Es ist aufgerüstet!

Die Apokalypse naht, auf jeden Fall wenn es nach dem Planetenparty Prinzip unter der Regie von Simon Windisch geht. In ihrer Performance „Aufrüsten“, die in Graz für zwei Vorstellungen wiederaufgenommen wurde, zeigen sie einen Streifzug durch die Sonderheiten der SchwarzmalerInnen und Aluhut-TrägerInnen.

Die eigene Verteidigung sei geübt! Und die drei jungen Frauen Nora Köhler, Miriam Schmid und Nora Winkler üben nur allzu fleißig. Schießen, Waffen abnehmen, Verletzte bergen – all das geben sie gleich zu Anfang ihrer Performance zum Besten. Bis eine tatsächlich eine schwarze Pistole zückt. Ein Anblick, der in behüteten mitteleuropäischen Augen doch etwas Unbehagen auslöst. Das hat sich allerdings schon zu Anfang breitgemacht hat, als am Eingang des Combinesch Schutzbrillen gereicht und gesagt wurde, man solle zur eigenen Sicherheit ruhig Haube und Schal auflassen. Zum Glück sind die Waffen bloß mit Plastikkugeln gefüllt, wie man sie von Dorf-Kirtagen kennt.

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(c) Mike Traussnigg (2)

Bald ist die erste Trainingseinheit vorbei und die drei Kämpferinnen finden sich auf Campinghockern wieder – alles deutet auf ein Survival-Camp hin. Sie essen ganz unschuldig Nussstrudel, fangen aber bald an, über das Überleben im Falle der Apokalypse zu philosophieren. Welche Menschen bleiben auf der Strecke, wen rettet man, wen lässt man (natürlich zur eigenen Sicherheit) verrecken? Wie kommt man am schnellsten aus der Stadt raus? Das und mehr fragt sich Nora Winkler, und zwar auf eine humoristisch-übertriebene Weise, die ihr das Publikum mit viel Lachen dankt. Die verunsicherte Nora Köhler gibt währenddessen eine Kaufempfehlung nach der anderen für ihre Survival-Kits und -Messer ab; Miriam Schmid informiert genauestens über die richtigen Waffen. Unterlegt wird das Ganze mit umgetexteten Songs von Victoria Fux am Keyboard und vielen pointierten Seitenhieben auf jene, die das Gespielte wirklich ernst meinen.

Das furiose Finale: George W. Bush, Hitler und Kim Jong Un müssen auf kleinen Bildchen am Schießstand dran glauben, ein Banner mit der Aufschrift „Chemtrails gehen uns alle was an“ flattert über die Köpfe des Publikums – und Nora Köhler verschwindet mit ihrer Tarnung in der Wand. Ob es nun ein Bürgerkrieg oder ein andersartiger Weltuntergang sein wird – das Planetenparty Prinzip ist (auf)gerüstet und das Publikum prächtig unterhalten.

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Altes Epos, junge Perspektive

Das BORG Kindberg baut zum wiederholten Mal die große Musical-Bühne auf und lädt mit einer Neufassung von Homers „Odyssee“ zur Reise quer durch Europa. Regie führt Georg Schütky.

Der hoffnungslos optimistische Ulisses (Erhard Hochörtler), die rebellische Penny (Anna Hirzberger) und die unscheinbare Helena (Loreen Tröbinger) machen sich zum Roadtrip auf, da ihr Flug nach Ithaka gestrichen wurde. Die Reise der SchicksalsgefährtInnen führt sie im Zug, Truck, auf Motorrädern und mit dem Boot nicht nur näher an ihr Ziel, sondern vor allem zueinander und zu sich selbst. „Odyssee – Das Musical“ verarbeitet Gedanken zu Liebe, Selbstverwirklichung, Vertrauen und Freundschaft, die heute wie auch zu Zeiten Homers bewegen, verzichtet aber nicht darauf, politisch Standpunkt zu beziehen – etwa durch die Begegnung mit Geflüchteten in Belgrad.

Loreen Tröbinger, Erhard Hochörtler, Anna Hirzberger und Stefan Müller. (c) Fotos (3): BORG Kindberg

Auslöser der Reise sind die gelangweilten Göttinnen und Götter auf ihrem Greenscreen-Olymp neben der Bühne. Auf einem weißen Segel inmitten der Bühne finden sich ihre Gesichter dank der Video-Technik wieder – hier trägt die „Odyssee“ Schütkys Handschrift. Auch die Erde kommt ohne viel Requisite aus, mit ein paar grünen Boxen wird so ziemlich alles nachgebaut. Dionysos, der göttliche Dirigent (Archie Hochörtler), liefert mit seinem Orchester den vielseitigen Soundtrack zur Reise: Im LKW des etwas ungepflegten, aber umso stimmgewaltigeren Heinz (Stefan Müller) spielt es ein Schlager-Medley inklusive Helene Fischer, Udo Jürgens und DJ Ötzi; in Budapest wird in Neonfarben zu „Don’t stop till you get enough“ von Michael Jackson gefeiert (Choreographie: Martina Riegler) und bei „Nothing Else Matters“ von Metallica finden Penny, Ulisses und Helena nach einem Streit wieder zueinander.

Gesanglich zeigen die SolistInnen und das Ensemble der „Odyssee“ eine großartige Leistung nach der anderen. Vanessa Krainer verkörpert die gruselige Sektenführerin Kirke mit stechenden Blicken und intensiviert die Stimmung mit ihrer verführerischen Stimme. Anna Hirzberger prescht mit immenser Energie von der ersten bis in die letzte Szene, trifft jede Note, spielt jede Emotion so groß wie nur möglich – ihre persönliche Odyssee führt wohl auf die großen Bühnen der Welt.

Das Musical des BORG Kindberg zeigt, wozu junge, talentierte Menschen fähig sind, wenn man ihnen eine Stimme und eine Bühne gibt. Fast zwei Jahre lang haben sich Regisseur Georg Schütky, der zuletzt mit „König Artus“ die Spielsaison am Next Liberty eröffnete, 150 SchülerInnen und viele Lehrkräfte des BORG Kindberg  mit ihrer neuartigen „Odyssee“ auseinandergesetzt. Die Arbeit hat sich ausgezahlt, denn sie haben sie es geschafft, eines der ältesten europäischen Epen ins Heute zu übertragen, als Musical im großen Stil zu arrangieren und dem Ganzen eine authentische junge Perspektive zu verleihen. Mit über 2500 ZuseherInnen in drei Vorführungen ist eines klar: Kultur gehört nicht nur der Landeshauptstadt.

Hier geht’s zur offiziellen Homepage.

Blockbuster, die das Leben schreibt

In „Rette deine letzte Katze“ erzählen Johanna Hierzegger, Manfred Weissensteiner und Rupert Lehofer das Leben als Blockbuster und geben eine humoristische Liebeserklärung an die Stadt ab, die all das möglich machte – Graz.

Die Kooperation der Grazer Theater am Bahnhof (TiB) und am Ortweinplatz (TaO!) geht in die dritte Runde. Nach „Position“ und „Heb ab!“ werden nun mit der „letzten Katze“ Hollywood-Drehbücher seziert. Nach dem abenteuerlich-amüsanten Aufbau der Leinwand rezensieren sich Weissensteiner und Lehofer munter durch „Lethal Weapon“. Auf dem Weg zur Erkenntnis der perfekten Dramaturgie liegen kleinere und größere Konflikte, die sie in erfrischendem steirischen Dialekt darbieten. Zwischen ferngesteuerten Hubschraubern, Frankowitsch-Brötchen und einer mit dem Feuerzeug gegrillten Hand lacht das Publikum von Minute eins an mit. Vielleicht liegt das auch an der Dose Vanillekipferl, die mit der Begründung „Weihnachten ist, wenn es Vanillekipferl gibt“ durch die Reihen geht.

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Wie lang wird Rupert Lehofer durchhalten? (Foto: C. Nestroy)

Eine angeblich todsichere Dramaturgie-Formel für Filmerfolg in Millionenhöhe liefert Blake Snyders 15-Schritte-Konzept aus dem Bestseller „Save the cat!“. An einer sehr frei gehaltenen Skizze erläutern Weissensteiner und Lehofer, dass dieser Ablauf immer funktioniert – egal ob bei Jesus Christus, der EU (Höhepunkt, wohlgemerkt, ist der Beitritt Österreichs) oder einem ganz normalen Menschen, der sich an einem freien Tag dazu entschließt, den Plabutsch zu besteigen. Nach der eineinhalb Stunden langen Performance lautet also die Erkenntnis: Jedes Leben ist ein Blockbuster – eventuell mit weniger Krach-Bumm und Prostituierten-Mord, aber dennoch mit ganz eigenen Höhen und Tiefen. In Weissensteiners und Lehofers Fall haben diese Höhen und Tiefen die Kulturwelt der Murmetropole maßgeblich bereichert, denn ohne sie gäbe es das Theater im Bahnhof nicht.

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Manfred Weissensteiner kennt die Formel zum dramaturgischen Erfolg. (Foto: C. Nestroy)

Die am Boden gelandeten Frankowitsch-Brötchen mögen zwar so manchen GrazerInnen einen Stich im Herzen versetzen, trotzdem zeigen sich die ZuschauerInnen begeistert – vor allem von den ortsbezogenen Witzen. Zum Schluss wird ein Prostituierten-Suizid mit Sirtaki betanzt. Ein authentischer und kreativer Abend mit sehr persönlicher Note, an dem man sich einfach wohlfühlen kann.

„Rette deine letzte Katze“ ist ab sofort im TaO! zu sehen. Informationen gibt es hier.