereits umbringen. Aber die Mutter fand den Abschiedsbrief zu früh… Zwei Monate Psychiatrie waren die Folge. – Trotz seiner Taten: Mit dieser traurigen Lebensgeschichte kann man dann doch nur Mitleid haben.

„Zu Oberwart sage ich nichts!“
Franz Fuchs ist sich sicher, dass er seit über einem Jahr überwacht wurde, kann nicht glauben, dass die Polizei erst auf ihn gekommen war, als er den Selbstschussapparat falsch gehalten hatte und sich die Hände wegsprengte. Um seine Hände trauert er, ebenso schluchzt er beinahe, als ihm die Bilder der vier toten Roma von Oberwart gezeigt werden. Es sei ein Unfall gewesen, kein Mord. Nur, dass er wenig später schildert, wie er die Männer nicht aufgehalten hat, obwohl er wusste, dass es sie töten wird. Auch habe er nie geglaubt, dass Helmut Zilk tatsächlich den Brief in die Hände bekomme und doch hatte er die Bombe gebastelt. Obwohl er ja immer beteuert, dass er nicht das Bombenhirn ist. Er sei nur ein kleines Rädchen. In Wahrheit seien sie viele… – Die Frage, was glaubwürdig ist, bleibt wohl auf ewig offen.

„Ich verspreche Ihnen Sie werden von mir träumen.“
Ein schöner, leichter, kurzweiliger Theaterabend ist „Der Patriot“ zweifellos nicht. Aber dafür ein durch die Qualität der schauspielerischen Leistung beeindruckender und durch die Abgründigkeit des menschlichen Geistes verstörender, aufrüttelnd-intensiver Abend. Franz Fuchs verspricht dem ihn begutachtenden Arzt, dass er gelegentlich von ihm träumen werde. Vielleicht tut das Publikum das nicht, doch es wird den Abend mit Sicherheit für längere Zeit in lebendiger Erinnerung behalten.

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Zwischen Kurkuma-Latte und kollektiven Sprachvorgaben

„Erinnya“ im Haus Zwei des Schauspielhauses beeindruckt mit umfassenden Sinneseindrücken und überspitzter Modernität. Clemens Setz‘ Auftragswerk amüsiert das Publikum, indem es die großen Fragen dieses Jahrtausends serviert, aber keine konkreten Antworten auftischt.

Zu diesen großen Fragen zählt dann eben: Willst du noch ein Heidelbeer-Joghurt? Und wie kann irgendjemand einen Kurkuma-Latte trinken wollen?
Solche Absurditäten jagen einander in diesem Stück, in dem der mythische Stoff der Erinnyen beinahe zur Unkenntlichkeit verflüssigt wird. Denn das „Erinnya“ ist hier ein digitales Netzwerk, das dem Protagonisten Matthias (genial verkörpert durch Alex Deutinger) mithilfe eines Headsets Sätze vorgibt. Dass diese so gut wie nie in den Kontext passen, erzeugt zahllose Lacher im Publikum, bei Matthias‘ potenziellem Schwiegervater (wie immer überzeugend: Nico Link) allerdings verachtendes Unverständnis. Die Tochter (glaubwürdig besorgt dargestellt von Susanne Konstanze Weber) relativiert: Es sei immer noch Matthias, das „Erinnya“ generiere auf hochtechnische Weise nur die Sätze, die er sowieso auch sagen würde. Nein, es hören nicht Massen an Menschen zu, während sie sprechen. Und immerhin gehe es Matthias nun so viel besser – schließlich hat er seit einem Jahr keinen Suizidversuch mehr begangen und sich neulich sogar ganz alleine sein Joghurt aus dem Kühlschrank geholt! Ihre Mutter (herrlich schrill: Martina Zinner) findet Matthias dagegen hochamüsant, spricht seine Anekdoten nach und wirft die tatsächlich gehaltvolle Frage auf, was denn eigentlich dagegenspreche, von Zeit zu Zeit kollektiven Stimmen nachzusprechen – denn so funktioniere ja auch der Beruf des Schauspielers.
So bewusst sinnfrei und unzusammenhängend die Sprache des Protagonisten Matthias, so deutlich ist die inszenierte Inkohärenz der präsentierten Welt: Figuren, die stets aneinander vorbeireden, die lachen, um den Schein zu wahren, die der Souffleuse nachsprechen, sich das Kostüm ausziehen und sich ins Publikum setzen. Das alles mit Kleidung aus großmütterlich rosengeblümtem Stoff über den futuristischen Schulterpolstern, dazu rosa, fliederfarbene und gelbliche Perücken.
Eine klare Botschaft fehlt dem Stück, doch die kurzweilige, amüsante und kreative Inszenierung von Claudia Bossard begeistert und ist definitiv sehenswert.

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(c) Lupi Spuma

Ein Wohnzimmer voller Gräben

Ayad Akhtars Drama „The Who and the What“ zeigt wie schon zuvor „Geächtet“ die gespaltene Welt von MuslimInnen in den USA. Wie Jan Stephan Schmieding das Stück im Haus zwei inszeniert – so muss Theater sein!

Mahwish (Tamara Semzov) und ihre Schwester Zarina (Henriette Blumenau) sind moderne, amerikanische Frauen: Sie essen gerne Avocados, lesen ihr Horoskop, haben studiert. Doch sie leben in einer zerrissenen Welt: Die Ehre schreibt vor, dass Zarina vor ihrer kleinen Schwester heiraten muss. Damit das schneller passiert, legt ihr konservativer Vater (Stefan Suske) im geheimen ein Profil in einer Dating-Plattform für muslimische Singles an. Durch Zufall verliebt sich Zarina wirklich in einen vom Vater erwählten Kandidaten: Eli (Nico Link) steht als weißer Konvertit einer Moschee vor, ist offen, gebildet und progressiv. Er unterstützt Zarina bei ihrem Buch über Genderrollen im Islam. Darin charakterisiert sie den Propheten Mohammed als Menschen, der wie jeder andere Zweifel und sexuelle Begierden hat.

Währenddessen versucht Zarinas Vater, Eli zu einem ‚richtigen‘ Ehemann zu machen: „Sie hat die Macht“, wirft er ihm vor; „Schwängere sie“ und „Sie wird nur glücklich, wenn du sie brichst“ sind da zu hören. Es sind Momente, in denen einem ob der Rückständigkeit der Aussagen nichts anderes zu tun bleibt, als zu lachen. Doch der bittere Ernst kommt spätestens, als der Vater und Mahwish das Manuskript von „The Who and the What“, Zarinas Buch, entdecken – er vergleicht es mit der tödlichen Krebserkrankung der Mutter und bricht mit der Tochter.

Durch Frank Holldack Bühne, in die von beiden Seiten eingeblickt wird, fühlt man sich kaum wie im Theater, sondern eher wie ein unentdeckter Beobachter im intimen Wohnzimmer der Familie. Jeder Satz des großartig zusammenarbeitenden Ensembles ist genuin ehrlich und legt Gräben zwischen den Kulturen frei – was auf den Tribünen Lacher, kopfschüttelndes Schnaufen und entsetzte Stille auslöst. Knackig kurz, schnell und intensiv zieht das Stück vorbei – es hängt weder ab, noch lässt einen einzigen langweiligen Moment zu. Es bleibt nicht viel zu sagen, außer: So soll Theater sein.

Weitere Infos und Termine hierDu möchtest „The Who and the What“ sehen, bist aber knapp bei Kasse? Hol dir 30 Minuten vor Vorstellungsbeginn mit deinem Studierendenausweis eine Restkarte um €5!