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Musikalische Familienbande

Daniel Ottensamer, Stephan Koncz und Christoph Traxler spielen im Stefaniensaal eine melancholische Hommage an den Klarinettisten Ernst Ottensamer.

Es ist kein leichtes Erbe, das Klarinettist Daniel Ottensamer mit seinen Kollegen Stephan Koncz am Cello und Christoph Traxler am Piano im Stefaniensaal antritt. Vor eineinhalb Jahren, im Juni 2017, standen die Ottensamers noch gemeinsam im Musikverein auf der Bühne: Vater Ernst mit seinen beiden Söhnen Daniel und Andreas. Als Formation „The Clarinotts“ reizten sie experimentierfreudig die verschiedenen Facetten des Instruments aus. Im Juli des Jahres ist der Philharmoniker-Solo-Klarinettist Ernst Ottensamer verstorben. Andreas war für die Hommage an den Vater, obwohl vorher angekündigt, leider verhindert.

Es lastet also einiges auf den Schultern der drei jungen Musiker. Ein Familien-Ereignis ist das Konzert trotzdem irgendwie: „Wir haben schon in der Sandkiste miteinander gespielt“, sagt Ottensamer über den Cellisten Koncz, „– natürlich ohne Instrumente.“ Fehlenden Charme und Charisma kann man dem Klarinettenvirtuosen im blauen Slimfit-Anzug sicher nicht vorwerfen.

Drückende Melancholie

Viel Zeit und Raum geben sie den melancholischen, traurigen Melodien aus Max Bruchs „8 Stücken“. Traxler streichelt seine Tasten mit Inbrunst, Koncz fühlt jede Note, droht aber Ottensamer manchmal zu übertönen. Diesem steht der Schmerz, das Gefühl ins Gesicht geschrieben – vielleicht ganz in der Musik, vielleicht im Gedanken an den Vater, lässt er die Töne aus dem Nichts kommen, zart wie – eine Feder ist eine noch zu grobe Metapher. Da kommt man an ein bisschen Pathos nicht vorbei.

An Pathos gibt es an diesem Abend anscheinend nicht genug – es folgt: Brahms‘ a-Moll-Trio. Ganz unten, tief drinnen brodelt der verzehrende Schmerz und explodiert nach ganz oben. Große Gefühle, ja – aber käme noch ein weiteres Stück dieser Art, würde die drückende Melancholie zu einer erdrückenden werden.

Im zweiten Teil wird es entgegen Ottensamers Versprechungen nicht viel fröhlicher. Koncz‘ Arrangements von Camille Saint-Saëns sind der Stoff, der Herzen zum Schmelzen bringt –wunderschön, technisch perfekt gespielt, romantisch Ende nie. Die erhoffte Virtuosität, die Freude und die Aufregung bringt schließlich Béla Korénys „Hora II“ – der Schöpfer und Ernst Ottensamer waren Zeit ihres Lebens gut befreundet. Ungarische Würze, vielseitige Melodien, ein unmenschliches Tempo gepaart mit der Energie und Präzision der jungen Musiker – so soll es sein.

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Ein alter Meister in jungen Händen

Antonio Vivaldi (1678-1741) gilt nach wie vor als Meister des italienischen Barock. Eine Auswahl seiner Concerti unter dem Titel „Vivaldi pur“ präsentierte das recreationBAROCK-Ensemble im Minoritensaal.

Großer Auftritt für Konzertmeisterin und Solistin Mónica Waisman (Bild): Auf der Violine leitet die junge Frau das Orchester von recreationBAROCK mit viel Liebe und Feingefühl durch das anspruchsvolle Konzert. Ihre schwierigen Soli meistert sie eines nach dem anderen mit Bravour. Im Concerto in a für zwei Violinen dürfen sie und Solist Martin Harald Winkler das Spotlight genießen, das sie furios ausnutzen, ohne aber in ein allzu kreatives Verzieren zu verfallen. Ihr gefühlvolles Zusammenspiel erfüllt den Minoritensaal und leitet die Gruppe an, die im Tutti so richtig Gas gibt.

Dramatischer und schneller wird es im Concerto in g für zwei Celli, in dem die beiden Cellistinnen Ruth Winkler und Andrea Molnar ihren großen Auftritt haben. Ihre klangliche Resonanz wird erst im Largo richtig bewusst, in dem sie oft nur von Eva Maria Pollerus am Cembalo begleitet werden.

Einen großen Teil des Abends widmet das Ensemble der lautmalerischen Programmmusik von Vivaldi. Eröffnet wird mir dem Concerto in D für vier Violinen und Cello aus „L’estro armonico“, in dem sich das schöngeistige Allegro ins tragische Largo auflöst. Im Concerto in D aus „Il Gardellio“ kommt zum einzigen Mal an diesem Abend Heide Wartha mit ihrer Traversflöte zum Einsatz.

Betitelt man einen Abend mit „Vivaldi pur“, darf natürlich auch ein Auszug aus den berühmten „Vier Jahreszeiten“ nicht fehlen. Als Einstimmung auf die kommende Jahreszeit wählt recreationBAROCK den belebten „Sommer“ aus. Dieser kommt zuerst zart und unaufgeregt daher, doch dann setzten die wuchtigen Violinen-Gewitter ein und entfalten ihre immense Kraft. Waisman brilliert abermals als Solistin. Das zeigt nicht nur ihr Können, sondern auch, wie sehr Barockmusik heute noch zum Genießen und Träumen einlädt – für Kenner genauso wie für Laien. Eine würdige Interpretation, die wie das gesamte Konzert mit gebührendem Applaus belohnt wird.

Weitere Infos hier.

Mit Sistema Europe die Welt verbessern

DIE KUNSTUNIVERSITÄT MIT SISTEMA EUROPE IN GRIECHENLAND

Von 20. Juli bis 1. August 2017 fand zum vierten Mal das internationale Sommercamp des Sistema Europe Youth Orchestra (SEYO) statt. Das sozial motivierte Projekt vereinte junge Musikbegeisterte aus ganz Europa – dieses Mal u.a. beim Musizieren für und mit Flüchtlingskindern. Am Dienstag, den 1. August, traten 343 junge MusikerInnen, im Alter von 10 bis 30 Jahren, im antiken Theater Odeon des Herodes Atticus auf. An die 4.400 Menschen besuchten das Konzert am Fuße der Akropolis, das gleichzeitig der Abschluss des Sistema Europe Sommercamps 2017 und Höhepunkt des 62. Hellenic Festivals in Athen war. Die Kunstuniversität Graz nahm mit 16 Musikstudierenden Teil. Als Gastgeber des diesjährigen Sommercamps fungierte El Sistema Greece.

„Unity through diversity“ lautet einer der Leitgedanken des internationalen Musikprojekts Sistema Europe Youth Orchestra. Das Orchester des diesjährigen Sommercamps setzte sich aus rund 343 El Sistema MusikerInnen aus 28 Ländern zusammen und wurde zusätzlich durch rund 30 internationale Musiklehrende erweitert. Nach Residenzen in Wien, Salzburg, Istanbul und Mailand, u.a. im Teatro alla Scala, führte die Reise diesen Sommer nach Athen. Als Gastgeber fungierte El Sistema Greece. Auf Initiative von Rektorin Elisabeth Freismuth und Sistema Guatemala-Gründer sowie SEYO-Mitbegründer Bruno Campo stellte die Kunstuniversität Graz 16 TeilnehmerInnen. Campo selbst hat ebenfalls an der Kunstuniversität Graz studiert.

Mit unserem Engagement für SEYO wollen wir nicht nur unsere gesellschaftliche Verantwortung als Universität wahrnehmen. Es geht auch darum, anhand dieses großartigen Projekts das Potenzial von Kunst aufzuzeigen, die Welt ein Stück besser zu machen“, so Rektorin Freismuth.

Im Rahmen der SEYO Summer Residency 2017 probten die TeilnehmerInnen u.a. Stücke von Tschaikovsky, Konstantinidis, Saint-Saëns, Brahms, Bizet, Beethoven und Händel. Unterstützt wurden sie dabei von renommierten Musiklehrenden des El Sistema-Netzwerks u.a. aus Venezuela, Griechenland, Guatemala und der Schweiz.

Auch Star-Dirigentin Elim Chan (30) statte den Camp-TeilnehmerInnen einen Überraschungsbesuch ab, um mit ihnen Tschaikovsky’s 4. Symphonie zu proben. Chan zeigte sich sichtlich beeindruckt von dem jungen Orchester. Im Gespräch über die aktuelle politische Situation erklärt die junge Dirigentin die Relevanz des Musikprojekts in Bezug auf die Integrationsproblematik wie folgt:
You learn your part, you play your part but that’s not what makes a symphony. Symphony is when everybody comes together. You have to do your part well but at the same time you have to listen to the others and understand their perspectives. It’s not about one person, it’s about community.”

Gemäß der Philosophie von El Sistema stellte das Sommercamp für alle Beteiligten eine bereichernde Erfahrung dar. Die TeilnehmerInnen profitierten von der musikalischen Vielfalt sowie dem interkulturellen und generationsübergreifenden Austausch abseits des Universitätsalltags. Binnen kürzester Zeit war das bunt zusammengewürfelte Orchester zu einer musikalischen Einheit geworden, das bereits nach wenigen Tagen beeindruckende Fortschritte zeigte.

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(c) Isabela Estrada, SEYO | Orchesterprobe im Athener Konservatorium

Das Programm des SEYO-Sommercamps 2017 beinhaltete neben intensiven Workshops mit Konzertproben u.a. auch einen Besuch des Skaramagas-Flüchtlingscamps, wo gemeinsam mit Flüchtlingskindern musiziert und aufgetreten wurde. Im Camp trafen die Kinder erstmals auf die MusikerInnen um mit ihnen die Stücke „Ode an die Freude“, „Batum“, „Lamma Bada“, „Sol di Manhã“ und „Conga del Fuego“ zu proben. Die KUG-Studierenden nahmen sich die Zeit, den Kindern die mitgebrachten Instrumente zu erklären und mit ihnen darauf zu spielen.

Das finale Konzert am 1. August im imposanten Odeon des Herodes Atticus, am Fuße der Akropolis, bildete den krönenden Abschluss des Hellenic Festivals. Im Zentrum des Abends stand das eigens komponierte Werk Taxidi („Reise“) von Alexandros Markeas, das im Rahmen des Konzerts seine Uraufführung erlebte. Unterstützt wurde das Orchester hier vom El Sistema Greece-Chor, teilweise bestehend aus Kindern des Flüchtlingscamps in Skaramagas. Dirigiert wurde das Stück von Bruno Campo. Ein weiteres Highlight war die Performance der Mezzosopranistin und mehrfachen Grammy-Gewinnerin Joyce DiDonato. DiDonato, Patin von El Sistema Greece, performte gemeinsam mit dem Orchester das arabische Liebeslied „Lamma Bada“ (700 AC), das in Syrien zu den beliebtesten Balladen zählt. Gesungen wurde das Lied von der jungen Griechin Zoe Prokopiou. Sotiria Pappa begleitete das Stück mit einem Kanun (Kastenzither).

 

Die improvisierte Gesangseinlage der Venezolaner Gerardo Estrada und Ricardo Luque samt feurigen Trommelrhythmen zu „Conga del Fuego“ von Arturo Marquez sowie die türkischen und portugiesischen Zugaben rissen das Publikum mit.


El Sistema Greece engagiert sich seit seiner Gründung im November 2016 intensiv in der Unterstützung asylsuchender Menschen in Griechenland. Mehreren hundert Kindern wird kostenloser Musikunterricht geboten, zunehmend ergänzt durch die Förderung weiterer – vor allem sprachlicher – Fähigkeiten.

El Sistema – wie Musik die Welt verändert
Initiiert wurde das Projekt vor rund 40 Jahren unter dem Namen „El Sistema“ von José Antonio Abreu in Venezuela. Kindern aus allen sozialen Schichten sollte damit die Tür zur klassischen Musik und gleichzeitig zu einer Welt geöffnet werden, die davor nur Kindern aus reichen Familien vorbehalten war. Mittlerweile gilt SEYO als weltweit renommiertes Projekt, als Netzwerk und soziales Gefüge, bei dem Musiker und Musikerinnen, unabhängig von ihrer Herkunft, als Gemeinschaft auftreten:

Das wahrscheinlich wichtigste Motto für Sistema Europe Youth Orchestra ist „Unity through diversity”. Die Möglichkeit, so viele junge MusikerInnen aus verschiedenen Kulturen, mit unterschiedlichen Zugängen zur Musik und unterschiedlichsten Perspektiven auf das Leben zusammenzubringen, um sich auszutauschen, voneinander zu lernen; das ist, denke ich, was die Welt wirklich besser macht. (Bruno Campo)

(c) Isabela Estrada, SEYO

(v.l.n.r.) Ruslana Mamchenko, Žan Vranetič, Gergő Rácz, Nina Smrekar, Avanaz Hassani, Flávia Martins, Nenad Mitić, Mykola Melnyk, Bruno Campo, Alessandro Petri, Dominik Pavlenič, Raquel Garcia, Zala Tirš, Benjamin Gatuzz, Claudia Triguero, Cecilia Clò, Maria Sandberg Ballowitz, Yaroslav Martynov.

Autoren:

Isabela Estrada, Leiterin des Referat für Kultur der ÖH Uni Graz & Hermann Götz, Leiter der Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit der Kunstuniversität Graz


W: http://www.sistemaeurope.org
FB: facebook.com/SistemaEuropeYouthOrchestra