Mit Sistema Europe die Welt verbessern

DIE KUNSTUNIVERSITÄT MIT SISTEMA EUROPE IN GRIECHENLAND

Von 20. Juli bis 1. August 2017 fand zum vierten Mal das internationale Sommercamp des Sistema Europe Youth Orchestra (SEYO) statt. Das sozial motivierte Projekt vereinte junge Musikbegeisterte aus ganz Europa – dieses Mal u.a. beim Musizieren für und mit Flüchtlingskindern. Am Dienstag, den 1. August, traten 343 junge MusikerInnen, im Alter von 10 bis 30 Jahren, im antiken Theater Odeon des Herodes Atticus auf. An die 4.400 Menschen besuchten das Konzert am Fuße der Akropolis, das gleichzeitig der Abschluss des Sistema Europe Sommercamps 2017 und Höhepunkt des 62. Hellenic Festivals in Athen war. Die Kunstuniversität Graz nahm mit 16 Musikstudierenden Teil. Als Gastgeber des diesjährigen Sommercamps fungierte El Sistema Greece.

„Unity through diversity“ lautet einer der Leitgedanken des internationalen Musikprojekts Sistema Europe Youth Orchestra. Das Orchester des diesjährigen Sommercamps setzte sich aus rund 343 El Sistema MusikerInnen aus 28 Ländern zusammen und wurde zusätzlich durch rund 30 internationale Musiklehrende erweitert. Nach Residenzen in Wien, Salzburg, Istanbul und Mailand, u.a. im Teatro alla Scala, führte die Reise diesen Sommer nach Athen. Als Gastgeber fungierte El Sistema Greece. Auf Initiative von Rektorin Elisabeth Freismuth und Sistema Guatemala-Gründer sowie SEYO-Mitbegründer Bruno Campo stellte die Kunstuniversität Graz 16 TeilnehmerInnen. Campo selbst hat ebenfalls an der Kunstuniversität Graz studiert.

Mit unserem Engagement für SEYO wollen wir nicht nur unsere gesellschaftliche Verantwortung als Universität wahrnehmen. Es geht auch darum, anhand dieses großartigen Projekts das Potenzial von Kunst aufzuzeigen, die Welt ein Stück besser zu machen“, so Rektorin Freismuth.

Im Rahmen der SEYO Summer Residency 2017 probten die TeilnehmerInnen u.a. Stücke von Tschaikovsky, Konstantinidis, Saint-Saëns, Brahms, Bizet, Beethoven und Händel. Unterstützt wurden sie dabei von renommierten Musiklehrenden des El Sistema-Netzwerks u.a. aus Venezuela, Griechenland, Guatemala und der Schweiz.

Auch Star-Dirigentin Elim Chan (30) statte den Camp-TeilnehmerInnen einen Überraschungsbesuch ab, um mit ihnen Tschaikovsky’s 4. Symphonie zu proben. Chan zeigte sich sichtlich beeindruckt von dem jungen Orchester. Im Gespräch über die aktuelle politische Situation erklärt die junge Dirigentin die Relevanz des Musikprojekts in Bezug auf die Integrationsproblematik wie folgt:
You learn your part, you play your part but that’s not what makes a symphony. Symphony is when everybody comes together. You have to do your part well but at the same time you have to listen to the others and understand their perspectives. It’s not about one person, it’s about community.”

Gemäß der Philosophie von El Sistema stellte das Sommercamp für alle Beteiligten eine bereichernde Erfahrung dar. Die TeilnehmerInnen profitierten von der musikalischen Vielfalt sowie dem interkulturellen und generationsübergreifenden Austausch abseits des Universitätsalltags. Binnen kürzester Zeit war das bunt zusammengewürfelte Orchester zu einer musikalischen Einheit geworden, das bereits nach wenigen Tagen beeindruckende Fortschritte zeigte.

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(c) Isabela Estrada, SEYO | Orchesterprobe im Athener Konservatorium

Das Programm des SEYO-Sommercamps 2017 beinhaltete neben intensiven Workshops mit Konzertproben u.a. auch einen Besuch des Skaramagas-Flüchtlingscamps, wo gemeinsam mit Flüchtlingskindern musiziert und aufgetreten wurde. Im Camp trafen die Kinder erstmals auf die MusikerInnen um mit ihnen die Stücke „Ode an die Freude“, „Batum“, „Lamma Bada“, „Sol di Manhã“ und „Conga del Fuego“ zu proben. Die KUG-Studierenden nahmen sich die Zeit, den Kindern die mitgebrachten Instrumente zu erklären und mit ihnen darauf zu spielen.

Das finale Konzert am 1. August im imposanten Odeon des Herodes Atticus, am Fuße der Akropolis, bildete den krönenden Abschluss des Hellenic Festivals. Im Zentrum des Abends stand das eigens komponierte Werk Taxidi („Reise“) von Alexandros Markeas, das im Rahmen des Konzerts seine Uraufführung erlebte. Unterstützt wurde das Orchester hier vom El Sistema Greece-Chor, teilweise bestehend aus Kindern des Flüchtlingscamps in Skaramagas. Dirigiert wurde das Stück von Bruno Campo. Ein weiteres Highlight war die Performance der Mezzosopranistin und mehrfachen Grammy-Gewinnerin Joyce DiDonato. DiDonato, Patin von El Sistema Greece, performte gemeinsam mit dem Orchester das arabische Liebeslied „Lamma Bada“ (700 AC), das in Syrien zu den beliebtesten Balladen zählt. Gesungen wurde das Lied von der jungen Griechin Zoe Prokopiou. Sotiria Pappa begleitete das Stück mit einem Kanun (Kastenzither).

 

Die improvisierte Gesangseinlage der Venezolaner Gerardo Estrada und Ricardo Luque samt feurigen Trommelrhythmen zu „Conga del Fuego“ von Arturo Marquez sowie die türkischen und portugiesischen Zugaben rissen das Publikum mit.


El Sistema Greece engagiert sich seit seiner Gründung im November 2016 intensiv in der Unterstützung asylsuchender Menschen in Griechenland. Mehreren hundert Kindern wird kostenloser Musikunterricht geboten, zunehmend ergänzt durch die Förderung weiterer – vor allem sprachlicher – Fähigkeiten.

El Sistema – wie Musik die Welt verändert
Initiiert wurde das Projekt vor rund 40 Jahren unter dem Namen „El Sistema“ von José Antonio Abreu in Venezuela. Kindern aus allen sozialen Schichten sollte damit die Tür zur klassischen Musik und gleichzeitig zu einer Welt geöffnet werden, die davor nur Kindern aus reichen Familien vorbehalten war. Mittlerweile gilt SEYO als weltweit renommiertes Projekt, als Netzwerk und soziales Gefüge, bei dem Musiker und Musikerinnen, unabhängig von ihrer Herkunft, als Gemeinschaft auftreten:

Das wahrscheinlich wichtigste Motto für Sistema Europe Youth Orchestra ist „Unity through diversity”. Die Möglichkeit, so viele junge MusikerInnen aus verschiedenen Kulturen, mit unterschiedlichen Zugängen zur Musik und unterschiedlichsten Perspektiven auf das Leben zusammenzubringen, um sich auszutauschen, voneinander zu lernen; das ist, denke ich, was die Welt wirklich besser macht. (Bruno Campo)

(c) Isabela Estrada, SEYO

(v.l.n.r.) Ruslana Mamchenko, Žan Vranetič, Gergő Rácz, Nina Smrekar, Avanaz Hassani, Flávia Martins, Nenad Mitić, Mykola Melnyk, Bruno Campo, Alessandro Petri, Dominik Pavlenič, Raquel Garcia, Zala Tirš, Benjamin Gatuzz, Claudia Triguero, Cecilia Clò, Maria Sandberg Ballowitz, Yaroslav Martynov.

Autoren:

Isabela Estrada, Leiterin des Referat für Kultur der ÖH Uni Graz & Hermann Götz, Leiter der Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit der Kunstuniversität Graz


W: http://www.sistemaeurope.org
FB: facebook.com/SistemaEuropeYouthOrchestra

Klarinetten-Marathon im Stefaniensaal

In perfekter musikalischer Symbiose zeigte sich das Vater-Söhne-Trio „The Clarinotts“ mit dem Grazer Philharmonischen Orchester, dirigiert von Marcus Merkel, beim 10. Orchesterkonzert des Musikvereins.

Einen „Klarinetten-Marathon“, eine „gute Mischung aus Alt und Neu“ und einen „Überblick darüber, was alles möglich ist“ versprachen die „Clarinotts“ anfänglich dem Grazer Publikum. So viel sei schon einmal verraten: Das Versprechen wurde nicht gebrochen.

Wie modern und lebhaft die Klarinette heute noch sein kann, das verkörpert wohl niemand besser als die Familie Ottensamer alias „The Clarinotts“. Den beiden Söhnen Daniel und Andreas wurde die philharmonische Klangkultur quasi in die Wiege gelegt und durch den Solo-Klarinettisten-Vater Ernst Ottensamer sowie andere hochkarätige Lehrer noch gefestigt und verfeinert. Mit gerade einmal 30 und 28 Jahren sind sie selbst als Solisten bei den Berliner und Wiener Philharmonikern Stars am Klarinetten-Himmel. Getrost überlässt der Vater seinen virtuosen Sprösslingen das Rampenlicht, dessen Schein sie mehr als gerecht werden.

Foto: Andreas Ottensamer/Facebook

Dem Instrument, dem sich die Familie verschrieben hat, wurde im frühen 18. Jahrhundert das Leben geschenkt. Bis zum musikalischen Siegeszug und den ersten eigens komponierten Solo-Stücken dauerte es jedoch noch: Franz Krommer, Zeitgenosse von Wolfgang Amadeus Mozart und Joseph Haydn, war Pionier auf dem Gebiet. Für das 10. Orchesterkonzert holten die Brüder Ottensamer sein Concerto in Es-Dur für zwei Klarinetten und Orchester, op. 35 ins Graz des 21. Jahrhunderts.

Klassik, Romantik, Pop

Mit Felix Mendelssohn Bartholdys Konzertstück für Klarinette, Bassetthorn und Orchester Nr. 1 in f-Moll, op. 113 wählten sie einen langsam-tänzerischen Auftakt aus der deutschen Romantik. Interaktionsreich und perfekt aufeinander abgestimmt warfen die Clarinotts einander spielerisch Töne zu; kommunizieren aber auch mit dem Orchester und Dirigent Marcus Merkel, die die Solisten sicher durch den Abend trugen.

Weiter ging die musikalische Reise ins 20. Jahrhundert: Ein Kontrast aus heiterer Verspieltheit und tiefem Ernst erfüllte den Stefaniensaal während des Tripelkonzerts für drei Klarinetten und Orchester, op. 92 des österreichisch-ungarischen Komponisten Iván Eröd, das die Clarinotts 2015 mit den Wiener Philharmonikern uraufführten. Gegen Schluss hin wendeten sie sich leichtfüßiger Unterhaltungsmusik zu – einer Bearbeitung der Rigoletto-Fantasie von Franz und Karl Doppler.

Der tosende Applaus verpflichtete zu einer Zugabe der besonderen Art: Copacabana von Barry Manilow, bei dessen ansteckendem Rhythmus auch Ernst Ottensamer nicht mehr stillstehen konnte. Den letzten und höchsten aller Töne trällerten sie mit voller Wucht; die Zuhörenden brachen in Begeisterungsstürme aus. Vollkommen verdient!

Weitere Informationen: http://www.musikverein-graz.at/konzert/10-orchesterkonzert-5

Is Everything Alright?

Ein Grundrecht, das in etlichen Ländern in Gefahr ist, ist die Meinungsfreiheit. Diese wird in „Redaktionsschluss“ von Sandy Lopičić in ein vielfältiges Musikspektakel verpackt und im Haus Eins vorgeführt. Auf der Bühne wird ein Augen- und Ohrenschmaus zubereitet, der dem Publikum mit einer Zugabe als Nachspeise serviert wird.

„Redaktionsschluss“ beginnt raffiniert mit einem Abschied – brav in einer Reihe nebeneinander aufgestellt wird „Pfiat di Gott“ gesungen. „Solche Zeiten wie wir’s hatten, werd‘n mer net mehr seh’n!“. Wie sich alles verändert, so verändert sich auch die Bühne andauernd. Kaum ist der letzte Ton verklungen, verteilen sich die Schauspieler auf der Bühne. Die Musiker huschen in den Hintergrund.

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© Lupi Spuma

Die Idee zu dem Stück entwickelte Sandy Lopičić, nachdem die türkische Zeitung „Zaman“ unter staatliche Kontrolle fiel. Wenn Medien kontrolliert werden, hat die Meinungsfreiheit keine Chance mehr zu existieren. Lopičić schafft mit einer äußerst guten Liedauswahl einen tollen musikalischen Abend und deckt dabei eine breite Palette ab – von dem Kinderlied „Auf der Mauer, auf der Lauer“ über Klassiker wie „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen“ bis hin zu „The hanging tree“. Immer wieder verbreitet eine von oben herab gleitende Kamera stilllegende Panik und Angst und scheint ganz nach Orwell zu sagen: „Big brother is watching you“. Auch die Rebellischste der Gruppe wird vom Großen Bruder gebändigt und verklebt ihren Mund mit Klebeband.
Besonders hervorzuheben ist die Wiedergabe von „Was tut man, um zu sein“ durch Sarah Sophia Meyer, die mit jeder pantomimischen Trommelbewegung exakt den Ton des versteckten Musikers trifft. Nicht nur dies ist ein Volltreffer, sondern auch, wenn sie sich zusammen mit ihrem Kollegen Andri Schenardi einen Schlagabtausch im Schweizer Dialekt liefert. Auch die Klassik findet Platz, etwa als der leidenschaftliche Klavierspieler (Helmut Stippich) seine flinken Finger über die Tasten schwingen lässt und nicht daran denkt, dies zu unterlassen – auch nicht, als diese mit einer grausamen Fröhlichkeit abgehackt werden.

Hat man sich politische Erkenntnisse erhofft, wird man allerdings enttäuscht. Auch auf der Suche nach einem roten Faden bleibt man ein Suchender. Die Lieder scheinen willkürlich aneinander gereiht zu sein, was jedoch nicht weiter stört, da dies von der Kreativität und dem Einfallsreichtum, welche sich durch das ganze Stück ziehen, kompensiert wird. Kein Lied ähnelt dem anderen. Jedes bekommt seine eigene Note. Technische Raffinessen, das wechselnde Bühnenbild und musikalische Begabung führen zu dem gelungenen Stück. Am Ende fragt man sich, wie viele Stunden Arbeit wohl dahinter stecken, sodass „Redaktionsstück“ zu dem wurde, das nun bewundert werden kann und sollte. Der Aufwand wird am Ende nach Grönemeyers „Stück vom Himmel“ mit begeistertem Applaus und beeindruckten Zurufen belohnt.