Musikverein Graz: I‘ vidi in terra angelici costumi

Die neue Saison der Liederabende begann im Musikverein Graz am 24. Oktober mit dem immer wieder gern gesehenen Duo Mauro Peter (Tenor) und Helmut Deutsch (am Klavier) und einer interessanten Mischung bekannter und weniger bekannter Lieder, die am Ende ein zu zweifachen Standing-Ovations und seltener Begeisterung gerührtes Publikum hervorbrachte. Obgleich das Programm nicht die üblichen, allseits bekannten Klassiker darbot, vermochte es die besondere Hingabe Peters und der überaus gut strukturierte Ablauf des Programms, zu solch hingebungsvollen Reaktionen zu führen.

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Mauro Peter & Helmut Deutsch (c) Musikverein Graz

Begonnen hat der Abend zunächst mit diversen Liedern Schumanns zu Gedichten von Heinrich Heine, die als Einstieg gut funktionierten und sogleich in jene spezielle Stimmung verführten, die vonnöten zu sein scheint, will man sich ergreifenden und das Herz tief berührende Stücke in angemessener Weise zuführen, wie es bei Liszts Tre sonetti del Petrarca, die den Abend vollendeten, unumgänglich ist.

Dazwischen durfte man weiteren romantischen Liedern Schumanns (u.a. Der Spielmann), Strauss‘ Schlichten Weisen (op. 21) und den Mädchenblumen (op. 22) lauschen, ehe die bereits erwähnten sonetti das Programm zum Höhepunkt führten. Jener Teil des Publikums, der bis dahin den Abend heiter genossen und die Liederchen in sich nüchtern aufgenommen hatte, musste spätestens beim herzbewegenden Pace non trovo einen ergreifenden Schmerz verspüren, der, je nach Stimmungslage, Freud und Leid in ein ungewohnt hohes Maß zu steigern imstande war. Und als nach dem letzten Ton von l‘ vidi in terra das unausweichliche Ende eintrat, entzückte Mauro Peter mit vier Zugaben, um dem scheinbar unersättlichen Publikum zu danken.

Insbesondere ob der Tatsache, dass es der erste Liederabend der Saison war, scheint es mir ein Glücksgriff gewesen zu sein, solch eine zu weiteren Besuchen motivierende Vorstellung zu jenem frühherbstlichen Zeitpunkt aufgeführt zu haben, auch wenn der nächste Liederabend erst im Feber stattfindet (Schuberts Winterreise).

Entfesslungskünstler im Musikverein

Der Tenor Mauro Peter bescherte mit seinem Lehrer und Pianisten Helmut Deutsch einen Liederabend voll fein nuancierter Töne. Einem Auszug aus Schumanns Komponierkunst folgten frühe Werke von Richard Strauss sowie drei „Sonetti“ von Franz Liszt.

Nach einem Konzert mit einem der Altmeister der Liedkunst und seinem „letzten bedeutenden Studenten“ fühlt man sich wunderbar losgelöst. Lied für Lied entfesseln die zwei Musiker alle Anspannungen und entführen in eine Welt, wo „Feinigkeiten“ noch Zeit und Raum gewidmet wird. „Die Liederabende im Grazer Stefaniensaal sind ein starkes Argument, für die überall verbreiteten Gerüchte, dass es mit dem Lied bergab geht“, meint Helmut Deutsch. Und tatsächlich zeigt ein gut gefüllter Saal mit auffallend vielen jungen Gesichtern, dass sehr wohl ein nachwachsendes Interesse an dieser „ungeschminkten“ Musikgattung besteht.
Der Schweizer Peter eröffnete mit Liedern von Robert Schumann, dem er sich auch in seiner jüngsten CD widmete. Nicht die berühmte „Dichterliebe“ war zu hören, nichtsdestotrotz kam der vertonte Heinrich Heine zu Wort. Den kompakten Stücken folgten mit Schumanns op. 40 Texte von Anderesen mit einer Musik von mehr Tragik. Seinen noch nicht voll ausgereiften Stimmumfang glich Mauro Peter mit perfekter Artikulation aus. Im Lied „Der Spielmann“ machte Helmut Deutsch den Titel zum Programm und wechselte zwischen an Tänze erinnernder Begleitung und virtuosen Exklamationen.
Der nächste Block wurde von „Schlichten Weisen“ und „Mädchenblumen“ des Richard Strauss gefüllt. Leicht und neckisch klang es hier, wenn die Stimme von verschieden duftenden Mädchengestalten singt und das Klavier Sanftmut wie Unglück gleich mitreisend zu charakterisieren weiß. So viele Juwelen das deutsche Liedgut besitzt, charmanter und fließender klingen die Verse etwa im Italiensichen. Mit „Tre Sonetti“ von Franz Liszt waren drei Stücke den Texten von Petraca gewidmet. Hier gelang dem Duo die Krönung der Behutsamkeit, mit keiner Scheu vor leisen Tönen und tiefen Emotionen.
Drei Zugaben für das Publikum, ein Strauß gelber Rosen und Standing Ovations für die Musiker.

Weitere Informationen zu Veranstaltungen des Grazer Musikvereins unter:
http://www.musikverein-graz.at

Schlusstakt mit Beethoven

Das letzte Orchesterkonzert der Saison spielte das Grazer Philharmonische Orchester unter seinem Chefdirigenten Dirk Kaftan. Nach Werken von Widmann und Liszt folgte eine feurige Aufführung von Beethovens 7. Symphonie.

(c) Dirk Kaftan, Musikverein Graz

(c) Dirk Kaftan, Musikverein Graz

„Es freut mich sehr, dass Sie alle schon zum ersten Stück des Abends gekommen sind“, begrüßte Kaftan das Grazer Publikum. Dass zeitgenössische Musik immer noch Probleme hat die Konzertsäle zu füllen, weiß auch der motivierte Deutsche und wählte für die Konzertouvertüre von Jörg Widmann deshalb einen modernen Zugang. Einer kurzen Erläuterung über das Werk (Widmann komponierte es im Auftrag von Mariss Jansons als Vorprogramm zu Beethovens 7. und 8. Symphonie), folgte eine lebhafte Erklärung der verschiedenen Stilelemente mit Hörbeispielen aus dem Orchester. Beethoven darf in dieser Musik immer wieder kurz anklingen, geht aber im Tumult der wilden Komposition schnell wieder unter. „Viele verschiedene Baupläne“ müssen die Musiker beachten und das macht zeitweise nicht nur das Spielen sondern auch das Zuhören etwas mühsam. Ich persönlich empfand den Einbau der Beethoven’schen Analoga in das moderne Konstrukt als nicht stimmig, da die bekannten Klänge fast ins Groteske verzogen wurden.
Einen ganz anderen Ton gab Ingolf Wunder im ersten Klavierkonzert von Franz Liszt an. Der Auftritt des österreichischen Pianisten erinnerte an eine unschuldige Träumerei. Ein zartes Wasserspiel zauberte er im zweiten Satz, das in einen ebenmäßig plätschernden Triller mündete, der auch den geübten Solisten des Philharmonischen Orchesters die Bühne eröffnete. Auch wenn es wild zuging, verlor Wunder nie ganz den träumerischen Ausdruck. Die großen Akkorde des Finales spielte er nicht aufdrängend sondern einladend und nie mit übertriebener Lautstärke. Mit Blick zum Himmel bot er eine dahinfließende Zugabe.
Als Abrundung der Konzertsaison und Einstimmung zum kommenden Beethoven-Marathon bei der Styriarte folgte dessen 7. Symphonie. Kaftan setzte mit dem Elan der dynamischen Auf-und-Ab-Bewegungen von Liszt fort. Das melancholischen Allegretto begannen die Streicher wunderbar leise und schwermütig. Ganz sanft setzten nach und nach die verschiedenen Instrumentengruppen ein und erzeugten somit ein stetiges crescendo ohne je im Tempo zu schwanken. Im Kontrast dazu ging es wild im Allegro con brio zu, bei dem man das Brio wortwörtlich nicht missen musste. Den flotten Ausritt beschloss Kaftan mit einem lautstarken Galopp.

Mehr Informationen zum Konzert unter:
http://www.musikverein-graz.at/konzert/10-orchesterkonzert-3/