Sehnsuchtsmusik mit finnischem Flair

Die junge Dirigentin gestaltete bei recreation einen Abend voll sphärischer Klänge von Wagner bis Sibelius.

Eva Ollikainen (c) Nikolaj Lund

„Ich wollte verschiedenen Tonsprachen miteinander reden lassen“, erklärt die 35-jährige Finnin Ollikainen ihr Konzept in der Einführung zum Konzert. Im ersten Teil des Abends kombinierte sie dabei die Ouvertüre und Venusbergmusik aus dem Tannhäuser mit dem 2. Klavierkonzert von Franz Liszt. Die Übergänge bei Wagner erschienen zu Beginn etwas zu ruppig, im gesanglichen Mittelteil erklangen die Impulse aber weich abgerundet. Die musikalische Beschreibung von Tannhäusers Aufenthalt bei der Liebesgöttin gelang so gut, dass man (wie so oft bei Wagner) das Gefühl hatte, sich nicht rühren zu können und das auch gar nicht zu wollen. Folgend erklang Klavierakrobatik von Wagners Schwiegervater, dem Komponisten und Virtuosen Franz Liszt. Für das Konzert in A hatte Intendant Mathis Huber erneut einen bereits gutbekannten Gast für recreation gewonnen: den deutschen Pianisten Bernd Glemser. Auch wenn sich über die stilistische Gestaltung von Liszts Werk streiten lässt, die Virtuosität Glemsers ist unbestreitbar. Nicht umsonst wird der Tastenkünstler immer wieder für die „gefinkelten Projekte“ nach Graz eingeladen, ist sein Spiel und der vermittelte Ausdruck ernst und doch immer unbeschwert. Zwar vergönnte er dem Publikum eine Zugabe, aber wie schon so manches mal zuvor vermittelte er dabei den Eindruck, nicht für die fordernden Zuhörer, sondern ganz für sich alleine zu spielen. Das lyrische und oft sanfte Extrastück (diesmal klang zwischendurch ein kleiner Walzer durch) scheint eine Glemser-Tradition zu werden, die ihn in der Wertschätzung als feinsinnigen Künstler wohl noch steigert.

Bernd Glemser (C) Werner Kmetitsch

Die folgende Konzerthälfte wurde nun ganz von sphärischen Elementen dominiert, auch wenn diese in ganz unterschiedlichen Techniken umgesetzt wurden. Wagner eröffnete erneut, diesmal mit dem Vorspiel zum Lohengrin. Geschickt hielt Ollikainen das Volumen bis zum letztmöglichen Augenblick gedrückt, um die Musik im Höhepunkt des Stücks dann eindrucksvoll aufblühen zu lassen. Die heiklen Passagen in den hohen Streichern erklangen mit kleinen Makeln, mit der Basis der tiefen Seiten wurde der Klang schließlich glänzend geschliffen. Als Kontrast und gleichzeitig als Stück mit demselben Grundpuls wie der Lohengrinmusik folgte der „Asteroid 4179 Toutatis“, ein zeitgenössische Stück der finnischen Komponistin Kaija Saariaho. Ist die Stimmung bei Wagner doch eher zerbrechlich und feenartig, tat sich hier ein schroffes und beinahe gruseliges Konstrukt auf. Die gewagte Kombination gelang, ohne dass es zwischen den Stücken zu einem Spannungsabbruch kam. Ein weiterer Landsmann der Dirigentin beschloss den Abend. Mit seiner letzten erhaltenen Symphonie kreierte Jean Sibelius ein durchgezogenes Werk „in einem Satze“. Die Dirigentin sieht dieses Werk als zielstrebendes Konstrukt konzipiert, das mit seinem Ende in C-Dur den Tod repräsentieren soll. Das zerrissene Finale gestalteten die Musiker aufbrausend und dramatisch und doch schien die Aufregung in ein versöhnliches C-Dur zu münden.

Weitere Informationen zum Programm unter:
https://styriarte.com/events/sehnsuchtsmusik/?sti=31864

Das Stück „Asteroid 4179 Toutatis“ von Kaija Saariaho kann man unter der Leitung von Sir Simon Rattle unter folgendem Link finden:
https://youtu.be/I054UQxiKKU

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Kulman in Topform

Elisabeth Kulman beehrte den Steirischen Musikverein für den zweiten Liederabend der Saison. Vom feinen Schubertlied bis zu zeitgenössischen Werken zeigte sie sich mit geschmeidiger Stimme.

Elisabeth Kulman (c) marija kanizaj

Wenn einem der Klang der österreichischen Mezzosopranistin seit Jahren vertraut ist, fällt es schwer, das Einzigartige ihrer Stimme in Worte zu fassen. Es steckt etwas Warmes und faszinierend Raues darin, das im forte wie im piano unter die Haut geht. Mit dem Pianisten Eduard Kutrowatz kombinierte sie im ersten Teil eine Auswahl an Schubert Liedern mit den modernen Werken Herwig Reiters. Letztere sind Vertonung nach Erich Kästner, darunter auch die herrlich satirische „Sachliche Romanze“. Die Tonsprache des österreichischen Komponisten ist nicht einheitlich, vermag aber durchaus zu unterhalten. Im Lied „Die alte Frau auf dem Friedhof“ schafft er beispielsweise mit ganz reduzierten Mitteln in Melodie und Begleitung eine doch bedrückende Stimmung. Die Stützpfeiler zwischen diesen Kanarienvögeln der Liedgattung waren die Werke Schuberts wie etwa „Die Sterne“ und „Wehmut“.

„Wenn ich durch Wald und Fluren geh‘, es wird mir dann wo wohl und weh“

singt Kulmann etwa in letzterem Lied und man fragt sich, wie sie einen derart gequälten Ausdruck doch so wohlklingend gestalten kann.
Im zweiten Teil kombinierten die beiden Musiker zwei stimmungsmäßig konträre Blöcke nebeneinander: Liszts „3 Sonetti di Petrarca“ und die „Cabaret Songs“ von Bemjamin Britten. Ganz weich und verträumt klingen die die italienischen Sonette, vor allem wenn eine Elisabeth Kulman ihnen ihre Stimme leiht. Mit unglaublicher Leichtigkeit setzt sie einen Ton an und er ist da, voll und ganz und wird so manchmal von seiner Erzeugerin noch zur vollen Blüte getrieben. Vom Schwelgerischen wechselte die Mezzosopranistin mit Trillerpfeife und keuchendem Atem in das erste Britten-Lied. Es sind kurzweilige Kunststücke die sie hier präsentiert, sei es in Text oder schnell wechselndem Ausdruck. „Tell me the Truth About Love“ ist das titelgebende Stück des Abends, in dem die Sängerin die Wahrheit über die Liebe zu ergründen versucht. So natürlich die Stimmung schon in den Liedern von Liszt wirkte, auch im Kontrastwerk Brittens wussten Kulman und Kutrowatz eine authentische Atmosphäre zu schaffen. Man konnte fast meinen, das Licht der Luster im Stefaniensaal wurde noch schummriger und die Zehen wippten ganz von alleine im entspannten Rhytmus mit.
Drei Zugaben vergönnte das Duo dem fordernden Publikum. Dem schmerzvollen „Mädchen am Spinnrad“ folgte ein charmantes „Portrait einer Chansonette“ (Reiter). Mit Liszts „Es muss was Wunderbares sein“ nach einem Gedicht von Oscar von Redwitz-Schmölz beschloss die Sängerin mit einem ihrer persönlichen Lieblingslieder. Man darf sich auf den nächsten Liederabend im Musikverein freuen!

Weitere Informationen zum Konzert und weiteren Veranstaltungen des Musikvereins unter:
http://www.musikverein-graz.at/konzert/2-liederabend-3/

Musikverein Graz: I‘ vidi in terra angelici costumi

Die neue Saison der Liederabende begann im Musikverein Graz am 24. Oktober mit dem immer wieder gern gesehenen Duo Mauro Peter (Tenor) und Helmut Deutsch (am Klavier) und einer interessanten Mischung bekannter und weniger bekannter Lieder, die am Ende ein zu zweifachen Standing-Ovations und seltener Begeisterung gerührtes Publikum hervorbrachte. Obgleich das Programm nicht die üblichen, allseits bekannten Klassiker darbot, vermochte es die besondere Hingabe Peters und der überaus gut strukturierte Ablauf des Programms, zu solch hingebungsvollen Reaktionen zu führen.

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Mauro Peter & Helmut Deutsch (c) Musikverein Graz

Begonnen hat der Abend zunächst mit diversen Liedern Schumanns zu Gedichten von Heinrich Heine, die als Einstieg gut funktionierten und sogleich in jene spezielle Stimmung verführten, die vonnöten zu sein scheint, will man sich ergreifenden und das Herz tief berührende Stücke in angemessener Weise zuführen, wie es bei Liszts Tre sonetti del Petrarca, die den Abend vollendeten, unumgänglich ist.

Dazwischen durfte man weiteren romantischen Liedern Schumanns (u.a. Der Spielmann), Strauss‘ Schlichten Weisen (op. 21) und den Mädchenblumen (op. 22) lauschen, ehe die bereits erwähnten sonetti das Programm zum Höhepunkt führten. Jener Teil des Publikums, der bis dahin den Abend heiter genossen und die Liederchen in sich nüchtern aufgenommen hatte, musste spätestens beim herzbewegenden Pace non trovo einen ergreifenden Schmerz verspüren, der, je nach Stimmungslage, Freud und Leid in ein ungewohnt hohes Maß zu steigern imstande war. Und als nach dem letzten Ton von l‘ vidi in terra das unausweichliche Ende eintrat, entzückte Mauro Peter mit vier Zugaben, um dem scheinbar unersättlichen Publikum zu danken.

Insbesondere ob der Tatsache, dass es der erste Liederabend der Saison war, scheint es mir ein Glücksgriff gewesen zu sein, solch eine zu weiteren Besuchen motivierende Vorstellung zu jenem frühherbstlichen Zeitpunkt aufgeführt zu haben, auch wenn der nächste Liederabend erst im Feber stattfindet (Schuberts Winterreise).