Handliche Orchestermusik

Die 2. Soirée im Musikverein mit Svetoslav Borisov gab sich wienerisch.

Svetoslav Borisov

An den Anfang ihres Konzertes stellten die Grazer Philharmoniker Mozarts Serenata notturna KV 239. Dieser musikalische Faschingsscherz des 20-jährigen Maestros ließ die Solisten zu Beginn noch eher im Hintergrund agieren. Im dritten Teil traten sie flink und wendig als Vor- und Nachbereiter der Orchestermelodien hervor, wobei trotz lieblicher Interpretation, der humorvolle Funke nicht überspringen wollte (was natürlich auch werksbedingt sein kann).
Borisov, der derzeit Erster Kapellmeister am Theater Magdeburg und Gründer sowie künstlerischer Leiter des Kammerorchesters con fuoco ist, lobte die feine Atmosphäre des Kammermusiksaal im Grazer Congress. Tatsächlich hat der Saal eine ästhetische Intimität, die man gerne öfter mit Musik erfüllt erleben würde. Das Intermezzo für Streicher op. 8 von Franz Schreker entführte sofort aus der geradlinigen Klangwolke Mozarts. In seiner Tonsprache an Mahler wie an Wagner erinnernd, spielt der wenig bekannte Komponist mit engen Strukturen, deren dichte Ströme nur am Höhepunkt erhellt werden und doch stets den Beigeschmack von Schwermut in sich tragen. Auf diesen spannenden Einschub folgte der zeitlose Zauber Haydns. Seine Sinfonia concertante in B-Dur, op. 84 ließ schon in der Einleitung eine Leichtigkeit ohne jegliche Naivität spüren. Behände folgte die konzentrierte Gruppe der Grazer Philharmoniker der weichen Dynamik des Dirigenten. Besonders charmant schrieb Haydn in diesem Werk die Rolle der vier Soloinstrumente: Violine, Cello, Oboe und Fagott. Bernhard Vogl am Cello und Kamen Nikolov mit Oboe gestalteten das Andante schmeichelnd schön, Yukiko Imazato-Härtl fügte sich an der Violine etwas steif ein während Antonio Piccolotto mit seinem Fagott viele sanftmütige Klänge schuf. Das abschließende Allegro con spirito schien zu langsam angestimmt, ausgewogen jedoch bewies sich der Klang des Solistenquartetts.

Weitere Informationen zum Konzert und anderen Veranstaltungen des Musikvereins unter:
https://www.musikverein-graz.at/konzert/2-soiree-2/

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Grigory Sokolov im Grazer Musikverein

Grigory Sokolov ist der vielleicht bedeutendste Pianist der Gegenwart. Gefördert von einem anderen bedeutenden Pianisten – einem der bedeutendsten des vergangenen Jahrhunderts –, Emil Gilels, wurde Sokolov, bereits in jungen Jahren Gewinner des prestigeträchtigen Moskauer Tschaikowski-Wettbewerbs, als junger Musiker über Nacht zur Legende, die er bis heute geblieben ist.

Sokolov ist der Pianist des Atmosphärischen. Diese Zuschreibung ist nicht allein auf seine Musik zu beziehen: Sokolov möchte die Wirkung seiner Auftritte als so intensiv erlebbar wie nur möglich gestalten. Stets sind die Konzertsäle, in denen er gastiert, ungewohnt abgedunkelt. Wenn er schließlich die Bühne betritt, quittiert er den tobenden Applaus meist nur mit einem grimmigen Blick ins Leere, sich kaum verbeugend. Sokolov ist mit Sicherheit keiner jener strahlenden Shootingstars, die sich versuchen bei ihrem Publikum anzubiedern. Sokolov hat es nicht nötig. Umso größer und erfreulicher war die Überraschung, ihn nach dem Konzert in seiner Garderobe als humorvolle und gesprächige Persönlichkeit zu erleben.

Grigory Sokolov ist der vielleicht bedeutendste Pianist der Gegenwart. Gefördert von einem anderen bedeutenden Pianisten – einem der bedeutendsten des vergangenen Jahrhunderts –, Emil Gilels, wurde Sokolov, bereits in jungen Jahren Gewinner des prestigeträchtigen Moskauer Tschaikowski-Wettbewerbs, als junger Musiker über Nacht zur Legende, die er bis heute geblieben ist.

Sokolov ist der Pianist des Atmosphärischen. Diese Zuschreibung ist nicht allein auf seine Musik zu beziehen: Sokolov möchte die Wirkung seiner Auftritte als so intensiv erlebbar wie nur möglich gestalten. Stets sind die Konzertsäle, in denen er gastiert, ungewohnt abgedunkelt. Wenn er schließlich die Bühne betritt, quittiert er den tobenden Applaus meist nur mit einem grimmigen Blick ins Leere, sich kaum verbeugend. Sokolov ist mit Sicherheit keiner jener strahlenden Shootingstars, die sich versuchen bei ihrem Publikum anzubiedern. Sokolov hat es nicht nötig. Umso größer und erfreulicher war die Überraschung, ihn nach dem Konzert in seiner Garderobe als humorvolle und gesprächige Persönlichkeit zu erleben.

Das Programm im Grazer Musikverein bestand aus drei kurzen Haydn-Sonaten in der ersten Konzerthälfte und zwei Beethoven-Sonaten in der zweiten, darunter die berüchtigte letzte Klaviersonate op. 111.

Aus Beethovens 27. Klaviersonate holte Sokolov alles heraus, was dieses kurze Klavierwerk bietet: Das Hauptthema des ersten Satzes spielte Sokolov mit der angemessenen Wucht, jenes des zweiten Satzes mit zartester Einfühlsamkeit.

Als Sokolov anschließend nahtlos (und wie schon bei den Haydn-Sonaten ohne Zwischenapplaus) zur großen 32. Klaviersonate überging, stellte er einem vollgefüllten Stefaniensaal seinen hohen Rang unter Beweis. Jedem Ton verleihte Sokolov Gewicht, wobei jede Stimme von Sokolov ihre eigene Farbe verliehen bekommt. Langeweile kommt zu keinem Zeitpunkt auf, dazu sorgt Sokolov mit seinen effektvoll, aber niemals übertrieben eingesetzten Trillern. Wenn man über Beethovens op. 111 sagt, ihr erster Satz stelle das Diesseits, ihr zweiter das Jenseits dar, findet man zu dieser Deutung nicht unmittelbar Zugang. Sokolovs Interpretation öffnete für jeden interessierten Zuhörer die Pforte zum facettenreichen Kosmos des späten Beethoven.

Wie für Sokolov charakteristisch gab es schließlich eine sechs Stücke umfassende Zugabe, wobei vor allem Chopin mit einem Nocturne und zwei Préludes im Zentrum stand.

Das letzte Mal ist Grigory Sokolov im Jahr 2013 im Grazer Musikverein gewesen. Es bleibt zu hoffen, dass er den Stefaniensaal auch noch weitere Male beehren wird.

Weitere Informationen: http://www.musikverein-graz.at/konzerte/

Beitragbild: (c) Mary Slepkova, DG

Grandios: Brahms am Flügel und Haydn mit Horn

Am Montag und Dienstag dieser Woche waren in der Konzertreihe von recreation eine Haydn-Symphonie und rumänische Volkstänze von Béla Bartók zu hören. In der zweiten Hälfte sorgte Bernd Glemser als Solist im 1. Klavierkonzert von Johannes Brahms für restlose Begeisterung.

Bernd Glemser; (c) Werner Kmetitsch

Bernd Glemser (c) Werner Kmetitsch

Mit den sechs Tänzen von Bartók begann der Abend heiter und beschwingt. Dass diese frühen Lieder leichtere Kost sind als die späten Werke des Komponisten, war schon an den vielen lächelnden Gesichtern in den Reihen der Orchestermusiker zu erkennen. In knapp zehn Minuten erklangen die vor Leben sprühenden Tänze aus Rumänien und weckten die Lust nach mehr derartig unbeschwerter Musik. Diese folgte sogleich mit Joseph Haydns 31. Symphonie, die auch mit dem Untertitel das Hornsignal versehen ist. Mit einer ungewöhnlichen Besetzung von vier Hörnern hat diese Instrumentengruppe im Werk eine besondere Stellung. Immer wieder präsentieren sie markante Melodien, die mit ihrem Charakter fast an Jagdfanfaren erinnern. Schon im ersten Satz ist die jugendliche Frische des Komponisten deutlich zu hören, die sich bis zum letzten Ton nicht verliert. Das GROSSE ORCHESTER GRAZ hatte unter der Leitung von Heinrich Schiff viele Gelegenheiten seine Stärke in den einzelnen Stimmen zu zeigen. Wenn sich etwa im zweiten Satz die Melodie zwischen erster Geige und Cello abwechselt, wirkt dies wie ein gut einstudierter Tanz zweier gleichgestellter Freunde. Besonders gelungen war auch das Finale der Symphonie: Variationen eines eingängigen Streicherthemas. Hier wechselt die Melodie zwischen den verschiedenen Instrumenten umher, sodass nicht nur Geige und Cello zu einem Solo kommen, sondern auch Oboe, Querflöte und sogar der Kontrabass. Und natürlich, wie könnte Haydn sie in seinem Schlusssatz vergessen, finden auch die Hörner darin ihr letztes Wort.

Johannes Brahms; (c) styriarte

Johannes Brahms (c) styriarte

Vom Entwurf für eine Symphonie zu einer Sonate für zwei Klaviere bis hin zum endgültigen Klavierkonzert in d-moll hatte die Komposition von Brahms einen langen Weg. Diese „Zerrissenheit“ macht das Werk anspruchsvoll für die Interpreten gleichwohl wie für das Publikum. Während die Uraufführung des Konzerts mit Brahms selbst als Solisten noch furchtbar missglückte, hat sich seine Wirkung auf das Publikum schnell um 180 Grad gedreht. Anspruchsvoll ist eben nicht gleich schlecht, denn einen hart errungenen Erfolg kann man viel bewusster genießen. Das weiß auch Dirigent Heinrich Schiff und erklärt in der Einführung zum Konzert: „Das Erblühen der Schönheit kommt hier aus ungeheuren Tiefen“. Diese Schönheit erscheint nach dem leidenschaftlich traurigen Ringen des Hauptthemas noch klarer, noch anmutiger und reiner. Die manchmal fast verzweifelte Stimmung des Werkes steht vermutlich mit dem Tod des guten Freundes des Komponisten Robert Schumann in Zusammenhang. Doch gerade auch diese Verzweiflung gibt dem Konzert etwas unheimlich Kraftvolles und Berührendes. Die Hürden dieser schwierigen Komposition meisterte der Solist Bernd Glemser mit flinken Fingern und einem eleganten Auftritt ohne jegliche Allüren. Selbst die schnellsten Läufe und Triller spielte er mit einer Leichtigkeit, als hätte jede Taste des Klaviers nur das Gewicht einer Feder. Mächtig, aber ohne je grob zu werden, zeigte er die gespaltenen Emotionen des ersten und dritten Satzes nicht durch übertriebene Gesten, sondern durch sein vielschichtiges Spielen. Die wundervolle Ruhe des mittleren Satzes fand er auch in seiner Zugabe wieder, die selbst noch nach dem Verklingen des letzten Akkords im Raum schwebte.

Eine Zeitspanne von genau 150 Jahren wird vom klassischen Werk Haydns bis zu Bartoks Volkstänzen gezogen. Was alle drei Kompositionen trotz ihrer unterschiedlichen Entstehungszeit gemein haben: die Urheber schrieben ihre Stücke als junge Männer. Wie stimmig so eine Kombination aus jugendlichem Feuer sein kann, durfte man hautnah miterleben!

Ein Interview mit Bernd Glemser zum Konzert auf Radio Helsinki kann man nachhören unter:
http://helsinki.at/programm/50031

Informationen zum Konzert unter:
http://styriarte.com/events/brahms-am-fluegel/