Eichen sollst du weichen, Kuchen nicht versuchen!

Eine Lesung hat immer einen nostalgischen Beigeschmack, besonders wenn ein ergrauter Herr mit 50 plus, in diesem speziellen Fall Wolf Haas, involviert ist. Das erinnert an die vorgelesenen Geschichten der Kindheit – wie passend, dass Haas‘ Roman einen jungen Mann beim Erwachsenwerden begleitet. Derzeit stellt Haas sein neues Werk „Junger Mann“ in Österreich und Deutschland vor, am 17.11. war er auch im Schauspielhaus Graz zu Gast.

Vierjährig wird der Nicht-Brenner das erste Mal vorgestellt, als Bruchpilot beim Skifahren und infolgedessen mit gebrochenen Knochen. Weil die Tanten es zu gut mit ihm meinen und Milky Way, Nuts und gewöhnliche Milka in das geschädigte Kind füllen, neigt es fortan zur Fettleibigkeit. An der Tankstelle arbeitend muss der junge Mann also feststellen: „Der Spritpreis steigt, das Gewicht auch.“ Im etwas fortgeschrittenerem Alter, die Pubertät klopft bereits an die Tür, entschließt sich unser Held zu einer Abmagerungskur. Besonders die Zuneigung zu Elsa, einem begehrenswerten Mädchen der Nachbarschaft und Frau des lässigen Tschos, bedingt den Wunsch nach einer schlankeren Figur. Auch wenn seine Rückseite etwas dünner aussieht als die vordere.  Fortan werden also Kalorien gezählt, der Bauch auf der Waage eingezogen und die Schuld am Dicksein in Prozent verteilt (nur 0.5% fallen auf die Gene). Dabei entspinnt unser Held unumstößliche Lebensweisheiten wie: „Eichen sollst du weichen, Kuchen nicht versuchen!“

(c) Hoffmann und Campe

Mit trockenem Humor führt Haas durch die Geschichte, pointiert mit Witz und macht jeden im Publikum ein wenig zum jungen Mann mit Gewichtsproblemen. Mit Floskeln und Anekdoten abseits des Romans hält er sich zurück und rückt damit sein Werk in den Fokus des Abends. Dessen Rest man sich bestimmt auch noch einverleiben wird (Roman: 0 Kalorien).

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Startschuss für das Dramatiker*innenfestival: „Literarische Nahversorgung“ in Geidorfer Studentinnen-WG

Zum Auftakt des Dramatiker*innenfestivals in Graz sorgten 50 Lesungen in 50 steirischen Wohnzimmern für „Literarische Nahversorgung“. Der syrische Dramatiker Mudar Alhaggi las in einer Grazer Studentinnen-WG.

Neben 49 anderen Haushalten in der ganzen Steiermark hat auch eine Studentinnen-WG in Geidorf ihre Türen geöffnet und ihr Wohnzimmer mit Lichterketten zur Lesebühne umdekoriert. Mit den Worten „This is my first time reading without shoes“ eröffnete der aus Syrien stammende Dramatiker, Autor und Regisseur Mudar Alhaggi seinen literarischen Streifzug durch seine Zeit in Bern, kurz nachdem er aus dem Nahen Osten gekommen war. Die Blogbeiträge, gelesen und verfasst in dialektalem Arabisch, entstanden 2014 im Rahmen eines Berner Theaterfestivals. Die deutsche Übersetzung wurde von Christina Horn gelesen.

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Mudar Alhaggi erzählte über seine Zeit in Bern. (Fotos:  Noorullah Husseni Sahid)

In seinen Blogs berichtete Alhaggi über den Kulturschock vom Leben im Krieg in Syrien zum ruhigen Leben im schweizerischen Bern, wo seit über eineinhalb Jahrhunderten Frieden herrscht. Passend zum Thema des Festivals „Privatsache“ eröffnete er mit einer Geschichte über Trauer und Freude im Öffentlichen: Wenn die SchweizerInnen gemeinsam tanzend ihre Freude zelebrieren, wieso können sie nicht gemeinsam weinen? Er schildert Begegnungen und Erlebnisse, Gedanken und Emotionen – darüber, wieso Krieg nicht notwendig, sondern schrecklich ist, und darüber, wie Flüchtende ihre traurige Freiheit am grenzenlosen Grund des Meeres finden.

Alhaggis Texte geben einen emotionalen Einblick in seine Lebenswelt, zu Krieg und Frieden, zu Osten und Westen, zu Grenzen und Freiheiten. So nehmen seine Worte das Publikum mit auf eine Reise durch eine bekannte Welt aus der Sicht fremder Augen, unterstützt durch die Klänge des Arabischen. Ein wunderschöner Auftakt für das DramatikerInnenfestival in Graz.

Zur Homepage des DramatikerInnenfestivals

Zu „Literarischer Nahversorgung“

Visuelles Slam-Erlebnis: Deaf-Slam-Premiere in Graz

Am 03. Oktober fand im wunderschönen Ambiente des großen Minoritensaales erstmals ein Deaf-Slam in der Steiermark statt. Das Besondere an dieser Art des Slams liegt in der bilingualen Darstellung der Beiträge – anstelle in – wie sonst üblich – einer Sprache werden alle Texte sowohl in Gebärden- als auch in Lautsprache auf der Bühne performt.

Bei einem Deaf-Slam treten sowohl Lautsprache-Slammer*innen als auch Gebärden-Poet*innen an – damit das nicht-immer-zweisprachige Publikum trotzdem alle Beiträge versteht, wird zugleich simultan auf der Bühne gedolmetscht, was eine große Herausforderung für den jeweiligen Übersetzenden darstellt. In Graz meisterte dies Delil Yilmaz mit Bravour, der aufgrund des Ausfalles des zweiten Übersetzenden für alle Texte zuständig war – und sicher als inoffizieller Held des Abends bezeichnet werden kann.

Das vorgegebene Thema des Slams war ein in unserer heutigen Zeit immerwährend aktuelles: End Ecocide! Die Texte der Slammer*innen würden sich also um Umweltverbrechen drehen – zumindest war das so vorgesehen. Aufgrund des Ausfalles musste aber improvisiert werden, und so wurden in der ersten Runde schon teilweise die Texte für die Finalrunde vorgezogen. Das Thema ging deswegen etwas unter – was zwar schade war, durch die Performance der Slammer*innen aber wettgemacht wurde.

Die neun Slammer*innen, die sich in Graz der Bewertung der Jury und des Publikums im gut gefüllten Minoritensaal stellten, waren vier Lautsprache-Slammer*innen aus der lokalen Grazer Slam-Szene (Mario Tomic, Anna Lena Obermoser, Christine Teichmann & Yannick Steinkeller) und fünf Gebärden-Slammer*innen (Gian Reto Yanki, Guiseppe Giuranna, Dawei Ni und das Team aus Wien: Christoph und Anja), die national sowie international nach Graz angereist waren. Die Performance der Gebärden-Poet*innen, allen voran die von Dawei Ni und Giuseppe Giuranna, war so eindrucksvoll, dass ich zeitweise völlig in ihre Bewegungen versank, ohne auf die Lautsprache-Übersetzung zu achten.

Der beste Satz im Slam – eine von mir selbst in Anlehnung an Klaus Kastberger ins Leben gerufene undotierte Preiskategorie für den Satz, der mir am meisten im Gedächtnis blieb – kam diesmal von Mario Tomic in seinem Beitrag Ösi mit Migrationshintergrund: „Wenn dich deine Mitmenschen nicht mögen, dann ist das vielleicht nicht das Ende der Welt, sondern Österreich.“

Verdient ins Finale schafften es Dawei Ni, Anna Lena Obermoser und Giuseppe Giuranna. Letztgenannter trug – gemessen am Applaus des Publikums – den Sieg davon. Anstelle eines resümierenden Schlussatzes lasse ich zwei Finalisten des Abends – Dawei Ni und Giuseppe Giuranna – zu Wort kommen:

Dawei Ni:
Giuseppe Giuranna:
Im Kulturzentrum der Minoriten wird auch weiterhin geslamt – zwei Termine für den legendären Kultum-Slam gibt es noch im Jahr 2015 – also den 16. Oktober sowie den 4. Dezember im Kalender vormerken.