In der Nacht sind alle Katzen grau

Wenn man in der Schule Französisch als „Katzisch“ verkaufen würde, so wie das derzeit in der Oper Graz beim Familienmusical Der gestiefelte Kater der Fall ist, dann hätte das ungeliebte Fach bestimmt mehr Anhänger – vor allem wenn es so charmant und leichtfüßig vorgetragen wird, wie von Kater Frédéric.

Das sprechende Tier ist der beste Freund des 16-jährigen Henrys – und der hat ganz und gar keine Lust auf einen aussichtslosen Job in der Seidenmanufaktur der Madame Tisserand. Henry hat eine andere Vorstellung vom Leben: Alle Menschen müssten gleich sein und auch gleich viel besitzen! Das Dasein als Philosoph ohne Einkommen ist dann aber doch unbequemer als erwartet – und niedlich dreinschauen, um an etwas Essbares heranzukommen, funktioniert auch nur bei Katzen.

NL_DBK_268_c_LupiSpuma

(c) Lupi Spuma

 

Gerade in dieser Notlage trifft er auf Ficelle, die Tochter der Fabriksbesitzerin Tisserand. Auch wenn die Unterschiede nicht größer sein könnten, entwickelt sich zwischen den beiden eine wunderschöne Liebesgeschichte. Mit vereinten Kräften beginnt der Kampf gegen die miesfiesliche Mutter Tisserand, die dem jungen Liebesglück im Weg steht.

NL_DBK_137_c_LupiSpuma

(c) Lupi Spuma

 

Genauso wie Florian Stanek, der als Frédéric mit Perfektion den katerlichen Habitus auf die Bühne bringt, begeistert auch der Rest des Ensembles. Christof Messner überzeugt als charismatischer Henry, Jutta Panzenböck als aufopfernde, fleißige Maman. Elisabeth Sikora und Alice Peterhan geben als wunderbar schrille Bösewichtin Tisserand und rebellische Ficelle ein grandioses Mutter-Tochter-Gespann ab.  Mitreissende Chansons, fantasievolle Kostüme und das sich stets verändernde und mit viel Liebe zum Detail konzipierte Bühnenbild machen das farbenfrohe Spektakel perfekt. Eine rundum gelungene Performance, die nicht nur Kinder zum Strahlen bringt!

Mehr Informationen gibt es hier.

Advertisements

Is Everything Alright?

Ein Grundrecht, das in etlichen Ländern in Gefahr ist, ist die Meinungsfreiheit. Diese wird in „Redaktionsschluss“ von Sandy Lopičić in ein vielfältiges Musikspektakel verpackt und im Haus Eins vorgeführt. Auf der Bühne wird ein Augen- und Ohrenschmaus zubereitet, der dem Publikum mit einer Zugabe als Nachspeise serviert wird.

„Redaktionsschluss“ beginnt raffiniert mit einem Abschied – brav in einer Reihe nebeneinander aufgestellt wird „Pfiat di Gott“ gesungen. „Solche Zeiten wie wir’s hatten, werd‘n mer net mehr seh’n!“. Wie sich alles verändert, so verändert sich auch die Bühne andauernd. Kaum ist der letzte Ton verklungen, verteilen sich die Schauspieler auf der Bühne. Die Musiker huschen in den Hintergrund.

redaktionsschluss-ensemble-c-lupi-spuma_133-686x1030

© Lupi Spuma

Die Idee zu dem Stück entwickelte Sandy Lopičić, nachdem die türkische Zeitung „Zaman“ unter staatliche Kontrolle fiel. Wenn Medien kontrolliert werden, hat die Meinungsfreiheit keine Chance mehr zu existieren. Lopičić schafft mit einer äußerst guten Liedauswahl einen tollen musikalischen Abend und deckt dabei eine breite Palette ab – von dem Kinderlied „Auf der Mauer, auf der Lauer“ über Klassiker wie „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen“ bis hin zu „The hanging tree“. Immer wieder verbreitet eine von oben herab gleitende Kamera stilllegende Panik und Angst und scheint ganz nach Orwell zu sagen: „Big brother is watching you“. Auch die Rebellischste der Gruppe wird vom Großen Bruder gebändigt und verklebt ihren Mund mit Klebeband.
Besonders hervorzuheben ist die Wiedergabe von „Was tut man, um zu sein“ durch Sarah Sophia Meyer, die mit jeder pantomimischen Trommelbewegung exakt den Ton des versteckten Musikers trifft. Nicht nur dies ist ein Volltreffer, sondern auch, wenn sie sich zusammen mit ihrem Kollegen Andri Schenardi einen Schlagabtausch im Schweizer Dialekt liefert. Auch die Klassik findet Platz, etwa als der leidenschaftliche Klavierspieler (Helmut Stippich) seine flinken Finger über die Tasten schwingen lässt und nicht daran denkt, dies zu unterlassen – auch nicht, als diese mit einer grausamen Fröhlichkeit abgehackt werden.

Hat man sich politische Erkenntnisse erhofft, wird man allerdings enttäuscht. Auch auf der Suche nach einem roten Faden bleibt man ein Suchender. Die Lieder scheinen willkürlich aneinander gereiht zu sein, was jedoch nicht weiter stört, da dies von der Kreativität und dem Einfallsreichtum, welche sich durch das ganze Stück ziehen, kompensiert wird. Kein Lied ähnelt dem anderen. Jedes bekommt seine eigene Note. Technische Raffinessen, das wechselnde Bühnenbild und musikalische Begabung führen zu dem gelungenen Stück. Am Ende fragt man sich, wie viele Stunden Arbeit wohl dahinter stecken, sodass „Redaktionsstück“ zu dem wurde, das nun bewundert werden kann und sollte. Der Aufwand wird am Ende nach Grönemeyers „Stück vom Himmel“ mit begeistertem Applaus und beeindruckten Zurufen belohnt.

Die Welt als Schachbrett

Chess – Das Musical – Opernhaus Graz, 13. Jänner 2017

Zwei Kontrahenten, zwei Schauplätze und zwei große Leidenschaften: Die Dichotomie des Schachspiels zieht sich wie ein roter Faden durch das Musical „Chess“.

Ein Musiktheater über den kalten Krieg. Kann das funktionieren? Benny Anderson, Björn Ulvaeus (ABBA) und Tim Rice verwandelten die Schachweltmeisterschaft 1979 zu einem Austragungsort sowjetischer und amerikanischer Rivalität.

Im ersten Akt treffen die Gegner Frederick Trumper und Anatoly Sergievsky im Südtiroler Städtchen Merano aufeinander. Die bunten Trachten und prall gefüllten Geschenkkörbe der Einheimischen sind eine Augenweide. Nur ein Punk mit feuerrotem Haarkamm tanzt aus der Reihe: Er wedelt entschlossen mit der Roten Fahne, einem Symbol für Kommunismus. Rasch versteht das Publikum, was im weiteren Verlauf gesungen wird: „Das Spiel ist größer als seine Spieler.“

photowerk_og_chess_hpi_lores_007-880x586Foto: (c) Werner Kmetitsch

Von imposanter Größe ist auch das Bühnenbild an diesem Abend. Die Quadrate des Schachbretts werden in leuchtenden Farben auf die Bühnenwand projiziert. Dieser überdimensionale Rahmen lässt die Spieler zu einflusslosen Figuren der Weltmächte schrumpfen.

Doch deren charismatische Charaktere bilden einen starken Kontrast zur Weltpolitik. Frederick Trumper (genial: Marc Lamberty) überzeugt mit seiner Strahlkraft als narzisstischer Exzentriker. Name sowie blonde Haarmähne sind eine kokette Anspielung auf die aktuelle US-Politik.
Anatoly Sergievsky (erhaben: Nikolaj Bruckner) spielt zurückhaltend, sticht aber durch seine gesangliche Leistung hervor.
Zusätzliche Verwicklungen bringt Florence Vassy (verletzlich: Annemieke van Dam) ins Spiel. Erst Freundin und Managerin des Amerikaners, wechselt sie nach dessen Niederlage die Seiten, wie auch Anatoly selbst: Er beantragt nach seinem Sieg Asyl in Amerika.

Ein wunderbares choreographisches Highlight ist die emotionale Balletteinlage während des Spiels. Alles verstummt, als die schwarz und weiß gekleideten TänzerInnen die Schachzüge nachtanzen und nacheinander zu Boden fallen.

chess-tanzFoto: (c) Werner Kmetitsch

Im zweiten Akt wird die Schachweltmeisterschaft in der Metropole Bangkok wiederholt. Bunte Lampions hängen von der Decke, Frauen und Männer räkeln sich in Kostümen und kreisen lasziv um eine Stange. Die Tanzeinlage zu dem Song „One night in Bangkok“ zieht den Zuschauer in den Bann.
In dieser schrillen Atmosphäre steht Anatoly vor einer schwierigen Entscheidung. Der korrupte KGB-Funktionär Molokov (Wilfried Zelinka) erpresst ihn mit leidvollen Konsequenzen für seine Ex-Frau und Kinder, sollte er das Spiel – mittlerweile als Amerikaner – nochmals gewinnen.

chess-bangkokFoto: (c) Werner Kmetitsch

Es folgen dramatische Szenen. Katja Berg (berührend) in der Rolle der verlassenen Ehefrau fleht Anatoly in einer wunderschönen Ballade an, zurückzukommen. Florence stellt enttäuscht fest: „Als kleines Kind habe ich gelernt, dass nichts von Dauer ist.“
Letztendlich entscheidet sich Anatoly zum aufrechten Spiel. Er gewinnt erneut, kehrt jedoch Amerika und somit auch Florence den Rücken: „Jeder geht allein seinen Weg.“

Am Ende donnert der Schiedsrichter (Sven Fliege) mit theatralischer Stimme in den Saal: „Nach jedem Spiel fragt man sich, wieviele Varianten wird man noch sehen?“

Eine ernüchternd zeitlose Frage.

Unter tosendem Applaus schließt sich der Vorhang und lässt ein beeindrucktes Publikum zurück. Ob ein Musical mit politischem Inhalt funktionieren kann? Die Antwort fällt eindeutig zugunsten der Produktion des Theater Chemnitz aus.