Die Leichtigkeit des Jubels

Nach 20 Jahren nahm sich der Grazer Musikverein wieder eines der größten geistlichen Werke der Musikgeschichte an: Johann Sebastian Bachs Weihnachtsoratorium erklang mit dem L’Orfeo Barockorchester und dem Chorus Sine Nomine unter Johannes Hiemetsberger auf wundersam sanfte Weise.

Schon in den ersten Takten der ersten Kantate ist klar: Johannes Hiemetsberger legt Bachs monumentales Oratorium nicht als erschlagende Lobpreisung, sondern als sanft fließende Feier an. „Jauchzet, frohlocket“, der erste Choral, wird so zu einer Freundensbotschaft, die der großartige Chorus Sine Nomine mit feiner Dynamik interpretiert. Als Evangelist verkündet Tenor Manuel Günther die Botschaft aus der Bibel lyrisch und erzählerisch, Sophie Rennert (Alt) antwortet in Rezitativ und Arie schwungvoll und ebenfalls im Zeichen der Unbeschwertheit, Josef Wagners Bass zeigt im Kontrast dazu maximal die Differenzen auf und wirkt fast ein wenig erschwerend.

In der vierten Kantate nimmt die Ruhe mehr Raum ein. Im „Flößt, mein Heiland, flößt dein Namen“ kommt Sopranistin Cornelia Horak endlich zum Einsatz, von der Oboe und einem Echo wird sie begleitet, wunderschön klingen die Höhen. In der Arie des Tenors kämpfen sich Günther und zwei Violinen durch die Sechzehntel, bevor es in der fünften Kantate mit schwungvollem 3/4-Takt wieder feierlicher wird. Das Stolze, Fanfarenhafte kehrt in der sechsten Kantate wieder und schließt den Kreis zur ersten hin.

Für je einen Feiertag in der Weihnachtszeit 1734/35 hat Bach das sechsteilige Oratorium komponiert. Heute hat es an Glanz nichts verloren, wenn auch die erschlagende Gottesehrfurcht zugunsten der Feierlichkeit in den Hintergrund rückt.

Weitere Infos hier

 

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Bach wohltemperiert

Einige Gedanken zum Styriarte-Konzert vom 14.07.2014, 20 Uhr, Helmut-List-Halle

Der erste Teil von Bachs Wohltemperiertem Klavier erfreute die Besucher der Styriarte am Montag zwei Stunden lang mit den Klängen, die Starpianist Pierre-Laurent Aimard dem Instrument virtuos entlockte. Er konnte mit diesem Auftritt in Graz, nach dem letzte Woche in Salzburg, die Station „Österreich“ auf seiner Welttournee abhaken: Erfolgreich.

Der Saal – zum Bersten voll. Das Publikum – begeistert. Der Applaus – tosend.

Soweit wenig verwunderlich.

PIanist Pierre-Laurent Aimard

Pierre-Laurent Aimard @styriarte Juli 2014

Denn der lehrhafte und doch verspielt-fantasievolle Charakter des Wohltemperierten Klaviers ist selbst Laien wie mir bekannt. Fesselnd beginnt das Konzert bereits mit der Fuge BWV 846, deren Töne, ich wage zu sagen, jedem vertraut im Ohr klingen.

Kann man seinen Blick vom Geschehen auf der Bühne lösen und lässt ihn durch die Menge des Publikums schweifen, ertappt man einige Zuseher dabei, wie sie in die imaginären Tasten schlagen – die Finger tanzen auf ihren Knien im Stillen, die Augen meist geschlossen.

Dass der Genuss dieser Musik mit geschlossenen Augen durchaus entspannend ist und ob der abendlichen Stunde mitunter als Begleitung ins Traumland optimal genutzt werden kann, konnte man, nicht ohne ein Mindestmaß an Verärgerung, bemerken: Ein kontinuierliches Schnarchen „untermalte“ die wohltemperierten Präludien Bachs. Zumindest so lange bis der wiederkehrende Applaus nach jeder Fuge erneut losbrach.

Aber sollte nicht auch das Sinn des Stücks sein? So beschrieb Bach jedenfalls seine Motivation, aus der heraus er sich „abgenöthigt war“, dieses Stück zu komponieren: Der Langeweile entgegenzuwirken und zum Zeitvertreib in „Kuhköthen“.

Das Land – gemeint ist sein Aufenthalt in Köthen in der Nähe von Magdeburg – inspirierte Bach zu diesem Opus: Es rühren die unterschiedlichsten Stimmungen der 24 Satzpaare in allen Moll- und Durtonarten – von leicht und flüchtig über tänzerisch und fließend bis hin zu brausend und mächtig. – Wahrlich wohltemperiert.

Das Wohltemperierte Klavier

Das Wohltemperierte Klavier zählt neben den großen Passionen, Orgelspielen und den Goldberg-Variationen zum Glänzendsten, was Johann Sebastian Bach seiner Nachwelt hinterlassen hat. Doch wozu sollte diese Sammlung von Präludien und Fugen eines Komponisten auf der Höhe seines Schaffens dienen?
Ein liebevoll zusammengestelltes Programmheft der diesjährigen Styriarte-Aufführung gibt dem interessierten Besucher Auskunft:
Zum Nutzen und Gebrauch der Lehrbegierigen Musicalischen Jugend, als auch derer in diesem studio schon habil seyenden besonderem Zeitvertreib auffgesetzet und verfertiget von Johann Sebastian Bach“, so der Komponist im Wortlaut. Ein reines Lehrwerk also? Wohl doch mehr. Und wie viel mehr hinter dieser Sammlung von Klavierstücken (von denen Präludium und Fuge C-Dur, BWV 846 [die Eröffnungsstücke] eine besondere Berühmtheit genießen) steckt, gab Pierre-Laurent Aimard am 14. Juli im Rahmen einer zweistündigen Klavieraufführung in der Helmut-List-Halle zum Besten.

Pierre-Laurent Aimard, (c) Styriarte

Pierre-Laurent Aimard, (c) Styriarte

Spielsicher führte der Pianist durch den Abend, und gönnte seinem Publikum sogar eine 25-minütige Erfrischungspause. Diese war, trotz Unterbrechung eines einheitlichen Werkes, notwendig, um sich gestärkt auf eine zweite genauso bezaubernde Konzerthälfte einzulassen.
Nach Konzertende bekamen die Besucherinnen und Besucher der Veranstaltung die Möglichkeit geboten, das eigene CD-Archiv mit einer Signatur von Aimard aufzuwerten.
Im Großen und Ganzen: Ein gelungener Abend!

Weitere Termine des diesjährigen Styriarte-Programmes können unter folgendem Link nachgeschlagen werden:

http://styriarte.com/styriarte/programm/