Immer noch Sturm

Handkes persönlichstes Stück im Schauspielhaus Graz

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© Lupi Spuma

Peter Handkes teilweise autobiographisch angelehntes Werk „Immer noch Sturm“ wurde vor kurzem am Grazer Schauspielhaus, unter der Regie von Michael Simon, uraufgeführt. Wir waren exklusiv für euch bei der Vorstellung am 26.Februar mit dabei.

Zunächst wurde dem Publikum vor Vorstellungsbeginn eine Einführung zum Stück von Chefdramaturgin Heike Müller-Merten als Hilfestellung angeboten, welche vom Großteil des Publikums auch in Anspruch genommen wurde. Bei „Immer noch Sturm“ handelt es sich um ein Epos in Lesetextform über Handkes Familie mütterlicherseits, die zur  slowenischsprachigen Volksgruppe Kärntens angehörte. Handke verwendet für seine Charaktere wahrheitsgetreue Elemente aus seiner Familiengeschichte und vermischt diese mit fiktiven Komponenten. Das Stück spielt während des Zweiten Weltkriegs und der Schauplatz ist das Jaunfeld auf dem sich der Bauernhof der Familie befindet. Dort leben Handkes Großeltern mit ihren fünf Kindern: Handkes Mutter sowie ihrer Schwester Ursula und ihren drei Brüdern. Während zwei Brüder an der Front fallen, schließen sich Ursula und Georg den Partisanen an, einer slowenischen Widerstandsbewegung gegen die Nationalsozialisten. Sowohl im echten Leben, als auch im Stück bekommt Peter Handkes Mutter ein uneheliches Kind von einem Deutschen – Handke selbst, den Bastard des Feindes.

Gespielt von Christoph Rothenbuchner, trägt das Alter Ego des jungen Peter Handke blondes Haar und Brille und schlüpft abwechselnd in die Rolle des Ich-Erzählers und des Kommentators des Geschehens.  Das „Ich“ lässt sich unter einem Apfelbaum, der als wiederkehrendes Motiv und Paradiessymbol in der Geschichte auftaucht, die Vergangenheit aus der Perspektive seiner Vorfahren erzählen.

Die dreistündige Aufführung wurde in 5 Akte geteilt, in denen chronologisch die Geschichte von der Vorkriegszeit bis zur Befreiung beschrieben wird. Wie zu erwarten wurde von Regisseur Simon, der auch Bühnenbildner ist, ein beeindruckendes Set für das Schauspiel geschaffen. Begonnen wird mit einer musikalischen Einlage auf der Rampe, die fast komplett mit Requisiten eingedeckt wurde. Später wird der Vorhang gelüftet und eine Wand, die plakativ mit deutschen und slowenischen Wörtern bemalt wurde, kommt zum Vorschein. Im weiteren Laufe der Geschichte wird das Bühnenbild öfter umgebaut und auf mannigfaltigste Art eingesetzt – sogar als Massengrab. Des Öfteren wird auch mit Lichteffekten gespielt, die je nach Bedarf den Charakter in den Mittelpunkt stellen oder lediglich seinen Schatten sichtbar machen.

Abgesehen von den professionellen Schauspielern wurden auch Laien als Statisten eingesetzt. Diese werden wie Marionetten von den Schauspielern gesteuert und lassen sich stumm führen. Selbst ihre Gesichter werden teilweise durch überdimensionale Puppenköpfe verdeckt. Leider wirkt dieser Verfremdungseffekt nicht nur skurril, sondern es fällt den Zuschauern schwer eine emotionale Verbindung zum Charakter aufzubauen. Eventuell wäre eine andere Art die Statisten aktiv im Stück zu integrieren vorteilhafter gewesen.

Trotz des Einsatzes von musikalischer Untermalung, aufwändigen Bühnenbildwechseln und kurioser Requisiten, zog sich die Darstellung stellenweise aufgrund der langwierigen Dialoge, die zum Teil etwas affektiert und hölzern wirkten. Vor allem die Inszenierung der Statisten wirkt eher störend, als dass sie das Stück bereichern würde. Alles in allem, konnte „Immer noch Sturm“ jedoch durch viele eindrucksvolle Darstellungen und eine imposante Kulisse bestechen.

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Der Baron auf den Bäumen

Ganz im Sinne des auslaufenden Themenmonats möchte ich euch noch schnell ein Buch vorstellen bzw. weiterempfehlen, dass nicht nur in Hinsicht auf die (meist) grünen Riesen sondern auch auf das Leben ganz allgemein bezogen ist.

Italo Calvino (1923-1985) mag vielleicht einigen ein Begriff sein, schließlich zählt er zu den bedeutendsten italienischen Schriftsteller der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Wenn nicht, wird es höchste Zeit ihm eine Chance zu geben.

Der Italiener wuchs in einem nonkonformistischen und agnostischen Familienhaus auf, was zu diesen Zeiten in Italien eher eine Seltenheit darstellte. Später kämpfte er auch im Widerstand und trat der Kommunistischen Partei bei, verließ diese jedoch enttäuscht über die Ereignisse im Osten Europas.

Oft werden Calvinos Werke als Märchen und Fabeln bezeichnet, was nicht vollkommen unwahr ist, aber das besondere an seinen geschichten ist, dass man sie auf vielen Ebenen analysieren kann.

Cover Italo Calvino "Barona uf den Bäumen"Das Buch mit dem ihm der Durchbruch gelang trägt den Titel „Der Baron auf den Bäumen“, womit wir wieder beim Thema Wald wären.

In dem Roman geht es um den kleinen Cosimo, der als Sohn eines Barons, im damals noch ungeeinten Italien lebt. Seine Familie ist alles andere als eine glückliche. Cosimos Eltern heirateten nur aus Gier auf den Thron, die ältere Schwester ist wahnsinnig und drückt dies durch exzessives Kochen aus. Sie setzt der Familie eines Abends sogar Schnecken vor. Als das dem kleinen Cosimo eines Tages alles zu bunt wird, klettert dieser auf einen Baum und beschließt den Rest seines Lebens dort zu verbringen.

Ein angenehmes Leben — Cosimo fröhnt der Jagd, liest sich durch ganze Bibliotheken, schließt Freundschaft mit einem Räuberhauptmann und wird durch seine Kenntnisse der Baumbeschneidung zum Lokalhelden der Bauernschaft. Auch der Erotik ist der Robinson der Bäume nicht abgeneigt und pflegt so manch‘ amouröses Abenteuer im Schutz des Baumlaubes. Sein Herz jedoch gehört der stolzen Viola, die einst als kleines Mädchen an seinem Baumhaus vorbeigeritten ist. Viola fordert als Liebesbeweis nur ein kleines Entgegenkommen, einen einzigen kleinen Schritt hinunter auf den Erdboden…

Italo Calvino gelingt mit „Der Baron auf den Bäumen“ ein überaus unterhaltsamer Roman, der eine unglaubliche Abenteuergeschichte erzählt, die jedoch allerlei tiefergehender Thematiken beinhaltet. Ganz egal ob man einen Abenteuerroman, eine Liebesgeschichte oder eine sozialkritische Fabel lesen will. In diesem Buch findet man von allem ein wenig…

Viel Spaß beim Lesen und einen angenehmen Start ins Somemrsemester 2011!

Beitrag von unserer Sachbearbeiterin Hannah Wolf, welche jedoch gerade Probleme mit ihrem Account hat 😉