Mit Tischtennis gegen den Zinseszins

Manchmal spielt das Leben nicht so, wie man es gerne hätte. Dann spielt man eben selber – nämlich Tischtennis, wie es die Protagonistinnen in Geidorf’s Eleven praktizieren.

Geidorf: Ein wohlhabender Stadtteil, in dem die Universität ihren altehrwürdigen Sitz hat, Rosenhain und Hilmteich zur Naherholung rufen und sich die Villen drängen.  Genau an der Oberfläche dieser heilen Welt kratzt Geidorf’s Eleven, als Kooperation mit dem Theater im Bahnhof derzeit zu sehen im Haus Zwei im Schauspielhaus. Unter der Regie von Helmut Köpping zeigen die sechs Protagonistinnen, dass auch in Geidorf, ungeachtet der schönen Fassaden, das Schicksal nicht schläft und der Zinseszins immer weiter steigt.

Jede hat ihre eigene Geschichte, wie sie in die Schuldenfalle abrutschte. Während die notorisch miesepetrige Pia (Hierzegger) dem Glücksspiel verfallen ist, haben bei Vera (Bommer) die Zinsen des Kredits für ihre Webfirma ein Eigenleben entwickelt und sind ins Unermessliche gestiegen. Silvana (Veit) hat weder Freund noch Wohnung und muss bei Schwester Pia leben, wobei Silvanas Helfersyndrom zu Reiberein führt. Gabriela (Hiti) wiederum scheitert an den Regeln des Kulturbetriebs und Beatrix (Brunschko) am spießigen Familienidyll in Hitzendorf. In Martina (Zinners) Fall wird die Kluft zwischen Schein und Wirklichkeit besonders deutlich: Zwar ist sie im Besitz einer Villa, kann sich deren Instandhaltung aber nicht mehr leisten. So bröckeln trotz schöner Fassade im Inneren die Wände.

Beim allwöchentlichen Tischtennismatch darf nun der Zuseher beiwohnen, wenn in gruppentherapeutischer Manie die einzelnen Dilemmata durchdiskutiert werden. Besonderer Coup hierbei: Das Spiel ist echt, die Zuseher kaufen Karten ihrer Favoritin und setzen somit auf sie. Und während man sich von den ersten Matches bis zum großen Finale vorarbeitet und dabei für „seine“ Kandidatin mitfiebert, finden die Protagonistinnen langsam die Lösung für all ihre Probleme: Ein hollywoodreifer Juwelenraub im Stil George Clooneys & Co muss her – hat der Weikhard in der Herrengasse nicht auch so einen Tresor?

Foto: Johannes Gellner

GEIDORF’S ELEVEN Ensemble (c) Johannes Gellner

 

Damit hätte Geidorf’s Eleven das Potential zur subtilen Sozialstudie, die humorvoll zeigt, wie gnadenlos die Verlierer unseres Wirtschaftssystems ausgespuckt werden – sogar im schönen Geidorf. Dennoch bleibt die Performance die meiste Zeit seicht und schafft es nicht, die Thematik wirklich zu greifen. Viel mehr als der emotionale Druck von Schuldenproblemen zieht das Tischtennisspiel in den Bann. Die Matches stellen das eigentliche Sujet in den Schatten – trotz starker Schauspielerinnen, wobei besonders Pia Hierzegger alias „The Curse“ überzeugt. So ist das Stück aber trotz wenig inhaltlicher Tiefe äußerst kurzweilig und weckt die eigene Spiellust. Daneben werden die vielen Anspielungen auf die Eigenheiten von Geidorf (wie beispielsweise die schmerzhafte Abwesenheit eines DMs) besonders ortskundige Zuseher erfreuen.

 

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Planet Ottakring

Was ist der soziale Hotspot von Wien? Valerie möchte ihre Seminararbeit über das europäische Subproletariat schreiben und landet so in Wiens 16. Bezirk. Dieser ist zwar inzwischen auch schon Teil der großen Maschine der Getrifizierung, aber nach wie vor noch besonders. In einer Zeit, in der Ottakring in Aufruhr ist nach dem Tod des Grätzel-Paten Disko. An seine Stelle die skrupellose Kreditgeberin Jahn getreten, bei der sich die unwissende Valerie für ein Praktikum beworben hat. In Ottakring geht nichts mehr vorwärts, da sich niemand mehr Geld borgen kann und die Jahn möchte ihre Kredite eintreiben bzw. die Schuldner in ihrer Abhängigkeit wissen.

Sammy, Diskos Ziehsohn, ist ein kleinkrimineller Barbesitzer und Frauenheld, der nebenbei im Marihuanageschäft tätig ist. Auch er hat Schulden bei der Jahn, ist aber nicht auf den Kopf gefallen. Über ein Notizbuch, welches ihm Disko vermacht hat, entwirrt er die Kreditverflechtungen des Bezirks und führt eine Komplemetärwährung ein, die Communistas. Und fortan fährt die Wirtschaft auf dieser mikroökonomischen Ebene wieder an. Das Wunder von Wörgl lässt grüßen. Dies findet selbstverständlich zum Missfallen der Jahn statt, die den Bezirk gerne weiter in ihrer Abhängigkeit sehen würde.

Eingebettet ist in die Story, die Michi Riebl mit viel Schmäh und großem Lokalkolorit aufgebreitet hat, das Aufeinandertreffen des Frauenheldens Sammy und Valerie, aus dem sich – welch Wunder – neben der Einführung in die Mikroökonomie auch noch ein Liebespaar entwickelt. Die Story ist nicht aufdringlich, sondern sehr unterhaltend und der Beweis dafür, dass österreichisches Kino sich auch an romantische Komödien wagen kann.