Zerrissene Identitäten und gerötete Augen

„Genial“ ist wohl das einzige Adjektiv, das „Geächtet“ von Ayad Akhtar am Schauspielhaus Graz gerecht wird. Als Stück der Stunde angepriesen und von internationalen Kritiker*innen hoch gelobt, übertrifft es alle Erwartungen.

Ayad Akhtar, selbst Amerikaner mit pakistanischer Abstammung, thematisiert in „Geächtet“ eines der brennendsten Themen des jungen 21. Jahrhunderts – den Islam. 2012 wurde er dafür mit dem Pulitzer-Preis geehrt. Kritische Töne an der Religion verspinnt er mit dem Verhältnis zum Judentum und Rassismus in der Mitte der westlichen Gesellschaft. Was dabei herauskommt, ist eine bewegende Geschichte mit nahezu aristotelischer Katharsis.

Der New Yorker Anwalt Amir Kapoor (Benedikt Greiner) hat pakistanische Wurzeln. Er hat dem Islam abgeschworen, ist amerikanischer Atheist und überzeugt davon, dass diese Religion nichts als grausam sei. Und doch steht er zwischen den Fronten: Die Familie glaubt, er sei auf einem Irrweg; seine Frau, die liberale Künstlerin Emily (Evamaria Salcher), denkt, er verteufle den Islam zu sehr und stülpt ihm für ihre Kunstwerke ein romantisches Image über. Beruflich muss er sich in einer jüdischen Anwaltskanzlei behaupten. Amirs Identität beginnt zu zerreißen.

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Kahle Bühne, großer Ausdruck. (Foto: Lupi Spuma)

Beim Abendessen mit seiner afroamerikanischen Kollegin Jory (Mercy Dorcas Otieno) und deren jüdischen Mann Isaac (Florian Köhler) häufen sich die Anspielungen. Amir mag 600-Dollar-Hemden tragen, doch dazugehören würde er nie, verlautbart Isaac. So kommt es zur Katastrophe: Als Amir erfährt, dass Jory statt ihm befördert wird und Emily eine Affäre mit Isaac hat, entgleitet ihm die Kontrolle. Der Streit wird gespeist vom uralten Konflikt zwischen Juden und Moslems, Israel und Palästina, und steigt rasend schnell von der persönlichen auf eine rassistisch-kulturelle Ebene. Amirs Welt gerät aus den Fugen und stürzt über seinem Kopf ein.

Wochen später ermittelt das FBI gegen seinen Cousin Ape (Pascal Goffin) wegen Terrorverdachts. Geradezu magnetisch anziehend ist der Dialog der beiden über Herkunft, Religion und Identität. Momente der Stille durchschneiden ihre bebenden Stimmen. Ein Ausblick auf eine positive Zukunft? Unmöglich. Den Blick von der Bühne abwenden? Ebenso.

Du hast kein besseres Leben!“ (Ape in Ayad Akhtars „Geächtet“)

Jede*r der fünf kongenialen Schauspieler*innen trägt zur fesselnden Kraft der Szenen bei. Florian Köhler nimmt als Kurator Isaac die gesamte New Yorker Künstlerszene auf die Schippe, schlägt aber genauso schnell in bitteren Ernst um. Benedikt Greiner spielt den Amir nicht nur – man könnte glauben, er ist Amir. Bei der Verbeugung vor tosendem Applaus ist er sichtlich angeschlagen, seine Augen noch immer gerötet, sein Blick verstört.

Trotz der minimalistischen Bühne von Stephan Mannteuffel, die nur aus weißen Blöcken und Videoprojektionen besteht, ist „Geächtet“ beängstigend real. Die Darsteller*innen unter der Regie von Volker Hesse verwandeln Akhtars Werk in ein Theaterstück par exemple. Zum Schluss bebt die Brust vor Erregung, die Augen tränen. Ein Gefühl, das viele Zuschauer*innen noch Stunden danach fesseln wird. Die Katharsis ist eingetreten. Mehr als nur empfehlenswert.

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Der Fluch des Fremdseins

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An die Wand geschraubte weiße Blöcke. Menschen, die sich von Würfel zu Würfel angeln. Eine Kamera, die dieses Szenario aus der Vogelperspektive erfasst und auf die Leinwand überträgt.

Von oben betrachtet krabbeln die Protagonisten orientierungslos zwischen den Trümmern umher, eingezwängt in einen Käfig. Was hier passiert, ist ein Katz-und-Maus-Spiel mit Hindernissen, eine düstere Vorahnung auf das, was kommt.

Denn auch in dem Stück von Ayad Akhtar sind die Darsteller letztendlich Gefangene: ihrer Herkunft, ihrer Weltanschauung, eines Systems.

(c) Lupi Spuma

Wo ist dein Platz? Es geht nur entweder oder. Man kann nicht beides sein.

Seine doppelte Identität macht Amir (Benedikt Greiner) schwer zu schaffen. Er ist ein aufstrebender New Yorker Anwalt, der sein Gehalt gern in exklusive Markenhemden investiert und die Existenz seiner pakistanischen Geburtsurkunde verleugnet. Verheiratet ist er mit der liberalen Künstlerin Emily (Evamaria Salcher), die unter dem Deckmantel der Kunst mit Kopftuch und Islam kokettiert: „Der Islam ist ein Teil von dem was wir sind. Aber wir wissen es noch nicht einmal.“ Emily´s Faszination für orientalische Lebensformen stößt bei Amir auf Unverständnis. Er hat sich von seinem Glauben längst abgewandt, bezeichnet den Koran als Hassbrief und den Islam als Wüstenreligion, der sich Muslime bedingungslos unterwerfen. Nur unter großem Widerstreben erklärt er sich dazu bereit, einen zu Unrecht beschuldigten Imam vor Gericht zu vertreten.

An diesem Punkt beginnt die Stimmung zu kippen. Als die Anwaltskanzlei von Amir´s wahrer Idenität erfährt, findet seine Karriere ein jähes Ende. Beim gemeinsamen Abendessen mit einem jüdischen Kurator und seiner afroamerikanischer Ehefrau (Mercy Dorcas Otieno) gesteht diese, ungerechterweise anstelle von Amir befördert worden zu sein.

Dessen Lebenstraum zerplatzt wie eine Seifenblase. Aus der Party entsteht ein Streit, bei dem die vier Lebenswelten miteinander kollidieren und Vorurteile hervorbrechen.
Amir erfährt, dass er nicht nur von seiner Kanzlei sondern auch von Emily betrogen wurde. Er verliert die Kontrolle und wird zum gewalttätigen Ehemann, der er niemals werden wollte.

Indes scheint sich die Behauptung seines Bruders Abe (Pascal Goffin) zu bewahrheiten. Die Welt ist nicht neutral, dazugehören werden sie nie.

„Sie haben uns geächet!“ , schmettert Abe in den Raum. „Und jetzt tun sie so, als würden sie unseren Zorn nicht verstehen.“

Die Stimmung im Saal ist bedrückend, als sich ein Lichtkegel auf Amir richtet, der nun alleine auf einem weißen Würfel in der Mitte des Raumes sitzt und seine Tränen nicht weiter zurückhalten kann.

Vielleicht ist es das Resümee dieser grandiosen Inszenierung: die Unvereinbarkeit zwischen dem Fluch der Fremdheit und dem tiefen Wunsch nach Zugehörigkeit.

Dieses Stück gibt wenig Hoffnung sondern bohrt sich vielmehr tief in unser Gewissen.
Ein zutiefst bewegendes Meisterwerk.