Wo schwingende Beamer auf Mangos treffen

Morgen, am 28. November, wird die diesjährige Ausstellung zum Förderungspreis für zeitgenössische bildende Kunst in der Neuen Galerie Graz eröffnet. Aus 136 Einreichungen wurden die sechs besten gewählt. Als Kuratorin fungiert Radmila Iva Jankovic vom Museum of Contemporary Art in Zagreb. Die Koordination übernahm Günther Holler- Schuster. Mit dabei sind Kunstwerke, die nicht nur Gesellschaftskritik aufgreifen, sondern diese auch (teils) humorvoll darstellen und dabei zum Nachdenken anregen. Ein Einblick.

„Ist euch schon einmal aufgefallen, dass man in Videospielen nicht spielen kann?“ Mit diesem Thema beschäftigt sich Swings don´t Swing vom Künstlerkollektiv Total Refusal (Robin Klengel, Leonhard Müllner, Michael Stumpf), welches heuer den Förderungspreis des Landes Steiermark für zeitgenössische bildende Kunst gewonnen hat. Die Videoinstallation zeigt Versuche während eines Videospiels vorhandene Möglichkeiten wie Spielplätze, die darin vorkommen, zu benützen. Fazit: funktioniert nicht. Während die Rutsche nicht für den eigentlichen Zweck (dem Rutschen) da ist, bewegen sich auch die Schaukeln nicht, sondern befinden sich in einem statischen Zustand. Dann sollen wenigstens die vier Beamer, die die Videos an die Wand projizieren, schaukeln. In  Holzkisten gepackt schwingen sie abwechselnd vor und zurück – und ergeben dabei grandiose Bilder, deren Größe ständig variiert.

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Swings don´t Swing. Foto: Leonhard Müllner

Die ausgezeichneten Kunstwerke sind hauptsächlich (Video-)Installationen, weshalb deren Präsentationen autonome Räume brauchen. So auch I don`t exist yet von Susanna Flock, die mit dem Viktor- Fogarassy- Preis ausgezeichnet wurde. Damit möchte sie auf das Verschwimmen der virtuellen Welt mit der Realität aufmerksam machen. Ein großer, grüner Klops, eigentlich eine Platzhalter- Form von computeranimierten Charakteren, welches in der Filmbranche verwendet wird, spielt den Protagonisten. Die Installation zeigt einerseits die Herausforderung, die aufkommt, wenn Schauspieler mit solch einer Form interagieren müssen (z.b. auf emotionaler Ebene), andererseits wird hinter die Fassade von Fabelwesen in Filmen geschaut. In der virtuellen Welt noch ein Drache, ist es in der realen eben nur ein grüner Klops.

Zurück in die Vergangenheit reist Lotte Schreiber mit ihrer Videoinstallation RAGAZZO di SABAUDIA, Gewinner des „con-tempus“- Preis. Es geht nach Italien, in das Städtchen Sabaudia, welches von Mussolini in einem ehemaligen Sumpfgebiet errichtet wurde und als Landwirtschaftszone diente. Der Film befasst sich nicht nur mit dem Gestern dieser Zone, sondern auch mit ideologischen Denkweisen, allen voran dem Faschismus. Eine Anregung zum (Selber)Denken und zum Verlassen von stereotypen Denkmustern.

Bauzäune, integrierte Pflanzen und Mangos

Immer wieder neu anfangen: Unter diesem Motto stehen die drei Werke von Nayari Castillo, welche damit ein Arbeitsstipendium des Landes Steiermark bekam. Ein Gedicht an der Wand in goldener Schrift, darüber läuft Honig – mit Exilkrankenhaus versucht die Künstlerin den Prozess der Metamorphose zu verdeutlichen, der mit Migration einhergeht. An einer anderen Wand sind unzählige Mangostücke in Plastikbeutel angebracht – es handelt sich um das Werk Fußnoten: Über die Geheimnisse der Mango oder den Sinn des Ortes. Eine Obsession mit einer Frucht, die jedoch mehr als das ist – ein Stück Heimat in der Fremde und in der Fremde eine neue Heimat zu finden.

Ein zweites Arbeitsstipendium ging an Lena Violetta Leitner. In ihrem fiktionalen Forschungszentrum IZMP (Integrationszentrum für Migrierte Pflanzen) werden nicht heimische Pflanzen mit Sprache beschallt, dabei wird ihr Widerstand gemessen. Ein niedriger Widerstand bedeutet einen hohen Integrationsindikator. Und natürlich umgekehrt. Je nach Alter bekommen die exotischen Pflanzen unterschiedliche Sprachniveaus auf Deutsch zu hören – die ältesten dürfen sich zum Beispiel über ein A2- Niveau freuen.

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IZMP. Foto: Lena Violetta Leitner

Im Gegensatz zu den letzten Jahren sollten die Kunstankäufe durch das Land Steiermark heuer nicht geteilt werden, sondern von einer einzigen Person sein – diese ist Julia Gaisbacher. Ihre Installation vereint zwei Länder in einem Raum: Österreich und Serbien. Die eine Hälfte ist einer Siedlung im Grazer Stadtbezirk Puntigam gewidmet. Archivfotos, Fotografien sowie ein Dokumentarfilm erzählen die architektonische Geschichte der Siedlung und die menschliche der Bewohner. Die andere Hälfte beschäftigt sich mit einer Siedlung in Belgrad – mit unterschiedlichen Fotos wird das Gefüge zwischen Mensch, Haus und Bau dargestellt. Zwei Bauzäune in der Mitte des Raumes trennen die Projekte voneinander ab.

Eine spannende Ausstellung, die zum Schmunzeln, Philosophieren und Hinterfragen animiert und für die unterschiedlichsten Interessen etwas bietet.

Die Ausstellung dauert von 29.11.2019 bis 08.03.2020. Mehr Infos gibt es hier.

 

 

 

 

Objektsalon #6

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(c) Stefanie Bachmann

 

Der letzte Objektsalon für dieses Jahr ging vergangenen Freitag über die Bühne. Im Rahmen der Veranstaltungsreihe stellt Sammlungskurator Ulrich Becker besondere Schätze aus dem Depot des Museum im Palais, die nicht in der Dauerausstellung zu sehen sind, vor.

Der Objektsalon #6 stand ganz unter dem Motto japanischer Schnitzkunst. Becker merkte an, dass sich die Veranstaltungsreihe vermehrt mit außereuropäischen Themen beschäftigen wolle, da das gesamte Joanneum, vor allem durch Schenkungen, eine Vielzahl an u.a. asiatischen Exponaten besitze. Im konkreten Fall stellte Becker Okimono-Figuren vor, die um die Jahrhundertwende entstanden. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts befand sich Japan in einer Modernisierungsphase, die durch die Amerikaner erzwungene Öffnung des Landes brachte die Japanische Kultur auch in den Westen. Europa war fasziniert, Japan nutzte dies aus und lies Kunststücke anfertigen, die an westliche Interessenten verkauft werden sollten. Die stellten ihre neu erworbenen exotischen Schätze auf den Kaminsims oder einen anderen gut sichtbaren Ort – daher auch der Name „okimono“, was auf Japanisch „zum Aufstellen“ bedeutet. Auch wenn die kleinen Skulpturen aus Elfenbein an das klischeehafte Bild, das der Westen von Japan hatte, angepasst waren, so lassen sich dennoch Einflüsse alter japanischer Geschichte erkennen. Ulrich Becker stellte eine kleine Auswahl dieser Skulpturen im Erdgeschoss des Museum im Palais vor. Die Auswahl umfasste u.a. schirmtragende Geishas, Samurai, Elefanten und drachenartige Geschöpfe.

Anschließend an den ca. dreiviertelstündigen Vortrag durfte man den teilweise winzigen Figuren mit einer Vergrößerungsbrille näher kommen.

Alles in allem war der letzte Objektsalon für 2015 ein sehr informativer Abend inkl. bemühter Museumsmitarbeiter, die das Publikum mit Jasmin-Tee versorgten.

Heute schon gelacht?

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(c) Stefanie Bachmann

Begleitend zur, von Helmut Konrad kuratierten, Sonderausstellung Die Steiermark und der „Große Krieg“ gibt es im Museum im Palais seit einiger Zeit eine Veranstaltungsreihe, die sich mit Themen rund um den Ersten Weltkrieg beschäftigt. Sonntag, der 19.04. stand ganz im Zeichen der Unterhaltungskultur. Wie bei den bisherigen Veranstaltungsterminen gab es zum Einstieg die Möglichkeit, an einer Führung durch die Sonderausstellung teilzunehmen (freier Eintritt!). Die Veranstaltung fand anschließend im Rokoko-Ambiente des Veranstaltungsraumes im 2. Obergeschoss statt. Einleitende Worte fand der Coautor des Buches Galgenhumor. Kleine Kunst im Großen Krieg. Ein Beitrag zur k. k. Unterhaltungskultur 1914 bis 1918., Dr. Hans Veigl vom österreichischen Kabarettarchiv. Einen kurzen Überblick über Etablissements und Protagonisten gebend, sprach Veigl vom „Hurrapatriotismus“ des Jahres 1914, der sich zwar schon ein Jahr später halbiert hatte, was jedoch keine Auswirkungen auf den Theaterbetrieb haben sollte. Während die Bevölkerung mit Nahrungsmittelknappheit zu kämpfen hatte, wurde auf den Theaterbühnen die heile Welt vorgegaukelt. Denn Institutionen der Freizeitgestaltung waren bis zum Ende des Krieges Meister der Verdrängung. So konnte man sich noch 1918 eine Melange in der „Kronprinzbar“ oder dem „Café Leopold“ genehmigen. Und plötzlich ertönte der bekannte Rhythmus des Radetzkymarsches. Die Musiker Reinhard Kogler und Helmut Stippich, ausgestattet mit Ziehharmonika, Gitarre und etlichen Percussioninstrumenten, begleiteten in der nächsten dreiviertel Stunde den am Schauspielhaus Graz tätigen Schauspieler Stefan Suske, der mit seiner kräftigen und facettenreichen Stimme kurze Passagen aus dem zuvor erwähnten Buch vortrug. Er erzählte von Unterhaltungskünstlern wie Franz Lehár , dessen Librettisten Fritz Löhner-Beda, Robert Stolz, Fritz Grünbaum und Roda Roda, die mit ihren Theaterstücken, Dichtungen und Berichten „groteske Zerrbilder realer Verbrechen“ erschufen, um Karl Kraus zu zitieren. Kriegskabaretts boten den Krieg in heroischen Bildern an, die mit hohlen Aussaugen unterstrichen wurden. Daneben wurden Literaten wie Hugo von Hofmannsthal, von dem zwar die Worte „Es gilt, dabei zu sein.“ stammen, der sich jedoch mit Hilfe seines Freundes Hermann Bahr und einer angeblichen Nervenschwäche in das frontenferne Kriegspressequartier versetzen ließ, ausgesandt, die Ereignisse des Krieges zu verherrlichen. Zwischendurch lockerten die Musiker Kogler und Stippich die Veranstaltung mit Schlagern wie dem kriegsglorifizierenden „Rosa, wir fahren nach Lodz“ und den trivialen Gute-Laune-Liedern „Draußen im Schönbrunnerbad“ und „Geh, sag doch Schnucki zu mir“ auf – besser könnte der Charakter der Unterhaltungskultur des Ersten Weltkrieges nicht veranschaulicht werden. Wer auf den Geschmack gekommen ist: Das Buch zur Veranstaltung kann man über kabarettarchiv@aon.at bestellen oder direkt im österreichischen Kabarettarchiv (Elisabethstraße 30, Literaturhaus Dachgeschoß) bzw. in Buchhandlungen erwerben. Noch zwei Veranstaltungstipps am Rande: Am 21.05. wird der 75. Geburtstag Peter Orthofers (1940-2008), dessen Nachlass sich im ÖKA befindet, im Literaturhaus Graz ab 20:00 Uhr zelebriert. Während Roland Knie aus dessen Werk vorlesen wird, wird Mag. Nicole Singer, die Teile des Nachlasses in ihrer Diplomarbeit bearbeitet hat, einen kurzen Überblick über Leben und Werk geben. Der nächste Termin der Veranstaltungsreihe des Museum im Palais wird am 8. Mai ab 17:00 Uhr stattfinden. Hier der Link zur Veranstaltung: http://www.museum-joanneum.at/museum-im-palais/ihr-besuch/veranstaltungen/events/event/08.05.2015/und-shiwa-tanzte