Die Gewalt der Idee

Schauspielhaus Graz: In Pedro Martins Bejas „Kinder der Sonne – The Sun Is A Dead Star“ lassen die Studierenden vom Institut für Schau­spiel der Kunst­uni­ver­si­tät Graz überwältigenden Weltschmerz auf eine blasse Optik prallen.

Die Privilegierten sitzen im Bunker. Ihr eigener kleiner Raum – losgelöst von jeder Sinnhaftigkeit. Dort, wo selbst Kriege von oben schön aussehen und die Herzen schon längst kalt geworden sind. Ausgangspunkt ist Maxim Gorkis Fassung aus dem Jahr 1905, in der die empathische Jugend in Zeiten des Aufruhrs mit der eigenen Unsicherheit ringt. Im Haus Zwei des Schauspielhauses werden die sieben Schauspielstudierenden von Regisseur Pedro Martin Beja jedoch in Richtung Zukunft geschickt. Inklusive düsterer Aussicht.

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(c) Lupi Spuma

Allen voran der Forscher Pawel: Getrieben von der Idee, dass es einzig und alleine der Fortschritt ist, der Bestand hat. Und wenn die von ihm geschaffene künstliche Intelligenz nicht die Lösung ist, was dann? Seine Frau Jelena ist da anders. Sie verliert sich in der Kunst während seine Schwester Lisa den Schmerz der Welt auf ihren Schultern trägt. Den anderen geht es auch nicht besser, denn wenn man das Gemeinsame über das Trennende stellt, bewegen sie sich alle unter der glühend heißen Sonne, die wie ein Damoklesschwert über der Situation hängt. Und während die Gemüter auf Grund der Debatte über die Zukunft der Menschen immer mehr erhitzen, schippert das Ende der Geschichte immer weiter Richtung Unheil…

 

Es sind Sequenzen wie aus einem schrägen Traum, die in „Kinder der Sonne“ aneinandergereiht werden. Zudem wird wenig gehandelt, viel gesprochen und im Zweifelsfall noch mehr gebrüllt. Zugegeben, es braucht eine Weile, bis das blasse Treiben der  pastellfarbig Kostümierten volle Fahrt aufnimmt. Was nicht zuletzt daran liegt, dass jeder der sieben Charaktere sein eigenes, nicht sofort nachvollziehbares, Motiv verfolgt.
Nichtsdestotrotz handelt es sich um eine fesselnde Dystopie, die es auf Grund der zeitweise sehr poetischen Sprache und  dem vollen Einsatz der Agierenden doch noch schafft unter die Haut zu gehen und dort noch lange bleibt.

Mehr Informationen und Termine gibt es hier.

Mit: Berenice Heichel, Frieder Langenberger, Mario Lopatta, Lukas Schöttler, Hanh Mai Thi Tran, Leontine Vaterodt, Kevin Wilke

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Mit Sistema Europe die Welt verbessern

DIE KUNSTUNIVERSITÄT MIT SISTEMA EUROPE IN GRIECHENLAND

Von 20. Juli bis 1. August 2017 fand zum vierten Mal das internationale Sommercamp des Sistema Europe Youth Orchestra (SEYO) statt. Das sozial motivierte Projekt vereinte junge Musikbegeisterte aus ganz Europa – dieses Mal u.a. beim Musizieren für und mit Flüchtlingskindern. Am Dienstag, den 1. August, traten 343 junge MusikerInnen, im Alter von 10 bis 30 Jahren, im antiken Theater Odeon des Herodes Atticus auf. An die 4.400 Menschen besuchten das Konzert am Fuße der Akropolis, das gleichzeitig der Abschluss des Sistema Europe Sommercamps 2017 und Höhepunkt des 62. Hellenic Festivals in Athen war. Die Kunstuniversität Graz nahm mit 16 Musikstudierenden Teil. Als Gastgeber des diesjährigen Sommercamps fungierte El Sistema Greece.

„Unity through diversity“ lautet einer der Leitgedanken des internationalen Musikprojekts Sistema Europe Youth Orchestra. Das Orchester des diesjährigen Sommercamps setzte sich aus rund 343 El Sistema MusikerInnen aus 28 Ländern zusammen und wurde zusätzlich durch rund 30 internationale Musiklehrende erweitert. Nach Residenzen in Wien, Salzburg, Istanbul und Mailand, u.a. im Teatro alla Scala, führte die Reise diesen Sommer nach Athen. Als Gastgeber fungierte El Sistema Greece. Auf Initiative von Rektorin Elisabeth Freismuth und Sistema Guatemala-Gründer sowie SEYO-Mitbegründer Bruno Campo stellte die Kunstuniversität Graz 16 TeilnehmerInnen. Campo selbst hat ebenfalls an der Kunstuniversität Graz studiert.

Mit unserem Engagement für SEYO wollen wir nicht nur unsere gesellschaftliche Verantwortung als Universität wahrnehmen. Es geht auch darum, anhand dieses großartigen Projekts das Potenzial von Kunst aufzuzeigen, die Welt ein Stück besser zu machen“, so Rektorin Freismuth.

Im Rahmen der SEYO Summer Residency 2017 probten die TeilnehmerInnen u.a. Stücke von Tschaikovsky, Konstantinidis, Saint-Saëns, Brahms, Bizet, Beethoven und Händel. Unterstützt wurden sie dabei von renommierten Musiklehrenden des El Sistema-Netzwerks u.a. aus Venezuela, Griechenland, Guatemala und der Schweiz.

Auch Star-Dirigentin Elim Chan (30) statte den Camp-TeilnehmerInnen einen Überraschungsbesuch ab, um mit ihnen Tschaikovsky’s 4. Symphonie zu proben. Chan zeigte sich sichtlich beeindruckt von dem jungen Orchester. Im Gespräch über die aktuelle politische Situation erklärt die junge Dirigentin die Relevanz des Musikprojekts in Bezug auf die Integrationsproblematik wie folgt:
You learn your part, you play your part but that’s not what makes a symphony. Symphony is when everybody comes together. You have to do your part well but at the same time you have to listen to the others and understand their perspectives. It’s not about one person, it’s about community.”

Gemäß der Philosophie von El Sistema stellte das Sommercamp für alle Beteiligten eine bereichernde Erfahrung dar. Die TeilnehmerInnen profitierten von der musikalischen Vielfalt sowie dem interkulturellen und generationsübergreifenden Austausch abseits des Universitätsalltags. Binnen kürzester Zeit war das bunt zusammengewürfelte Orchester zu einer musikalischen Einheit geworden, das bereits nach wenigen Tagen beeindruckende Fortschritte zeigte.

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(c) Isabela Estrada, SEYO | Orchesterprobe im Athener Konservatorium

Das Programm des SEYO-Sommercamps 2017 beinhaltete neben intensiven Workshops mit Konzertproben u.a. auch einen Besuch des Skaramagas-Flüchtlingscamps, wo gemeinsam mit Flüchtlingskindern musiziert und aufgetreten wurde. Im Camp trafen die Kinder erstmals auf die MusikerInnen um mit ihnen die Stücke „Ode an die Freude“, „Batum“, „Lamma Bada“, „Sol di Manhã“ und „Conga del Fuego“ zu proben. Die KUG-Studierenden nahmen sich die Zeit, den Kindern die mitgebrachten Instrumente zu erklären und mit ihnen darauf zu spielen.

Das finale Konzert am 1. August im imposanten Odeon des Herodes Atticus, am Fuße der Akropolis, bildete den krönenden Abschluss des Hellenic Festivals. Im Zentrum des Abends stand das eigens komponierte Werk Taxidi („Reise“) von Alexandros Markeas, das im Rahmen des Konzerts seine Uraufführung erlebte. Unterstützt wurde das Orchester hier vom El Sistema Greece-Chor, teilweise bestehend aus Kindern des Flüchtlingscamps in Skaramagas. Dirigiert wurde das Stück von Bruno Campo. Ein weiteres Highlight war die Performance der Mezzosopranistin und mehrfachen Grammy-Gewinnerin Joyce DiDonato. DiDonato, Patin von El Sistema Greece, performte gemeinsam mit dem Orchester das arabische Liebeslied „Lamma Bada“ (700 AC), das in Syrien zu den beliebtesten Balladen zählt. Gesungen wurde das Lied von der jungen Griechin Zoe Prokopiou. Sotiria Pappa begleitete das Stück mit einem Kanun (Kastenzither).

 

Die improvisierte Gesangseinlage der Venezolaner Gerardo Estrada und Ricardo Luque samt feurigen Trommelrhythmen zu „Conga del Fuego“ von Arturo Marquez sowie die türkischen und portugiesischen Zugaben rissen das Publikum mit.


El Sistema Greece engagiert sich seit seiner Gründung im November 2016 intensiv in der Unterstützung asylsuchender Menschen in Griechenland. Mehreren hundert Kindern wird kostenloser Musikunterricht geboten, zunehmend ergänzt durch die Förderung weiterer – vor allem sprachlicher – Fähigkeiten.

El Sistema – wie Musik die Welt verändert
Initiiert wurde das Projekt vor rund 40 Jahren unter dem Namen „El Sistema“ von José Antonio Abreu in Venezuela. Kindern aus allen sozialen Schichten sollte damit die Tür zur klassischen Musik und gleichzeitig zu einer Welt geöffnet werden, die davor nur Kindern aus reichen Familien vorbehalten war. Mittlerweile gilt SEYO als weltweit renommiertes Projekt, als Netzwerk und soziales Gefüge, bei dem Musiker und Musikerinnen, unabhängig von ihrer Herkunft, als Gemeinschaft auftreten:

Das wahrscheinlich wichtigste Motto für Sistema Europe Youth Orchestra ist „Unity through diversity”. Die Möglichkeit, so viele junge MusikerInnen aus verschiedenen Kulturen, mit unterschiedlichen Zugängen zur Musik und unterschiedlichsten Perspektiven auf das Leben zusammenzubringen, um sich auszutauschen, voneinander zu lernen; das ist, denke ich, was die Welt wirklich besser macht. (Bruno Campo)

(c) Isabela Estrada, SEYO

(v.l.n.r.) Ruslana Mamchenko, Žan Vranetič, Gergő Rácz, Nina Smrekar, Avanaz Hassani, Flávia Martins, Nenad Mitić, Mykola Melnyk, Bruno Campo, Alessandro Petri, Dominik Pavlenič, Raquel Garcia, Zala Tirš, Benjamin Gatuzz, Claudia Triguero, Cecilia Clò, Maria Sandberg Ballowitz, Yaroslav Martynov.

Autoren:

Isabela Estrada, Leiterin des Referat für Kultur der ÖH Uni Graz & Hermann Götz, Leiter der Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit der Kunstuniversität Graz


W: http://www.sistemaeurope.org
FB: facebook.com/SistemaEuropeYouthOrchestra

Welches Ende wirst du finden?

Schiffe, die im Mittelmeer versinken – das könnte leider auch aus einem aktuellen Zeitungsbericht stammen, ist in diesem Fall aber der Ausgangspunkt der Aufführung. Idomeneus führt die Zuseher*innen weg vom aktuellen Kontext und hinein in den antiken Mythos. Unter der Regie von Jérôme Junod haben Studierende der Kunstuniversität Graz den Mythos um König Idomeneus auf der Bühne zum Leben erweckt und kreisen um die Frage, wie es wirklich wa(h)r.

Idomeneus Ensemble (c) Lupi Spuma

Idomeneus Ensemble (c) Lupi Spuma

Nach Ende des trojanischen Krieges gerät König Idomeneus auf der Rückreise nach Kreta in einen furchtbaren Sturm, durch den 79 seiner 80 Schiffe versinken. Nur durch einen Handel mit dem Gott Poseidon kann er ein einziges Schiff retten: Er verspricht das erste Lebewesen, das ihm auf der heimatlichen Insel begegnet, dem gnädigen Gott zu opfern. Das ist nur unglücklicherweise – wie könnte es aber auch anders sein – sein eigener Sohn Idamantes.

Zum weiteren Verlauf der Geschichte gibt es verschiedene Varianten – angefangen von der bestialischen Abschlachtung des eigenen Sohnes über mythische, zu bekämpfende Kreaturen bis hin zur Lösung, das Poseidon schlussendlich auf das Opfer verzichtet. Als eine der bedeutendsten Verarbeitungen des Mythos‘ gilt die im Geiste der Aufklärung entstandene Oper Idomeneo von Wolfgang Amadeus Mozart.

Die im Schauspielhaus Graz umgesetzte Inszenierung nach Roland Schimmelpfennig, der vor allem für sein Stück Der goldene Drache bekannt ist, wählt nicht ein Ende, sondern wirft die Entscheidung darüber den Zuseher*innen zu. Wie schon in anderen Werken zuvor ist auch Idomeneus vom Prinzip des epischen Erzählens geprägt. In 18 Szenen wird die Geschichte immer und immer wieder aufgerollt und dabei neue Perspektiven aufgeworfen. Mal sprechen die zwölf Schauspieler*innen im Chor, mal einzeln, zum Teil auch gegeneinander, wenn sich die Ansichten der Figuren über die Wirklichkeit widersprechen. Ein empörtes ‚Nein, so ist es nicht gewesen!‘ ist des Öfteren zu hören. Die Narration entwickelt dabei – auch wegen des genialen Spiels der Schauspieler*innen – eine Sogwirkung, der sich die Zusehenden nicht entziehen können.

Die Welt des Mythos – die Menschen- und die Götterwelt – spiegelt sich in der Inszenierung in Graz wider: Jede der zwölf Figuren der Bühne repräsentiert einen der zwölf olympischen Götter im engeren Sinn. Diese sind durch ihre Kleidung sowie ihr Auftreten klar erkennbar. Auch die Hierarchie zwischen den göttlichen Eltern (Zeus und seinen vier Geschwistern) und ihren Kindern wird im Spiel deutlich – weichen die Vorstellungen der Generationen darüber, wie der Mythos sich wirklich abgespielt haben soll, doch deutlich voneinander ab. Diese weitere Ebene – auf der einen Seite der Text, auf der anderen Seite die göttlichen Figuren – gibt der Inszenierung eine zusätzliche Tiefe und lässt die Interaktionen in einem anderen Licht erscheinen.

Am Schluss bleibt dem Zusehenden nur eine Frage offen:

‚Welches Ende wirst du finden?‘

Die nächste Aufführung findet am 30.Jänner 2016 statt.