Verirrungen im Kirschgarten

Die Produktion „Der Kirschgarten“ unter der Regie von András Dömötör feierte am 08. Februar Premiere im Schauspielhaus Graz. Der ungarische Regisseur wagt sich an den Text des russischen Autors Anton Tschechow heran (Uraufführung 1904) und bringt die Thematik des Nicht-Loslassen-Könnens und der Vergänglichkeit in Verbindung mit den aktuellen Entwicklungen Europas. Das komplexe Stück, das der Autor kurz vor seinem Tod geschrieben hat, handelt von der Flüchtigkeit des Lebens und der Angst vor Veränderung und ist auf verschiedenen Ebenen anspruchsvoll. András Dömötör beleuchtet die psychologischen, symbolischen und politischen Bedeutungsnuancen des Textes in gleichem Maße, doch bleiben diese ohne großen Zusammenhang im Raum hängen, wie die weißen Leintücher, die die Bäume des Kirschgartens darstellen sollen.

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Symbolisch steht der Kirschgarten für die todgeweihte Schönheit und das Absterben der alten Zeit. Doch die Komplexität des Stücks zeigt sich nicht nur in der Thematik, sondern auch durch die psychologisch detailliert herausgearbeiteten Figuren und ihren Handlungen, denn sie greifen aus Angst vor Veränderungen immer wieder auf Altes zurück. Auf der politischen Ebene wird die Thematik der Vergänglichkeit und der Angst vor Neuem auf die derzeitige europäische Situation übertragen. So klar herausgearbeitet diese drei Themenbereiche auch sein mögen, werden sie nicht zu einem Ganzen verflochten, sondern bleiben jeweils für sich alleine lose hängen.

Bereits der Einstieg ist ein Irrweg, durch den die Zuschauer*innen sich kämpfen, während man verzweifelt versucht gedanklich die Beziehung zwischen den Figuren herzustellen. Anfangs herrscht ein großes Gewusel: Darsteller*innen, verstecken sich im Schnellwechsel hinter den Leinen, um gleich darauf wieder aus ihnen hervorzutreten.  Dieses Versteckspiel repräsentiert wohl auch das Gefangensein in der Vergangenheit. Es passiert vieles auf der Bühne, teilweise sogar gleichzeitig, doch Informationen zum Plot werden nur häppchenweise geliefert. Eine russische Adelsfamilie kehrt von Paris zurück, Dialoge werden aneinander gekettet und erst nach und nach fügen sich die vielen Informationen zu einer einheitlichen Geschichte zusammen.

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Die Adelsfamilie möchte nicht akzeptieren, dass ihr geliebter Kirschgarten keinen Profit einbringt und sie ihr Hab und Gut verkaufen müssen. Das Wasser steht ihnen schon bis zum Hals, doch die Gutsherrin Ranjewskaja (Evamaria Salcher) möchte partout den Kirschgarten und die mit diesem in Verbindung stehenden – nicht ausschließlich positiven – Erinnerungen nicht aufgeben. In der Inszenierung wird diese tragische Handlung jedoch durch oberflächliche Dialoge und einem Versuch der Auflockerung durch vermeintlich witzige Szenen unterminiert. Rhythmen und Töne betonen die  beklemmende Stimmung, wie zum Beispiel die Off-Stimme eines Kindes, die die Regieanweisungen ansagt. Die komischen Figuren jedoch sorgen kaum für Lacher im Publikum, was wohl kaum dem schauspielerischem Können der Darsteller*innen anzulasten ist. Beispielsweise bringt der junge Lakai, Jascha (Raphael Muff) Dynamik in die Inszenierung mit seinen perfekt sitzenden Hüftschwüngen. Schade nur, dass die Funktion der komischen Figuren im Stück nicht herauskommt. Die komplexeren Charaktere hingegen zeigen ihre Wirkung, wie die Gutsherrin Ranjewskaja und der Unternehmer Lopachin (Nico Link), die für die tragische Note sorgen und das Neue und das Alte symbolisieren sowie die Tochter, Anja (Tamara Semzov) und der ehemalige Hauslehrer Pjotr (Pascal Goffin), die das Streben nach Freiheit verkörpern.

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Mit rhythmischem Takt tanzen sich die Darsteller*innen während einer Party zum Höhepunkt der Geschichte, welcher aber sogleich wieder abebbt und von einem langatmigen Ende – voller Trauer, aber auch mit der Hoffnung, dass alles besser werden kann– abgelöst wird.

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Ein Garten ohne Ertrag

Bei Anton Tschechows „Der Kirschgarten“ am Schauspielhaus Graz prallt die Tiefe der Charaktere und ihren Verstrickungen an der Inszenierung von András Dömötör ab. Bühnen- und Kostümbildnerin Sigi Colpe sowie Raphael Muff als großkotziger Privatsekretär Jascha trösten darüber hinweg.

Pelzkrägen, knallige Velvet-Kostüme und Designer-Frisuren – die illustre Reige an altem Adel kehrt nach Jahren in Frankreich zu ihrem russischen Kirschgarten-Gut zurück. Das Geld ist weg. Doch den geliebten, aber ertragslosen Kirschgarten abzuholzen, um ihn mit Ferienhäusern zu bebauen und sich finanziell zu retten, ist keine Option für Gutsherrin Ranjewskaja, gespielt von Evamaria Salcher.

Nicht nur an den massiven gerafften Stoffbahnen, die von der Decke baumeln, prallt die Komik des von Tschchow als „Komödie“ betitelten Stücks ab, sondern auch an den bedrohlich knarrenden Lauten, die den Hintergrund erfüllen.  Ebenso will die Tragik nicht so richtig aufkommen: Ein kurzer emotionaler Zusammenbruch von Salcher, in ihrer Rolle eine Mutter, die ihren siebenjährigen Sohn verloren hat, kratzt an der Oberfläche. Tragik und Komik ersticken einander. Wie hohle Hüllen ihrer selbst wirken die Figuren vor der dichten Kulisse, ironisch schlängeln sie sich durch den Dschungel an gesellschaftlichen Umbrüchen. Aber: Vielleicht ist es genau das, was Tschechow wollte, nämlich die Leere der Charaktere zeigen.

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Franz Solar und Evamaria Salcher im „Kirschgarten“ (c) Lupi Spuma (2)

Mit einigem Unterhaltungswert kann der Schauspielhaus-„Kirschgarten“ jedenfalls aufwarten. Raphael Muff reiht einen großartigen Auftritt an den anderen, seine Grundhaltung ist immer lässig in die Hüfte gelehnt, während er seine Haare nach hinten wirft. Mit Anna Szandtner als Zimmermädchen Dunjascha stellt er irgendetwas zwischen Verführung und handfester Belästigung an, schleckt ihre Füße ab und nennt sie „meine kleine Gurke“. Oder er spaziert nackt einmal quer über die Bühne. Ein arroganter Großkotz, wie er im Buche steht.

Höhepunkt ist eindeutig die letzte Party im Kirschgarten: Zur Techno-Musik (Musik: Tamás Matkó) wippt das Ensemble wie getrieben über die Bühne. Muff zeigt nochmal die hässlichste Seite von Jascha und überschüttet den blutspuckenden alten Diener Firs (Franz Solar) mit Champagner, Buchhalter Jepichodow (Mathias Lodd) dreht völlig durch. Vorbei ist das alles, als Nico Link als Geschäftsmann Lopachin verkündet, er habe das Gut gekauft. Wirklich glücklich ist damit niemand, die Familie wendet sich von dem Aufsteiger-Kapitalisten ab und lässt ihr altes Leben schließlich leichten Herzens zurück. Nach über zwei Stunden ohne Pause trösten einige gute Momente und wunderbare Optik über teils langwierige Inszenierung hinweg.

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