Farbpracht von sechs Men in Black

Foto © Marco Borggreve

Anmutige Tänzer, wilde Jagdgesellschaften, wurlende Fischlein im Silberquell und eine regennasse Penny Lane – die King’s Singers lassen das Styriarte-Publikum nicht nur hören, sondern erleben. Im Konzert Greensleeves führten sie vom Hof Heinrichs VIII. bis zu Gershwin und statteten auch Beatles und Benjamin Britten einen Besuch ab.

Obwohl das sechsköpfige Männerensemble bereits vor einem halben Jahr im Grazer Stefaniensaal auftrat, füllte es am 26. Juni die Helmut-List-Halle erneut bis zum Dach. Ihr selbst erklärtes Ziel ist es schließlich nicht nur, ein möglichst breites Publikum zu begeistern, sondern es auch zu „erziehen“. Das können sich die Herren in Schwarz leisten, ohne überheblich zu wirken, denn ihr Repertoire ist extrem breit gefächert. Und dabei noch auf einem so hohen Niveau, dass sie auch popverliebten Ohren die Musik von William Byrd schmackhaft machen können, welcher schon Lieblingskomponist von Queen Elizabeth I. war. Die gesamte erste Hälfte des Konzerts besteht aus Liedern ihres Umfelds (Pastime with good company, Henry VIII.) oder solchen, die darauf referieren (Choral Dances from Gloriana, Benjamin Britten). Diese interpretiert das Ensemble so lebendig, dass man die höfischen Tanz- und Jagdszenen beinahe sehen kann. Als Brücke zur zweiten Hälfte dient die Volksliedmelodie Greensleeves, der Legende nach ebenfalls aus der Feder von Henry VIII. stammend. Nach einigen Traditionals (Dance to thy daddy) präsentiert das Sextett schließlich seine Spezialität: Songs in „close harmony“. Hier entfalten sich Talent und Leidenschaft der King’s Singers fürs Entertainen – Lachen und Schnipsen erlaubt, wenn ein schwungvolles Oh, I can’t sit down aus George Gershwins Oper Porgy and Bess oder Penny Lane der Beatles zum Besten gegeben wird. Ein Plus in puncto Sympathie gibt es für die Ansagen – diese sind nämlich sämtlich trotz vorrangig britischer Herkunft der Sänger allesamt auf Deutsch.

Durch alle Stile und Epochen trägt der homogene Sound des Ensembles, und trotzdem sind vor allem die Renaissance-Stücke so transparent, dass jede einzelne Stimme zu hören ist. Die kristallklaren Töne von Patrick Dunachie und Edward Butten schweben über dem satten Tenor von Julian Gregory, zu dem sich nahtlos die Baritone Christopher Bruerton und Nick Ashby fügen auf dem kraftvollen Unterbau von Jonathan Howard. Seit der Gründung 1968 hat sich das preisgekrönte Sextett zwar vollständig erneuert, die Markenqualität aber behalten und gilt völlig zurecht als Spitzenreiter seiner Art und darüber hinaus.

Zum Styriarte-Event geht’s hier, weitere Informationen und Konzerttermine des Ensembles finden Sie auf dessen Homepage.

Werbeanzeigen

Göttlicher Liebeskummer – Apollo und Daphne

BILD: Arianna Vendittelli als Dafne und Raffaele Pe als Apollo Fotocredit: Nikola Milatovic

Die diesjährige Styriarte präsentiert die himmlische Herzschmerzgeschichte von „Apollo und Dafne“ in Graz und verwandelt die Helmut-List-Halle in die Jagdgründe des Amors. Die italienische Oper stammt von dem steirischen Barockmusiker Johann Joseph Fux, der dem kaiserlichen Hof des Jahres 1714 zeigte, dass Steirer wissen, wie man unterhält!

Ein steirischer Bauernbub, der Opern schrieb. Das war Johann Joseph Fux. Der in der Barockzeit lebende Musiker wuchs ganz bescheiden als Hirte auf einer Kuhweide auf, jedoch war ihm dank seiner musikalischen Begabung eine wahrhaft märchenhafte Karriere vorbestimmt. Seine Stücke entzückten den kaiserlichen Hof und verschafften ihm das höchste Amt, das das musikalische Europa zu vergeben hatte: Kaiserlicher Hofkapellmeister.

Ihm zu Ehren wird die Styriate zur Bühne der ersten Fux-Festspiele und präsentiert jährlich Stücke des steirischen Opernmeisters bis 2023. Dieses Jahr wird „Apollo und Dafne“ („Dafne in Lauro“), inszeniert von Wolfgang Atzenhofer, in der Helmut-List-Halle zu neuem Leben erweckt.

Doch bevor das Stück beginnt, steht Hofkapellmeister Johann Joseph Fux (gespielt von Christoph Steiner) im edlen Barockkostüm auf der Bühne. Nach einer charmanten Begrüßung der Menge plaudert er ein wenig aus dem Nähkästchen. Der Steirer erklärt genau, was er sich bei dieser Oper gedacht hat und beschwert sich gleichzeitig auch darüber, was sich denn die Styriate hier eigentlich gedacht hat: Vorhang, Eunuchen und die Schokolade eingespart! Na ja, die Schokolade wird dann doch von Zotter nachgeliefert, doch der Rest bleibt aus. Da das Libretto zur Uraufführung 1714 verloren ging, kann man über Inszenierung, Choreographie und Bühnenbild generell nur spekulieren.

Das Stück beginnt in den Jagdgründen, wo die Jagdgöttin Diana (Monica Piccinini) die Nymphen, darunter die schöne Dafne (Arianna Vendittelli), vor dem Liebesgott Amor warnt.

dafne-in-lauro_c_nikola-milatovic_3784-e1561197961979.jpg

Arianna Vendittelli als Dafne Fotocredit: Nikola Milatovic

Hier findet sich auch Apollo (Raffaele Pe) ein, der die Schießkünste des Amors verspottet. Der Liebesgott (Sonia Tedla) lässt dies nicht auf sich sitzen und schießt einen feurigen Liebespfeil in die vermeintlich eiserne Brust des Apollos. Dieser erblickt Dafne und verliebt sich augenblicklich unsterblich in die Nymphe. Um das Liebesglück zu verhindern, schießt Amor einen eiskalten Pfeil in ihr Herz, das deswegen lieblos gegenüber Apollo bleibt.

Apollo versucht verzweifelt mit erotischen Anspielungen um die Schöne zu werben, doch nichts scheint ihr Herz zu erwärmen.

 Ach, welche Qual ist Liebe ohne Hoffnung! – Apollo

dafne-in-lauro_c_nikola-milatovic_4027_a-e1561198041644.jpg

Arianna Vendittelli als Dafne und Raffaele Pe als Apollo  Fotocredit: Nikola Milatovic

Dafne wird zum Spielball der Götter und sieht in der Opferung ihres Lebens ihren einzigen Ausweg. Sie gibt das Nymphenleben auf und wird zum Lorbeerbaum.

Ich höre auf, Nymphe zu sein, ja! Aber ich höre nicht auf, berühmt zu sein, denn im Sterben werde ich unsterblich – Dafne

Apollo erklärt den Lorbeer zum Symbol der höchsten Tugend und kehrt zurück in den Olymp.

Begleitet wird das Stück von dem renommierten Zefiro Orchester unter dem Dirigenten Alfredo Bernardini, das sich auf die Musik des 18. Jahrhunderts spezialisiert und das das Publikum auf eine musikalische Reisen in den Barock mitnimmt. Die Halle lässt jedoch den Klang der Musik nicht all so kräftig erschallen, wie ein Opernhaus es tut.

Das Bühnenbild (von Lilli Hartmann) ist durch die dahinter befestigte Leinwand dynamisch und vielseitig wandelbar. Die Projektionen sind nicht nur perfekt auf die Handlung abgestimmt, sondern eröffnen eine weitere Erzählebene, die in Form von Aquarellzeichnungen das göttliche Szenario verstärkt. Die Untertitel werden einige Male durch die Nebelmaschine unleserlich und an anderen Stellen überhaupt ausgespart, was nicht förderlich für das Verständnis ist.

Die Kostüme sind in natürlichen Farben gehalten und die Götter sind zusätzlich mit goldenen Details ausgestattet. Traditionelle Elemente griechischer Götter sind mit teils moderner Mode vereint und kreieren ein Kostümbild, das eine mystische Variation der Mode präsentiert. Die Körperbemalung, die jeder Figur eine andere Hautfarbe gibt, trägt zur Verwandlung in mystische Wesen hervorragend bei.

Apollo und DaphneFux.OPERNFEST VOL.2*  Styriarte 2019

Arianna Vendittelli als Dafne verwandelt sich in einen Lorbeerbaum
Fotocredit: Nikola Milatovic

Ein Operngenuss, der eine göttliche Liebesgeschichte wahrlich künstlerisch darbietet.

Tickets und weitere Informationen hier.

(c) Werner Kmetitsch

Jeansstoff beruhigt das Gewissen

Dramaturg Thomas Höft inszeniert Beethovens Oper „Fidelio“ für die styriarte mit Jeansstoff als Zeichen der Gleichheit und Flüchtlingsschicksalen als Mahnmäler der Menschlichkeit.

Wer konservativen Operngenuss ohne politische Anstöße möchte, war bei der diesjährigen „Fidelio“-Produktion der styriarte in der Grazer Helmut-List-Halle definitiv fehl am Platz. Denn die immer noch aktuelle Debatte um Migrationsthemen wurde nicht etwa sanft und künstlerisch codiert in die Oper eingesponnen, sondern auf der riesigen Videoleinwand vorgesetzt. Von dort aus erzählen Vertriebene, die in Österreich gestrandet sind, sieben Mal in den knapp zweieinhalb Stunden von ihrer Flucht, den untragbaren Lebensbedingungen im Herkunftsland und lobhudeln nicht zu gering auf die Gastfreundschaft der ÖsterreicherInnen. Jemshed und Anita etwa sind vor einer Zwangsheirat aus Afghanistan geflohen. Alla aus Syrien hat es vom Schlepperboot im Mittelmeer bis nach Gleisdorf geschafft. Unzweifelhaft sind die Einzelschicksale mitreißend. Die Frage ist nur, was bleibt, wenn man den Mikrokosmos Konzertsaal wieder verlässt.

Was fehlt an der ganzen Sache ist der Kunstgriff. Am Silbertablett serviert bekommt man das Mitleid, das man natürlicherweise bei den Videos empfindet – eigene Denkleistung braucht es dann keine mehr, das Gewissen ist beruhigt. Obwohl sich Thomas Höft als Erzähler sichtlich anstrengt, die Einspielungen mit den Szenen aus der Oper zu verbinden, erscheinen die Videos abgehackt, fast erzwungen.

Was man zeigen will, ist unmissverständlich: Das, was Beethoven in „Fidelio“ an menschlicher Ungerechtigkeit verarbeitet hat, existiert noch immer. Nachdem Tenor Johannes Chum als Florestan in „Gott! Welch Dunkel hier!“ von seiner Gefangenschaft singt, erzählt Karan aus Sri Lanka vom Aufenthalt im Foltergefängnis. Schließlich rettet die als Fidelio verkleidete Leonore (Johanna Winkel) ihren Geliebten doch noch, und alles löst sich in Wohlgefallen auf – der Syrer Jan beendet die Einspielungen mit einem schmalzigen Plädoyer für Humanismus und Frieden, der Chor singt mit voller Wucht auf die Menschlichkeit. Schön.

Freiheit, Gleichheit, Jeansstoff

Musikalisch lässt der styriarte-„Fidelio“ kaum zu wünschen übrig: Anfangs begeistert Sopranistin Tetiana Miyus mit ihrer spritzig-süßen Interpretation der Marzelline, in den Höhen fühlt sie sich sicher. Thomas Stimmel personifiziert im Kerkermeister Rocco das Mitläufertum, Jochen Kupfer als Tyrann Don Pizarro zeigt einen dunklen Bariton, der vor Bosheit nur so brodelt. Winkel und Chum kauft man die „O namenlose Freude!“ bei ihrer Wiedervereinigung nicht so recht ab, gesanglich bringt sie trotz Verkühlung ihren Part als Leonore sauber über die Bühne.

Das styriarte Festspiel-Orchester zeigt sich von seiner besten Seite, in der Ouvertüre und im Finale „Heil sei dem Tag“, gemeinsam mit dem Chor (Einstudierung: Franz M. Herzog), sprüht es vor Kraft – Energiebündel Andrés Orozco-Estrada lässt grüßen! Diesmal in Jeansjacke, gleich wie das Orchester, der Chor und das Ensemble. Der Einheitslook bleibt das subtilste politische Statement an diesem Abend und wird dadurch auch zum schönsten und stärksten.

Infos & mehr