Next Liberty: Blick auf die neue Spielzeit

„Die Fantasie irrt sich nie“, steht in Leuchtbuchstaben über den Pforten des „Next Liberty – Kinder und Jugendtheater“ geschrieben. Mit diesen vielversprechenden Worten im Rücken, darf die kommende Spielzeit samt Programm ab sofort unter die Lupe genommen werden.

Das druckfrische Spielzeitbuch 2017/18 liegt auf und läutet das kommende  Theaterjahr ein: Unter dem Motto „HINBLICK – BLICK HIN“! wird es auch in Zukunft wieder wertvolle Theatermomente für alle Altersklassen geben. Nicht wegzuschauen und das Hinterfragen diverser gesellschaftlicher Aspekte soll laut Intendant Michael Schilhan nicht zu kurz kommen:

Hinblicken erfordert, einen Fokus zu setzen, sich auf ein Detail zu konzentrieren, etwas Besonderes mitzubedenken, innezuhalten, wertzuschätzen – und das in einer Zeit, in der permanent viele Bilder und Eindrücke auf uns einwirken, uns einnehmen, ablenken und sofern wir es zulassen – oft zu vorschnellen Urteilen verführen.

Der Startschuss der neuen Saison fällt am 23. September mit der Premiere von „König Artus“. Unter der Regie von Georg Schütky, der in der vergangenen Spielzeit ,,Krieg. Stell dir vor, er wäre hier“ inszenierte, wird dem sagenumwobenen Stoff neues Leben eingehaucht. Es folgt ein Ausflug in die Märchenwelt – auf „Gestiefelter Kater“ und „WOLF oder Rotkäppchens Entscheidung aus dem Bauch heraus“, dürfen sich Freunde der Grimm’schen Geschichten bereits jetzt schon freuen.

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Aus der Schmiede von Künstlerin Evelyn Loschy (c) Lupi Spuma

 

Auch ein Blick auf die Produktion ,,Die tollkühnen Abenteuer des Baron Münchhausen“ lohnt sich. In Zusammenarbeit mit Kinderbuchautor Heinz Janisch wird die Inszenierung – wie in der letzten Spielzeit „Patricks Trick“ – von GebärdensprachendolmetscherInnen übersetzt werden, um somit Barrieren abzubauen. Mauern einreißen soll auch Friedrich Torbergs ,,Schüler Gerber“. Der Klassiker der österreichischen Literatur greift das Thema rund um das Scheitern im Bildungssystem auf und wird in Felix Mitterers Bühnenfassung aufgeführt.

Um „tanzende Buchstaben“ wird es im Kinderstück „Ginpuin. Auf der Suche nach dem großen Glück“ gehen. Der kleine „warz schweiße“ Pinguin mit Sprachfehler möchte das Herz der kleinen und großen Besucher erwärmen. Recht hitzig geht es unterdessen in „Die Tanten“ zu. Mit jeder Menge Pointen im Gepäck soll die Komödie über innerfamiliäre Konflikte von Roel Adams dafür sorgen, dass kein Auge trocken bleibt. Man darf gespannt sein!

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Mehr Informationen gibt es hier: http://www.nextliberty.com/

„Ich bin nur ein kleiner Österreicher“

Im Grazer „Next Liberty“ gastiert Nestroy Preisträger Nikolaus Habjan mit seiner Puppenspielfassung des berühmten Monologes „Der Herr Karl“. Im Wiener Beisl-Setting wird die österreichische Seele schonungslos unter die Lupe genommen und so manche Flasche geöffnet, die man lieber unter Verschluss halten sollte…

Ein alteingesessener Trinker lungert mit seinem Weinglas am Tisch, eine aufgetakelte Barfrau mit Hochsteckfrisur lehnt am Tresen und in einer Rauchschwade versteckt flaniert ein stattlicher Kellner umher: Alle drei haben augenscheinlich nur eines gemeinsam, nämlich dass sie als puppenhafte Gestalten am Haken hängen und darauf warten von Kellner Azubi Nikolaus Habjan abwechselnd zum Leben erweckt zu werden. Im Laufe des Spieles offenbart sich jedoch, dass sie alle ein bisschen den Herrn Karl in sich tragen, der in den 1960er Jahren von Helmut Qualtinger und Carl Merz geschaffen und zum Sinnbild des verdorbenen österreichischen Charakters avanciert wurde. Raunzend erzählt die Kunstfigur Herr Karl seine Geschichte – angefangen beim Ende des Ersten Weltkriegs bis hin zur Besatzungszeit in den 1950er Jahren. Mit opportunistischer Boshaftigkeit hat er sich durchgeschlagen – dass dabei die Moral stets auf der Strecke geblieben ist, versteht sich von selbst. Bezahlt hat immer sein Gegenüber und trotzdem war er immer das Opfer, der Herr Karl.

Es war eine furchtbare Zeit… Se können Ihnen ja davon kaan Begriff machen… Se warn a Kind… Was wissen Se, was mir damals alles mitg’macht ham!

Auch in Habjans Fassung, die unter der Regie von Simon Meusburger auf die Bühne gebracht wird, schwebt die verschlagene Attitüde des österreichischen Antiheldens wie ein Damoklesschwert über dem urigen Beisl. Das Trio, allesamt Überbleibsel längst vergangener Zeiten, mimen gemeinsam den Herrn Karl – jeder auf seine eigene Art und Weise. Trotzdem finden sie am Ende zusammen sowie denselben Punkt zum Anknüpfen, denn jeder Beteiligte plaudert aus dem Nähkästchen und befördert so manch verbotenen Gedanken ans Tageslicht.

Der Führer hat geführt. Aber a Persönlichkeit war er… vielleicht a Dämon… aber man hat die Größe gespürt…“

Auch Brücken in die Gegenwart werden geschlagen: Egal ob mit einem Seitenhieb auf Facebook, dem Rauchverbot im Beisl, das mit dem Arbeitnehmerschutz und der EU begründet wird (ob man sich daran zu halten hat ist aber eine andere Sache) oder der fehlenden Beziehung zum Klimawandel, „weils außerhalb des Interessenbereiches liegt.“

 

Fazit: Obwohl Nikolaus Habjan dem scharfsinnigen Faszinosum „Der Herr Karl“ seine eigene und vor allem erfrischende Note verliehen hat, muss das Stück nichts an Originalität einbüßen. Im Gegenteil: Mit Bedacht beschwört er einen Raum herbei, der Platz lässt um längst überfälliges Holz zu hacken. In Zeiten, in denen statt zusammen eher in die braune Richtung gerückt wird, steckt man hiermit einen Rahmen fest, in dem die wohl bekannteste Nachkriegs Satire einen aufhorchen lässt. Zwischen den Donau Auen und dem Gemeindebau liegt also viel im Argen – zumindest wenn man auf das Trio hört. Dieses weiß einiges darüber zu erzählen, obwohl sie keiner danach gefragt hat. Und dennoch: Man möchte den Anekdoten beinahe in Ewigkeit folgen – skizzieren sie doch Vergangenheitsbewältigung in österreichischer Manier, die Unheilvolles erahnen lässt. Trotzdem wird auch hier schlussendlich die letzte Zigarette geraucht und fluchend noch ein Glas Wein geleert – bis sie alle hinfort gespült werden – ans Ende einer durchzechten Nacht.

Mehr Informationen gibt es hier: http://www.nextliberty.com/stueck_detail.php?id=23032

FOTOS: (c) Barbara Pálffy

Nicht am Text kleben

Wenn man eine Faust-Inszenierung besucht, lässt sich eine gewisse Erwartungshaltung nicht vermeiden. Auf irgendeine Art und Weise hat jeder eine ganz persönliche Verbindung zu dem berühmten Stoff, sei es durch traumatische Deutschstunden oder den täglichen Sprachgebrauch – wie würden wir uns sonst mitteilen, wenn es um des Pudels Kern geht?

Das eröffnende Bild von Faust im Next Liberty befriedigt diese Erwartungen recht schnell, wenn zwei Engel in fröhlich wabernden Fatsuits zu schönster Goethe‘scher Sprachakrobatik ihre Hüften schwingen. Spätestens bei den bekannten „Da steh ich nun“- Zeilen kann der/die besorgte ZuseherIn endgültig aufatmen, es ist keine Modernisierung bis zur Unkenntlichkeit zu erwarten. Diese Fusion zwischen Alt und Neu setzt sich während des Stücks fort und holt alle mit ins Boot: Der/die literarisch gebildete ZuseherIn wird durch die Bestätigung seines/ihres profunden Fachwissens befriedigt, gleichzeitig ziehen visuelle Anreize auch die jüngere Generation in den Bann der Faust‘schen Leidensgeschichte.

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@ Next Liberty (nextliberty.com)

Unangefochtener Höhepunkt ist dabei die Szene der Walpurgisnacht, wenn im stroboskopischen Lichtgewitter bis zur Ekstase getanzt wird. Neben diesen performativen Szenen verhindern besonders Momente ironischer Selbstreflexion, dass die Inszenierung zu schwer im Magen liegt. So wird extradiegetisch thematisiert, wie man das Jahrhundertwerk überhaupt gekürzt auf die Bühne bringen kann. Sogar das Reclam-Heftchen bekommt seinen Auftritt – im Dekolleté der genialen Marthe (Helmut Pucher). Das Dilemma wird dann mit einem resoluten „nicht am Text kleben“ aufgelöst, was symptomatisch für die gesamte Inszenierung steht. Teilweise wirkt diese Vermischung von traditionellen Szenen und modernen Einlagen jedoch etwas erzwungen und führt zu einem inhomogenen Bild – das Gefühl für Fausts unerträgliche Suche nach dem Sinn des Lebens bleibt dabei auf der Strecke.

Dass das Stück dennoch über die knapp zwei Stunden fesselt, liegt deshalb nicht zuletzt an Nikolaus Habjans Puppenkunst, der mit seinen liebevoll gestalteten Figuren begeistert. Gott, der überragende Mephistopheles (Manuela Linshalm) oder etwa die Hexe treten durch die Puppen mit einer spektakulären Präsenz auf – dabei ist besonders die differenzierte und ausdrucksstarke „Mimik“ beeindruckend, ganz zu schweigen von der koordinativen Leistung, wenn eine Figur von zweien bespielt wird.

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@ Next Liberty (nextliberty.com)

Damit wird Faust zu einem besonderen Schauspiel, das den Stoff für Jugendliche spannend aufbereitet. Ob dabei die Faust’schen Motive wirklich berühren oder nur das fantastische Puppenspiel und andere Highlights begeistern sei dahingestellt – in jedem Fall ist Faust im Next Liberty für Jung und Alt einen Besuch wert.

Inszenierung: Nikolaus Habjan
Bühnenbild: Jakob Brossmann
Kostüme: Denise Heschl