Es fischelt

Ein Klassiker als One-Man-Show: Die Koproduktion von Schauspielhaus und Vorstadttheater wagt den Versuch, Ödön von Horváths Jugend ohne Gott zu rekonstruieren. Ed.Hauswirth konzipiert den Roman dicht, bedrückend und multimedial, Matthias Ohner kämpft gegen alte Geister und neue Fische.

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Matthias Ohner © Lupi Spuma

 

Graz, 1938: Die Herrengasse ist voller Menschen. Das Gespenst des Nationalsozialismus geht um, Hakenkreuze wehen, Braune marschieren und die Grazer glänzen mit astrein zum Hitlergruß gehobenen Rechten. Mit diesen Bewegtbildern, die einen erstarren lassen, eröffnet Matthias Ohner das Stück und schlüpft sodann fließend in die Rolle des Lehrers, der im beigen Karopullunder am narzissenbewehrten Schreibtisch sitzt und Geographieaufsätze zum Thema Kolonien korrigiert. Zumindest die Beistriche – inhaltlich gilt: „Was einer im Radio redet, darf kein Lehrer im Schulheft ausbessern“. Dass er trotzdem in der Stunde anmerkt, Neger seien doch auch Menschen, trägt ihm neben dem Misstrauensvotum seiner Klasse auch einen Verweis des Direktors ein. Für offene Gespräche bleibt nur das Dunkel einer Bar, in der überraschend der Ex-Kollege „Julius Cäsar“ erscheint und mit geistreicher, schnapsgetränkter Kassandrastimme (die verdächtig ins Wienerische geht) das Zeitalter der Fische ankündigt. Aber erst auf der Wehrsportwoche gerät die Situation aus dem Ruder: Hier zeigt sich, dass schamerfülltes Schweigen im falschen Moment üble Folgen haben kann…

Feigheit und Mitläufertum, schwindende Zivilcourage und steigende Akzeptanz für humanitäre No-Gos sind genauso aktuell wie 1938. Wie lang darf man Wahnsinnige gewähren lassen, bevor man in der selbstverschuldeten Zwangsjacke erwacht? Wie umgehen mit einer jungen Generation, die ihren Mitmenschen nur mit kalten Fischaugen begegnet? Antworten liefert der Abend freilich nicht, dafür jedoch eine runde Vorstellung, die mit gekonnt eingesetzten Requisiten aufwartet (der Katheder kann auch Tür, Gerichtsbank und Totenbahre) und die Zuschauenden dem ein oder anderen Kälteschauer aussetzt. Mann des Abends ist Matthias Ohner: Erzählungen mit sonorer Bassstimme gehen in intensive Darstellungen über, die er mit Grafiken auf den vier Whiteboards garniert, die Klassenfeeling verbreiten. Der autodidaktische Schauspieler versteht es auf eindrucksvolle Weise, zwischendurch auch mal die vierte Wand zu durchbrechen, mit Lichtwünschen aufzulockern oder den Stinkefinger an die Schüler (oder das Publikum?) auf die Gespieltheit zu schieben. Fun Fact: Die jugendlichen Schüler*innen, deren Verrohung doch das Leitmotiv des Stückes bildet, lässt das Spektakel kalt. Umso eindringlicher die Botschaft, umso größer die Leistung Ohners, der trotz der Unruhen im Publikum die Spannung bis zum Schluss hält. An dem nur die roten Augen des illuminierbaren Totenkopfes von Julius Cäsar überbleiben, die unheilvoll durch die Finsternis starren. Ansehen!

Informationen zum Stück gibt es hier.

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Ein Leben als Rückwärts-Krimi

Im Haus Zwei des Schauspielhaus‘ Graz laufen die Uhren bei „Pfeil der Zeit“ rückwärts – das Stück nach dem Roman von Martin Amis erzählt einen biografischen Krimi, dem das dunkelste Kapitel der Geschichte zugrunde liegt. Regisseurin Blanka Rádóczy schafft mit einem Top-Ensemble einen intensiven Abend.

Wer ist dieser Todd Friendly, der sich die Hände abtrocknet, bevor er sie wäscht und Essen in den Supermarkt bringt, um es gegen Bargeld einzutauschen? Ein ganz normaler alter Mann mit starrem Blick, zunächst verkörpert von Franz Solar – und einer inneren Stimme, die in Form von Raphael Muff, Tamara Semzov und Nico Link auf Plastikstühlen im Krankenhaus-Ambiente auf der linken Bühnenseite sitzt.

So wenig man über diesen Mann weiß, so schnell merkt man, dass etwas nicht stimmt mit ihm: Wenn die Szenen wechseln wird es dunkel, die Neonröhren flackern, im Hintergrund schreit ein Baby – zu laut, zu lang sind die Sequenzen.

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Tamara Semzov, Nico Link (li.) und Raphael Muff. Fotos: (c) Lupi Spuma (2)

 

Den Auslöser für die Konsequenz muss man aber abwarten: Todd lebt nämlich von Tod bis Geburt, von hinten nach vorne, spült die Toilette bevor er sie benutzt und steckt im Garten Unkraut in die Erde. Als Arzt pflanzt er Föten in Frauenkörper ein. Das Stück bekommt dadurch Krimi-Struktur: Das Hirn will eben immer wissen, wo die Konsequenz herkommt, um die gegenwärtige Situation zu erklären. Das kann schon mal überfordernd sein, zumal man jede Handlung gedanklich umdrehen muss.

Gar nicht freundlich, dieser Todd

Das dunkle Kapitel von Todd Friendly (oder einer seiner vieler Identitäten) entpuppt sich schließlich als alles andere als freundlich: In Auschwitz hat er Juden aus den Flammen erschaffen, war in den Ghettos und auf Schloss Hartheim. Beklemmend emotionslos erzählt das Ensemble von den Verbrechen – die hier Erschaffung, Wiederbelebung sind.

Wie erzählt man diese Verbrechen, die eigentlich zu schrecklich sind, um erzählt zu werden? Wie meine weise Begleitung es beim Nachgespräch in der Theaterbar so treffend formulierte: „Vielleicht muss es so erzählt werden, damit man es überhaupt erzählen kann. Die Details wären anders herum nicht auszuhalten.“ Regisseurin Blanka Rádóczy und das Ensemble haben mit „Pfeil der Zeit“ jedenfalls eine ziemlich gute Möglichkeit des Erzählens gefunden.

Infos und Karten gibt es hier!

Menschen mit Problemen und Popcorn und Bier!

Foto: Lupi Spuma

Die dreistündige Inszenierung von Franz-Xaver Mayer, “Menschen mit Problemen, Teile I bis III” im Haus zwei des Schauspielhauses, hält seinem Publikum einen Spiegel vor. Das textlastige Stück geht an die kontemporären Probleme unserer Welt mit Humor ran. Oft ist dieser auch sehr schwarz.

Eine weiße Bühne, eine liebenswerte junge Frau, zwei Männer und ein Eisbär. Der Anfang der Inszenierung beginnt mit einem langen Monolog, der an einen Poetry Slam erinnert. Anprangernd, politisch und irgendwie amüsant. Der Eisbär verprügelt zwischendurch die Männer im Hintergrund. Lara Sienczak eröffnet das Schauspiel, doch man hat keine Ahnung, was noch auf einen zukommen wird.

Drei Frauen und Freundinnen werden in drei verschiedenen Lebensphasen vorgestellt. Von Studentin bis alleinerziehender Mutter ist alles dabei. Nach dem Text von Sibylle Berg stehen neben Sienczak auch Ninja Reichert, Evamaria Salcher, Tamara Semzov, Pascal Goffin und Raphael Muff auf der Bühne. Die Entwicklung der drei Hauptfiguren greift in eine Zukunft vor, die an eine Black Mirror Folge erinnert. Futuristisch, abgestumpft und apokalyptisch. Die Damen wollen auf einen anderen Planeten flüchten, weil sie mit der Welt, in der sie sich befinden nicht zufrieden sind und der Meinung sind nichts daran ändern zu können. Und die Männer sind auch dabei.

Das Stück dauert drei Stunden und in der Pause werden die Zuschauer mit frischem Popcorn und Bier versorgt. Eine erfreuliche Erfrischung für die textlastige Produktion. Dieses Stück ist für jeden der jung, mittelalt und alt ist. Es bietet Einsicht in die heutigen Probleme der Frauenwelt, aber auch in die, der Menschen allgemein. Zum Glück, mit ein bisschen Witz dahinter.

Link zur Veranstaltung und Tickets:
https://www.schauspielhaus-graz.com/play-detail/menschen-mit-problemen-teile-i-bis-iii/