Schubert in Happen

Bei der Schubertiade! (Ausführung 1.0) gab es in der Helmut List Halle mehrere Lieder sowie das große G-Dur Streichquartett zu hören.

(c) Nikola Milatovic

So mancher Fan des romantischen Antihelden hat wohl schon von der kreativen und inspirierenden Atmosphäre einer „echten“ Schubertiade geträumt. Im vertrauten Kreis zwischen Künstlern und Bewunderern ist wohl schon so manche Zauberstunde verstrichen. In Zeiten von Corona muss dies freilich ein Traum bleiben und der Zuhörer ist aufgefordert, das Umfeld des Vertrauens und Hinspürens in sich selbst zu manifestieren, um die Musik ganz aufzunehmen.
So gelang dies etwa beim Streichquartett in G-Dur (D 887), Schuberts letztem und größtem Werk dieser Gattung, wenn man die verschiedenen Sätze im Geiste zusammenführte. Das Quartett um Maria Bader-Kubizek spielte die ersten drei Sätze des Werkes immer in Happen, um Platz für Vokalmusik dazwischen zu lassen. Als Schubertpurist hätte man natürlich gerne das ganze Werk und in einem Guss gehört, aber auch so konnten sich viele der Höhen und Abgründe dieses Werkes auftun. Die vier Musiker musizierten voll Bedacht und kollektiver Leidenschaft miteinander und schafften es bei jedem Satz für einen immensen Spannungsbogen zu ziehen.

(c) Nikola Milatovic

Das vokale, kammermusikalische Pendant gestalteten Stephanie Houtzeel und Florian Birsak mit verschiedenen Liedern. Die Mezzosopranistin, die ihre stimmliche Stärke schon in vielen Fächern bewiesen hat, wurde mit Schubert jedoch nicht richtig warm. Der Wunsch nach großem Gestalten schien so groß, dass manche dynamische Gestaltung sich nicht an das Grundgemüt der Lieder anpassen wollte. Zwar erlaubte sie auch ein paar leise Momente, doch wollten sich diese nicht zur Schubertscher Sensibilität entwickeln. Im dramatischen Epos des Fragments aus dem Aeschylus (D 450) fand sie jedoch den richtigen Ton und eine authentische Interpretation.
In einem wunderbaren Abschlussbild wurde die ästhetische Sängerin im finalen Lied von einem Dutzend weiterer schöner Frauen umringt. Der Frauenchor der Camerata Styria, einstudiert von Sebastian Meixner, machte aus dem Ständchen (D 920) ein fein nuannciertes Wechselspiel.

Weitere Informationen zum Konzert unter:
https://styriarte.com/events/schubertiade1/?sti=72019

Beseelte Träumerei

Ganze 22 Jahre ist es her, dass das Jerusalem Quartet im Grazer Stefaniensaal gastierte. Beim 7. Kammerkonzert des Musikvereins zeigten sie sich als stilistisch breit aufgestelltes Quartett mit viel Gespür für Feinheiten.

Joseph Haydn mag ein Pionier der Streichquartette sein, doch sein Quartett in G-Dur, mit dem an diesem Abend eröffnet wurde, kann auch das Jerusalem Quartet nicht zu seinem besten Werk machen. Die Vorteile hervorzukehren versteht das Jerusalem Quartet jedoch prächtig: Das ruhige Adagio gelingt mit breiter Sanftheit und Präzision, feinfühlig kosten sie die Dynamik aus. In den schnelleren Sätzen wird sich kaum eine Verschnaufpause gegönnt. Mit viel Energie gehen sie an die expressiveren Passagen heran, müssen dabei aber oft etwas an Kontur einbüßen.

Felix Broede

(c) Felix Broede

 

Ein krasser Kontrast ist es natürlich, wenn auf Haydn Béla Bratóks Streichquartett Nr. 5 folgt. Und doch gleichen sie sich in der Interpretation: Auch hier gelingen die ruhigeren Sequenzen mit mehr Kontur, im Finale dominieren Energie und Lust. Und dann kommt Dvořáks wunderschönes Streichquartett Nr. 12, das Amerikanische. Wie die vier dem träumerischen Thema nachfühlen, fließend, aus dem Nichts kommend ihre Töne in die Luft entsenden – das ist pure Sehnsucht, beseelte Träumerei. Dafür gibt es zurecht langen und euphorischen Applaus.

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