Orte und Taten

Foto: Schauspielhaus Graz

Die Uraufführung von „Ich, Tatortkommissarinnen“ am 5. Dezember im Haus Zwei des Schauspielhauses unter der Regie von Cora Frost lieferte ein buntes Potpourri an Bühnenrequisiten und musikalischer Untermalung. Die Konzeption der Rabtaldirndln gemeinsam mit Cora Frost übt Kritik am sonntäglichen Fernsehverhalten des deutschen Sprachraums. Die Premiere war ausverkauft, doch der Applaus des Publikums war am Ende recht verhalten.


Zu Beginn des Stückes sorgen die fünf Schauspielerinnen, Julia Gräfner, Rosi Degen, Bea Dermond, Gudrun Maier und Barbara Carli für lachen und eine aufgeweckte Stimmung im Publikum. Das berühmte und mittlerweile kultige TV-Format „TATORT“ und dessen Publikum werden auf humorvolle Art und Weise kritisiert. Sonntags auf der Couch einen vorhersehbaren Krimi anzuschauen ist eindeutig zu bemäkeln.

Die Klischees der diversen Tatorte, die man kennen sollte, werden bedient und ins Lächerliche gezogen. So steht ein Kaffeeautomat auf der Bühne, der neben Kaffee und Wurstsemmeln auch sexuelle Befriedigung liefert. Die Polizeihunde sind ausgestopfte Tierchen auf Rollen, die bei einem Großeinsatz auf der Bühne rumgestoßen werden und am Ende in die Freiheit entlassen werden.


Auch das Publikum wird miteinbezogen: Anfangs bekommen vereinzelte ZuseherInnen Erdnussflips gefüttert und zwischendurch bekommen einzelne Person ein Mikrophon vor die Nase gehalten und müssen ad hoc system- und gesellschaftskritische Fragen beantworten. Die Stimmung wird dadurch ernster auf den Zuseher Plätzen und gelacht wird immer weniger.

Eine explizite Handlung ist im Verlauf des Abends nicht nachzuvollziehen. Die Rabtaldirndln und Julia Gräfner verkörpern Kommissarinnen, die sich lieben, hassen und gegenseitig aufbauen. Bei einem Team Building Ausflug der Abteilung helfen sie sich gegenseitig beim Umziehen und Schminken  und verwandeln sich mit Erdnussflips-Perücken in wie gemalte und engelsgleiche Schönheiten. Leidenschaftliche Kussszenen untereinander finden mehrmals statt, bis hin zur Auflösung der Gruppe am Ende, weil nur die Freiheit zählt. Es werden die Orte gewechselt und verschiedenste Taten vollbracht. Auch ein dramatischer Mord wird, ganz im Sinne des Tatorts, begangen.  

Neben gesanglichen Einlagen der Kommissarinnen, wird der Kaffeeautomat am Höhepunkt des Stücks lebendig und Susanne Ohner steigt aus dem Gerät empor, um die Kritik am Tatort noch einmal singend zusammenzufassen. Sie steigt aus dem Automaten heraus und verlässt in einer glitzernden Robe anmutig die Bühne.

Ich, Tatortkommissarinnen ist ein amüsantes Stück. Wer den Tatort nicht mag, ist sicher ganz gut im Publikum aufgehoben. Wenn man den Tatort mag, sollte man sich nicht persönlich angegriffen fühlen. Bei der Premiere waren wohl einige heimliche Fans dabei, was man am Ende am Applaus vernehmen konnte.  

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Es fischelt

Ein Klassiker als One-Man-Show: Die Koproduktion von Schauspielhaus und Vorstadttheater wagt den Versuch, Ödön von Horváths Jugend ohne Gott zu rekonstruieren. Ed.Hauswirth konzipiert den Roman dicht, bedrückend und multimedial, Matthias Ohner kämpft gegen alte Geister und neue Fische.

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Matthias Ohner © Lupi Spuma

 

Graz, 1938: Die Herrengasse ist voller Menschen. Das Gespenst des Nationalsozialismus geht um, Hakenkreuze wehen, Braune marschieren und die Grazer glänzen mit astrein zum Hitlergruß gehobenen Rechten. Mit diesen Bewegtbildern, die einen erstarren lassen, eröffnet Matthias Ohner das Stück und schlüpft sodann fließend in die Rolle des Lehrers, der im beigen Karopullunder am narzissenbewehrten Schreibtisch sitzt und Geographieaufsätze zum Thema Kolonien korrigiert. Zumindest die Beistriche – inhaltlich gilt: „Was einer im Radio redet, darf kein Lehrer im Schulheft ausbessern“. Dass er trotzdem in der Stunde anmerkt, Neger seien doch auch Menschen, trägt ihm neben dem Misstrauensvotum seiner Klasse auch einen Verweis des Direktors ein. Für offene Gespräche bleibt nur das Dunkel einer Bar, in der überraschend der Ex-Kollege „Julius Cäsar“ erscheint und mit geistreicher, schnapsgetränkter Kassandrastimme (die verdächtig ins Wienerische geht) das Zeitalter der Fische ankündigt. Aber erst auf der Wehrsportwoche gerät die Situation aus dem Ruder: Hier zeigt sich, dass schamerfülltes Schweigen im falschen Moment üble Folgen haben kann…

Feigheit und Mitläufertum, schwindende Zivilcourage und steigende Akzeptanz für humanitäre No-Gos sind genauso aktuell wie 1938. Wie lang darf man Wahnsinnige gewähren lassen, bevor man in der selbstverschuldeten Zwangsjacke erwacht? Wie umgehen mit einer jungen Generation, die ihren Mitmenschen nur mit kalten Fischaugen begegnet? Antworten liefert der Abend freilich nicht, dafür jedoch eine runde Vorstellung, die mit gekonnt eingesetzten Requisiten aufwartet (der Katheder kann auch Tür, Gerichtsbank und Totenbahre) und die Zuschauenden dem ein oder anderen Kälteschauer aussetzt. Mann des Abends ist Matthias Ohner: Erzählungen mit sonorer Bassstimme gehen in intensive Darstellungen über, die er mit Grafiken auf den vier Whiteboards garniert, die Klassenfeeling verbreiten. Der autodidaktische Schauspieler versteht es auf eindrucksvolle Weise, zwischendurch auch mal die vierte Wand zu durchbrechen, mit Lichtwünschen aufzulockern oder den Stinkefinger an die Schüler (oder das Publikum?) auf die Gespieltheit zu schieben. Fun Fact: Die jugendlichen Schüler*innen, deren Verrohung doch das Leitmotiv des Stückes bildet, lässt das Spektakel kalt. Umso eindringlicher die Botschaft, umso größer die Leistung Ohners, der trotz der Unruhen im Publikum die Spannung bis zum Schluss hält. An dem nur die roten Augen des illuminierbaren Totenkopfes von Julius Cäsar überbleiben, die unheilvoll durch die Finsternis starren. Ansehen!

Informationen zum Stück gibt es hier.

Ein Leben als Rückwärts-Krimi

Im Haus Zwei des Schauspielhaus‘ Graz laufen die Uhren bei „Pfeil der Zeit“ rückwärts – das Stück nach dem Roman von Martin Amis erzählt einen biografischen Krimi, dem das dunkelste Kapitel der Geschichte zugrunde liegt. Regisseurin Blanka Rádóczy schafft mit einem Top-Ensemble einen intensiven Abend.

Wer ist dieser Todd Friendly, der sich die Hände abtrocknet, bevor er sie wäscht und Essen in den Supermarkt bringt, um es gegen Bargeld einzutauschen? Ein ganz normaler alter Mann mit starrem Blick, zunächst verkörpert von Franz Solar – und einer inneren Stimme, die in Form von Raphael Muff, Tamara Semzov und Nico Link auf Plastikstühlen im Krankenhaus-Ambiente auf der linken Bühnenseite sitzt.

So wenig man über diesen Mann weiß, so schnell merkt man, dass etwas nicht stimmt mit ihm: Wenn die Szenen wechseln wird es dunkel, die Neonröhren flackern, im Hintergrund schreit ein Baby – zu laut, zu lang sind die Sequenzen.

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Tamara Semzov, Nico Link (li.) und Raphael Muff. Fotos: (c) Lupi Spuma (2)

 

Den Auslöser für die Konsequenz muss man aber abwarten: Todd lebt nämlich von Tod bis Geburt, von hinten nach vorne, spült die Toilette bevor er sie benutzt und steckt im Garten Unkraut in die Erde. Als Arzt pflanzt er Föten in Frauenkörper ein. Das Stück bekommt dadurch Krimi-Struktur: Das Hirn will eben immer wissen, wo die Konsequenz herkommt, um die gegenwärtige Situation zu erklären. Das kann schon mal überfordernd sein, zumal man jede Handlung gedanklich umdrehen muss.

Gar nicht freundlich, dieser Todd

Das dunkle Kapitel von Todd Friendly (oder einer seiner vieler Identitäten) entpuppt sich schließlich als alles andere als freundlich: In Auschwitz hat er Juden aus den Flammen erschaffen, war in den Ghettos und auf Schloss Hartheim. Beklemmend emotionslos erzählt das Ensemble von den Verbrechen – die hier Erschaffung, Wiederbelebung sind.

Wie erzählt man diese Verbrechen, die eigentlich zu schrecklich sind, um erzählt zu werden? Wie meine weise Begleitung es beim Nachgespräch in der Theaterbar so treffend formulierte: „Vielleicht muss es so erzählt werden, damit man es überhaupt erzählen kann. Die Details wären anders herum nicht auszuhalten.“ Regisseurin Blanka Rádóczy und das Ensemble haben mit „Pfeil der Zeit“ jedenfalls eine ziemlich gute Möglichkeit des Erzählens gefunden.

Infos und Karten gibt es hier!