Jugend ohne Gott

Erstmals im Juni 2014 auf der Probebühne des Schauspielhauses Graz aufgeführt, zieht das Stück „Jugend ohne Gott“ seit Oktober 2015 erneut zahlreiche Besucher in seinen Bann. So wurde auch am 16. Dezember wieder eine tolle Aufführung, basierend auf dem Roman von Ödön von Horváth, dargeboten.

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(c) Lupi Spuma

Diese Produktion des Schauspielhauses, nach der Regie von Ed. Hauswirth, verdient wahrlich, als etwas „Besonderes“ bezeichnet zu werden. Nicht nur, dass die schauspielerische Umsetzung Erzählung und Darstellung verschmelzen lässt – dies geschieht auch noch von ein und derselben Person, dem Hauptdarsteller Matthias Ohner. Dieser übernimmt gekonnt (und sehr authentisch) die Rolle des Erzählers, der unter anderem Hintergrundwissen beschert, und der Hauptfigur, dem hilflosen Lehrer. Als einziger Darsteller, ausgestattet mit zahlreichen Requisiten, führt er die Geschichte Horvàths klar und deutlich vor Augen.

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(c) Lupi Spuma

Hauptsächlich behandelt „Jugend ohne Gott“ das Sein und Wirken eines Lehrers und dessen Schüler zu Zeiten des Nationalsozialismus. Nicht nur die Lücke zwischen älterer und jüngerer Generation wird gut veranschaulicht, sondern auch die Hilfslosigkeit und Lieblosigkeit beider Seiten. Man schenkt sich nichts, und jegliche moralische Fehltritte werden mit einer fest eingerasteten Gleichgültigkeit abgetan.  Der Lehrer, der dem Satz „Neger sind keine Menschen“ mit Empörung begegnet, wird sofort als unrational Denkender und grenzenloser Philanthrop von der ganzen Klasse missbilligt. So also schwimmt er durchwegs mit dem Strom der Masse mit und fährt auf Klassenfahrt mit seinen Schülern, wo letztendlich ein grausamer Mord an einem Schüler vollzogen wird.

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(c) Lupi Spuma

Durch die vielen verschiedenen Elemente, wie eine Tafel, wechselnde Lichtverhältnisse oder die Interaktion des Darstellers mit dem Publikum während dem Erzählteil, wird die Vorstellung sehr lebendig und abwechslungsreich. Dies ist bemerkenswert, wenn man bedenkt, dass nur ein Schauspieler die Bühne belagert. Knapp eineinhalb Stunden vergehen wie im Flug und bereits zu Beginn des Theaters fühlt man sich sehr schnell in die Geschichte hinein. Selbst für Kulturbanausen ein sehr amüsant dargebotenes Werk mit ernsten Untertönen, die zum Nachdenken anregen!

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Jugend ohne Gott

(c) Lupi Spuma

(c) Lupi Spuma

Ödön von Horváths Jugend ohne Gott stellt ohne Zweifel einen Klassiker des österreichischen Schulkanons dar. Würde man eine Umfrage erstellen, gäbe mit Sicherheit ein Großteil an, das Buch schon gelesen zu haben oder zumindest in Kontakt gekommen zu sein.

Das Stück spielt in der Zeit des Nationalsozialismus. Ein Lehrer benotet einen rassistischen Aufsatz eines Schülers negativ. Der Ärger mit Direktorat und Eltern ist schon vorprogrammiert. Dass ihm von nun an mit Misstrauen begegnet wird, ist ebenso klar. Während eines Schulausflugs kommt es zu einem Eklat zwischen zwei Schülern, der mit Mord endet. Der Lehrer, der selbst verdächtigt wird, setzt alles nun daran, die Wahrheit ans Licht zu bringen.

In einer Kooperation mit dem Vorstadttheater Graz rollt das Schauspielhaus das Stück neu auf, mit der Zielsetzung, es für ein modernes Publikum aufzubereiten. Da die Thematik von Jugend ohne Gott so zeitlos ist, gelingt das problemlos.

Im Mittelpunkt steht Matthias Ohner, der zugleich Erzähler, Lehrer, Schüler und Eltern mimt. Ohner switcht dabei von Rolle zu Rolle. Dass er jeden Charakter sehr glaubhaft rüberbringt, ist beachtenswert. Die Requisiten sind rustikal, lenken aber immerhin nicht vom Schauspiel ab.

Obwohl die Thematik eine bekannte ist, schafft es die Inszenierung trotzdem, einen zu fesseln. Bis zum Schluss wird eine packende Atmosphäre aufrechterhalten.
Am 26.11 gibt es noch einmal die Möglichkeit, das Stück zu besuchen.

Jugend ohne Gott: reconstructed!

Vergangene Woche ging J. gemeinsam mit D. ins Schauspielhaus, um sich auf der Probebühne eine Rekonstruktion – so der beigefügte Untertitel des Stückes, der dieses auch passend beschreibt – von Ö.‘s Jugend ohne Gott anzusehen.

Unter Ö. versteckt sich natürlich der Name Ödön von Hórvath, dessen Roman Jugend ohne Gott unter der Regie von H. (Ed Hauswirth) mit O. (Matthias Ohner), der den Erzähler und gleichzeitig die Hauptfigur, den Lehrer, spielt, rekonstruiert wurde.

(c) Lupi Suma

(c) Lupi Suma

Gestartet wurde mit dem Aufruf des historischen Rahmens des Stückes – die Zeit nach der Machtübernahme Hitlers – durch einen Film, der die Herrengasse zur Zeit des Nationalsozialismus zeigte, und dadurch zugleich die Handlung selbst mit Graz verknüpfte. Auch die verwendeten Fotografien im Laufe des Stückes, die auf Handlungsorte hinweisen, waren Bilder aus Graz. Dabei handelte es sich jedoch um aktuelle Aufnahmen, wie etwa das Gerichtsgebäud, womit die Handlung ein Stück weiter mit der Gegenwart verbunden wurde. Diese Assoziation fand ich sehr gelungen, ist doch das Thema des Stückes, unabhängig vom historischen Rahmen des Romans, heute auch noch bedeutend. Fragen, wie Wofür bin ich verantwortlich? Wofür trage ich Schuld? Macht es schon schuldig nicht einzugreifen, nicht die Wahrheit zu sagen? sollten nicht nur den Lehrer im Stück beschäftigen – es handelt sich dabei um moralische Fragen, mit denen sich jeder auseinandersetzen sollte.

Die Bühnengestaltung knüpfte an die Schule als zentralen Ort an: die aneinandergereihten, weißen Tische, ein Laptop, ein Beamer, weiße Tafeln mit den dazugehörigen Stiften. Die unterschiedlichen Orte, in denen die Handlung spielt, wurden gekonnt durch die kreative Nutzung des Schulinventars vermittelt: da wird ein Tisch mal schnell zum Sarg, indem man einen Blumenkranz drauflegt, um den Friedhof bei W.s Begräbnis darzustellen; oder umgedreht aufgestellt zur Haustür, wenn der Lehrer bei T.s Elternhaus vorbeischaut.

Beklemmende Stimmung, so wie ich sie von der Buchlektüre in Erinnerung hatte, kam im Theater jedoch nicht auf, da der Erzähler mit Anweisungen wie „Jetzt vielleicht etwas mehr Licht auf die Bühne!“ immer wieder aus der Handlung heraustrat, was bezogen auf das Thema auch als positiver Aufruf gesehen werden könnte: besser wäre es, mehr (darüber) zu reflektieren als in Gefühlen oder Stimmungen versunken zu bleiben.

Weitere Infos zum Stück