Wortgefechte am Grazer Schlossberg

Furchtlos den Degen schwingend und mit tiefsinniger Sprachakrobatik in petto, erntet „Cyrano de Bergerac“ unter der Regie von Markus Bothe Standing Ovations auf der Kasemattenbühne. 

Am Schlachtfeld ist Cyrano (Andri Schenardi) regelmäßig der Held der Stunde und auch verbal ist er stets treffsicher. Nur seine lange Nase raubt dem sonst so selbstbewussten Soldaten jeden Mut und hindert ihn daran, der schönen Cousine Roxane (Henriette Blumenau) die großen Gefühle zu gestehen. Doch der Geliebten wird ohnehin von anderen Männern der Hof gemacht – vor allem der einfältige Christian von Neuvillette (Benedikt Greiner), ebenfalls Soldat, möchte sein Glück versuchen.

Wird man durch einen Kuss zum Diebe?

Für denn Fall, dass ihm die Worte fehlen – er ist eher die stille Schönheit – leiht ihm der bereits resignierende Cyrano als Ghostwriter seine poetische Stimme. Wider jeglicher Erwartungen schenkt Roxane den liebestollen Zeilen ihr Herz und heiratet Christian, der bis auf sein Aussehen nicht viel für die Verbindung getan hat. Graf von Guiche (Pascal Goffin), der Dritte im Bunde und der Kommandeur der Truppe, ist ebenfalls der jungen Frau verfallen und schickt den frisch verheirateten Christian sowie Cyrano an die Front, denn der Krieg klopft nicht nur in den Belangen der Liebe an die Tür…

 

Für die letzte Inszenierung der Spielzeit 16.17 des Grazer Schauspielhauses wurde über Wochen ordentlich die Werbetrommel gerührt. Mit hohen Erwartungen darf man also auf den Grazer Hausberg wandern (oder gratis mit der Schlossbergbahn fahren), um der namhaften Geschichte aus der Feder von Edmond Rostand zu frönen. Tragik trifft auf Romantik, ohne dabei in kitschige Platitüde zu verfallen. Daneben kommt der Humor nicht zu kurz und vorrangig an den richtigen Stellen zum Einsatz. Zum Einsatz kommt auch physisch so einiges. Mit Kampfchoreografien von Renata Jocic beweisen sich die Querulanten im Auftrag der Liebe und lassen mehr als einmal den Atem stocken, wenn der Degen um die erhitzten Gemüter pfeift. Aber auch die Open Air Bühne offenbart sich als Blickfang: Wie selbstverständlich wird der Raum sowie das Publikum durch einen Steg geteilt. Auf diesem wird gelaufen, gekämpft, gesprochen und vor allem aus Leibeskräften geliebt. Immer mit der Frage im Hinterkopf, wie weit Gefühle reichen, ob die bedingungslose Selbstaufgabe tatsächlich gegen Oberflächlichkeiten verliert und die wahre Liebe aus reiner Uneigennützigkeit verzichtet.

Mit vollem Körpereinsatz fegen die Darstellenden in alle Richtungen, rütteln an ihren eigenen Grenzen und preschen euphorisch darüber hinaus. Ob ,,Cyrano de Bergerac“ das Stück des Jahres ist sei dahingestellt, dass damit aber die perfekten Voraussetzungen für eine packende Sommernacht geliefert werden, steht außer Frage – der lang anhaltende Applaus des Publikums meldet sich freiwillig, um als Zeuge zu dienen.

Mehr Informationen gibt es hier.

Bunny – stay in school ‚cause it’s the best

Wie soll man heute noch rebellieren, wenn man eigentlich alles hat? Katie alias Bunny rebelliert gegen das brave Mittelklassestigma mit Blowjobs. Vielen Blowjobs.

Klarinettenspiel und ein halbwegs erfolgreiches Schulleben zeugen normalerweise nicht für Rebellion. Auch für Katie nicht. Aber irgendwie durchlebt jeder Mensch eine rebellische Phase, also wie soll sich diese nun möglichst ausprägen, wenn man trotzdem auf die Uni will und eigentlich auch die Klarinette gar nicht so schlimm findet?

Katie entscheidet sich dafür das brave Schulmädchen zu sein, welches gerne Blowjobs verteilt. Nur Blowjobs. Das sei nicht so intim, meistens schließe sie eh die Augen. Den daraufhin verliehen Spitznamen Pausbäckchen fand sie gut, er hat sich aber leider nicht durchgesetzt.

Ihre Jungfräulichkeit hebt sie sich bis zu ihrer ersten ernstzunehmenden Beziehung auf. Und auch dort braucht es einen besonderen Auslöser. Weil ihr älterer Freund nämlich nicht zu ihrer Geburtstagsparty erscheint, sondern deutlich später, schenkt sie ihm ihre erste Nacht. Generell reagiert sie häufig unkonventionell. Der Lehrerin stopft sie ein halbes Kilo Faschiertes im Waschsalon in den Trockner, weil diese Katie für zu lautes Reden im Unterricht ermahnt hat. Die Reaktion scheint übertrieben zu sein, aber Katie findet sie nach wie vor erwähnenswert und präsentiert sie voller Stolz.

BUNNY Henriette Blumenau (c) Annette Boutellier

BUNNY Henriette Blumenau (c) Annette Boutellier

Freizügig naiv berichtet Katie aus ihrem Leben und von ihrem – zumindest fragwürdigen – Verhältnis zu ihrer Sexualität. Die Geschichte nimmt richtig Fahrt auf, sobald sie ihrem Freund bei einer Schlägerei zusieht und eine Verfolgungsjagd beginnt, bei der sie letztenendes von Asif, einem Freund ihres Freundes vorgeführt wird: Sie sei zu einfach zu haben.

Henriette Blumenau spielt diesen 70 minütigen Monolog mit enormer Klasse. Die Unverfrorenheit Katies, innere Zweifel und diebische Freude über erfolgreiche Racheaktionen zeugen von einem intensiven Befassen mit der Rolle, welche sie auch bereits am Schauspielhaus Bern eingenommen hat.

– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –

BUNNY mit Henriette Blumenau im HAUS ZWEI: Alle weiteren Termine und zusätzliche Informationen finden sie auf der Homepage des Schauspielhaus Graz.

This is Cactus Land

Wir befinden uns in einem Hotelzimmer. Vermutlich in Sarajevo Mitte der 1990er Jahre. Das Hotel „Cactus Land“ hat auch schon einmal bessere Zeiten erlebt, was im Sarajevo der 1990er Jahre auch nicht verwundert. Vor uns eine gescheiterte Existenz. Eine gescheiterte Existenz? Diese Frage – so viel vorweg – wird nicht beantwortet werden. Bleiben wir bei den Fakten: Alex Lewis ist Kriegsreporter. Er entstammt einer vornehmen britischen Familie deren männlicher Zweig hochdekorierte Militärangehörige sind. Neben der Abwesenheit des Vaters wurde Alex von einer dominaten Mutterfigur und dem Edelinternat Eton geprägt, von welchem er geflogen ist.

Cornelia Kempers, Henriette Blumenau, Sarah Sophia Meyer, Jan Brunhoeber (c) Lupi Spuma

Cornelia Kempers, Henriette Blumenau, Sarah Sophia Meyer, Jan Brunhoeber (c) Lupi Spuma

Jan Brunnhoeber als Alex Lewis legt hier einen großartigen Einstand auf die Bretter des Grazer Schauspielhauses. Interessanterweise ist der der einzig männliche Darstelller. Umringt wird er  von einem Damentrio, welches durch Mutter, Schwester und Geliebte aus der Zeit in Sarajevo vermutlich die drei einflussreichsten Frauen in seinem bisherigen leben waren. Es wirkt vielfach, als befinde er sich in einem Albtraum. Immer wieder fliegen die Fetzen aus seiner Vergangenheit in das Stück zurück, welches annähernd nur aus diesen zu bestehen scheint. Untermalt werden diese Sequenzen durch einen Damenchor, der nicht nur durch das dunkle Auftreten sondern auch durch die Schwere des gewählten Liedgutes die Szenerie hin zu einer Trauergemeinschaft zu verändern mag. Aufgerüttelt aus dem Traum werden die Zuschauer und Alex einzig durch die Kecke Silvana Veit, die als Zimmermädchen unseren Kriegsreporter immer im unpassendsten Moment mit Trivialitäten zu stören scheint.

Die Story ist angelehnt an die Erzählungen „My War Gone By, I Miss It So“ des britischen Kriegsfotografen Anthony Loyd. Regisseurin Lily Sykes hat zudem einen persönlichen Bezug zum Thema, da ihre Mutter für die BBC mehrere Dokumentationen über den Balkankrieg drehte, was in diese Arbeit einfließt. Man merkt dem Stück durchaus viele verschiedene Einflüsse an, die durchaus auch einen langen Nachhall bieten. Katzenvideos bringen uns eher zum Weinen als die Verletzung der Menschenrechte. Solche und ähnliche Aussagen fallen ganz nebenbei und schwingen doch die große Moralkeule, die sonst nur im Subtext des Stückes leise durchdringt. Das häufige Hin und Her im Erzählstrang ohne nähere Erläuterungen ist jedoch häufig unerklärlich und überfordernd. Hierin liegt die eigentliche Schwäche des Stückes: Es hat zu viele Nebenschauplätze, die nur mäßig nachvollziehbar eingebunden wurden. Und trotzdem ist es ein sehenswertes Stück, da gibt es keine Frage. Der Stoff und die Einzelteile haben eine enorme Qualität!