Im Rausch der Gefühle

Das Belcea Quartet gastierte mit der Fortsetzung des Streichquartett-Zyklus Beethoven pur II wieder im Musikverein Graz und sorgte im 8. Kammerkonzert der Saison mit eigenen Interpretationen dreier Beethovenscher Quartette für enorme Begeisterung beim Publikum.

Belcea Quartet © Marco Borggreve

Das Belcea Quartet, bestehend aus der Primgeigerin Corina Belcea, dem 2. Violinisten Axel Schacher, Krzysztof Chorzelski auf der Viola und Antoine  Lederlin auf dem Cello, beehrte bereits im März 2019 den Musikverein Graz mit Beethovens Streichquartetten Nr. 3, 11 und 15. Nun kehrten sie mit drei weiteren Quartetten des Komponisten in den Stefaniensaal zurück.

Den Beginn machte das 6. Streichquartett op. 18,6 in B-Dur, welches Ludwig van Beethoven im Jahre 1800 im Alter von 29 Jahren komponierte. Schon innerhalb des Stückes wurde die Metamorphose zum typischen Stil des Komponisten hörbar. Während die ersten beiden Sätze noch stark an Mozart bzw. an Haydn erinnerten, kam im zweiten Abschnitt bereits Beethovens unverkennbare Handschrift zum Vorschein. Vor allem im vierten Satz schlug sich dieser durch die in Musik verarbeitete Schwermut (La Malinconia) nieder. Das Belcea Quartet bewegte sich in diesem Werk gekonnt zwischen präziser Bestimmtheit und zarter Zurückhaltung.

Muss es sein?

Es muss sein. Es muss sein.

Frage des Violoncello und Antwort der Violine zu Beginn des 4. Satzes, op. 135


Im völligen Kontrast zum frühen Streichquartett op. 18,6 steht das 16. Streichquartett op.135 in F-Dur. Es markierte nicht nur den Abschluss einer Gattung, sondern war zugleich das letzte vollendete Werk des Komponisten, welches er Ende 1826, etwa ein halbes Jahr vor seinem Tod, fertigstellte. Das Spätwerk Beethovens bereitete schon so manchen MusikerInnen große Schwierigkeiten, doch für das Belcea Quartet schien dieses Werk wie geschaffen. Sie meisterten insbesondere die abrupten Dynamikwechsel und Finali mit Bravour. Im dritten Satz mit dem Titel „Süßer Ruhegesang oder Friedensgesang“ entlockten sie aus ihren Streichinstrumenten himmlische Klänge. Im vierten Satz, auch bekannt unter dem Namen „Der schwer gefasste Entschluss“, kehrten sie mit ihrem emotionalen Spiel das innere Seelenleben des Komponisten hervor.

Dem kompositorisch ohnehin einwandfreien Stück setzte das Belcea Quartet mit seinen virtuosen Klängen die Krone auf. Das feurige und kraftvolle Spiel erreichte des Öfteren gar symphonische Dimensionen und entfachte einen wahren Rausch der Gefühle.

Das im Jahre 1806 entstandene 8. Streichquartett op. 59 Nr. 2, in der für Beethoven seltenen Tonart e-Moll, war das zweite von drei sogenannten russischen Rasumowsky-Quartetten und markierte zugleich den Abschluss des Konzertes. Das Publikum zeigte sich bewegt, insbesondere der träumerische choralähnliche zweite Satz hätte noch länger andauern können. Der dritte, russisch geprägte, Satz, sowie der vierte Satz bildeten vom Belcea Quartet dynamisch und lebhaft vorgetragene Tänze.

Es brauchte anfangs zwar viel Geduld, dass man von der Musik vollends ergriffen wurde, doch ward es einmal geschehen, ließen einen die leidenschaftlichen Klänge nicht mehr los.
Das Konzert gefiel. Nach einem verdient langanhaltenden Applaus schenkte das Belcea Quartet den Zuhörern noch eine wunderbare Zugabe. Es erklang der 2. Satz des sogenannten Quintenquartetts op. 76 No. 2 von Joseph Haydn. Ein würdiger Abschluss eines hochwertigen Abends.

Weitere Informationen über dieses Konzert finden Sie unter http://www.musikverein-graz.at/konzert/8-kammerkonzert-5/.
Alles über das Belcea Quartet gibt es hier: https://www.belceaquartet.com/

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Klassik-Fans, zückt die Terminkalender!

204 Spielzeiten hat der Grazer Musikverein hinter sich, in der 205. dreht sich alles um Frieden und Menschenrechte (und Beethoven). Es wird jung, international und hochkarätig. Diese Auswahl solltet ihr euch merken.

Da ging ein lautes Raunen durch die Reihen bei der Programmpräsentation im Stefaniesaal: Der Shooting-Star der Klassik-Szene, die chinesische Pianistin Yuja Wang, beehrt endlich Graz! An ihrer Seite steht das kolumbianische Energiebündel Andrés Orozco-Estrada am Pult der Wiener Philharmoniker, am Programm: Rachmaninow und Dvořák. Klassik-Fans, packt die Kalender aus: am 16. Oktober habt ihr um 19.30 einen Termin namens 2. Festkonzert.

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Die wunderbare Yuja Wang kommt nach Graz (c) Norbert Kniat

 

Bei dem einen Termin wird es aber nicht bleiben, denn Saison 205 hat noch andere Programm-Asse im Ärmel. Beim 4. Festkonzert im März 2020 wird der Stefaniensaal zum wohl schönsten Kino Österreichs (mindestens!), wenn sich der Musikverein und das Diagonale-Filmfestival verbrüdern: Zum Thema Menschenrechte ertönen Werke von Edward Elgar, Astor Piazolla und Claude Debussy mit Friedrich Kleinhapl am Cello.

Auch Star-Tenor Juan Diego Flórez beehrt den Musikverein wieder, und zwar beim 3. Festkonzert; Christina Pluhar und Ensemble geben mit Rolando Villazón Monteverdis „L’Orfeo“ als 5. Festkonzert.

Nachwuchs blüht auf

Die Saisoneröffnung gehört übrigens den Jungen – und setzt ein starkes Zeichen: Oksana Lyniv dirigiert das von ihr gegründete Youth Symphony Orchestra of Ukraine zu Beethovens 9. Symphonie. Jung und spritzig wird es auch beim 1. Festkonzert der Saison: Die Sommerakademie der Wiener Philharmoniker gibt Mozarts „La finta giardiniera“ zum Besten, im Oktober kommen sie mit Daniel Froschauer auf der Violine und Michael Werba am Fagott für einen Mozart-Abend gleich wieder.

Europa und Jugend und Menschenrechte heißen die Stichwörter, unter denen im Mai 2020 Orchester der Konservatorien aus Triest, Ljubljana und Graz gemeinsam – richtig: Beethoven! – musizieren. Für Familien und junge Hörer*innen ist für die Reihe Amabile die Ballettakademie der Wienerstaatsoper mit der „Puppenfee“ zu Gast, das Fux-Konservatorium bringt Mozarts „Zauberflöte“.

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Percussion meets Klassik: Solist Martin Grubinger (c) Simon Pauly

 

Orchester und Solisten

20 Orchester-Abende bilden das Fundament der Saison. Zehn davon bestreiten die Grazer Philharmoniker, daneben sind auch die Wiener Symphoniker und das ORF-Radiosymphonieorchester wieder da. Sehr interessant: Beim 6. Orchesterkonzert widmen sich das Orchester und die Big Band der Kunstuni Graz mit Thomas Quasthoff den großen Amerikanern Leonard Bernstein und George Gershwin.

Im Solisten-Zyklus vertreten ist etwa Artist-in-Residence-Pianist Fazıl Say, der „Brückenbauer zwischen Orient und Okzident“, wie ihn Generalsekretär Michael Nemeth nennt. Im Jänner spielt er neben Mozart und Beethoven auch seine eigenen Kompositionen, im April begleitet ihn das Minetti-Quartett. Weiters solo zu Gast: Grigory Sokolov, Rudolf Buchbinder und Percussion-Wunder Martin Grubinger.

Die Liederabende sind nicht weniger prominent besetzt: Helmut Deutsch begleitet die Tenöre Piotr Beczała und Mauro Peter, Sopranistin Krassimira Stoyanova singt mit Anneleen Lenaerts auf der Harfe. René Pape und Philippe Jaroussky kommen ebenfalls nach Graz. Kammermusikalisch wird es mit The Wave Quartet, Belcea Quartet oder Emerson String Quartet.

Tickets für die Festkonzerte sind ab 2. April erhältlich, für Abo-Konzerte ab 3. September. Für Studierende unter 27 Jahren sind sie 50% vergünstigt, Restkarten gibt es um 5 Euro.

Das Ottensamer Erbe

In Memoriam Ernst Ottensamer: Im 3. Kammerkonzert des Musikvereins am 29. Jänner präsentierte Daniel Ottensamer im jungen Trio mit Cello und Klavier eine musikalische Auslese als Hommage an seinen 2017 verstorbenen Vater – Revue eines unerwartet schwermütigen Abends.

Die Ottensamer Klarinettistenfamilie (Ernst, Daniel und Andreas) beehrte in den letzten Jahren regelmäßig den Grazer Musikverein, sei es im gemeinsamen Trio („The Clarinotts“), als Solisten diverser Kammerkonzerte oder als Mitglieder verschiedener Ensembles. In Gedenken an den 2017 verstorbenen Vater Ernst Ottensamer, Soloklarinettist der Wiener Philharmoniker und Professor an der Wiener Musikuniversität, lud der Grazer Musikverein den Familiennachwuchs die jungen Klarinettisten Daniel Ottensamer und Andreas Ottensamer zum 3. Kammerkonzert als musikalische Hommage ein. Ausfallsbedingt wurde Andreas Ottensamer letztlich cellistisch durch Stephan Koncz (Berliner Philharmoniker) ersetzt, wodurch der Abend freilich einen anderen Einschlag bekam als ursprünglich angekündigt. Das junge Trio vervollständigte Christoph Traxler am Klavier. Die drei Musiker verbindet nicht nur eine enge Freundschaft, ihre Zusammenarbeit im Ensemble „The Philharmonix“ und eine angesichts ihres jungen Alters sehr beeindruckende Erfolgsbiographie, sondern auch eine Vorliebe für dramatische Schlusstakte und accelerandi, wie das Publikum insbesondere in der zweiten Programmhälfte feststellen konnte.

Die schwermütige, moll-lastige erste Programmhälfte begann mit einer Auswahl aus dem Oeuvre von Max Bruch und endete mit dem Klarinettentrio in a-Moll von Johannes Brahms (besonders schön: die auflösenden Kadenzen im Adagio). Trotz der vielversprechenden Ankündigungen von Daniel Ottensamer, der sympathisch und spontan durch den Abend führte, erwies sich die Programmatik des Abends aber leider als nicht sehr ausgeglichen. Auch die zweite Programmhälfte blieb bis auf wenige Ausnahmen (etwa „Allegrissimo“ aus einem Trio von Nino Rota) primär dem Schwermütigen und Melancholischen verschrieben; von beschwingter Abwechslung war wenig Spur. Dies konnte auch das hoch romantische Stück „Zwei Schwäne“ (Camille Saint-Saens) in einem gekonnten Arrangement von Stephan Koncz nicht ausgleichen. Das abschließende „Hora II“ (Béla Korény) schenkte dem Klavier und der Virtuosität der drei Musiker sehr viel Raum, wirkte aber stellenweise zu gehetzt. Der Abend war vielleicht ein Beispiel dafür, dass manchmal zu Lasten der Musik selbst die Musiker zu viel im Vordergrund stehen…

Die nächste Chance, die drei jungen Musiker im Musikverein zu erleben, ist im Rahmen des von Daniel Ottensamer gegründeten Ensembles „Philharmonix“, welches im Sommer zur Styriarte nach Graz kommt.