Fades Tänzchen durch das ewige Gestern

Das Musical „Kiss me, Kate“ an der Oper Graz katapultiert die Frauenbewegung 100 Jahre zurück und versucht mit schillernden Kostümen darüber hinwegzutäuschen.

Ach, wo sind sie nur, die guten alten Zeiten. Damals, als Petticoats die Silhouetten der Damen zeichneten und man die störrischen Weiber einfach noch geschlagen hat, wenn sie nicht sputen wollten.

Schwelgen im politisch unkorrekten Gestern kann man bei der aus Paris übernommenen Inszenierung von „Kiss me, Kate“. Der bereits verstorbene Regisseur Lee Blakeley hat den Klassiker mit seinen vielen Ohrwürmern als archaisches Zeitzeugnis und den Sexismus des Stoffes unkommentiert belassen.

Die Geschichte beginnt hinter der Bühne: Schauspielerin Lilli Vanessi (Katja Berg) und ihr Ex-Mann Fred Graham (Marc Lamberty) feiern gerade ihren ersten Scheidungstag und streiten sich von Garderobe zu Garderobe. Aus irgendeinem Grund spielen sie die beiden Hauptrollen in Shakespeares „Der Widerspenstigen Zähmung“, einem der frauenfeindlichsten Stücke der Weltliteratur.

Frauen gehören gezähmt

Darin wird Kate („Kätchen“) von ihrem Vater an Petruchio verheiratet. Den würde man in heutiger Jugendsprache wohl als den ultimativen toxischen Fuckboy beschreiben: Er will eine fette Mitgift abstauben und dann die widerspenstige Kate „zähmen“, was milde ausgedrückt bedeutet, sie ununterbrochen mit seinen psychischen Spielchen zu demütigen und zu misshandeln.

Realität und Spiel beginnen sich auf der Bühne zu vermischen. Der Streit zwischen Lilli als Kate und Fred als Petruchio eskaliert, sie gibt ihm eine mit, er versohlt ihr auf der Bühne den Po. Ihr schmerzendes Hinterteil dient in weiterer Folge immer wieder als Running Gag. So weit, so gewaltverherrlichend. Auch gut: Die Misswahlen-Fleischbeschau, in der Petruchio seiner wilden Vergangenheit nachweint („Where Is The Life That Late I Led?“). Schlussendlich beugt sich Kate ihrem Mann und besingt ihr Joch, gleichzeitig kehrt auch Lilli zu ihrem Ex-Mann zurück.

I am ashamed that women are so simple
To offer war where they should kneel for peace,
Or seek for rule, supremacy, and sway
When they are bound to serve, love and obey. […]

So, wife, hold your temper and meekly put
Your hand ’neath the sole of your husband’s foot

(Kate, „I Am Ashamed That Women Are So Simple“)

Nun könnte man natürlich sagen: Naja, so war das halt im 16. Jahrhundert. Oder auch: Naja, so war das halt 1948. Man könnte aber genauso gut kritisch an den Stoff herangehen. Oder ein anderes Musical übernehmen. Das dürfte im Jahr 2018 ja wohl möglich sein. Da hilft das ganze Gerede von wegen „Genreklassiker“ auch nicht. Traurig, wenn Musical wirklich so veränderungsresistent ist.

Neben dem archaischen Frauenbild bietet „Kiss me, Kate“ übrigens noch andere Schmankerl: Schlechte Akustik zum Beispiel, wodurch man vor allem am Beginn die Stimmen kaum über dem Orchester hört und die Dialoge schwer versteht. Oder angestaubte Ballett-Choreographien. Oder einen Lamberty in der männlichen Hauptrolle, der stimmlich vor allem mit seinen Kolleginnen nicht mithalten kann.

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Fleischbeschau durch den vormaligen Junggesellen (c) Werner Kmetitsch (2)

 

War ja eh nicht alles schlecht

Aber um fair zu sein: Ein paar von Cole Porters Liedern surren nach der Vorstellung noch einige Zeit lang im Ohr. „Brush up your Shakespeare“ etwa, das vom famosen Ganoven-Duo Martin Fournier und Sven Fliege komödiantisch dargeboten wird. Auch die weiblichen Darstellerinnen leisten musikalisch Großartiges: Katja Berg spielt eine herrlich beleidigte Kate, vor allem in „I Hate Men“, dem besten Lied des Abends. Bettina Mönch gibt eine entzückende Lois/Bianca. Auch Marcus Merkel am Pult der Grazer Philharmoniker leistet ganze Arbeit.

Irgendwo zwischen leichter Muse und gähnender Langeweile steckt „Kiss me, Kate“ trotzdem drei Stunden lang fest. Die musikalischen Highlights und der Pomp der Ausstattung können nicht über den eklatanten Sexismus der Inszenierung hinwegtäuschen. Liebe Oper Graz: Brush up your Frauenbild!

Weitere Infos und Termine hier!

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Altes Epos, junge Perspektive

Das BORG Kindberg baut zum wiederholten Mal die große Musical-Bühne auf und lädt mit einer Neufassung von Homers „Odyssee“ zur Reise quer durch Europa. Regie führt Georg Schütky.

Der hoffnungslos optimistische Ulisses (Erhard Hochörtler), die rebellische Penny (Anna Hirzberger) und die unscheinbare Helena (Loreen Tröbinger) machen sich zum Roadtrip auf, da ihr Flug nach Ithaka gestrichen wurde. Die Reise der SchicksalsgefährtInnen führt sie im Zug, Truck, auf Motorrädern und mit dem Boot nicht nur näher an ihr Ziel, sondern vor allem zueinander und zu sich selbst. „Odyssee – Das Musical“ verarbeitet Gedanken zu Liebe, Selbstverwirklichung, Vertrauen und Freundschaft, die heute wie auch zu Zeiten Homers bewegen, verzichtet aber nicht darauf, politisch Standpunkt zu beziehen – etwa durch die Begegnung mit Geflüchteten in Belgrad.

Loreen Tröbinger, Erhard Hochörtler, Anna Hirzberger und Stefan Müller. (c) Fotos (3): BORG Kindberg

Auslöser der Reise sind die gelangweilten Göttinnen und Götter auf ihrem Greenscreen-Olymp neben der Bühne. Auf einem weißen Segel inmitten der Bühne finden sich ihre Gesichter dank der Video-Technik wieder – hier trägt die „Odyssee“ Schütkys Handschrift. Auch die Erde kommt ohne viel Requisite aus, mit ein paar grünen Boxen wird so ziemlich alles nachgebaut. Dionysos, der göttliche Dirigent (Archie Hochörtler), liefert mit seinem Orchester den vielseitigen Soundtrack zur Reise: Im LKW des etwas ungepflegten, aber umso stimmgewaltigeren Heinz (Stefan Müller) spielt es ein Schlager-Medley inklusive Helene Fischer, Udo Jürgens und DJ Ötzi; in Budapest wird in Neonfarben zu „Don’t stop till you get enough“ von Michael Jackson gefeiert (Choreographie: Martina Riegler) und bei „Nothing Else Matters“ von Metallica finden Penny, Ulisses und Helena nach einem Streit wieder zueinander.

Gesanglich zeigen die SolistInnen und das Ensemble der „Odyssee“ eine großartige Leistung nach der anderen. Vanessa Krainer verkörpert die gruselige Sektenführerin Kirke mit stechenden Blicken und intensiviert die Stimmung mit ihrer verführerischen Stimme. Anna Hirzberger prescht mit immenser Energie von der ersten bis in die letzte Szene, trifft jede Note, spielt jede Emotion so groß wie nur möglich – ihre persönliche Odyssee führt wohl auf die großen Bühnen der Welt.

Das Musical des BORG Kindberg zeigt, wozu junge, talentierte Menschen fähig sind, wenn man ihnen eine Stimme und eine Bühne gibt. Fast zwei Jahre lang haben sich Regisseur Georg Schütky, der zuletzt mit „König Artus“ die Spielsaison am Next Liberty eröffnete, 150 SchülerInnen und viele Lehrkräfte des BORG Kindberg  mit ihrer neuartigen „Odyssee“ auseinandergesetzt. Die Arbeit hat sich ausgezahlt, denn sie haben sie es geschafft, eines der ältesten europäischen Epen ins Heute zu übertragen, als Musical im großen Stil zu arrangieren und dem Ganzen eine authentische junge Perspektive zu verleihen. Mit über 2500 ZuseherInnen in drei Vorführungen ist eines klar: Kultur gehört nicht nur der Landeshauptstadt.

Hier geht’s zur offiziellen Homepage.

It’s Ragtime!

Eine Koproduktion des Staatstheaters Braunschweig und Kassel bringt das Musical „Ragtime“ an die Oper Graz. Die Premiere – zugleich österreichische Erstaufführung – unter der Leitung von Philipp Kochheim war ein fulminanter Auftakt.

Die Geschichte des Musicals „Ragtime“ ist so bewegend wie gefinkelt: Beleuchtet wird das Schicksal einiger Protagonisten, die aus unterschiedlichen sozialen Gruppen (Upper-Class, Afro-Amerikaner und osteuropäische Einwanderer) stammen und auf eigene Weise den „American Dream“ verfolgen – sei es als Streben nach einer harmonischen Familienidylle, nach gesellschaftlicher Akzeptanz oder nach Reichtum und Wohlstand. Zusätzlich werden einige historische Persönlichkeiten der damaligen Zeit (etwa Henry Ford oder J. P. Morgan) gekonnt in die Geschichte eingebunden.

Ragtime 1Ragtime (c) Werner Kmetitsch

Das Musical geht auf den von E. L. Doctorow im Jahre 1975 geschriebenen (und später zu einem oscarnominierten Spielfilm adaptierten) gleichnamigen Roman zurück, der ganz brilliant die sozialen bzw politischen Um- und Missstände im Amerika des frühen 20. Jahrhunderts thematisiert (gutbürgerlicher Wohlstand vs starke Immigration, zunehmender Rassismus und Radikalisierung). Diese „zerissene“ Gesellschaft spiegelt sich im Titel „Ragtime“ selbst wieder. Der Ursprung dieses Begriffs liegt in der Bezeichnung „ragged time“ („zerissene Zeit“), was wiederum auf das typische Charakteristikum dieses Musikstils – die Synkope – verweist. Leider ist von diesem und auch jenen anderen mitreißenden Rythmen, die gerade für die musikalische Epoche der frühen 1900er Jahre kennzeichnend sind, im Musicalstück überraschend wenig zu hören. So bleibt „Ragtime“ in musikalischer Hinsicht überwiegend dem herkömmlichen Musicalgenre treu.

Dennoch erweisen sich die Lieder als stimmige Melodien, die von beschwingten Tanzeinlagen, einem dynamischen Bühnenbild und großen Emotionen ummantelt werden. Von den beiden Stimmgewalten Dionne Wudu (Sarah) und Monika Staszak (Mutter) über Randy Diamond (in seiner ungeheim berührenden Interpretation des Tateh) bis hin zum äußerst charismatischen Alvin Le-Bass (als Coalhouse) und den zahlreichen hervorrangenden Nebenrollen konnte das brilliante Ensemble durchgehend überzeugen. Ein großes Lob geht auch an die detailtreuen und zeitgemäßen Kostüme.

Ragtime 2Ragtime (c) Werner Kmetitsch

„Ragtime“ wird trotz seiner großen Erfolge generell eher selten gespielt – eigentlich schade, denn es ist nicht nur ein inhaltlich und inszenatorisch gelungenes Meisterstück, sondern es zeigt gerade starke Parallelen zu den Umständen und Geschehnissen unserer Zeit. Ein Musicalabend, der gleichermaßen für Unterhaltung sorgt und zum Nachdenken anregt.

Nähere Informationen zum Stück und zu den nächsten Vorstellungen hier.