Is Everything Alright?

Ein Grundrecht, das in etlichen Ländern in Gefahr ist, ist die Meinungsfreiheit. Diese wird in „Redaktionsschluss“ von Sandy Lopičić in ein vielfältiges Musikspektakel verpackt und im Haus Eins vorgeführt. Auf der Bühne wird ein Augen- und Ohrenschmaus zubereitet, der dem Publikum mit einer Zugabe als Nachspeise serviert wird.

„Redaktionsschluss“ beginnt raffiniert mit einem Abschied – brav in einer Reihe nebeneinander aufgestellt wird „Pfiat di Gott“ gesungen. „Solche Zeiten wie wir’s hatten, werd‘n mer net mehr seh’n!“. Wie sich alles verändert, so verändert sich auch die Bühne andauernd. Kaum ist der letzte Ton verklungen, verteilen sich die Schauspieler auf der Bühne. Die Musiker huschen in den Hintergrund.

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© Lupi Spuma

Die Idee zu dem Stück entwickelte Sandy Lopičić, nachdem die türkische Zeitung „Zaman“ unter staatliche Kontrolle fiel. Wenn Medien kontrolliert werden, hat die Meinungsfreiheit keine Chance mehr zu existieren. Lopičić schafft mit einer äußerst guten Liedauswahl einen tollen musikalischen Abend und deckt dabei eine breite Palette ab – von dem Kinderlied „Auf der Mauer, auf der Lauer“ über Klassiker wie „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen“ bis hin zu „The hanging tree“. Immer wieder verbreitet eine von oben herab gleitende Kamera stilllegende Panik und Angst und scheint ganz nach Orwell zu sagen: „Big brother is watching you“. Auch die Rebellischste der Gruppe wird vom Großen Bruder gebändigt und verklebt ihren Mund mit Klebeband.
Besonders hervorzuheben ist die Wiedergabe von „Was tut man, um zu sein“ durch Sarah Sophia Meyer, die mit jeder pantomimischen Trommelbewegung exakt den Ton des versteckten Musikers trifft. Nicht nur dies ist ein Volltreffer, sondern auch, wenn sie sich zusammen mit ihrem Kollegen Andri Schenardi einen Schlagabtausch im Schweizer Dialekt liefert. Auch die Klassik findet Platz, etwa als der leidenschaftliche Klavierspieler (Helmut Stippich) seine flinken Finger über die Tasten schwingen lässt und nicht daran denkt, dies zu unterlassen – auch nicht, als diese mit einer grausamen Fröhlichkeit abgehackt werden.

Hat man sich politische Erkenntnisse erhofft, wird man allerdings enttäuscht. Auch auf der Suche nach einem roten Faden bleibt man ein Suchender. Die Lieder scheinen willkürlich aneinander gereiht zu sein, was jedoch nicht weiter stört, da dies von der Kreativität und dem Einfallsreichtum, welche sich durch das ganze Stück ziehen, kompensiert wird. Kein Lied ähnelt dem anderen. Jedes bekommt seine eigene Note. Technische Raffinessen, das wechselnde Bühnenbild und musikalische Begabung führen zu dem gelungenen Stück. Am Ende fragt man sich, wie viele Stunden Arbeit wohl dahinter stecken, sodass „Redaktionsstück“ zu dem wurde, das nun bewundert werden kann und sollte. Der Aufwand wird am Ende nach Grönemeyers „Stück vom Himmel“ mit begeistertem Applaus und beeindruckten Zurufen belohnt.

Der Liebe Schlaf – Ein Dornröschen Ballett

Wie man ein allseits bekanntes Märchen zu dem Inhalt eines Balletts umformen kann, wird derzeit in der Oper Graz vorgezeigt. Doch dieser Twist ist nicht das einzig Ungewöhnliche an diesem Stück.

(c) Oper Graz

(c) Oper Graz

Schon bei Betreten des Opernsaales herrscht sofort Aufregung unter den Besuchern, denn die Situation dieser Veranstaltung ist eine völlig neue: Die Sitzplätze sind allesamt mit einem weißen Laken abgedeckt und man wird direkt auf die Bühne geleitet, wo bereits mehrere Reihen roter Stühle aufgestellt sind. Bei diesem Stück erlebt man nämlich eine ganz neue Perspektive: Man steht sozusagen mit den Darstellern auf der Bühne, sogar das Orchester ist auf dieser platziert. Wenn dann die ersten Töne angeschlagen werden, erscheint eine Gruppe äußerst ansehnlicher Tänzer, die den Beginn des Balletts elegant einleiten.

(c) Oper Graz

(c) Oper Graz

Es folgen einige Abschnitte, in denen entweder als Paar oder Gruppe getanzt wird. Dabei wird unter anderem der klassische Spitzentanz zum Besten gegeben. Spielend leicht versinkt man gemeinsam mit den Tänzern in eine Welt, die nur aus Bewegungen und Klängen des Orchesters (welches übrigens grandios Musik von Bach, Vivaldi, Händel u.ä., darbietet!) zu bestehen scheint. Die Choreographie nach Jörg Weinöhl soll von Dornröschen und seinem Erwachen erzählen, was anfänglich etwas schwer zu erkennen ist, mit der Zeit jedoch deutlicher dargestellt wird.

(c) Oper Graz

(c) Oper Graz

Obwohl es sich um ein Ballett handelt, finden sich in den verschiedenen Szenen allerdings auch modernen Tanzeinlagen. So wird beispielsweise ein Fest mit flotten Rhythmen und einem dazu passenden Tanz untermalt. Generell werden Stimmungswandel in dieser Aufführung gerne und häufig eingesetzt: Von himmelhochjauchzend, durch ein digitales Feuerwerk unterstrichen, zu absoluter Traurigkeit während Dornröschens Schlafes, spiegelt sich jede Gefühlslage wieder. Bruna Diniz Afonso alias „Dornröschen“ verkörpert die Rolle des jungen, strahlenden Mädchens und harmoniert perfekt mit ihrem Prinzen, gespielt von Simon Van Heddegem.

(c) Oper Graz

(c) Oper Graz

Auch, wenn ein Ballett vielleicht nicht allen Geschmäckern entspricht, ist dem Opernhaus Graz mit diesem Werk etwas ganz Besonderes gelungen. Alleine die Tatsache, eine Aufführung so nahe zu erleben und Teil der Bühne zu sein, ist ein einzigartiges Erlebnis. Bis Ende Jänner ist „Der Liebe Schlaf – ein Dornröschen Ballett“ noch zu besuchen. Ganz, ganz große Empfehlung!

Franz Schreker – Der ferne Klang

Es ist ein gewagtes Unternehmen, die Saison eines hinkenden Kulturbetriebs mit einer großen Unbekannte zu eröffnen. Tatsächlich ist sehr viel Zeit vergangen, seitdem Franz Schrekers Oper Der ferne Klang am 22. Mai 1924 in der Grazer Oper seine österreichische Erstaufführung erlebt hat. Was war in der Zwischenzeit passiert? Franz Schreker, der in den 1920er-Jahren neben Richard Strauss zu den gefeiertesten Opernkomponisten im deutschen Sprachraum zählte, geriet aufgrund seiner jüdischen Wurzeln nach 1933 in Vergessenheit. Erst Jahre und Jahrzehnte nach Ende des Zweiten Weltkriegs sollten seine Werke allmählich wiederentdeckt werden: Eine Renaissance, die im 21. Jahrhundert besonders an Wirkung entfalten konnte.

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Die aktuelle Inszenierung der Oper Graz zeigt, dass dem Komponisten großes Unrecht angetan worden ist: Denn das, was Schrekers Opernwerk des Fin de Siècle an musikalischem Tiefgang und sprachlicher Finesse zu bieten hat, findet sich in vergleichbarer Kunstfertigkeit bei kaum einer anderen Oper des anbrechenden 20. Jahrhunderts. Es ist die Geschichte eines Komponisten, der sich auf die Suche nach musikalischer Vollkommenheit – dem fernen Klang – begibt, und diesem Traum von künstlerischer Verwirklichung sogar seine große Liebe unterordnet. In durchkomponierter Form bietet Schreker im Zuge einer Spielzeit von knapp drei Stunden ein spannungsreiches Spektrum der großen menschlichen Sehnsüchte: Dirk Kaftan überzeugt am Dirigentenpult, die Sängerinnen und Sänger auf der Bühne. Ein dezentes, manchmal gar minimalistisches Bühnenbild lässt die tiefenpsychologische Ebene der Oper deutlich werden.
Nora Schmids Auftakt ist geglückt: Ein ausgezeichnetes Entrée in die neue Spielzeit!