Improvisieren ohne Ende

Improvisation wird großgeschrieben im Theater im Bahnhof. Was normalerweise jeden Montag dargeboten wird, dem wurde nun ein ganzes Festival mit internationalen Gästen gewidmet.

Wer Fan von Impro-Theater ist oder es noch werden möchte, der ist beim TiB-Impro-Cup im Grazer Orpheum goldrichtig. Jeden Tag steht ein – wie könnte es auch sonst sein – neues Programm an, bei dem auch internationale Gäste mitspeilen.

Am Dienstag gingen Láďa Karda aus Tschechien und Jacob Banigan vom TiB-Ensemble auf Reise in den hohen Norden, nach Reykjavik. Die Rahmenbedingungen gibt das Publikum vor, und so kommt es dann, dass sich ein Fischer (Banigan) ohne Lebensgefährtin, dafür aber mit einem riesigen Hund, und ein mäßig erfolgreicher Science-Fiction-Autor (Karda), der sich als Tätowierer über Wasser hält, in einer Warteschlange wiederfinden, um mit einer Troll-Frau Sex zu haben. Das klingt absurd und ist es auch – doch Karda und vor allem Banigan finden eine Weg durch den Impro-Irrgarten, der nicht nur extrem lustig, sondern sogar noch auf komische Art und Weise nachvollziehbar ist.

Im zweiten Teil des Abends wurde es musikalisch und tragisch zugleich: In einer High School nämlich, in der es nicht nur unverstandene Teens und gebrochene Herzen gab, sondern auch ein Curling Team. Das multinationale Ensemble unter der Leitung von Victoria Bang aus Schweden hatte zu jeder Szene auch einen Song und eine improvisierte Choreographie parat. Zwar ging einiges an Gags „lost in translation“, aber dennoch – langweilig wurde das „High School Musical“ nie.

Infos und Programm

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Es ist aufgerüstet!

Die Apokalypse naht, auf jeden Fall wenn es nach dem Planetenparty Prinzip unter der Regie von Simon Windisch geht. In ihrer Performance „Aufrüsten“, die in Graz für zwei Vorstellungen wiederaufgenommen wurde, zeigen sie einen Streifzug durch die Sonderheiten der SchwarzmalerInnen und Aluhut-TrägerInnen.

Die eigene Verteidigung sei geübt! Und die drei jungen Frauen Nora Köhler, Miriam Schmid und Nora Winkler üben nur allzu fleißig. Schießen, Waffen abnehmen, Verletzte bergen – all das geben sie gleich zu Anfang ihrer Performance zum Besten. Bis eine tatsächlich eine schwarze Pistole zückt. Ein Anblick, der in behüteten mitteleuropäischen Augen doch etwas Unbehagen auslöst. Das hat sich allerdings schon zu Anfang breitgemacht hat, als am Eingang des Combinesch Schutzbrillen gereicht und gesagt wurde, man solle zur eigenen Sicherheit ruhig Haube und Schal auflassen. Zum Glück sind die Waffen bloß mit Plastikkugeln gefüllt, wie man sie von Dorf-Kirtagen kennt.

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(c) Mike Traussnigg (2)

Bald ist die erste Trainingseinheit vorbei und die drei Kämpferinnen finden sich auf Campinghockern wieder – alles deutet auf ein Survival-Camp hin. Sie essen ganz unschuldig Nussstrudel, fangen aber bald an, über das Überleben im Falle der Apokalypse zu philosophieren. Welche Menschen bleiben auf der Strecke, wen rettet man, wen lässt man (natürlich zur eigenen Sicherheit) verrecken? Wie kommt man am schnellsten aus der Stadt raus? Das und mehr fragt sich Nora Winkler, und zwar auf eine humoristisch-übertriebene Weise, die ihr das Publikum mit viel Lachen dankt. Die verunsicherte Nora Köhler gibt währenddessen eine Kaufempfehlung nach der anderen für ihre Survival-Kits und -Messer ab; Miriam Schmid informiert genauestens über die richtigen Waffen. Unterlegt wird das Ganze mit umgetexteten Songs von Victoria Fux am Keyboard und vielen pointierten Seitenhieben auf jene, die das Gespielte wirklich ernst meinen.

Das furiose Finale: George W. Bush, Hitler und Kim Jong Un müssen auf kleinen Bildchen am Schießstand dran glauben, ein Banner mit der Aufschrift „Chemtrails gehen uns alle was an“ flattert über die Köpfe des Publikums – und Nora Köhler verschwindet mit ihrer Tarnung in der Wand. Ob es nun ein Bürgerkrieg oder ein andersartiger Weltuntergang sein wird – das Planetenparty Prinzip ist (auf)gerüstet und das Publikum prächtig unterhalten.

Altes Epos, junge Perspektive

Das BORG Kindberg baut zum wiederholten Mal die große Musical-Bühne auf und lädt mit einer Neufassung von Homers „Odyssee“ zur Reise quer durch Europa. Regie führt Georg Schütky.

Der hoffnungslos optimistische Ulisses (Erhard Hochörtler), die rebellische Penny (Anna Hirzberger) und die unscheinbare Helena (Loreen Tröbinger) machen sich zum Roadtrip auf, da ihr Flug nach Ithaka gestrichen wurde. Die Reise der SchicksalsgefährtInnen führt sie im Zug, Truck, auf Motorrädern und mit dem Boot nicht nur näher an ihr Ziel, sondern vor allem zueinander und zu sich selbst. „Odyssee – Das Musical“ verarbeitet Gedanken zu Liebe, Selbstverwirklichung, Vertrauen und Freundschaft, die heute wie auch zu Zeiten Homers bewegen, verzichtet aber nicht darauf, politisch Standpunkt zu beziehen – etwa durch die Begegnung mit Geflüchteten in Belgrad.

Loreen Tröbinger, Erhard Hochörtler, Anna Hirzberger und Stefan Müller. (c) Fotos (3): BORG Kindberg

Auslöser der Reise sind die gelangweilten Göttinnen und Götter auf ihrem Greenscreen-Olymp neben der Bühne. Auf einem weißen Segel inmitten der Bühne finden sich ihre Gesichter dank der Video-Technik wieder – hier trägt die „Odyssee“ Schütkys Handschrift. Auch die Erde kommt ohne viel Requisite aus, mit ein paar grünen Boxen wird so ziemlich alles nachgebaut. Dionysos, der göttliche Dirigent (Archie Hochörtler), liefert mit seinem Orchester den vielseitigen Soundtrack zur Reise: Im LKW des etwas ungepflegten, aber umso stimmgewaltigeren Heinz (Stefan Müller) spielt es ein Schlager-Medley inklusive Helene Fischer, Udo Jürgens und DJ Ötzi; in Budapest wird in Neonfarben zu „Don’t stop till you get enough“ von Michael Jackson gefeiert (Choreographie: Martina Riegler) und bei „Nothing Else Matters“ von Metallica finden Penny, Ulisses und Helena nach einem Streit wieder zueinander.

Gesanglich zeigen die SolistInnen und das Ensemble der „Odyssee“ eine großartige Leistung nach der anderen. Vanessa Krainer verkörpert die gruselige Sektenführerin Kirke mit stechenden Blicken und intensiviert die Stimmung mit ihrer verführerischen Stimme. Anna Hirzberger prescht mit immenser Energie von der ersten bis in die letzte Szene, trifft jede Note, spielt jede Emotion so groß wie nur möglich – ihre persönliche Odyssee führt wohl auf die großen Bühnen der Welt.

Das Musical des BORG Kindberg zeigt, wozu junge, talentierte Menschen fähig sind, wenn man ihnen eine Stimme und eine Bühne gibt. Fast zwei Jahre lang haben sich Regisseur Georg Schütky, der zuletzt mit „König Artus“ die Spielsaison am Next Liberty eröffnete, 150 SchülerInnen und viele Lehrkräfte des BORG Kindberg  mit ihrer neuartigen „Odyssee“ auseinandergesetzt. Die Arbeit hat sich ausgezahlt, denn sie haben sie es geschafft, eines der ältesten europäischen Epen ins Heute zu übertragen, als Musical im großen Stil zu arrangieren und dem Ganzen eine authentische junge Perspektive zu verleihen. Mit über 2500 ZuseherInnen in drei Vorführungen ist eines klar: Kultur gehört nicht nur der Landeshauptstadt.

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