Lessings aufklärerisches Ideendrama

Eines der wichtigsten Stücke der Aufklärung wird im Schauspielhaus Graz unter der Regie von Lily Sykes auf die Bühne gebracht. Dabei handelt es sich um nichts Geringeres als das Ideendrama von Gotthold Ephraim Lessing „Nathan der Weise“.

Vor allem bekannt ist die darin vorkommende Ringparabel, die die Antwort auf die Frage: „Welche der drei Weltreligionen (katholisch, muslimisch oder jüdisch) ist die Wahre?“ geben soll. Diese Frage stellt der muslimische Herrscher Saladin (Nico Link) dem weisen Juden Nathan (Werner Strenger), der ihm wiederrum die Geschichte dreier Brüder erzählt, die alle einen gleichen Ring vom Vater bekommen, doch nur einer soll der magische Ring sein. Der wahrhaftige Ring hat die Eigenschaft, seinen Besitzer vor Gott und den Menschen angenehm zu machen. Wer aber nur besitzt diesen? Die Quintessenz lautet, dass der liebende Vater nicht zwischen seinen Söhnen entscheiden wollte und ihnen daher allen einen Ring anfertigen ließ. Die Söhne sollten nun so leben, als hätten sie alle den wahren Ring. Da die drei Söhne als Metapher für die drei Weltreligionen stehen, ist die Thematik auch 3 Jahrhunderte später noch relevant, denn der Streit um die Religionen hat leider auch heute noch kein Ende gefunden.

Sykes Inszenierung lehnt sich sehr an der klassischen an, Aktuelles lässt sie nicht miteinfließen und das Bühnenbild ist schlicht gestaltet. Viele weiße Säulen stellen die Schauplätze dar, wie z.B. Nathans Haus und Saladins Palast. Die Säulen können zudem hinaufgeklettert werden, sodass Saladin mit seiner Schwester gute Sicht von oben hat, während sie Schach mit lebenden Figuren spielen. Der Schauplatzwechsel wird mit dem Drehen der Bühne durchgeführt und die Darsteller nutzen die Säulen, um sich hie und da hinter ihnen zu verbergen, somit fungiert das Bühnenbild auch als eine Art Labyrinth. Durch die Bühnendrehungen und die  Licht-, Musik- und Nebeleffekte kommt in das ansonsten statische Bühnenbild ein wenig Bewegung hinein.

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© Schauspielhaus Graz

Lessing ist dafür bekannt, dass seine Stücke viele Dialoge enthalten. Zudem intendierte er, seinen Zuschauern keine vorgefertigte Schablone vorzusetzen, sondern wollte dazu anregen, durch eigenständiges Denken ein eigenständiges Conclusio zu schließen. Ganz nach der aufklärerischen Devise, „habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“ (Kant). Daher ist es nicht verwunderlich, dass das 2,25 Stunden dauernde Stück keine seichte Unterhaltung ist. Dem Publikum wird die Thematik durch die Inszenierung jedoch nicht gerade erleichtert, denn sie arbeitet hauptsächlich mit den Dialogen, wie sie von Lessing witzig-ironisch und hoch-intellektuell geschrieben wurden. Obwohl den Schauspielern Lessings Worte leicht von den Lippen gehen, hätte der Inszenierung mehr Bewegung und Handlung gutgetan, um die genialen Inhalte des textlastigen Stückes besser mitverfolgen zu können.

Schön inszeniert war das abwechselnde Erzählen der Ringparabel von Nathan, der zu Saladin sprach und seiner Tochter Recha (Maximiliane Haß), die die Geschichte zeitgleich dem christlichen Tempelritter erzählte. Besonders schön herausgearbeitet wurden außerdem die Beziehungen zwischen den Charakteren. Der Fokus liegt auf dem anfänglichen Hass zwischen den verschiedenen Religionen und dessen sukzessivem, wenn auch nicht von Anfang an gewollten, Wandel, z.B. durch Saladins Begnadigung des Tempelherren und der Liebe zwischen dem christlichen Tempelherren und der jüdischen Tochter Nathans. Nathans Großzügigkeit und Menschlichkeit kommt auch sehr deutlich im Stück hervor. Vor allem seine liebevolle Beziehung zu seiner Tochter, Recha, stellt ein wichtiges Element dieser Inszenierung dar. Die Einleitung des Stücks zeigt den liebevollen Vater und Recha als Kind beim Fangen spielen und Geschichten erzählen. Aufgrund dieser schönen Darstellungen zwischen den Beziehungen ist diese Inszenierung mit ein wenig mitgebrachten Hintergrundwissen und Vorwissen über die Kernhandlung durchaus sehenswert. Die nächste und letzte Vorstellung findet am 26. Juni 2018 statt.

Nathan der Weise

© Schauspielhaus Graz

Hier findet ihr den Trailer zum Stück!

 

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Kein Mensch muss müssen

Inszenierungen kanonischer Texte sind stets ein Balanceakt – die Ansprüche des heutigen Publikums müssen mit der Seele des Stückes unter einen Hut gebracht werden. Lily Sykes stellt sich mit „Nathan der Weise“, derzeit im Schauspielhaus Graz zu sehen, dieser Herausforderung.

Man wird nicht alle Tage von einem edlen Tempelherrn (Clemens Maria Riegler) aus den Flammen getragen. Selbstredend verliebt man sich als Gerettete, es handelt sich in diesem Fall um Recha (Maximiliane Haß), die Tochter des Juden Nathans (Werner Strenger), in solch einen edlen Herrn. Wenn da nur nicht die Konfession im Weg wäre, denn der Tempelherr ist Christ.

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Nathan der Weise (c) Lupi Spuma

 

Dass die Religionen verwandt und gleichberechtigt sind, zeigt sich aber nicht nur in der berühmten Ringparabel, die Nathan als ‚Märchen‘ zum Besten gibt, sondern besonders als die vertrackte Familienkonstellation ans Licht kommt: Recha ist eigentlich Christin und noch dazu die Schwester des Tempelherrn, der wird wiederum vom muslimischen Sultan (Nico Link) als Neffe erkannt. Und wenn so von den Religionen als Grund für Fehden und Intrigen gesprochen wird, dann zeigt sich: Diese Geschichte ist so aktuell wie eh und je.

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Nathan der Weise (c) Lupi Spuma

 

Bei der Inszenierung von Lily Sykes wird es dem Publikum trotzdem nicht ganz einfach gemacht, diesen Bezug herzustellen. Die Figuren bewegen sich in einem Meer von weißen und teilweise vom Brand geschwärzten Säulen. Als variable Elemente werden sie neu angeordnet, gedreht, beleuchtet und beklettert. Trotz dieser modernen und reduzierten Bühne (Jelena Nagorni), den schlichten Kostümen (Ines Koehler) und dem atmosphärischen Sound (Maren Kessler, David Schwarz), was der Zeitlosigkeit des Stoffes zu Gute kommen sollte, gelingt der Transfer nicht. Auch wenn Maximiliane Haß als temperamentvolle Recha und Werner Strenger als hingebungsvoller Vater überzeugen können, wirkt das ansonsten stets fantastische Ensemble, als würde auch sie die Inszenierung kalt lassen. Der Klassiker kommt so zwar in neuem Gewand auf die Bühne, überzeugt in dieser Form allerdings wenig.

Einstimmige Tragikomödie

Romeo und Julia ist die wohl bekannteste Liebestragödie, die je geschrieben wurde. Im Shakespeare-Jahr 2016 inszeniert auch das Schauspielhaus Graz gleich mehrere Stücke des britischen Genius. Mit der von Lily Sykes’ entworfenen Produktion rührt und unterhält das Ensemble sein Publikum gleichermaßen. Überzeugen tut es nicht immer komplett.

Textlich orientiert sich das Stück stark an der Originalübersetzung, technisch ist der Einsatz von Licht und Bühne raffiniert. Die Geschichte ist, ebenso wie bei Shakespeare, in Verona verortet. Die Motive der Figuren sind dieselben wie damals und trotzdem nicht minder modern. Die Kostüme wirken punkig, unterstreichen den Kontrast und lassen nichts zwischen schwarz und weiß – das Gute und das Böse, kommen. Entsprechend gestaltet sich der metaphorische Rahmen der Handlung, der in strikte Metallgitter gezwängt wird, welche Realität von Traum und Einbildung trennen, zugleich beides parallel darstellen. Dagegen fallen besonders die schreiend bunten Kostüme der Nebenfiguren ins Auge. Selbstsüchtig und auf ihr eigenes Wohl bedacht, den schönen Schein wahren wollend agieren sie umgeben von Pracht und scheinbarer Macht, derer sich die Kinder nicht widersetzen können.

Dass sich Romeo (Raphael Muff) von den Montagues und Julia von den Capulets (Julia Gräfner) doch aus den Schlingen der gesellschaftlichen Zwänge, der Vor- und Fremdbestimmung befreien können, schaffen sie letztlich bloß durch die bekanntlich missglückte Flucht in die Verbannung und das Exil, Mantua oder in ihrem Fall, den Tod.

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(c) Lupi Spuma

 

Die homoerotische Perspektive der beiden Freunde Mercutio (Henriette Blumenau) und Benvolio (Nico Link) wurde schlicht durch eine Hosenrolle in umgekehrter Manier entschärft. Grandios männliches Gehabe ahmt hier Blumenau nach, während Link authentisch den ihr verfallenen Benvolio mimt, dessen Gehabe verweiblicht wirkt. Ein Paar von perfekter Androgynie, getrennt durch den Mord an Mercutio. Benvolio schwört Rache und hetzt Romeo auf. Die beiden Morde – an Tybalt (Clemens Maria Riegler) und Mercutio erscheinen auf diese Weise plausibel.

Eines der Dinge, die die durchdacht runde Sache „eiern“ lassen, ist der dritte Mord an Paris durch Romeo in der Gruft der vermeintlich toten Julia. Er erscheint zu blutrünstig und tut dem unschuldigen Auftreten Romeos enormen Abbruch. Es zeigt sehr überspitzt dessen moralische Verkommenheit, wenn auch aus Verzweiflung und aus dem Verlust seiner großen Liebe resultierend.

Was die Inszenierung besonders gut herausstreicht, ist das kindliche Alter der Protagonisten. Julia ist erst 14 Jahre alt, als sie sich in Romeo verliebt – entsprechend jugendlich verspielt gibt sich ihr Wesen, das dieses mächtige Gefühl auszudrücken versucht. Romeo wirkt reifer, zusammen wirken sie – zumindest auf mich – oftmals nicht authentisch genug, einander dermaßen verfallen zu sein, wie sie es sein sollten. Zumindest nicht, wenn man die Unsterblichkeit dieser Liebe(sgeschichte) als Maßstab im Hinterkopf hat.

Wenngleich Julia Gräfner alias Julia Capulet sich leichtfüßig und verträumt in Teenagermanier in der multifunktionalen Badewanne räkelt, dabei das verliebte Kindchen verkörpert und ihr schaupielerisch unbestreitbares Können zur Schau stellt, kann sie dieses im Zusammenspiel mit ihrem Romeo nicht zeigen.

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(c) Lupi Spuma

 

Besonders die teils zu langwierigen Szenen der gegenseitigen Liebesbekundungen – jeweils eine im ersten und eine im zweiten Teil – wirken fast schon aufgesetzt, wenn Muff im Vordergrund und Gräfner im Hintergrund oder umgekehrt vom jeweils anderen als Ideal des Partners, der immer imaginiert wurde, schwärmt. Das Fehlen des Balkones konnte durch die Szene am Abgrund (ein tiefer Graben trennt die Liebenden) nicht ersetzt werden, obwohl die Metaphorik des Spalts in der Erde tiefer greift als die des klassischen minnesänglich anmutenden Balkonwerbens.

Alles in allem, besteht die Inszenierung jedoch größtenteils die Probe und darf sich in die lange Tradition gelungener Shakespeare Adaptionen reihen.