Bacchanalie für Bach

© Thomas Haindl Photography

Der Concentus musicus brilliert bei der styriarte mit einem kühnen Interpretationsansatz von Bachs Brandenburgischen Konzerten. Dirigent Stefan Gottfried führt das Vorzeigeensemble für Alte Musik auf antike Spuren.

Was Bach und die Antike verbindet? Zumindest der auf Horaz zurückgehende Wahlspruch prodesse et delectare ist für diesen Abend absolut treffend: Jedes der Sechs Konzerte mit mehreren Instrumenten (Originaltitel Bachs) wird mit einem kurzen Video eingeführt. Dabei gibt Stefan Gottfried in der wunderschönen Kulisse Schloss Eggenberg Einblicke in Historisches, Musikalisches und Interpretatorisches. Styriarte-Dramaturg Karl Böhmer fand einen Ariadnefaden durch die Einzelwerke: die Allegorie des barocken Herrscherideals, sozusagen ein Fürstenspiegel. Somit wird in jedem Konzert eine wichtige höfische Fertigkeit präsentiert; etwa die Jagd (Nr. 1), Gelehrtheit (Nr. 6) oder Liebe (Nr. 5). Verkörpert werden sie von den antiken Göttern – dass selbige für die Kunst äußerst inspirierend waren, zeigt sich mitunter in zahlreichen Gemälden aus  Bachs Umgebung. Sicher kratzt man hier an der Überinterpretation, wo doch die Brandenburgischen Konzerte unabhängig voneinander entstanden und vor allem durch die gemeinsame Widmung verbunden sind, dank der Hinweise und Erklärungen in den Videoeinspielungen gewinnt die Musik aber einen starken Bilderreichtum. So erlebt man beispielsweise das Konzertieren zwischen den Blockflöten (Rahel Stoellger, Lydia Graber) und der Solovioline (Erich Höbarth) in Nr. 4 als Wettstreit zwischen Pan und Apoll, beschwichtigt von den Streichern als Richter. Mit solchen Szenen vor Augen werden die heißblütigen Virtuositätsbekundungen der exzellenten Solisten noch intensiver.

Mit diesem Programm setzt der Concentus musicus zweifellos ein Statement für die eigene Zukunft. Die Brandenburgischen Konzerte (1964) zählen zu den ersten Platten-einspielungen des Ensembles mit Nikolaus Harnoncourt und bis heute zu den Meilensteinen der historischen Aufführungspraxis. Nach dem Tod des styriarte-Initiators Harnoncourt 2016 demonstriert der Concentus nun, dass er nicht nur das Erbe seines Gründers wahren will, sondern auch die eigene Weiterentwicklung im Visier hat – verwirklicht unter der leitenden Trias von Dirigent und Cembalist Stefan Gottfried, erstem Konzertmeister Erich Höbarth und zweiter Konzertmeisterin Andrea Bischof.

Der Abend zelebriert Musik in kunstvollster Form mit sechs Genussstücken spätbarocker Konzertliteratur, vorgetragen auf musikalischem Topniveau. Zum Nachschauen und -hören gibt es ihn als ORF-Aufzeichnung, Informationen zum Konzert finden Sie hier.

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(c) Nikola Milatovic

Ein Hypnotiseur auf der Orgel

Fotos: Nikola Milatovic
Der Amerikaner Cameron Carpenter ist der wohl berühmteste Organist der Welt. Mit der „Orgel seiner Träume“, der digitalen Touring Orgel, gastierte er für die styriarte in der Grazer Helmut-List-Halle. Im Gepäck: Eine monumentale Hommage an Johann Sebastian Bach.

„All you need is Bach” heißt Carpenters Programm, gleich wie sein jüngstes Album. Ein Titel der Wahrheit: Wenn man den Heimweg antritt, nachdem man die schwierigsten Präludien, Fugen und Triosonaten aus der Feder von Bach und noch dazu drei fetzige Zugaben gehört hat, dann besteht kein Zweifel: Alles, was Carpenter braucht und was man selbst in dem Moment braucht, ist: Bach.

 

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Aber von vorne: Carpenter macht Orgelmusik zum Event – und zwar im besten Sinne. Alleine seine „Touring Organ“, einzigartig auf dieser Welt, gebaut und entwickelt von ihm selbst und Marshall & Ogletree in Massachusetts, USA, ist ein Anblick: Lautsprecher, Trichter, blinkende Lichter an den riesigen Rechnern – ein Wunder des digitalen Instrumentenbaus. Mit seiner Traum-Orgel reist er um die ganze Erde.

„The purpose of an organ is not to have pipes. The purpose of an organ is to allow me to make you feel something”, sagt Carpenter in einem Interview

Dieser Welt die Orgelmusik wieder näher zu bringen, sie zu entstauben und aus dem sakralen Kontext zu befreien – das ist Carpenters Mission. Der Beginn ist fulminant und stürmisch: Mit dem Präludium und Fuge in D (BWV 532) gibt er den ersten Vorgeschmack auf das, was kommt. Die Füße und Finger tanzen über die Tasten, so schnell, dass sein Spiel einem Ganzkörperworkout gleicht und so wild, dass man sich die überforderten Ohren erstmal daran gewöhnen müssen. Spätestens mit dem nächsten Präludium und Fuge in a-Moll (BWV 543), etwas rhythmischer und beruhigter, hat er es dann geschafft: Eine hypnotische Kraft geht von Carpenter und seiner Orgel aus, in der man sich vollends verliert.

Magisch zart und feinfühlig, kräftig und voller Power – Carpenter kann alles. In der Gigue der von ihm arrangierten Französischen Suite Nr 5. (BWV 816) schüttelt man nur noch mit einem ungläubigen Lächeln auf den Lippen den Kopf: Dieser Mann muss wahnsinnig sein. Ein Erlebnis, das man nicht verpasst haben sollte.

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Die Leichtigkeit des Jubels

Nach 20 Jahren nahm sich der Grazer Musikverein wieder eines der größten geistlichen Werke der Musikgeschichte an: Johann Sebastian Bachs Weihnachtsoratorium erklang mit dem L’Orfeo Barockorchester und dem Chorus Sine Nomine unter Johannes Hiemetsberger auf wundersam sanfte Weise.

Schon in den ersten Takten der ersten Kantate ist klar: Johannes Hiemetsberger legt Bachs monumentales Oratorium nicht als erschlagende Lobpreisung, sondern als sanft fließende Feier an. „Jauchzet, frohlocket“, der erste Choral, wird so zu einer Freundensbotschaft, die der großartige Chorus Sine Nomine mit feiner Dynamik interpretiert. Als Evangelist verkündet Tenor Manuel Günther die Botschaft aus der Bibel lyrisch und erzählerisch, Sophie Rennert (Alt) antwortet in Rezitativ und Arie schwungvoll und ebenfalls im Zeichen der Unbeschwertheit, Josef Wagners Bass zeigt im Kontrast dazu maximal die Differenzen auf und wirkt fast ein wenig erschwerend.

In der vierten Kantate nimmt die Ruhe mehr Raum ein. Im „Flößt, mein Heiland, flößt dein Namen“ kommt Sopranistin Cornelia Horak endlich zum Einsatz, von der Oboe und einem Echo wird sie begleitet, wunderschön klingen die Höhen. In der Arie des Tenors kämpfen sich Günther und zwei Violinen durch die Sechzehntel, bevor es in der fünften Kantate mit schwungvollem 3/4-Takt wieder feierlicher wird. Das Stolze, Fanfarenhafte kehrt in der sechsten Kantate wieder und schließt den Kreis zur ersten hin.

Für je einen Feiertag in der Weihnachtszeit 1734/35 hat Bach das sechsteilige Oratorium komponiert. Heute hat es an Glanz nichts verloren, wenn auch die erschlagende Gottesehrfurcht zugunsten der Feierlichkeit in den Hintergrund rückt.

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