Er schwebt in höheren Sphären

„blog4tickets“ auf Reisen: In Liechtenstein eröffnete Starpianist Lang Lang das Vaduz Classic Festival – und stellte dabei das Symphonieorchester Liechtenstein in den Schatten.

Es mag das beste Stück für ein Open Air sein: Mozarts 24. Klavierkonzert. Wenn Lang Lang einsetzt, erwärmt der Klang seines Steinways die kühle Vaduzer Nachtluft. Er nimmt sich Zeit, kostet jede Note aus. In den ruhigen, träumerischen Sequenzen des ersten Satzes spricht er ohne Worte mit dem Symphonieorchester Liechtenstein – an Stellen wie diesen gelingt die Kommunikation. Lang Lang gibt Acht auf das Orchester, könnte man sagen. Das Orchester bremst den Pianisten ein aber ebenso. Jedenfalls führen die Finesse und das Gefühl von Lang Lang anschaulich vor, woran es dem Orchester fehlt.

Die schönsten Momente sind jene, in denen Lang Lang die Bühne ganz für sich alleine hat. Danach folgen jene, in denen das Orchester das Geschehen minimal akustisch untermalt. Als hätte man es geahnt, hat die Soundtechnik das Piano absurd viel lauter gedreht als den Rest der Musiker. Das ist oft gut, stört das insgesamte Klangbild dann aber doch.

Und so schnell wie er gekommen ist, ist der Star wieder von der Bühne verschwunden. Nach der Pause muss das Publikum sich mit dem SOL zufriedengeben – was gar nicht so schwerfällt. Hört man bei einigen Passagen in Dvořáks „Slawischen Tänzen“ und in den Soli von Ravels „Boléro“ noch einige Ungereimtheiten, vor allem bei den Streichern, bringt der Klangkörper gegen Ende des historischen Crescendo endlich richtig viel Kraft auf. Und kann davon auch in der Zugabe noch schöpfen, sodass man dann doch mit einem Lächeln auf den Lippen nach Hause spaziert.

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Foto: Nikola Milatovic

Eroica ohne Schranken

Foto: Nikola Milatovic
Jenen, denen der Genuss klassischer Musik nicht schon im windeltragenden Alter nähergebracht wurde, bleibt der Zugang dazu oft lange verwehrt. Die styriarte-Soap zu Beethovens dritter Symphonie reißt diese Schranken mit voller Wucht ein. Vor allem dank Dirigent Andrés Orozco-Estrada.

Ein Hörerlebnis wird noch so viel intensiver, wenn man vorab die Feinheiten herausarbeitet. Und viel weniger steif und kompliziert, wenn ein Publikumsliebling wie Dirigent Andrés Orozco-Estrada sich durch eine „Probe“ scherzt, die verschiedenen Interpretationsmöglichkeiten seziert und den Prozess hörbar macht, der zum im zweiten Teil aufgeführten Endergebnis führt.

Foto: Nikola Milatovic

Wenn Sie bitter hier reinzoomen könnten – Orozco-Estrada dirigiert auch die Kameramänner. (Foto: Nikola Milatovic)

 

Orozco-Estrada, der kolumbianische Wirbelwind, lässt das Publikum nicht nur teilhaben, sondern sogar mitmachen: In drei Stimmen teilt er die Grazer Helmut-List-Halle, gemeinsam singen die Hunderten nach kurzem Proben und viel Ermutigung die ersten Takte der Eroica-Symphonie – „Die ersten Geigen, wenn Sie glauben, dass sie zu früh sind – das sind Sie nicht, singen Sie einfach!“

Wie die richtige Phrasierung den Klang verändern kann, wie man genau ein Naturhorn spielt, wie das Tempo eine Aufführung beeinflusst und auch wie man als Dirigent Entscheidungen editorischer Natur trifft: All das wird greifbar. Ganz unbeeinflusst und demokratisch sind die Entscheidungen des Publikums nicht, aber der Maestro weiß es eh am besten. Das zeigt er im zweiten Teil, in dem er dem styriarte-Festspiel-Orchester ein aufbrausendes Zusammenspiel und eine kraftvolle Interpretation entlockt. Vor allem der dritte Satz gelingt großartig – und das Hörerlebnis ist tatsächlich noch schöner, wenn man Details vorher auf dem Silbertablett serviert bekommen hat.

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(c) Nikola Milatovic

Ein Hypnotiseur auf der Orgel

Fotos: Nikola Milatovic
Der Amerikaner Cameron Carpenter ist der wohl berühmteste Organist der Welt. Mit der „Orgel seiner Träume“, der digitalen Touring Orgel, gastierte er für die styriarte in der Grazer Helmut-List-Halle. Im Gepäck: Eine monumentale Hommage an Johann Sebastian Bach.

„All you need is Bach” heißt Carpenters Programm, gleich wie sein jüngstes Album. Ein Titel der Wahrheit: Wenn man den Heimweg antritt, nachdem man die schwierigsten Präludien, Fugen und Triosonaten aus der Feder von Bach und noch dazu drei fetzige Zugaben gehört hat, dann besteht kein Zweifel: Alles, was Carpenter braucht und was man selbst in dem Moment braucht, ist: Bach.

 

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Aber von vorne: Carpenter macht Orgelmusik zum Event – und zwar im besten Sinne. Alleine seine „Touring Organ“, einzigartig auf dieser Welt, gebaut und entwickelt von ihm selbst und Marshall & Ogletree in Massachusetts, USA, ist ein Anblick: Lautsprecher, Trichter, blinkende Lichter an den riesigen Rechnern – ein Wunder des digitalen Instrumentenbaus. Mit seiner Traum-Orgel reist er um die ganze Erde.

„The purpose of an organ is not to have pipes. The purpose of an organ is to allow me to make you feel something”, sagt Carpenter in einem Interview

Dieser Welt die Orgelmusik wieder näher zu bringen, sie zu entstauben und aus dem sakralen Kontext zu befreien – das ist Carpenters Mission. Der Beginn ist fulminant und stürmisch: Mit dem Präludium und Fuge in D (BWV 532) gibt er den ersten Vorgeschmack auf das, was kommt. Die Füße und Finger tanzen über die Tasten, so schnell, dass sein Spiel einem Ganzkörperworkout gleicht und so wild, dass man sich die überforderten Ohren erstmal daran gewöhnen müssen. Spätestens mit dem nächsten Präludium und Fuge in a-Moll (BWV 543), etwas rhythmischer und beruhigter, hat er es dann geschafft: Eine hypnotische Kraft geht von Carpenter und seiner Orgel aus, in der man sich vollends verliert.

Magisch zart und feinfühlig, kräftig und voller Power – Carpenter kann alles. In der Gigue der von ihm arrangierten Französischen Suite Nr 5. (BWV 816) schüttelt man nur noch mit einem ungläubigen Lächeln auf den Lippen den Kopf: Dieser Mann muss wahnsinnig sein. Ein Erlebnis, das man nicht verpasst haben sollte.

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