DIE ZEITUNG macht Mörder – Die verlorene Ehre der Katharina Blum

Bild:  Yvonne Klamant (Katharina Blum), Amelie Bauer (Trude Blorna), Martin Niederbrunner (Dr. Hubert Blorna), Helmut Pucher (Werner Tötges), Christoph Steiner (Ludwig Götten), Michael Großschädl (Peter Hach) © Lupi Spuma

Schlagzeilen können gewaltsam sein! Dies wird im Stück „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ im Next Liberty spürbar, denn „Fake-News“ zerstören das Leben der jungen Katharina Blum. Heinrich Bölls Erzählung aus dem Jahr 1974 ist ein Pamphlet gegen Sensationsjournalismus und trifft auch noch heute den Zahn der Zeit. Der Regisseur Kristo Šagor verleiht Katarinas Geschichte einen modernen Touch und besonders die dynamische Erzählweise ergreift und fesselt das Publikum voll und ganz.

Ein Foyer im 70er-Jahre Stil, in dem die Wände mit dunklem Holz verkleidet sind, bildet die Bühne. Zwei Glastüren führen zu Katharinas Wohnung, in der ein Bild Bölls hängt und in der sie wie in einem Glaskasten unter Beobachtung steht. Die Polizei, die Presse und dann die ganze Nachbarschaft, alle Aufmerksamkeit scheint auf die 27-jährige gerichtet zu sein. Die junge Frau ist umgeben von Männern, die Aussagen über sie treffen und alles was sie geschaffen hat, gegen sie verwenden. Das Patriarchat zeigt, welche Macht es hat und bringt die Frau zu ihrem Ende.

Alles begann an einem Tanzabend, wo Katharina (gespielt von Yvonne Klamant) Ludwig Götten (Christoph Steiner) kennen und lieben gelernt hat. Ohne von seiner kriminellen Vergangenheit zu wissen, nahm sie ihn anschließend mit nach Hause. Am nächsten Tag jedoch steht die Polizei vor ihrer Haustür und nimmt sie mit auf die Wache. Ihr wird nicht nur unterstellt eine Komplizin Göttens zu sein, sondern vieles mehr – bis hin zur Prostitution. DIE ZEITUNG macht diese Unwahrheiten publik und zerstört Katharinas Ruf zur Gänze. Die junge Frau sieht keinen anderen Ausweg, als den Journalisten Werner Tötges (Helmut Pucher) zu erschießen und sich anschließend der Polizei zu stellen.

Auf der Bühne stehen nicht nur Katharina Blum sondern auch sechs weitere Erzählfiguren, die immer wieder in andere Rollen schlüpfen, um die Geschichte zu erzählen. Der Dialog zwischen diesen Figuren ist dynamisch, rasant und geschickt aufgeteilt. Durch die ans Publikum gerichtete Erzählweise hören die Zuschauer gefesselt zu und die Unstimmigkeiten zwischen den Erzählern und den Erzählerinnen machen das Ganze besonders amüsant.

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© Lupi Spuma

Diese hervorragende Umsetzung von Bölls Erzählung zeigt einen Krimi mit einem Hauch Liebe und viel Humor, die dennoch die Ernsthaftigkeit des Themas klar auf die Bühne bringt.

Sehr empfehlenswert für Jugendliche sowie Erwachsene und noch bis Mitte Mai im Next Liberty zu sehen.

Tickets: hier.

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Big Brother is watching YOU – Die Mitwisser

BILD: Clemens Maria Riegler, Sarah Sophia Meyer, Henriette Blumenau © Lupi-Spuma

 

Die Technik ist ja schon etwas Schönes, oder? Mit einem Smartphone hat man bekannterweise schon fast die halbe Welt in einer Hand und sprechen kann man mit dem Ding auch schon! Wie es wäre, wenn man sich so ein Multitalent in Menschenform ins Haus holt, zeigt das Stück „Mitwisser“, eine Idiotie von Philipp Löhle, im Schauspielhaus unter der Regie von Felicitas Braun. Es zeigt die guten und vor allem auch die schlechten Seiten der modernen Technologie.

Ein Multitalent für daheim. Das ist der Herr Kwandt! Theo Glass holt sich Herrn Kwandt in sein Haus, jedoch schlägt die anfängliche Freude schnell um. Die Kwandt-Generation übernimmt langsam die Welt und alles beginnt mit dem Unterschreiben der AGBs – liest ja vorher keiner.

Anna, Theos Ehefrau, scheint zu Beginn nicht begeistert und versteht nicht, warum ihr Gatte den Herrn Kwandt überall hin (ja wirklich überall hin) mitnimmt. Nachdem sie jedoch ihren ganz eigenen Herrn Kwandt bekommen hat und endlich schwanger wurde, wird durch einen analytischen Test klar: Sie passt mit Theo nur zu 11 % zusammen und das ist der Schwangeren zu wenig. Sie verlässt Theo und dieser verliert die Nerven.

Das Bühnenbild stellt das Netz der Daten, das unsichtbar über uns im Internet hängt, dar und der Boden aus Schaumstoff zeigt, wie gut wir in unserer Naivität gepolstert sind. Daten werden täglich von uns aufgezeichnet und wir geben diese auch bereitwillig her. Dies zeigt sich an den Besuchern, denn alle nehmen bereitwillig an einem unsinnigen Fragebogen teil. Beauty-Blogger und Fitness-Apps werden im Stück auf die Schaufel genommen, jedoch macht erst die Nähe zur Realität den Witz erst witzig und gleichzeitig erschreckend.

Ein Stück für alle, die ihren Browser-Verlauf (noch) nicht regelmäßig löschen und einen neuen Blick auf die Technologie und das Internet gewinnen wollen.

Tickets und mehr Infos unter: Schauspielhaus Graz

 

Die Mitwisser

Wie wäre es wohl, das omnipräsente Internet als menschliche Gestalt jeden Tag um sich zu haben? Dieser Frage geht Philipp Löhle mit der Idiotie „Die Mitwisser“ auf den Grund. Unter der Regie von Felicitas Braun wird das aktuelle Thema rund um die Digitalisierung in einer ungewöhnlichen, humorvollen Form präsentiert und überzeugt mit kecken Dialogen und schauspielerischer Höchstleistung. Das Internet wird personifiziert, wodurch der leichtsinnige Umgang mit privaten Daten in Zeiten der Digitalisierung  ins Lächerliche gezogen wird. 

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Das personifizierte Internet in futuristischer, weißer Kleidung, namens Herr Kwant (Sarah Sophia Meyer), kann so ziemlich alles und macht einem das Leben leichter. Daher hüpft Theo bedenkenlos in die aus Schaumstoff gepolsterte Bühnenkulisse, die von oben betrachtet, einer Chipkarte gleicht. Daraufhin führt Kwant als digitaler Hilfsassistent Theo durch ein Labyrinth voller (un)wichtigen Informationen, neuen Möglichkeiten und Erweiterungen. Theo profitiert regelrecht von den zahlreichen Funktionen Herrn Kwants, doch die Folgen des kostenlosen Service kann er noch nicht abschätzen. Wer liest auch schon die langen, kleingedruckten Verträge?

Clemens Maria Riegler zeigt sein schauspielerisches Können und demonstriert Theos  große Begeisterung und eine unbekümmerte Heiterkeit, während dieser seine Zeit ausschließlich in Herrn Kwants Anwesenheit verbringt. Mithilfe von Videomaterial (von Moritz Grewenig) werden unterhaltsam Episoden aus dem alltäglichen Leben mit dem Internet in absurder Art und Weise dargestellt, die Lacher garantieren. Herr Kwant sitzt neben Theo im Auto und dient als Navi, unterhält ihn mit Katzenvideos und kurbelt seine Karriere als Enzyklopädist durch schnelle Informationsvermittlung an. Dass Herr Kwant buchstäblich zwischen dem Liebespaar steht und nicht einmal im Schlafzimmer fernbleibt, scheint dem Ehegatten anfangs noch keine Bedenken zu bereiten. Die Szenen, in denen sich Kwant in jede alltägliche Situation Theos schleicht sind dramaturgisch ausgefeilt und machen den Abend zu einem heiteren Theaterbesuch.

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Theos Frau, Anna (Henriette Blumenau) – anfangs empört über die grobe Verletzung ihrer Privatsphäre – schafft sich schlussendlich selbst einen eigenen Kwant an. Die Möglichkeit Gesundheitstipps zu bekommen und Persönlichkeitstest machen zu können, scheinen sie aus der Reserve zu locken. Während sich das Leben durch Herrn Kwant auf der einen Seite erleichtert, ergeben sich auf der anderen Seite neue Probleme. Durch Kwants allgegenwärtige Präsenz gibt es zwischen den Eheleuten bald keine Geheimnisse mehr. Streit ist daher vorprogrammiert.

(c) Schauspielhaus Graz

Eine Wendung kehrt ein: Eine ernstere Stimmung schleicht sich langsam in das bislang lustigen Schauspiel. Während die Problematiken der Digitalisierung thematisiert werden, punktet das Stück dennoch mit humorvollen Episoden. Der dramatische Übergang zeigt sich vor allem durch Theos Stimmungswechsel von locker und heiter bis hin zu einer bedrückend depressiven Gemütslage. Als das Unglück auf Theo herabstürzt, ist er bereits wortwörtlich im Netz gefangen – kein Ausgang führt aus dem Labyrinth.

(c) Schauspielhaus Graz

Der Höhepunkt ist erreicht, doch die Inszenierung hat noch ein Ass im Ärmel. Die Kwants, die sich immer weiter vermehren und durch ihre Vernetzung auch ihr Informationslevel steigern, stehen nun über dem verzweifelten und einsamen Protagonisten in der Kommandozentrale. Von dort aus steuern sie alles und übernehmen die Kontrolle über die Menschen. Wie sich zeigt, kann man ohne maschinelle Hilfe nicht einmal ein Brot in der Bäckerei kaufen. Theos Verzweiflung steigert sich, er erkennt, dass den Maschinen immer eins fehlen wird: die Menschlichkeit. Die Maschinen verstehen Theos missmutige Stimmung nicht, wollen ihn aufheitern, können sich aber einfach nicht erklären, was er ständig mit dem „freien Willen“ meint. Die Unbeholfenheit der Maschinen sorgt für weitere Heiterkeit: Eifrig checken sie ihre Daten, doch die Suche ergibt keinen Treffer. Es gibt keine eindeutigen Daten über den freien Willen, ob nun Free Willy der Film oder eine philosophische Interpretation gemeint ist? Diese Frage bleibt offen, denn Mensch und Maschine finden nicht zu einer Einigung. Theo hält am freien Willen fest und möchte die Kontrolle zurückerobern. Ob ihm dies gelingt hängt wohl vom Publikum ab und vom zukünftigen Umgang mit Datenschutz im Internet.