(c) Werner Kmetitsch

Goldschatz wiederentdeckt

Ein Bühnenerlebnis von seltener Intensität und tiefer Berührungskraft ist Regisseur Holger Müller-​Brandes und Dirigent Roland Kluttig an der Oper Graz mit „König Roger“ von Karol Szymanowski gelungen. Das sollte man nicht verpassen – auch, weil die polnische Oper viel zu selten gespielt wird.

Wenn man nach nur eineinhalb Stunden „Król Roger“ die Oper Graz wieder verlässt, scheint momentan nichts stutziger als das Faktum, dass es sich hier, im Jahr 2019, über 90 Jahre nach der Uraufführung, um die zweite (!) österreichische Inszenierung handelt. Ich werde das an dieser Stelle als ein Verbrechen der Kanonisierung bezeichnen. Denn Szymanowskis Oper trägt eine so tiefgehende Tragik, so feine Symbolik und so übermannende Kraft in sich, dass man nur staunen kann.

Dem vorhandenen Material wird man in Graz noch dazu mehr als gerecht. Die Philharmoniker schmettern mit Kraft und gleichermaßen Kontrolle die Musik zwischen Moderne und Spätromantik aus dem Orchestergraben. Durch Dirigent Roland Kluttig entsteht ein von vorne bis hinten durchgängiges Klangkonzept, changierend zwischen Dunkelheit, Ekstase und Zärtlichkeit, das nicht zuletzt den Sänger*innen eine wunderbare Grundlage bietet.

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Der lettische Einspringer Valdis Jansons findet sich als König Roger stimmlich gut zurecht, trägt aber in Sachen Schauspiel oftmals ein wenig zu dick auf. Anders seine Kolleg*innen: Aurelia Florian als Roxane verzaubert mit ihrem vollen, dramatischen Sopran, Andrzej Lampert als Hirte passt nicht nur stimmlich perfekt in die Inszenierung, Manuel von Senden als Berater Endrisi komplettiert das Bild mit ruhigen Ratschlägen.

Großartig wird „König Roger“ aber vor allem durch den starken Chor und die Singschul‘, allesamt monoton in schwarzen, geraden Anzügen und Kutten gekleidet. Wenn sie zu Beginn langsam über den Hügel auf der schrägen Bühne kriechen und schließlich zum ersten Mal singen – ein Gänsehaut-Moment. Das Ballett, als einziges bunt kostümiert in einer sonst von dunkeln Tönen und Goldelementen geprägten Welt, spiegelt die Innenwelt der Charaktere, mal zuckend, mal sich wälzend, mal in der Luft, mal am Boden. Hier ist etwas Großes gelungen.

Details und Termine hier.

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Aufbruch in die Moderne? Paul Schad-Rossa und die Kunst in Graz

„Unter Modern verstehe ich etwas sich auf idealer Höhe Befindliches, ob es nun tausende Jahre vor oder nach unserer Zeit dorthin gebracht wurde, ist gleich. Der moderne Mensch hat mir voraus, dass er seine idealen Empfindungen lebt, dass er bricht mit der Tradition und der conventionellen Lüge.“

Aufbruch in die Moderne?
Paul Schad-Rossa und die Kunst in Graz


Paul Schad-Rossa, Eden (Detail), 1899, Öl, Gips auf Holz, 113 x 178 cm Neue Galerie Graz, Universalmuseum Joanneum Foto: UMJ/N. Lackner

Paul Schad-Rossa, Eden (Detail), 1899, Öl, Gips auf Holz, 113 x 178 cm Neue Galerie Graz, Universalmuseum Joanneum Foto: UMJ/N. Lackner

Paul Schad-Rossa wusste zu polarisieren – sowohl von Kunstinteressierten als auch von der Presse wurde er entweder geliebt oder gehasst. Er vertrat seine teilweise radikalen Ansichten nachdrücklich:
Laut ihm musste die Kunst revolutioniert werden. Die Kunst muss sich an die geänderten Lebensbedingungen der Menschen seit Beginn der  Industrialisierung anpassen!

„Kunst! – was ist Kunst? Kunst ist der Gegensatz zur Natur. Ich wüsste das Wesen beider Begriffe nicht besser zu erklären, als dass ich sie gegensätzlich zueinander stelle.“

Er sah also den Symbolismus als Gegensatz zum bis dato vorherrschenden Naturalismus und Impressionismus.

„Eindrücke, die wir erleben, sind unser Alles. Unser ganzes Dasein wächst aus Eindrücken heraus. – Alles, was wir ausdrücken, ist die Summe unserer Eindrücke.“

Paul Schad-Rossa war so etwas wie ein Multifunktionstool der Kunstwelt: Er war nicht nur Kunsthandwerker, sondern auch Bildhauer und Maler. Ebenso gründete er einen Künstlerbund und eine Kunstschule in Graz. Nicht zuletzt betätigte er sich auch als Herausgeber der Zeitschrift Grazer Kunst.

Einerseits beeindruckt es, wie vielfältig seine Interessen und sein Betätigungsfeld war. Allerdings schafft er es nicht, den Betrachter emotional mitzunehmen, für seine Ideen zu begeistern. Diese Ansicht wurde wohl auch von einem Teil seiner Zeitgenossen geteilt:
Trotz seines breit gefächerten Engagements gelang es Paul Schad-Rossa nicht, die Grazer Kunstwelt von seinen Ansichten zu überzeugen. Der Aufbruch in die Moderne wurde zwar eingeleitet, aber der Durchbruch gelang (noch) nicht.
Darum übersiedelte er frustriert nach Berlin, wo sein Werk nach seinem Tod lange unentdeckt blieb.

Paul Schad-Rossa, Fronleichnam, 1891, Öl/Leinwand, 201 x 387 cm, Neue Galerie Graz, UMJ, Foto: N. Lackner, UMJ

Paul Schad-Rossa, Fronleichnam, 1891, Öl/Leinwand, 201 x 387 cm, Neue Galerie Graz, UMJ, Foto: N. Lackner, UMJ

Seine Werke sind beeindruckend, durchwegs mit viel Liebe zum Detail (und zum Motiv) ausgearbeitet. Es will ihm aber nicht richtig gelingen, sich von Anderen seiner Zeit abzuheben. Auch der Bruch mit dem Naturalismus erfolgt nicht so krass, wie man nach dem Lesen seiner Zeitschriften erwarten würde.

Summa summarum eine sehenswerte Ausstellung – ob der namensgebende Aufbruch in die Moderne dank Paul Schad-Rossa erfolgt ist, muss der Besucher für sich selbst entscheiden.

Die folgenden und andere Künstler/innen sind mit Arbeiten in den Medien der Malerei, Skulptur, Graphik, Fotografie und Plakatkunst in der Ausstellung vertreten:
Marie von Baselli – Victor Bauer – Hans Brandstetter – Norbertine Bresslern-Roth – Constantin Damianos – Marie Egner – Wilhelm Gösser – Leo Grimm – Franz Gruber-Gleichenberg – Hugo Haluschka – Emmy Hiessleitner-Singer – Friederike von Koch-Langentreu – Franz Köck – August Kurtz-Gallenstein –. Axl Leskoschek – Karl Mader – Anton Marussig – Carl O’Lynch of Town – Ferdinand Pamberger – Daniel Pauluzzi – Ernst Peche – Igo Pötsch – Karl Rotky – Paul Schad-Rossa – Alfred von Schrötter-Kristelli – Fritz Silberbauer – Paul Schmidtbauer – Adolf Sperk – Konrad von Supanchich – Franz Unterholzer – Hanns Wagula – Alfred Zoff

Die Ausstellung läuft bis 22. Februar 2015.
Weitere Informationen findet man auf der Homepage der neuen Galerie Graz und im Museumsblog.

Aufbruch in die Moderne?, Ausstellungsansicht, Foto: UMJ/ N. Lackner

Aufbruch in die Moderne?, Ausstellungsansicht, Foto: UMJ/ N. Lackner

Personencheck I – Univ.-Prof. Dr.phil. Sabine Flach

Seit Dezember 2013 weht eine Brise New Yorker Luft durch das Institut für Kunstgeschichte. Dies steht in unmittelbarem Zusammenhang mit der Ankunft einer Dame, welche die neu eingerichtete Professor für Moderne und Zeitgenössische Kunst an der Universität Graz übernommen hat. Zugleich hat das Institut – interimsmäßig vom Dekanat geleitet – in ihrer Person eine charmante, kompetente und erfahrene Leiterin gefunden.

Prof. Dr. Sabine Flach, die über das Verhältnis von Bild und Körper in Videoinstallationen promoviert wurde und sich mit der Arbeit „Sensing Senses. Die WissensKünste der Avantgarden. Künstlerische Theorie und Praxis zwischen Wahrnehmungswissenschaft, Kunst und Medien. 1915 – 1930“ in Berlin habilitierte, ist Kunstwissenschaftlerin aus Überzeugung. Meine Frage, wie ihre Liebe zur Kunstgeschichte entstanden ist, beantwortet sie so: „Die aufmerksame Beobachtung der Künste verrät viel über die Zeit, in der man lebt.“ Demgemäß setzt sich Sabine Flach mit zeitgenössischer und moderner Kunst auseinander. – Schon die erste Lehrveranstaltung, die sie als Studentin besucht hatte, handelte von den „Jungen Wilden“ in Berlin. Die damals entstandene Verbindung von Kunsttheorie am Vormittag und Künstlertreffen am Abend hat Prof. Dr. Flach nachhaltig geprägt. Dies spiegelt sich in Sabine Flachs Lehr- und Forschungstätigkeiten wider. Sie hat u.a. neben diversen Professuren in Deutschland und den USA an zwei Documenta-Ausstellungen und mit Künstlern wie Dan Graham, Vanessa Beecroft, Suzanne Anker und Mariko Mori gearbeitet.

Kaum einen Monat in Graz, hat Sabine Flach bereits erste Kontakte zu Grazer Institutionen wie dem Universalmuseum Joanneum und dem Kunsthaus bezüglich möglicher Uni-Kooperationen geknüpft und eine internationale Konferenz mit Wissenschaftlern und Künstlern in die Wege geleitet, welche vom 13. – 15. Juni unter dem Titel „Naturally Hypernatural. Concepts of Nature“ stattfinden wird.

Die Doppelfunktion des Aufbaus einer neuen Professur und der Institutsleitung sieht sie als spannende Herausforderung. Sehr positiv äußert sich Dr. Flach auch über den herzlichen Empfang am Grazer Institut und freut sich über die sich gut entwickelnde Zusammenarbeit. Gemeinsam mit InstitutskollegInnen und MitarbeiterInnen sollen das Profil des Instituts ausgebaut und Forschungsprojekte initiiert werden. – Frau Prof. Flach, wir freuen uns auf „Ihren“ Einzug der Moderne!