Wie Revolutionäre reisen

Nach der Prämierung mit dem Bundesländer-Nestroy im vergangenen Jahr haben das Schauspielhaus Graz und Regisseur Jan-Christoph Gockel mit „Die Revolution frisst ihre Kinder!“ ein theatrales und cineastisches Reisetagebuch aus Burkina Faso auf die Bühne gebracht.

Julia Gräfner, Raphael Muff, Komi Mizrajim Togbonou und Puppenspieler Michael Pietsch wandeln auf den Spuren der Revolution in Burkina Faso von 2014. Ein Theaterprojekt haben sie im Gepäck, nur das erreicht Ouagadougou leider nie. Was bleibt, sind die Marionetten aus der Produktion der vergangenen Spielzeit „Der Auftrag: Dantons Tod“, mit dem das Schauspielhaus den Nestroy-Preis für die beste Bundesländer-Produktion einheimsen konnte.

Also geht das Ensemble unter die Leute und lässt die Protagonisten der Französischen Revolution Danton und Robespierre an den Schnüren tanzen. „Setz die Leute aus dem Theater auf die Gasse“, lautet das Motto. Gräfner wird immer mehr zur tyrannischen Anführerin der Truppe, die Muff in die Ecke drängt und bei Togbonou einen Identitätskonflikt auslöst. Als verrückter deutscher Expat steht ihnen Laurenz Leky zur Seite. All das passiert einmal auf Leinwand in großartigen Filmaufnahmen von Eike Zuleeg oder direkt auf der Bühne.

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Julia Gräfner (c) Lupi Spuma (2)

 

Währenddessen verliert „Intendantin“ Evamaria Salcher in Graz immer mehr die Kontrolle über die Entsandten, obwohl sie die ganze Reise inklusive Französisch-Kurs doch finanziert hat. Florian Köhler, der ob der Kinderbetreuung zu Hause geblieben ist – wie in einem süßen Familien-Video mit streitenden Söhnen klar wird – schlüpft parallel immer wieder in die Rolle von Danton und liefert den Soundtrack zum Stück.

Bald wird aber klar, dass die imperialistischen Revolutionshelden den lokalen weichen müssen. Die Schlüsselfigur: Thomas Sankara, der nach seiner nur vierjährigen Präsidentschaft zum Mythos wurde. Seine Puppe bringt die Menschen dazu, ihre Geschichten zu erzählen. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit brauchen eine neue Definition. Und das unnahbare Theater auch. Als multidimensionale Reise-Revolutions-Doku schafft „Die Revolution frisst ihre Kinder!“ einen kleinen Schritt in eine gute Richtung.

Infos und Termine

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Die Freiheit, ein Menschenrecht?

Für die Performance „Sicherheit statt Freiheit? Graz und die Menschenrechte 2“ hat Clemens Bechtel ein Rechercheprojekt in den Grazer Justizvollzugsanstalten Jakomini und Karlau umgesetzt.

Stille. An einer Galerie stehen die BesucherInnen aufgereiht und blicken auf die Installation aus Gitterstangen und Plastikfolien hinab, die an ein Gefängnis erinnert. Ein bedrückender und minimalistischer Raum, in dem eine männliche Gestalt entkräftet umherirrt.

Sukzessive wird das Publikum in die Installation geführt. Jede/r bekommt einen kleinen schwarzen Hocker mitten im Bühnenraum zugewiesen. Von der Begleitung wird man getrennt; von den DarstellerInnen mit eiskaltem Blick flankiert. Und wieder, Stille.

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Was passiert mit einem Menschen, wenn er oder sie der Freiheit beraubt wird? (Foto: Lupi Spuma)

Entführung aus dem Alltag

Zurück zum Anfang: Im Bus fahren die ZuschauerInnen vom Schauspielhaus bis zum Schaumbad Graz, einem freien Atelierhaus mitten im Industriegebiet. Mit Kopfhörern lauscht man einer Erzählung von Michel Foucault. Es ist, als würde man in einer kleinen Blase durch die Stadt schweben – die gewohnten Geräusche sind ausgeblendet und durch die Geschichte über eine grausame Hinrichtung ersetzt. Der Anblick der Justizvollzugsanstalt Karlau rückt mit einer Geschichte eines Insassen im Ohr in ein noch bedrohlicheres Licht – bis man schließlich selbst ankommt und in den performativen Käfig hinabsteigt.

Worte – Fragen – Freiheit

Nacheinander lesen die SchauspielerInnen (Oliver Chomik, Gideon Moaz, Patrick Schlegel, Tamara Semzov, Heiko Senst, Silvana Veit) Fragmente aus den Interviews mit Häftlingen und Bediensteten vor. Sie erwecken banale Fragen zum Leben, die man sich in Freiheit nie stellen würde: Was nimmt man eigentlich mit ins Gefängnis? Wie dekoriert man sein Zimmer?

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Tamara Semzov liest Interviews von Häftlingen. (Foto: Lupi Spuma)

Aber auch Ernstere werden gestellt: Wie alt wird mein Kind sein, wenn ich rauskomme? Wer trägt wie viel Schuld? Ist das System restriktiv genug? Ist es überhaupt möglich, wieder in die Freiheit und in ein normales Leben zurückzukehren, nachdem man in diesem Maße entmündigt wurde?

„Er verlor nicht nur die Freiheit, sondern auch die Ehre. Er verlor das Ich.“

Die Worte der DarstellerInnen laufen im Endeffekt auf eine zentrale Frage hinaus: Ist die Freiheit ein Menschenrecht? Ein beeindruckendes Rechercheprojekt, das künstlerisch fein umgesetzt wurde und eine Problematik in den Fokus rückt, die oft beiseitegeschoben wird.

Mehr Informationen gibt es HIER.