In einer Welt abseits der Standardsprache

Mit seinem Text in „gebrochenem“, unkorrekten Deutsch sorgte der israelische Autor Tomer Gradi beim Bachmann-Wettlesen 2016 für Gesprächsstoff. Nun wurde die erste Bühnenfassung seines Romans „Broken German“ im Haus Zwei des Schauspielhaus Graz präsentiert.

 „Wem gehört Deutsch? Deutsch gehört allen!“, so formulierte Hildegard Elisabeth Keller in der Diskussion über Gradis Text beim Bachmannpreis 2016 allzu treffend. Das ist es, was Tomer Gardi mit seiner Literatur tut: Er lotet die Grenzen der Sprache aus, zeigt sie in all ihren Formen und stellt Fragen nach Identität, Fremdheit sowie dem Erbe der Vergangenheit in Sachen jüdisch-deutscher Beziehungen. Trotz all der grammatikalischen Fehler erweckt er Bilder und Situationen mit einer unglaublichen sprachlichen Feinheit zum Leben.

Bei dem Versuch, diesen Roman auf die Bühne zu hieven, stehen Regisseur Dominic Friedel und die drei DarstellerInnen Mercy Dorcas Otieno, Sarah Sophia Meyer und Clemens Maria Riegler vor keiner leichten Aufgabe. Ohne vorerst ersichtlichen Zusammenhang spielen sie sich von Schauplatz zu Schauplatz, vom einen schwer verständlichen Monolog zum nächsten. Im Jüdischen Museum in Berlin etwa tut sich die Frage auf: Wird ein Jude selbst zum Ausstellungsstück, wenn er das Museum betritt? Am mit Papier ausgelegten Boden notieren sie Jahreszahlen und illustrieren diese mit Pappbechern. 1945 sind die Becher ein bloßer verstreuter Haufen ohne Struktur.

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(c) Lupi Spuma (2)

 

Das Museum, ein Flughafen, ein Hotelzimmer und unzählige weitere Orte: Die Schauplätze des Alltags eines Migranten in Berlin eröffnen eine Welt abseits der Standardsprache und des Standards. Dazu kommen philosophische Abhandlungen, über den Turmbau zu Babel zum Beispiel, bei dem es „so viel Zerstörung“ gab, „aber niemand ist tot“, wie Mercy Dorcas Otieno rappt, und Erzählungen, wie etwa über den Mann, der seine „Ärmel in Judenblut“ eintauche, wie Sarah Sophia Meyer aus Kindheitserinnerungen rekapituliert.

„Broken German“ am Haus Zwei besteht aus theatralisch installierten Bruchstücken, die sich erst spät zu einem Ganzen zusammensetzen. Das macht es anfänglich schwer zu folgen und zu verstehen. Vor allem sprachlich stehen die DarstellerInnen vor einer großen Herausforderung: Die eigene Muttersprache falsch zu sprechen und dabei auch noch natürlich zu wirken, ist nicht gerade leicht. Dass Meyer und Riegler damit hadern, können sie nicht verstecken – damit geht vieles an Authentizität verloren, das auch durch die gekonnt präsentierten Pointen von Otieno nicht mehr eingeholt werden kann. Trotzdem schafft Regisseur Dominic Friedel mit seiner Inszenierung von „Broken German“ eine Begehung eines tiefgehenden Romans, die viele helle Momente hat und den „unendlichen Arten und Formen von Deutsch“ Tribut zollt.

Weitere Infos zum Stück gibt’s hier; Tomer Gardis Bachmannpreis-Lesung und mehr hier.

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Geächtet

(c) Lupi Spuma, Schauspielhaus Graz

(c) Lupi Spuma, Schauspielhaus Graz

Kaum ein Thema wird derzeit so kontrovers diskutiert wie der Einfluss der Religion auf unsere Gesellschaft. Diesen Satz glauben Sie nicht? Dann stellen Sie sich bitte die Frage weshalb. Denn gerade in der politischen und medialen Debatte wird intensiv, gerade wenn es um die Berichterstattung und Rezeption von Gewalttaten geht der religiöse Hintergrund bewusst hervorgehoben oder verschwiegen. Wobei es hierbei vielmals nur um den Islam geht. In der Berichterstattung wird das Böse gern und häufig in Verbindung mit dem Islam in Verbindung gesetzt. In Deutschland wurde gerade seitens des Generalsekretärs der konervativen CSU wieder gefordert, dass Medien über Herkunft und religiösen Hintergrund der Täter zu berichten haben. Wobei Herr Scheuer sicherlich gerne darüber hinweg sehen wird, wenn bei gefühlt 95 % der Berichten die Angabe „deutscher Christ“ vergessen wird, solange die muslimische Täterschaft erkennbar deklariert wird. Soweit die Mutmaßung.

Deshalb scheint es kaum verwunderlich, dass Amir (Benedikt Greiner), der Protagonist in Ayad Akthars Stück seine religiöse Herkunft möglichst hinter sich lassen möchte. Er hat sogar seinen Nachnamen geändert und gibt als Herkunftsland seiner Familie Indien an, obwohl sein Herkunftsort im heutigen Pakistan liegt. Sein Vater sei jedenfalls noch vor der Neuaufteilung der ehemals britischen Kolonie im damaligen Indien geboren, so seine Argumentation. Er ist der festen Überzeugung, dass all dies notwendig sei um Anerkennung und Erfolg in unserer Gesellschaft zu erlangen. Denn mit muslimischem Hintergrund ist dies nicht so einfach. Der strukturelle Rassismus lässt grüßen. Amir hat dies erkannt und sich angepasst.

(c) Lupi Spuma, Schauspielhaus Graz

(c) Lupi Spuma, Schauspielhaus Graz

Zu seinem Unbehagen befasst sich seine Frau Emily jedoch stark mit dem Islam und glorifiziert diesen in seinen Augen durch ihre Kunst. Ihr Kurator ist zudem jüdisch und mit einer ‚Schwarzen‘ verheiratet, die nicht nur zufällig Amirs Arbeitskollegin ist, ihm sogar die erhoffte Teilhaberschaft an der Kanzlei streitig macht. Und so entwickelt sich eine Paarbeziehung, die verstrickter kaum sein kann, bis die Bombe platzt. Eine Information und ein Vorurteil nach dem anderen lassen die Wut in Amir aufsteigen, bis er erkennt, dass all sein Verstellen und Verheimlichen ihm nicht zum erhofften Erfolg führen. Amir wird zu dem Außenseiter, der er nie sein wollte. Er verkörpert den in seinen Augen brutalen Islam bis ins Mark und prügelt seine Frau fast zu Tode, während sein langjähriger Freund Abe sich zunehmend radikalisiert.

Und zum Schluss stellt sich einem die Frage: Wandelt sich Amir derart, weil er Muslim ist? Die Antwort kann nur ein klares und lautes „NEIN!“ sein. Er erlebt den strukturellen Rassismus unserer Gesellschaft. Er erlebt, wie seine Sorgen zudem nicht ernstgenommen werden. Er erlebt zudem, dass seine Frau ihn hintergangen hat. Und letztendlich erlebt er, wie sogar die schwarze Frau eines Juden ihm seinen Traumjob entreisst, obwohl er in seinen Augen viel härter und länger dafür gearbeitet hat. All dies lässt den längst schon brodelnden Vulkan zum Ausbruch bringen. Und dieser Vulkan ist nicht Muslim, dieser Vulkan ist Mensch.

Für das von Ayad Akhtar verfasste Stück erhielt Akhtar 2013 den Pulitzer-Preis für Dramaturgie. Dies in Verbindung mit der rastlosen und abstrahierten Inszenierung Volker Hesses und den großartigen Videoprojektionen ist ein Garant für einen großartigen Theaterabend!

 

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Geächtet läuft seit diesem Monat im Haus EINS des Schauspielhaus Graz. Weitere Informationen zu Stück, Terminen und Tickets erhaltet Ihr unter www.schauspielhaus-graz.com/play-detail/geaechtet