Er schwebt in höheren Sphären

„blog4tickets“ auf Reisen: In Liechtenstein eröffnete Starpianist Lang Lang das Vaduz Classic Festival – und stellte dabei das Symphonieorchester Liechtenstein in den Schatten.

Es mag das beste Stück für ein Open Air sein: Mozarts 24. Klavierkonzert. Wenn Lang Lang einsetzt, erwärmt der Klang seines Steinways die kühle Vaduzer Nachtluft. Er nimmt sich Zeit, kostet jede Note aus. In den ruhigen, träumerischen Sequenzen des ersten Satzes spricht er ohne Worte mit dem Symphonieorchester Liechtenstein – an Stellen wie diesen gelingt die Kommunikation. Lang Lang gibt Acht auf das Orchester, könnte man sagen. Das Orchester bremst den Pianisten ein aber ebenso. Jedenfalls führen die Finesse und das Gefühl von Lang Lang anschaulich vor, woran es dem Orchester fehlt.

Die schönsten Momente sind jene, in denen Lang Lang die Bühne ganz für sich alleine hat. Danach folgen jene, in denen das Orchester das Geschehen minimal akustisch untermalt. Als hätte man es geahnt, hat die Soundtechnik das Piano absurd viel lauter gedreht als den Rest der Musiker. Das ist oft gut, stört das insgesamte Klangbild dann aber doch.

Und so schnell wie er gekommen ist, ist der Star wieder von der Bühne verschwunden. Nach der Pause muss das Publikum sich mit dem SOL zufriedengeben – was gar nicht so schwerfällt. Hört man bei einigen Passagen in Dvořáks „Slawischen Tänzen“ und in den Soli von Ravels „Boléro“ noch einige Ungereimtheiten, vor allem bei den Streichern, bringt der Klangkörper gegen Ende des historischen Crescendo endlich richtig viel Kraft auf. Und kann davon auch in der Zugabe noch schöpfen, sodass man dann doch mit einem Lächeln auf den Lippen nach Hause spaziert.

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Rock Me Amadeus Mustermann!

Er ist wieder da! Da staunt selbst der Compositeur Mozart, als er selbst, eben noch am eigenen Sterbebett, plötzlich putzmunter in einer Studenten-WG auftaucht. Ausgerechnet nach einer wilden Party. Und kann sich natürlich – zum Ärger der Bewohner – an nichts erinnern. In der von Alexander Medem inszenierten Bühnenfassung nach Eva Baronskys gleichnamigem Roman und Theaterstück „Herr Mozart wacht auf“ (2009) erwacht der ahnungslose Komponist wieder zum Leben und lässt die ZuseherInnen an seinen amüsanten Erlebnissen im Wien des 21. Jhdt. teilnehmen, ohne jedoch auf ernste Töne zu vergessen

(c) Lupi Spuma

Ja, das Paradies hat sich Mozart wahrlich anders vorgestellt, als er sich plötzlich in den Straßen des modernen Wiens wiederfindet, nachdem er von den Party-WG-Bewohnern erstmal vor die Tür gesetzt wurde. Einen ersten Anhaltspunkt findet er zunächst beim polnischen Straßenmusiker und späteren Weggefährten Pjotr, der ihm großzügig einen Platz in seiner bescheidenen Wohnung anbietet. Wiewohl der Komponist beteuert, der echte Mozart zu sein, nimmt ihm freilich niemand ab, woraufhin er sich Wolfgang Mustermann nennt. Durch die Musik nimmt Johannes Chrysostomus Wolfgangus Theophilus Moz… äh, pardon… Wolfgang Mustermann langsam Kontakt mit der ihm so fremden Welt auf und lernt in einer Bar die Sängerin Anju kennen und lieben. Er begeht den folgenschweren Fehler, Anju über seine wahre Identität aufklären zu wollen, die ihm daraufhin irritiert den Laufpass gibt. Am Ende des ersten Aktes, überfordert von der zu Beginn selbst betitelten „kommoden“ Welt, landet er schließlich mit der Diagnose „Persönlichkeitsstörung“ in der Psychiatrie. In seinem Wahn, das Requiem zu vollenden um in das Paradies zu gelangen, begreift der Komponist zunächst nicht, dass er nach seinem kurzen ersten Leben noch eine zweite Chance erhielt.

Das Ende des Theaterstücks weicht sehr stark von Eva Baronskys Roman ab. Während Mozart in der Vorlage das Requiem vollendet und die Reise ins 21. Jhdt. sich nur als Fiebertraum am Totenbett entpuppt, bietet das Next Liberty unter surrealen Musik- und Farbenspielen ein versöhnliches Ende. Mozart erkennt in seinem Freund Pjotr und in der Liebe seines (zweiten) Lebens Anju schlussendlich das Paradies auf Erden und beschließt zu bleiben.

In „Herr Mozart wacht auf“ prallen mit dem 18. und dem 21. Jhdt. zwei Welten aufeinander, das für einige Verwirrung der Protagonisten und zur Erheiterung beim Publikum sorgt. Der Kulturclash vollzieht sich nicht nur in neuen Erfindungen, sondern auch in der Musik, im Kostüm und der gehobenen (jedoch derben) Sprache Mozarts, die mit der heutigen Jugendsprache konkurriert – Differenzen, die bereits mit einer kleinen Portion Offenheit schnell beigelegt werden können.

In der Titelrolle brilliert Michael Großschädl als Komponist und Musiker, der regelrecht von Musik besessen ist und mit kindlicher Neugierde die moderne Welt entdeckt. Dabei schlägt die Figur auch musikalisch neue Richtungen ein, u.a. versucht sich Mozart im Jazz und hört Brahms und indische Musik – nur die deutschen Schlager wollen sein Ohr nicht so recht beglücken. Seine wahnsinnig anmutenden plötzlichen Lacher lassen auch Anklänge an die Figur Mozarts in Miloš Formans Film „Amadeus“ von 1984 vermuten.

Wer noch nicht die Ehre hatte, den Darsteller Mozarts in seinem Musikkabarett „Junge, lern doch einfach mal Deutsch!“ zu sehen, kann nun sein außerordentliches musikalisches Talent und seine Sprachgewandtheit in „Herr Mozart wacht auf“ bestaunen.

In den Nebenrollen begeistern Silvana Veit als quirlige und lebensfrohe Sängerin Anju, die das Herz Mozarts im Sturm erobert – János Mischuretz als Geiger Pjotr, der Mozart mit Rat und Tat zur Seite steht – Christoph Steiner, der die Lacher des jungen Publikums, sei es als WG-Bewohner, Ballonverkäufer oder als (Clown)-Doktor, sofort auf seiner Seite hat, sowie Martin Niederbrunner, Helmut Pucher und Yvonne Klamant, die in mehreren kleineren Rollen und Einlagen bestens zu unterhalten wissen. Für eine stimmungsvolle Musik sorgt Maurizio Nobili, für Gänsehaut eine mehrstimmige a-cappella-Interpretation des Lacrimosa aus Mozarts Requiem.

Das Bühnenbild von Katharina Heistinger ist sehr einfach gehalten und besteht aus mehreren bemalten bzw. beleuchteten dreiseitigen Prismen, dessen Bilder durch Umdrehungen beliebig ausgetauscht werden können. Die Umbauarbeiten, die von den Charakteren selbst durchgeführt werden, bekommen durch eingespielte Musik ein beinahe tänzerisches Flair.

Dass „Herr Mozart wacht auf“ ausschließlich für jugendliche ZuschauerInnen gedacht sein mag, täuscht. Vielmehr verspricht das Stück beste Unterhaltung für alle Junggebliebenen. Ebenso sei eine besondere Empfehlung für Musikliebhaber aller Art auszusprechen.

Weitere Infos, Trailer und Termine zum Stück finden Sie hier: http://www.nextliberty.com/stuecke/herr-mozart-wacht-auf/

Handliche Orchestermusik

Die 2. Soirée im Musikverein mit Svetoslav Borisov gab sich wienerisch.

Svetoslav Borisov

An den Anfang ihres Konzertes stellten die Grazer Philharmoniker Mozarts Serenata notturna KV 239. Dieser musikalische Faschingsscherz des 20-jährigen Maestros ließ die Solisten zu Beginn noch eher im Hintergrund agieren. Im dritten Teil traten sie flink und wendig als Vor- und Nachbereiter der Orchestermelodien hervor, wobei trotz lieblicher Interpretation, der humorvolle Funke nicht überspringen wollte (was natürlich auch werksbedingt sein kann).
Borisov, der derzeit Erster Kapellmeister am Theater Magdeburg und Gründer sowie künstlerischer Leiter des Kammerorchesters con fuoco ist, lobte die feine Atmosphäre des Kammermusiksaal im Grazer Congress. Tatsächlich hat der Saal eine ästhetische Intimität, die man gerne öfter mit Musik erfüllt erleben würde. Das Intermezzo für Streicher op. 8 von Franz Schreker entführte sofort aus der geradlinigen Klangwolke Mozarts. In seiner Tonsprache an Mahler wie an Wagner erinnernd, spielt der wenig bekannte Komponist mit engen Strukturen, deren dichte Ströme nur am Höhepunkt erhellt werden und doch stets den Beigeschmack von Schwermut in sich tragen. Auf diesen spannenden Einschub folgte der zeitlose Zauber Haydns. Seine Sinfonia concertante in B-Dur, op. 84 ließ schon in der Einleitung eine Leichtigkeit ohne jegliche Naivität spüren. Behände folgte die konzentrierte Gruppe der Grazer Philharmoniker der weichen Dynamik des Dirigenten. Besonders charmant schrieb Haydn in diesem Werk die Rolle der vier Soloinstrumente: Violine, Cello, Oboe und Fagott. Bernhard Vogl am Cello und Kamen Nikolov mit Oboe gestalteten das Andante schmeichelnd schön, Yukiko Imazato-Härtl fügte sich an der Violine etwas steif ein während Antonio Piccolotto mit seinem Fagott viele sanftmütige Klänge schuf. Das abschließende Allegro con spirito schien zu langsam angestimmt, ausgewogen jedoch bewies sich der Klang des Solistenquartetts.

Weitere Informationen zum Konzert und anderen Veranstaltungen des Musikvereins unter:
https://www.musikverein-graz.at/konzert/2-soiree-2/