Schafsköpfe gibt’s zu allen Jahreszeiten

Die Oper Graz verpflanzt Joseph Haydns Oratorium „Die Jahreszeiten“ im gleichnamigen Ballett ins Kunstmuseum und schafft ein Fest der lebendigen Gemälde. Die neue Ballett-Direktorin Beate Vollack feiert die Vielfalt des Lebens und zugleich auf humorvolle Weise den Reichtum des Tanzes.

Die fünf großen Gemälde im Hintergrund sind noch mit schwarzen Vorhängen verhangen. Hausmeister tragen verpackte Bilder über die Bühne. Eine Putzfrau wischt den Boden. Ihr fehlt sichtbar die Motivation. Gelangweilt lehnt sie sich an ihren Wischmopp und schließt die Augen. Der Museumsdirektor treibt sie zur Eile an. Als sie nach getaner Arbeit die Bühne verlässt, werden die ersten Triebe des Frühlings sichtbar. Mit klassischem Ballett und barocker Garderobe erscheinen die jungen Knospen voll konservativer Schönheit. Der Kontrast folgt sofort: Wiederaufbau-Stimmung entsteht, wenn im 50er-Jahre-Blaumann die Fäuste in die Luft gestreckt werden. Als wenig später die Schickeria feiert, ist der Übermut des Neubeginns in der Gegenwart angekommen und die Heiterkeit vollends im Publikum.

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Bei „Die Jahreszeiten“ traf Schönheit auf Komik. © Ian Whalen

Beate Vollack schenkte jedem Gemälde auch den adäquaten Tanzstil. Mit Spitzentanz bis Barfußtanz, ländlichem Tanz bis Rokoko zeigen die Tänzerinnen und Tänzer die Bandbreite ihres Könnens. Dieses ist auch hinter der Bühne gefordert, denn jedes Bild bringt neue Bekleidung mit sich. Kostümbildner Jon Morrell schöpfte aus dem Vollen. Ein Schianzug der 80er-Jahre traf so auf Anzüge, die weißen Schneekugeln glichen. Ein fließendes, blaues Kleid auf glitzernd-grelle Party-Kleidung. Badeanzüge im Stil des niederländischen Malers Piet Mondrian auf griechische Togen. Und dazwischen trippelt immer wieder ein Schaf herein. So absurd überzeichnet beinahe jede Kunstepoche mit ausreichender zeitlicher Distanz wirkt, sosehr amüsieren die zum Leben erweckten Bilder dieses Balletts. Denn die Inszenierung wird angereichert mit humorvollen tänzerischen Kommentaren, die dem Publikum diverse Lacher entlocken. Nicht zuletzt als besagtes Schaf plötzlich das Ende der Musik vor lauter Tanzeslust versäumt und im Discostil ein Solo hinlegt. Oder als im Herbst Dionysos der Wein zu sehr schmeckte, er sich im Rausch auf den Rahmen eines Gemäldes zum Schlafen legt und in das Bild fällt. Abgerundet werden die einzelnen Bilder von den Solisten, die nicht nur mit hohem gesanglichem Niveau begeistern, sondern auch durch Agilität. Mirella Hagen (Sopran), Martin Fournier (Tenor) und Neven Crnić (Bass) beweisen ihre Wandelbarkeit und machen den Variantenreichtum der Bilder hörbar. Getragen wird dieser stets von der Feinsinnigkeit des Orchesters unter der Leitung Robin Engelens.

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Feierstimmung in der Grazer Oper. © Ian Whalen

Diese Koproduktion mit dem Theater St. Gallen zeigte eindrucksvoll, dass sich Ballett im 21. Jahrhundert von den Adjektiven „langweilig“ und „verstaubt“ weit entfernt hat. Kurzweilig, vielfältig und zu tiefst unterhaltsam zeigt sich „Die Jahreszeiten“. Man hofft auf mehr davon in der Grazer Oper, deren Bühne am Ende des Abends wieder von einer gelangweilten Putzfrau gesäubert wird. Wieder ruht sie sich auf ihrem Wischmopp aus. Wieder weckt der Museumsdirektor sie und wieder geht sie zurück an die Arbeit. Denn die Museumstage sind wie die Jahreszeiten: Ein ständig wiederkehrender Kreislauf – doch stets mit vielfältigen Bildern.

 

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Im Rausch der Gefühle

Das Belcea Quartet gastierte mit der Fortsetzung des Streichquartett-Zyklus Beethoven pur II wieder im Musikverein Graz und sorgte im 8. Kammerkonzert der Saison mit eigenen Interpretationen dreier Beethovenscher Quartette für enorme Begeisterung beim Publikum.

Belcea Quartet © Marco Borggreve

Das Belcea Quartet, bestehend aus der Primgeigerin Corina Belcea, dem 2. Violinisten Axel Schacher, Krzysztof Chorzelski auf der Viola und Antoine  Lederlin auf dem Cello, beehrte bereits im März 2019 den Musikverein Graz mit Beethovens Streichquartetten Nr. 3, 11 und 15. Nun kehrten sie mit drei weiteren Quartetten des Komponisten in den Stefaniensaal zurück.

Den Beginn machte das 6. Streichquartett op. 18,6 in B-Dur, welches Ludwig van Beethoven im Jahre 1800 im Alter von 29 Jahren komponierte. Schon innerhalb des Stückes wurde die Metamorphose zum typischen Stil des Komponisten hörbar. Während die ersten beiden Sätze noch stark an Mozart bzw. an Haydn erinnerten, kam im zweiten Abschnitt bereits Beethovens unverkennbare Handschrift zum Vorschein. Vor allem im vierten Satz schlug sich dieser durch die in Musik verarbeitete Schwermut (La Malinconia) nieder. Das Belcea Quartet bewegte sich in diesem Werk gekonnt zwischen präziser Bestimmtheit und zarter Zurückhaltung.

Muss es sein?

Es muss sein. Es muss sein.

Frage des Violoncello und Antwort der Violine zu Beginn des 4. Satzes, op. 135


Im völligen Kontrast zum frühen Streichquartett op. 18,6 steht das 16. Streichquartett op.135 in F-Dur. Es markierte nicht nur den Abschluss einer Gattung, sondern war zugleich das letzte vollendete Werk des Komponisten, welches er Ende 1826, etwa ein halbes Jahr vor seinem Tod, fertigstellte. Das Spätwerk Beethovens bereitete schon so manchen MusikerInnen große Schwierigkeiten, doch für das Belcea Quartet schien dieses Werk wie geschaffen. Sie meisterten insbesondere die abrupten Dynamikwechsel und Finali mit Bravour. Im dritten Satz mit dem Titel „Süßer Ruhegesang oder Friedensgesang“ entlockten sie aus ihren Streichinstrumenten himmlische Klänge. Im vierten Satz, auch bekannt unter dem Namen „Der schwer gefasste Entschluss“, kehrten sie mit ihrem emotionalen Spiel das innere Seelenleben des Komponisten hervor.

Dem kompositorisch ohnehin einwandfreien Stück setzte das Belcea Quartet mit seinen virtuosen Klängen die Krone auf. Das feurige und kraftvolle Spiel erreichte des Öfteren gar symphonische Dimensionen und entfachte einen wahren Rausch der Gefühle.

Das im Jahre 1806 entstandene 8. Streichquartett op. 59 Nr. 2, in der für Beethoven seltenen Tonart e-Moll, war das zweite von drei sogenannten russischen Rasumowsky-Quartetten und markierte zugleich den Abschluss des Konzertes. Das Publikum zeigte sich bewegt, insbesondere der träumerische choralähnliche zweite Satz hätte noch länger andauern können. Der dritte, russisch geprägte, Satz, sowie der vierte Satz bildeten vom Belcea Quartet dynamisch und lebhaft vorgetragene Tänze.

Es brauchte anfangs zwar viel Geduld, dass man von der Musik vollends ergriffen wurde, doch ward es einmal geschehen, ließen einen die leidenschaftlichen Klänge nicht mehr los.
Das Konzert gefiel. Nach einem verdient langanhaltenden Applaus schenkte das Belcea Quartet den Zuhörern noch eine wunderbare Zugabe. Es erklang der 2. Satz des sogenannten Quintenquartetts op. 76 No. 2 von Joseph Haydn. Ein würdiger Abschluss eines hochwertigen Abends.

Weitere Informationen über dieses Konzert finden Sie unter http://www.musikverein-graz.at/konzert/8-kammerkonzert-5/.
Alles über das Belcea Quartet gibt es hier: https://www.belceaquartet.com/

Beseelte Träumerei

Ganze 22 Jahre ist es her, dass das Jerusalem Quartet im Grazer Stefaniensaal gastierte. Beim 7. Kammerkonzert des Musikvereins zeigten sie sich als stilistisch breit aufgestelltes Quartett mit viel Gespür für Feinheiten.

Joseph Haydn mag ein Pionier der Streichquartette sein, doch sein Quartett in G-Dur, mit dem an diesem Abend eröffnet wurde, kann auch das Jerusalem Quartet nicht zu seinem besten Werk machen. Die Vorteile hervorzukehren versteht das Jerusalem Quartet jedoch prächtig: Das ruhige Adagio gelingt mit breiter Sanftheit und Präzision, feinfühlig kosten sie die Dynamik aus. In den schnelleren Sätzen wird sich kaum eine Verschnaufpause gegönnt. Mit viel Energie gehen sie an die expressiveren Passagen heran, müssen dabei aber oft etwas an Kontur einbüßen.

Felix Broede

(c) Felix Broede

 

Ein krasser Kontrast ist es natürlich, wenn auf Haydn Béla Bratóks Streichquartett Nr. 5 folgt. Und doch gleichen sie sich in der Interpretation: Auch hier gelingen die ruhigeren Sequenzen mit mehr Kontur, im Finale dominieren Energie und Lust. Und dann kommt Dvořáks wunderschönes Streichquartett Nr. 12, das Amerikanische. Wie die vier dem träumerischen Thema nachfühlen, fließend, aus dem Nichts kommend ihre Töne in die Luft entsenden – das ist pure Sehnsucht, beseelte Träumerei. Dafür gibt es zurecht langen und euphorischen Applaus.

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